Schweiz
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Bild: shutterstock

Verprügelt in der Quarantäne – Beratungsstellen für Frauen rüsten auf

Auch ohne Pandemie sind die Schweizer Frauenhäuser und Opferberatungsstellen ausgelastet. Jetzt müssen sie sich auf einen starken Anstieg häuslicher Gewalt einstellen.



Jede zweite Woche wird in der Schweiz eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet. Jede Woche erfolgt ein Tötungsversuch. Fast 20’000 Straftaten im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt registrierte die Schweizer Polizei im vergangenen Jahr. In rund 70 Prozent der Fälle waren Frauen die Opfer, und in 75 Prozent Männer die Täter.

Die eigenen vier Wände sind für Frauen der gefährlichste Ort in der Schweiz. Demzufolge ist nur logisch, dass in Zeiten von Corona die Fallzahlen von häuslicher Gewalt frappant zunehmen. «Enge Wohnverhältnisse, eine unsichere finanzielle Situation oder die Kinder, die ständig zu Hause sind, begünstigen häusliche Gewalt», sagt Pia Allemann. Sie ist Co-Geschäftsleiterin der Beratungsstelle für Frauen gegen Gewalt in Ehe und Partnerschaft.

Von China und Italien wisse man, dass sich die Fälle von häuslicher Gewalt aufgrund der Ausgangsperre massiv erhöht haben. «Es kann alle treffen. Die grösste Gefahr besteht aber vor allem bei Familien mit vielen Kindern, kleinen Wohnungen, und Eltern, die keine gesicherten Arbeitsverhältnisse haben. Sprechen sie keine der Landessprachen, wissen sie meist auch nicht, wo sie sich Hilfe holen können», so Allemann. Seit dieser Woche registriere sie einen Anstieg der Telefonanrufe bei der Beratungsstelle. Sie geht davon aus, dass jetzt strenge Wochen auf sie zukommen.

Ähnlich klingt es beim Sorgentelefon «Tel 143 – Die Dargebotene Hand». Zwar kann Geschäftsführerin Sabine Basler wenige Tage nach den Ausgangsbeschränkungen noch keinen Anstieg der Zahlen im Bereich häusliche Gewalt beobachten. Sie befürchtet aber, dass mit zunehmender Dauer der Massnahmen und der anhaltenden Unsicherheit, wie es weitergeht, die Fälle zunehmen werden.

«Egal ob Pandemie oder nicht, wir kennen volle Frauenhäuser immer wieder in der Schweiz. Das verschärft nun das Problem nochmals.»

Susan A. Peter, Stiftung Frauenhaus Zürich

Problematisch für die Beratungs- und Opferhilfestellen von gewaltbetroffenen Frauen ist, dass sie auch ohne Krise stark ausgelastet sind. Tatsächlich sind die Frauenhäuser bereits jetzt praktisch alle voll. Das sei allerdings nichts Neues, wie die Geschäftsführerin der Stiftung Frauenhaus Zürich Susan A. Peter sagt. «Egal ob Pandemie oder nicht, wir kennen volle Frauenhäuser immer wieder in der Schweiz. Das verschärft nun das Problem nochmals.»

Ungünstig ist, dass nun das Frauenhaus Violetta in Zürich wegen eines Corona-Falls vorübergehend schliessen muss. Das bestätigt Peter am Donnerstag gegenüber der Nachrichtenagentur sda. In den kommenden 14 Tagen kann das Haus keine neuen Frauen aufnehmen. Der Zeitpunkt dafür könnte nicht schlechter sein. Dazu Peter: «Ich rechne damit, dass es in kommender Zeit zu einem Anstieg von häuslicher Gewalt kommen wird.»

«Wir brauchen fachspezifisches Personal, das sich auskennt im Umgang mit stark traumatisierten Frauen und Kindern. Dieses zu organisieren braucht Zeit.»

Susan A. Peter

Auch in anderen Kantonen macht man sich auf eine Zunahme gefasst. Das Frauenhaus Luzern verzeichne seit etwa 14 Tagen vermehrt Frauen, die Hilfe suchen, sagt Leiterin Annelies Eichenberger gegenüber dem Internetportal «Zentralplus». In St. Gallen ist das Frauenhaus ebenfalls voll belegt. Gegenüber SRF sagt Leiterin Silvia Vetsch, dass man notfalls auf Hotels ausweichen müsse.

Der Kanton Zürich hat nun auf die verschärfte Situation reagiert. Am Montag sicherte Regierungsrätin Jacqueline Fehr den Organisationen, die im Bereich der Opferhilfe arbeiten, Unterstützung zu. Zusätzliches Personal solle eingestellt werden, mehr Räume für die Unterbringung von gewaltbetroffenen Frauen bereitgestellt werden. Eine spätere Übernahme der Kosten werde durch den Kanton garantiert.

Für die betroffenen Beratungsstellen und Frauenhäuser heisst das nun, dass sie grünes Licht haben, ihre Angebote auszubauen. Was aber einfacher gesagt ist als getan. Dazu Peter von der Stiftung Frauenhaus Zürich: «Wir brauchen fachspezifisches Personal, das sich auskennt im Umgang mit stark traumatisierten Frauen und Kindern. Dieses zu organisieren, braucht Zeit.» Auch bei den Frauenhäusern sei man daran, nach zusätzlichen Schutzplätzen zu suchen. Wie auch in anderen Bereichen spüre man auch hier die Solidarität der Bevölkerung, so Peter. Einzelne Private hätten bereits angerufen und Objekte angeboten.

Andere Kantone ziehen mit Unterstützungsmassnahmen nach. Christina Manser vom Innendepartement des Kantons St. Gallen sagt, dass allfällige Kapazitätsausbauten durch den Kanton sichergestellt wären. Auch im Kanton Bern sucht man nach Lösungen. Die Bemühungen um eine Erhöhung der Kapazitäten bei den Frauenhäusern laufe auf Hochtouren, heisst es auf Anfrage. «Es zeichnen sich bereits erfolgsversprechende Möglichkeiten ab», so Sprecher Gundekar J. Giebel.

Noch verzeichnen die kantonalen Polizeistellen keinen Anstieg von häuslicher Gewalt. Der Zürcher Polizeidirektor Mario Fehr mutmasste aber an einer Pressekonferenz am Montag, die Lage werde sich wohl ähnlich entwickeln wie in den Weihnachts- und Neujahrstagen. Dann verzeichnet die Polizei jeweils überdurchschnittlich viele Gewaltattacken auf Frauen von ihren Partnern.

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