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«Viele werden nicht zurückkommen» – Wie die Mitholzer auf «Geisterdorf»-Pläne reagieren

Damit das ehemalige Munitionsdepot in Mitholz geräumt werden kann, sollen die Einwohner ihr Dorf im Berner Oberland für mindestens zehn Jahre verlassen müssen. Die Pläne des Bundes lösen unterschiedliche Reaktionen aus.



ARCHIVBILD ZUR HEUTIGEN MEDIENKONFERENZ UEBER DAS EHEMALIGE MUNITIONSLAGER MITHOLZ, AM DONNERSTAG, 28. JUNI  2018 - Herangeeilte Rettungskraefte vor einem durch die Explosionen im Munitionsstollen beschaedigten Haus in Blausee-Mitholz im Kandertal, aufgenommen im Dezember 1947. In der Nacht auf den 20. Dezember 1947 vernichteten drei gewaltige Explosionen die 7000 Tonnen Munition, die in einem Depot oberhalb von Mitholz-Blausee eingelagert waren. Nach dieser Katastrophe sah Mitholz wie ein vom Krieg verwuestetes Gebiet aus. Neun Menschen waren in ihren Haeusern umgekommen, sieben zum Teil schwer verletzt worden. Ueber 200 Menschen wurden obdachlos. Mehr als 100 Gebaeude wurden zerstoert oder beschaedigt. Die Ungluecksursache konnte nie restlos geklaert werden. (KEYSTONE/PHOTOPRESS-ARCHIV/Walter Studer)

Rettungskräfte in Mitholz nach den Explosionen im Kandertal Dezember 1947 im Munitionsstollen (im Hintergrund). Bild: PHOTOPRESS-ARCHIV

Nachdem klar ist, dass der Bund das ehemalige Munitionslager bei Mitholz für mindestens eine Milliarde Franken räumen will, herrscht im Kandertal Konsternation. Denn dafür werden die Einwohnerinnen und Einwohner das Dorf im oberen Kandertal aus Sicherheitsgründen für voraussichtlich zehn Jahre verlassen müssen. Darüber hat Bundesrätin Viola Amherd, zusammen mit Vertretern vom Kanton Bern und der Gemeinde, am Dienstagabend die Bevölkerung informiert. Bereits in elf Jahren soll mit Arbeiten zur Vorbereitung der Räumung des im Dezember 1947 teilweise explodierten Munitionsdepots begonnen werden.

«Viele werden nicht mehr zurückkommen», sagt eine Anwohnerin zu der Hiobsbotschaft gegenüber Radio SRF. «Zehn Jahre sind eine lange Zeit.» Ein 82-Jähriger, der die Explosion miterlebt hatte, erklärte nach der Informationsveranstaltung: «So schnell bringen die mich hier nicht weg.» Und auch eine junge Frau gibt zu bedenken, dass das Leben im 170-Seelen-Dorf nach den Jahren als «Geisterdorf» nicht mehr dasselbe sein werde.

Gemeindepräsident hält an Räumung fest

Die «Berner Zeitung» wiederum begrüsst in einem Leitartikel auf der Titelseite vom Mittwoch, dass der Bund nun Klartext spreche. «In quasi homöopathischen Schritten» werde die Bevölkerung von Mitholz seit bald zwei Jahren «an die Realität herangeführt». Die Deutlichkeit von Amherds Worten möchten in Mitholz zwar verstören. Es sei aber höchste Zeit, diese jetzt auszusprechen, folgert die «Berner Zeitung» in ihrem Kommentar. Dabei dürfe nicht vergessen werden, dass die Räumung der hochexplosiven Munitionsreste im ehemaligen Militärbunker zu einem «Jahrhundertprojekt» werde.

«Wir haben immer gesagt, dass wir eine Räumung anstreben», erklärte Romand Lanz gegenüber dem Regionaljournal von Radio SRF. Der Gemeindepräsident der betroffenen Gemeinde Kandergrund mochte nach dem Informationsanlass am Dienstagabend nicht in die kritischen Töne seiner Mitbürger einstimmen. «Die Varianten sind ja noch nicht definiert, der politische Prozess dazu beginnt erst jetzt zu laufen.» Und da wolle sich die Gemeinde einbringen. Vielleicht gebe es ja auch Lösungen, welche den Ortsteil Mitholz weniger stark beanspruchen würden.

«Wir sehen uns hier nicht als Zuschauer»

Unterstützung sicherte am Dienstagabend der Bevölkerung auch der Kanton Bern zu. «Wir wollen eine möglichst vollständige Räumung der Munition, um der nachfolgenden Generation ein sicheres und lebenswertes Mitholz zu hinterlassen», erklärte der zuständige Regierungsrat Philippe Müller laut Redetext. Der Kanton sei sich in den letzten Monaten bewusst geworden, dass dieser Prozess wahrscheinlich aufwändiger und einschneidender werde als lange gehofft. Der Kanton versicherte den Einwohnern von Mitholz jedoch «nach Kräften» seine Unterstützung. «Wir sehen uns hier nicht als Zuschauer», so Philippe Müller.

Als nächstes können sich interessierte Kreise und die von einer Räumung direkt betroffene Bevölkerung im Rahmen einer Mitwirkung nun zu den Plänen des Verteidigungsdepartements äussern. (aargauerzeitung.ch)

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Explosionskatastrophe von Mitholz

Explosionsgefahr in Mitholz grösser als angenommen

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22Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • neutrino 27.02.2020 08:41
    Highlight Highlight Speziell am Ganzen ist: zuerst stehen ja noch 10 Jahre Vorbereitungsarbeiten an. Heutzutage kann doch in 10 Jahren so viel passieren, wer weiss, wo die Welt in 10 Jahren steht, bzw. man kann sich darauf einstellen. Will es absolut nicht schönreden (vor allem für ältere Menschen nicht) - aber in vergleichbaren Fällen wurde meist in viel kürzeren Zeitspannen evakuiert (im Ausland sowieso).
  • John Henry Eden 26.02.2020 12:50
    Highlight Highlight Sprengt am 1. August oder zu Neujahr all die gelagerte Munition in die Luft. Das Feuerwerk des Jahrhunderts.
    • Liselote Meier 26.02.2020 14:52
      Highlight Highlight Schon mal vom Lötschberg-Tunnel gehört? Bei deinem Vorschlag würde der mit in die Luft fliegen.
  • Hosesack 26.02.2020 11:46
    Highlight Highlight Dramaqueens in Mitholz, wollen sie zukunftsorientiert leben oder am Status quo (welcher einem jederzeit um die Ohren fliegen kann) festhalten?
    Und ja, wenn man 75ig plus ist, stehen einem nicht mehr alle Optionen offen, deal with it. Das Leben ist kein Wunschkonzert.
  • Name_nicht_relevant 26.02.2020 11:00
    Highlight Highlight Mal schauen was noch passiert, ich werde gespannt weiterlesen und bin auch der Meinung das eine Reportage super wäre. für dieAanwohner hoffe ich eine gute lösung, die allen passt.
  • fools garden 26.02.2020 09:31
    Highlight Highlight Was ich nicht so ganz verstehe ist. Wir räumen das Dorf zur Sicherheit der Bevölkerung. Rechnen wir mit Gefahr? Wie sieht es in diesem Fall für den Arbeiter vor Ort aus, ihm gegenüber tun wir dann beschwichtigen?
    Der Mittholzer der bleiben will, bleibt nämlich freiwillig, was beim Büezer wohl nicht der Fall ist.
    Die Aussage zur Sicherheit zukünftiger Generationen, ist einläuchtend, aber eine wirklich faire Lösung für alle...we'll see!
    • Bits_and_More 26.02.2020 10:00
      Highlight Highlight Das ist wohl eine ganz normale Risikoabwägung. In einem Worst-Case Szenario ist eventuell das ganze Dorf inkl. Bevölkerung weg. 100+ Tote.

      Die Arbeiter kennen die Gefahren in ihrem Beruf und entscheiden sich bewusst, diesen auszuüben inklusive dem Risiko, dass sie sich selbst in Gefahr bringen.
    • fools garden 26.02.2020 10:34
      Highlight Highlight Ich denke nicht das die gesammten Räumungsarbeiten von ausgebildeten Sprengmeistern durchgeführt werden kann.
      Wenns dort oben knallt triffts Unschuldige, den uneinsichtigen Mittholzer zähle ich nicht dazu.
    • Bits_and_More 26.02.2020 16:48
      Highlight Highlight @fools garden
      Ich gehe stark davon aus, dass alle Arbeiter bezüglich der Gefahren entsprechend geschult sein werden. Das ist ja schon heute bei jeder anderen Tätigkeit so und für den Arbeitgeber gilt eine Fürsorgepflicht. In einem solchen Projekt wird sicher speziell darauf geachtet, dass dies eingehalten wird.
      Und JEDER Arbeiter wird wissen, dass es hier um die Beseitigung von Sprengstoff geht...
    Weitere Antworten anzeigen
  • Herr Ole 26.02.2020 08:35
    Highlight Highlight Was wären denn die anderen Optionen?
    • insert_brain_here 26.02.2020 13:33
      Highlight Highlight Ignorieren und das Problem folgenden Generationen überlassen, so wie es bisher gemacht wurde.
    • In vino veritas 26.02.2020 14:09
      Highlight Highlight Es vergessen und die Gegend tunlichst meiden, schliesslich kann ja immer etwas hoch gehen...
  • Ohmann94 26.02.2020 08:28
    Highlight Highlight Die Kosten werden schon dem Militärbudget angerechnet, oder? Man kann ja anscheinend was sinnvolleres machen als neue Kampfjets, oder immer am Ende des Jahres Benzin „verfahren“ und Munition kistenweise „verballern“ nur damit auch niemand endlich merkt, dass das Budget in diesen Punkten komplett aufgebläht wurde und immernoch wird. Eigentlich eine Frechheit, was da mit dem Geld der Bewohner dieses Landes gemacht wird.
    • Glaedr 26.02.2020 13:50
      Highlight Highlight Was sinnvolleres als neue Kampfjets?
      Also mit den alten weiterfliegen bis alle vom Himmel fallen?
      Nur mal zur Erinnerung
      Das Schweizer Volk hat ja gesagt zum Militär und ein Militär braucht nun mal irgendwann neue Kampfjets.
      Auch denke ich mal das die Bevölkerung für diesen Bunker war, es war damals ja auch eine andere Zeit.
      Man kann also nicht dem Militär die schuld an der Sache geben.
      Mit dem Rest haben sie aber recht, es gibt sinnvolleres wofür man das Geld ausgeben könnte
  • Alpenstrich 26.02.2020 08:15
    Highlight Highlight Zitat: «In quasi homöopathischen Schritten» werde die Bevölkerung von Mitholz seit bald zwei Jahren «an die Realität herangeführt"»


    ....also ohne Wirkung?
    • Francis Begbie 26.02.2020 15:44
      Highlight Highlight 😂😂😂
  • john benz 26.02.2020 08:01
    Highlight Highlight Spannend wäre eine Reportage wie ein solche Räumung durchgeführt werden kann. Und was für Arbeiter nehmen ein solches Risiko freiwillig auf sich.
    • Lf1 26.02.2020 08:24
      Highlight Highlight Ich würde mal sagen die wird es geben aber nicht vom SRF da wird sich wohl National Geograhpic oder ein anderer grosser darum bemühen.
  • who cares? 26.02.2020 07:55
    Highlight Highlight «So schnell bringen die mich hier nicht weg.» meint der 82jährige. Mal schauen ob der in 11 Jahren überhaupt noch da ist, oder bereits im Pflegeheim wenn überhaupt.

    Klar ist es nicht schön für die Anwohner, aber 11 Jahre Vorbereitungszeit sollte schon genug sein um etwas passendes zu finden. Was wäre denn die Alternative? Den nächsten Generationen den Mist überlassen, wie man es 1947 getan hat?

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