Schweiz
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epa08529995 Passengers wearing face masks exit a train at a rail station in Lausanne, Switzerland, 06 July 2020. Swiss authorities have mandated the use of face masks, starting on 06 July, for all people aged 12 and older using any form of public transport, including trains, trams, buses, cable cars and boats.  EPA/LAURENT GILLIERON

Immunisierung statt Maskenpflicht? Die Debatte geht in der Schweiz von Neuem los. Bild: keystone

Analyse

Warum die Durchseuchung keine Alternative zum Lockdown ist

Der St. Galler Infektiologe Pietro Vernazza regt eine «differenzierte Durchseuchung» an, um die Bevölkerung gegen das Coronavirus zu immunisieren. Die Fakten sprechen dagegen.



Die Corona-Lage in der Schweiz bleibt labil. Pro Tag werden meistens mehr als 100 Infektionen registriert, zuletzt auch am Wochenende, wenn die Zahlen in der Regel tiefer sind. In Clubs in Bern und Genf kam es zu Superspreader-Events. Die Location in Bern wurde für zehn Tage geschlossen, was einmal mehr die Frage aufwirft, ob die Öffnung der Clubs eine gute Idee war.

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Das Coronavirus ist nach wie vor unter uns, und es wird nicht verschwinden. Deshalb wird eine Debatte neu belebt: Hätte man die Pandemie besser mit einer Durchseuchung der Bevölkerung bekämpft als mit einem Lockdown?

Professeur Pietro Vernazza, President de la Commission Federale pour la Sante Sexuelle, Medecin chef division des maladies infectieuses a l'Hopital de Saint Gall, s'exprime lors d'une conference de presse sur les 10ans de depistage du VIH et autres IST en Suisse avec la reponse innovante des Checkpoints, ce vendredi 16 octobre 2015 a Geneve. (KEYSTONE/Martial Trezzini)

Pietro Vernazza regt eine «differenzierte Durchseuchung» an. Bild: KEYSTONE

Angeregt wurde sie durch ein Interview mit Pietro Vernazza, Chefarzt an der Klinik für Infektiologie und Spitalhygiene am Kantonsspital St. Gallen, in der vorletzten Ausgabe der «SonntagsZeitung». Er hatte bereits Ende April im Interview mit CH Media postuliert, «den Aufbau einer Immunität in der Bevölkerung» zuzulassen. «So wie das Schweden macht.»

Nun legte Vernazza nach: «Man könnte die Schutzmassnahmen in der breiten Bevölkerung reduzieren, damit die junge Bevölkerung nach und nach mit dem Virus in Kontakt kommt. Den älteren Menschen sollte man die Möglichkeit geben, sich besser zu schützen.» Eine differenzierte Durchseuchung sei «eine Alternative zur heutigen Ausrottungsstrategie des Bundes».

Schweden hat «nichts falsch gemacht»

Das umstrittene schwedische Modell verteidigt er nach wie vor: «Die Schweden haben nichts falsch gemacht», sagte Vernazza der «SonntagsZeitung», obwohl das skandinavische Land mit fast 5700 Todesfällen eine weitaus höhere Opferzahl verzeichnet als seine Nachbarn Dänemark, Norwegen und Finnland, die auf einen Lockdown gesetzt haben.

People enjoy the warm evening weather in Malmo, Sweden, Tuesday May 26, 2020 as a sign reads 'In Malmo everything is near. But now we need to keep a distance'. Sweden has defended its response to the COVID-19 global pandemic despite the country now reporting one of the highest mortality rates in the world with 4,125 fatalities, about 40 deaths per 100,000 people. ( Johan Nilsson/TT via AP)

Schweden ist das Lieblingsland der Durchseuchungs-Anhänger, trotz hoher Opferzahl. Bild: AP

Dennoch hat die schwedische Strategie auch bei uns viele Anhänger. Eine Durchseuchung wurde zu Beginn der Pandemie von diversen Leuten propagiert, etwa dem Freiburger Wirtschaftsprofessor Reiner Eichenberger. Einige «Spassvögel» meinten, man müsse nur die Risikogruppen isolieren, dann sei die Bevölkerung in zwei Wochen immunisiert.

Viele machen nicht mit

So simpel ist die Welt der Viren nicht. Dennoch stösst Vernazza bei vielen Berufskollegen auf Zustimmung. Die Experten des Bundes aber können mit seiner Durchseuchungs-Idee nichts anfangen. Die Corona-Taskforce wolle mit einem Policy Brief verhindern, dass sich der Glaube daran ausbreite, schreibt die «SonntagsZeitung» in ihrer aktuellen Ausgabe.

Der Basler Infektiologe Manuel Battegay, ein Mitglied der Taskforce, bezeichnete eine kontrollierte Durchseuchung als illusorisch. Viele Menschen seien «nicht bereit, sich anstecken zu lassen». Eine gezielte Durchseuchung müsste deshalb mit Massnahmen einhergehen, «die mit der demokratischen Struktur der Schweiz nicht vereinbar wären».

Niedrige Zahlen besser für Wirtschaft

Tatsächlich dürften die Verfechter der Durchseuchung die Bereitschaft der Menschen zu einem derartigen «Experiment» überschätzen. Viele haben Angst vor Krankheiten und würden sich eher verkriechen, als sich dem Virus unkontrolliert auszusetzen. Das zeigt gerade das Beispiel Schweden, wo das öffentliche Leben auch ohne Lockdown stark zurückging.

Video: sda/SDA

Als Folge davon hat die Wirtschaft nicht weniger unter der Pandemie gelitten als im übrigen Europa. Der Wirtschaft werde besser geholfen, wenn die Fallzahlen möglichst niedrig gehalten würden, argumentiert Manuel Battegay: «Die Verunsicherung der Bevölkerung bei hohen Fallzahlen ist lähmend – auch für die Gesellschaft.»

Das Timing ist alles

Angesichts der steigenden Zahlen regt die Taskforce deshalb eine Ausweitung der Maskentragpflicht an, etwa auf alle geschlossenen Räume im öffentlichen Bereich. Ein vom Epidemiologen Christian Althaus von der Universität Bern mit Forscherkollegen entwickeltes Modell zeigt zudem, dass ein schnelles und hartes Durchgreifen viele Leben retten kann.

Hätte der Bundesrat den am 17. März in Kraft getretenen Lockdown eine Woche später verordnet, wären über 8000 Personen in der Schweiz an Covid-19 gestorben. Derzeit sind es 1700 Todesopfer. Die Studie besagt aber auch, dass nur 400 Menschen gestorben wären, wenn der Bundesrat die Schweiz eine Woche früher stillgelegt hätte.

Österreich als Vorbild

Die Berner Modellrechnung erhärtet die Vermutung, wonach die Landesregierung keinen Tag zu früh gehandelt und gerade noch rechtzeitig die «Notbremse» gezogen hat, um in unseren Spitälern Zustände wie in der Lombardei zu verhindern. Sie widerlegt auch Skeptiker wie Ueli Maurer, der am liebsten auf einen Lockdown verzichtet hätte.

So kam das Coronavirus in die Schweiz – eine Chronologie

Für Christian Althaus ist klar, dass sich schnelles Handeln lohnt: «Wenn man eine Woche früher harte Massnahmen ergreift, kann man dafür auch bis zu drei Wochen früher wieder öffnen», sagte er den Tamedia-Zeitungen. Als Beleg verweist der Epidemiologe auf andere europäische Länder, die sehr unterschiedlich auf die Pandemie reagierten.

So hat Österreich schneller als die Schweiz dicht gemacht. Mit rund 700 Covid-19-Opfern gehört unser Nachbarland zu den Vorbildern in Europa, trotz des Après-Ski-Debakels in Ischgl. Das Gegenbeispiel ist Grossbritannien, wo die Regierung die Pandemie unterschätzt hat. Mit rund 45’000 Toten verzeichnet man die höchste Opferzahl in Europa.

Auch Junge werden krank

Premierminister Boris Johnson, der selber auf der Intensivstation gelandet war, räumte am Wochenende Fehler bei der Bekämpfung der Krise ein. Der Epidemiologe Neil Ferguson vom Imperial College in London meinte, die Hälfte der Todesfälle hätte vermieden werden können, wenn der Lockdown eine Woche früher durchgesetzt worden wäre.

Verfechter einer Durchseuchung verweisen darauf, dass praktisch nur alte Leute mit Vorerkrankungen an Covid-19 sterben, während jüngere Menschen milde bis gar keine Krankheitssymptome zeigen. Das stimmt grundsätzlich, aber auch junge und vermeintlich gesunde Menschen können schwer erkranken und müssen selbst bei einer Heilung Langzeitfolgen befürchten.

Letztlich wissen wir immer noch zu wenig über das Virus, und der menschliche Organismus reagiert unterschiedlich darauf. Eine Durchseuchung ist deshalb keine Alternative, sondern eine High-Risk-Strategie.

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