Schweiz
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
RSI-Nachrichtensprecher Gianmaria Giulini probt im Studio von RSI die Ausstrahlung der Nachrichtendung

RSI-Nachrichtensprecher Gianmaria Giulini im Studio der Sendung «Telegiornale». Bild: TI-PRESS

Darum sind die Tessiner die grössten SRG-Gegner

Keine andere Region profitiert mehr von den Billag-Gebühren als die italienischsprachige Schweiz. Trotzdem sind es die Tessiner, die mit härtesten Bandagen für die Abschaffung der Gebühren kämpfen. Aber warum?



Laut den jüngsten Umfragen lehnt eine Mehrheit der Schweizer die No-Billag-Initiative ab. Das Forscherteam vom Institut GFS Bern berechnete, dass derzeit 65 Prozent der Wählerinnen und Wähler bestimmt oder eher gegen die Abschaffung der Gebühren stimmen würden. Der Ausgang der Abstimmung vom kommenden Sonntag dürfte demnach klar ausfallen. 

Ausser im Kanton Tessin. Anders als in der restlichen Schweiz ist dort die Zustimmung für die Initiative in den letzten Monaten gewachsen. In der Vorabstimmungsanalyse sprachen sich 48 Prozent der Befragten gegen und ebenfalls 48 Prozent für die Initiative aus. Vier Prozent waren noch unentschieden. In der Studie hiess es, derzeit baue sich die Sympathie für die Vorlage auf. Es sei denkbar, dass es am Sonntag im Kanton zu einem «Ja» komme. 

Diese Tendenz ist bemerkenswert. Denn kein anderer Kanton profitiert so stark von den Radio- und Fernsehgebühren wie das Tessin. Von den gesamtschweizerischen Einnahmen aus der Billag-Gebühr fliessen 20 Prozent in die RSI, die Radiotelevisione Svizzera di lingua italiana, dem italienischsprachigen Ableger der SRG. Ein hoher Anteil angesichts dessen, dass die italienische Schweiz mit dem Tessin und den Südbündner Täler nur acht Prozent der Schweizer Gesamtbevölkerung ausmacht.

Regionaler Finanzausgleich der SRG-Gebühreneinnahmen

Bild

grafik: srg

Zudem ist die RSI punkto Mitarbeiterzahl der viertgrösste Arbeitgeber im Kanton. 1155 Personen sind beim Radio- und Fernsehunternehmen beschäftigt, dessen Wertschöpfung beläuft sich laut einer Schätzung auf jährlich auf 213 Millionen Franken. Rund 850 Tessiner Firmen erhalten von der RSI Aufträge und sie ist Partner von verschiedenen Kulturanlässen, der bekannteste darunter ist das Filmfestival Locarno

Warum also sind viele Tessiner mit der RSI unzufrieden und wollen keine Billag mehr bezahlen?

Es ist nicht das erste Mal, dass sich die Tessiner anders als die Mehrheit der Schweizer gegen die Billag stellen. Bereits 2015 verwarfen die Tessiner Stimmberechtigten mit 52 Prozent die Revision des Radio- und Fernsehgesetzes (RTVG) an der Urne. In der gesamten Schweiz wurde das neue Bundesgesetz mit einem hauchdünnen «Ja» von 50,1 Prozent angenommen. Schon damals entbrannte in der Öffentlichkeit eine Debatte darüber, warum ausgerechnet der Südkanton, der von allen vier Sprachregionen am meisten von der Gebührenverteilung profitiert, gegen die RTVG-Vorlage stimmte. 

«Wir Tessiner respektieren das Geld unserer Deutschschweizer Mitbürger und finden es wichtig, aufzuzeigen, dass es schlecht ausgegeben wird.»

Lorenzo Quadri

Für Lorenzo Quadri, Lega-Nationalrat und prominentester Billag-Gegner im Tessin, ist das kein Widerspruch. Weder damals bei der Vorlage von 2015 noch heute. Vielmehr sei das «Ja» zu No Billag ein Zeichen, dass offenbar viele Tessiner verantwortungsbewusster seien als die Führungskräfte der RSI. «Wir Tessiner respektieren das Geld unserer Deutschschweizer Mitbürger und finden es wichtig, aufzuzeigen, dass es schlecht ausgegeben wird. Schliesslich sind dies öffentliche Gelder.»

Lorenzo Quadri (Lega/TI) aeussert sich zur Volksinitiative

Lega-Nationalrat Lorenzo Quadri Bild: KEYSTONE

Viele sind laut Quadri der Meinung, dass die RSI ihr Mandat missbraucht, um parteipolitische Propaganda zu betreiben. Für sie sei die RSI zu gross, zu teuer, zu arrogant. «Im Vergleich zur übrigen Schweiz ist die Kluft zwischen der Bevölkerung und der RSI im Tessin wahrscheinlich grösser.»

Warum diese Kluft grösser ist, versucht Moreno Bernasconi zu erklären. Der frühere Chefredaktor der Zeitung «Corriere del Ticino» ist heute pensioniert und schreibt als Freelancer Kolumnen – in den letzten Monaten vor allem zur No Billag und warum die Initiative abzulehnen ist. Doch es scheint, als ob seine Bemühungen vergeblich waren, zumindest in seinem Heimatkanton. 

«Die Lega ist die stärkste Partei im Kanton. Und sie prägt die öffentliche Debatte gegen die Institutionen heftig mit.»

Moreno Bernasconi

«Die Tessiner waren schon immer ein kritisches Publikum», sagt Bernasconi. In den 70er- und 80er-Jahren sei der öffentliche Diskurs linksorientiert gewesen. Eine Mehrheit sei den Institutionen gegenüber kritisch eingestellt gewesen. Das sei zwar heute noch immer so, doch anders als damals sei diese Haltung jetzt Angelegenheit der rechten Parteien. «Die Lega ist die stärkste Partei im Kanton. Und sie prägt die öffentliche Debatte gegen die Institutionen heftig mit.» 

Wie stark die No-Billag-Befürworter die Debatte mitprägen, zeigt auch eine Auswertung der Abstimmungskampagne im Tessin. Nirgendwo sonst in der Schweiz wird aggressiver um die Zustimmung für die Initiative geworben. Das Institut für Politikwissenschaft, Année Politique Suisse, hat die Inseratekampagne zur No-Billag-Initiative untersucht und festgestellt, dass die Pro-Kampagne im Südkanton markant mehr Inserate schaltet als im Rest der Schweiz. 

Das Engagement der No-Billag-Befürworter scheint Früchte zu tragen. Auch bei der RSI selbst ist man sich bewusst, dass die Kritik am Unternehmen besteht und über die Jahre immer lauter geworden ist. Luigi Pedrazzini ist Präsident der Corsi, der SRG-Trägerschaft im Tessin. Er sagt, 2015 habe man eine Umfrage in Auftrag gegeben, die gezeigt habe, dass eine Mehrheit der Tessiner und der italienischsprachigen Bündner mit der RSI und deren Programm zufrieden seien. «Doch als negativ empfunden wurde von vielen die Grösse des Unternehmens und seine Distanz zur Bevölkerung», sagt Pedrazzini. 

Auch heute sind die häufigsten Kritikpunkte an der RSI die Privilegien der Mitarbeiter, die linke Tendenz und eine gewisse Arroganz gegenüber dem Publikum, sagt Pedrazzini. Für ihn seien diese Vorwürfe nicht gerechtfertigt. «Nichtsdestotrotz muss sich die RSI aber darum bemühen, die Kritik ernst zu nehmen und zu analysieren.»

Luigi Pedrazzini, Mitglied des Leitenden Ausschusses der Konferenz der Kantonsregierungen (KdK) und Tessiner Staatsratspraesident, spricht waehrend einer Medienkonferenz am Mittwoch, 6. Oktober 2010 in Bern ueber die Steuergerechtigkeits-Initiative der SP. Die Initiative der SP sei schaedlich und unnoetig, weil sie den Steuerwettbewerb in Frage stelle. Dieser Meinung sind Bund und Kantonsregierungen, wie Finanzminister Hans-Rudolf Merz am Mittwoch vor den Medien sagte.(KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Corsi-Präsident Luigi Pedrazzini Bild: KEYSTONE

Eine Einsicht, die vielleicht zu spät erfolgt. Denn wenn die No-Billag-Initiative im Tessin am Sonntag an der Urne angenommen wird, könnte das für den Kanton weitreichende Folgen haben – selbst dann, wenn sich in der gesamten Schweiz die Initiativ-Gegner durchsetzen werden. Dessen ist sich auch Pedrazzini bewusst: «Wenn sich ein ‹Ja› im Tessin durchsetzt, wird der Verteilungsschlüssel der Gebühren zwangsläufig in Frage gestellt. Das wird dazu führen, dass der RSI weniger Mittel zur Verfügung gestellt werden.» 

Dem widerspricht Alain Bühler, SVP-Gemeinderat von Lugano und Präsident des No-Billag-Unterstützerkomitees im Tessin. «Wird die Initiative nur in unserem Kanton angenommen, müsste mit der RSI zwar viel passieren», sagt er. Dass damit eine Änderung des Verteilschlüssels einher geht, glaubt er allerdings nicht. Immerhin sei in den letzten Monaten ständig von dem «nationalen Zusammenhalt» gesprochen worden. Dass in der Folge der italophonen Sprachminderheit die Mittel gekürzt würden, widerspräche dieser Propaganda, findet Bühler. 

Welche Konsequenzen die Abstimmung haben wird, zeigt sich nach kommendem Sonntag. Klar ist: Viele Ticinesi werden an der Urne als Protest gegen die RSI, gegen die Bürokraten in der Hauptstadt und allgemein gegen die in ihren Augen linken Institutionen ein «Ja» einwerfen. Für Corsi-Präsident Pedrazzini eine kurzsichtige Haltung. «Damit wird den Interessen der italienischsprachigen Schweiz geschadet», sagt er. 

Der Kampf um No Billag – Ja, so was gibt's in Kanada auch

Video: watson/Emily Engkent

No Billag: Diese Promis kämpfen gegen die Initiative

Das könnte dich auch interessieren:

Das iPad kriegt Radar? Darum ist der Lidar-Sensor eine kleine Revolution

Link zum Artikel

So lief Tag 1 nach Bekanntgabe der «ausserordentliche Lage» für die Schweiz

Link zum Artikel

Die Schweiz befindet sich im Notstand – die 18 wichtigsten Antworten zur neuen Lage

Link zum Artikel

Magic Johnson vs. Larry Bird – ein College-Final als Beginn einer grossen Sportrivalität

Link zum Artikel

Wie ich nach 3 Stunden Möbelhaus von Wolke 7 plumpste

Link zum Artikel

Der Mann, der es wagt, Trump zu widersprechen

Link zum Artikel

Rega rettet fünfjähriges Mädchen vor dem Erfrieren

Link zum Artikel

Ein Virus beendet Jonas Hillers Karriere: «Es gäbe noch viel schlimmere Szenarien»

Link zum Artikel

4 Gründe, weshalb die Corona-Zahlen des BAG wenig mit der Realität zu tun haben

Link zum Artikel

Die Fallzahlen steigen wieder leicht an – so sieht's in deinem Kanton aus

Link zum Artikel

Corona International: EU beschliesst Einreisestopp ++ Italien mit 345 neuen Todesopfern

Link zum Artikel

Lasst meinen Sex in Ruhe, ihr Ehe- und Kartoffel-Fanatiker!

Link zum Artikel

Wie ansteckend sind Kinder wirklich? Was die Wissenschaft bis jetzt dazu weiss

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Die Fitness-Branche geht zum Angriff über

Schwere Kritik von Fitnesscenter-Betreibern: Der Bundesrat lüge, wenn er sagt, er habe im Rahmen der Lockerungs-Diskussion mit allen Branchen gesprochen.

Läden, Museen, Bibliotheks-Lesesäle, Zoos und auch botanische Gärten dürfen ab kommendem Montag wieder öffnen. Auch im Sportbereich kommt's nach dem gestrigen Bundesrats-Beschluss zu einer weiteren Lockerung: Draussen darf wieder auf Sportanlagen, Tennis- oder Fussballplätzen geturnt werden. Nicht auf der Liste: die Fitnesscenter.

Sie müssen weiterhin zu bleiben, was nicht nur die Sportbegeisterten ärgert, sondern auch Roland Steiner, den Vizepräsidenten des Verbands Schweizer Fitness- und …

Artikel lesen
Link zum Artikel