Schweiz
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Wie der Streit zwischen Experten und BAG eskalierte – eine Chronologie

Hat das BAG zu spät reagiert und so einen zerstörerischen harten Lockdown zu verantworten? Der Streit zwischen den Experten ist am Wochenende eskaliert. Aber erst mal der Reihe nach.



Ist es ein Streit zwischen Theoretiker und Praktiker? Am Sonntag kam es zum öffentlichen Schlagabtausch zwischen führenden Epidemiologen wie Marcel Salathé und Christian Althaus auf der einen Seite und «Mr. Corona» Daniel Koch auf der anderen.

Auslöser war ein Artikel der «NZZ am Sonntag». Kernaussage des langen Stücks: Das BAG von Bundesrat Alain Berset und Daniel Koch haben zu wenig auf die Wissenschaft gehört. Durch entschiedenes Handeln hätte der Shutdown verhindert werden können und die immensen wirtschaftlichen Folgen wären nicht so schlimm ausgefallen. Eine Chronologie der Ereignisse.

31. Dezember: Erste Berichte über «mysteriöse neue Lungenkrankheit»

Erste Meldungen über eine mysteriöse Lungenkrankheit, die in der zentralchinesischen Metropole Wuhan ausgebrochen ist, werden publiziert. 27 Erkrankte sind identifiziert.

>> Coronavirus: Alle News im Liveticker

5. Januar: WHO warnt vor «Pneumonia of unknown cause – China»

«Die Weltgesundheitsorganisation WHO verfolgt die Situation aufmerksam und steht im engen Kontakt mit den nationalen Behörden in China», heisst es anfangs Jahr. «Es gibt begrenzte Informationen, um das Gesamtrisiko dieser Häufung von Lungenerkrankungen unbekannter Ursache einzuschätzen.» Massnahmen werden noch keine empfohlen.

22. Januar: Berset sagt, man sei gut vorbereitet

Am Rande des WEF sagt BAG-Chef Alain Berset: «Wir sind sehr gut vorbereitet» und bietet dem WHO-Chef Tedros Ghebreyesus die Hilfe der Schweiz an. In der Schweiz selbst existiere für solche Ereignisse ein Aktionsplan. Dieser werde umgesetzt, sollte sich die Situation weiterentwickeln.

Federal councillor Alain Berset checks his Smartphone, during the 50th annual meeting of the World Economic Forum, WEF, in Davos, Switzerland, Wednesday, January 22, 2020. The meeting brings together entrepreneurs, scientists, corporate and political leaders in Davos from January 21 to 24. (KEYSTONE/Alessandro della Valle)

Innenminister Alain Berset am 22. Januar in Davos. Bild: KEYSTONE

23. Januar: China riegelt Wuhan ab

Kurz vor Beginn des chinesischen Neujahrs stellen die Behörden Wuhan mit seinen elf Millionen Einwohnern unter Quarantäne. Peking sagt vorsorglich alle grösseren Neujahrsfeiern ab.

Die WHO beschliesst nach einer zweitägigen Krisensitzung, vorerst keinen weltweiten Gesundheitsnotstand auszurufen. Zur Begründung heisst es, bisher gebe es ausserhalb Chinas «keine Hinweise» auf eine Übertragung des Krankheitserregers von Mensch zu Mensch.

26. Januar: Bund verschärft Meldepflicht für Coronavirus

Das BAG verschärft die Meldepflicht für Verdachtsfälle. Neu müssen Ärzte und Laboratorien Fälle mit Verdacht auf eine Corona-Infektion innerhalb von zwei Stunden den Kantonen und dem Bund melden.

28. Januar: Koch macht Fehler an Pressekonferenz

Daniel Koch, Leiter Abteilung uebertragbare Krankheiten, BAG spricht mit Journalisten waehrend einer Medienkonferenz ueber die Situation des neuen Coronavirus (2019-nCoV) im Medienzentrum Bundeshaus in Bern, am Dienstag, 28. Januar 2020. Das neue Coronavirus, das eine Lungenentzuendungsepidemie verursacht, hat in China bereits 106 Menschen getoetet und mehr als 4'000 infiziert, so der juengste Bericht der Behoerden des Landes. (KEYSTONE/Anthony Anex)

Daniel Koch nach der Medienkonferenz am 28. Januar in Bern. Bild: KEYSTONE

An einer Pressekonferenz des Bundes leistet sich das BAG einen Fehler: Koch sagt, man habe keine Kenntnis von Fällen ausserhalb Chinas – noch während der Pressekonferenz realisiert er die Falschaussage. Am nächsten Tag folgt die Kritik von Christian Althaus im «Tagesanzeiger»:

«Ich hoffe, dass das BAG in Zukunft die öffentlich zugänglichen Situationsberichte der internationalen Behörden sowie die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse in seine Lagebeurteilung miteinbezieht.»

29. Januar: Coronavirus erstmals ausführlich im Bundesrat diskutiert

Zum ersten Mal widmet sich der Bundesrat in einer Sitzung ausführlich dem Coronavirus.

30. Januar: Althaus und Riou veröffentlichen Studie

Die beiden Epidemiologen Christian Althaus und Julien Riou veröffentlichen im Wissenschaftsjournal «Eurosurveillance» eine Studie. Eine der Kernaussagen: Das Virus könnte sich global ausbreiten. «Es war klar, dass es nicht gut ausschaut», sagt Althaus gegenüber der NZZaS. Er wendet sich direkt an Koch und bietet Hilfe an. Koch schlägt das Angebot anscheinend aus.

Bild

Christian Althaus. bild: uni bern

Gleichzeitig erklärt die WHO einen «Notfall im Bereich der öffentlichen Gesundheit von internationaler Bedeutung.» Althaus meinte am gestrigen Sonntag gegenüber der NZZaS: «Ab diesem Zeitpunkt hätte man in der Schweiz eine Task-Force zusammenstellen müssen.»

19. Februar: NZZ widmet sich Koch

Die NZZ titelt Mitte Februar: «Der Epidemie-Spezialist des Bundes hat auf Krisenmodus umgeschaltet.» Daniel Koch wird ausführlich zitiert – vor allem in Bezug auf die Problematik der Kommunikation in Krisenzeiten. Die NZZ schreibt:

«Die Kommunikation der Behörden in Krisensituationen ist anspruchsvoll. Es ist eine Gratwanderung. Informiert das BAG zu defensiv und zurückhaltend, wird ihm vorgeworfen, es verharmlose die Bedrohung. Gehen Koch und seine Leute in die Offensive, gelten sie schnell als Alarmisten.»

Daniel Koch fasst die Lage so zusammen: «Unsere Botschaft lautet: Das Coronavirus stellt derzeit für die Schweiz keine Bedrohung dar. Aber dies könnte sich in drei Wochen oder sechs Monaten ändern.» Die NZZ schreibt weiter:

«Wie hoch diese Rate derzeit genau ist, spielt für die Prävention und Vorbereitung der Behörden indes keine grosse Rolle, wie Koch sagt. Es genüge zu wissen, dass es sich beim Coronavirus nicht um einen banalen Schnupfen-Virus, sondern um einen Virus mindestens auf Stufe Grippe handle. ‹Das heisst, wir müssen mit allen Mitteln versuchen, eine weltweite Epidemie abzuwenden.›»

25. Februar: Virologen schreiben Brief an BAG

Am 25. Februar verzeichnet die Schweiz ihren ersten Coronafall. Eine 70-jährige Frau im Kanton Tessin habe sich an einer Versammlung in Mailand angesteckt.

Gleichzeitig schreiben vier Wissenschafter einen eindringlichen Brief an Bundesrat Berset, BAG-Chef Pascal Strupler und Daniel Koch. Die Unterzeichnenden sind: PD Dr. Christian Althaus (Uni Bern), Dr. Emma Hodcroft (Uni Basel), Prof. Dr. Richard Neher (Uni Basel) und Prof. Dr. Marcel Salathé (EPFL).

Marcel Salathe, Leiter Expertengruppe ãDigital epidemiologyÒ, spricht waehrend einer Medienkonferenz zur Situation des Coronavirus, am Freitag, 1. Mai 2020, in Bern.(KEYSTONE/Peter Schneider)

Marcel Salathé. Bild: KEYSTONE

Man müsse in der Schweiz in den kommenden Wochen und Monaten mit einer grösseren Epidemie rechnen. Die Wissenschaftler schätzen die Gefahr des Virus im Einklang mit der WHO als «hoch» ein. Gestört hatten sie sich vor allem an der Aussage Kochs, dass die Covid-Sterblichkeit in etwa mit derjenigen eines Grippevirus zu vergleichen sei.

Später sagt Daniel Koch gegenüber der NZZ: «Herr Althaus hat nie versucht, mich zu kontaktieren, und hat nie beim BAG eine Warnung abgegeben.» Stimmt nicht, sagt Marcel Salathé und veröffentlichte gestern Sonntag auf Twitter den Brief, den die Wissenschaftler damals geschrieben haben.

Das ist der Brief:

25. Februar: Berset realisiert, wie schlimm die Lage in Italien ist

Gesundheitsminister Berset fliegt an diesem Dienstag mit einer Delegation nach Rom, um sich ein Bild der Lage zu verschaffen. Die NZZaS zitiert eine Person, die dabei war, folgendermassen: «Wir wurden uns bewusst, dass die Lage gerade explodiert.» Die Ereignisse überschlagen sich, anscheinend reicht die Zeit nicht einmal, um schriftliche Unterlagen zu erstellen. Berset informiert seine BundesratskollegInnen mündlich, auf Freitag ist eine geheime Sitzung angesagt. Am Ende der Woche werden dann Veranstaltungen mit über 1000 Personen verboten.

26. Februar: Kochs Interview mit «Le Temps»

Die «NZZ am Sonntag» zitiert Koch aus einem Interview mit «Le Temps». Koch erwarte in der Schweiz «ein paar Einzelfälle», es gebe keinen Grund, alarmiert zu sein. Die NZZaS setzt die Aussage von Koch in den Kontext mit der Lage in Italien: «Zu diesem Zeitpunkt ist die Situation im Nachbarland Italien bereits ausser Kontrolle. Schulen, Museen und Universitäten sind geschlossen, ganze Gebiete unter Quarantäne.»

Daniel Koch oder

Daniel Koch. Bild: sda

Die NZZaS kommt zum Schluss, dass das BAG die Lage in den ersten Wochen des Jahres völlig anders einschätze als Schweizer Epidemiologen und die WHO – die Wissenschaft dringe nicht bis Bundesratszimmer vor. NZZ zitiert dazu Salathé: «Wie ist es möglich, dass man sich eine hochkompetente und teure Wissenschaft leistet, aber in diesem entscheidenden Moment nicht auf sie zurückgreift?»

Am gleichen Tag erscheint ausserdem ein Interview der NZZ mit Althaus. Es schlägt ziemlich ein in der Schweizer Medienlandschaft. Vor allem wegen des Worst-Case-Szenario, welches gezeichnet wird: Der Journalist fragt, ob es 30'000 Tote geben könnte, Althaus antwortet, dass dies nicht ausgeschlossen sei.

28. Februar: Salathé sieht Italienreise im April «relaxed» entgegen

Die Republik widmet sich dem Thema Coronavirus ausführlich mit einem Artikel mit dem Titel: «Das Coronavirus geht um. Sollten Sie Angst haben? Und wenn ja: Was dann?»

Im Artikel kommt der Epidemiologe Salathé zu Wort. Gefragt, ob man denn nun Ferien in Italien machen könne, antwortet er:

«Sie müssen das selber entscheiden. Ich persönlich bin oft eher auf der vorsichtigen Seite, aber meiner geplanten Italien­Reise im April sehe ich relaxed entgegen. China oder Südkorea hingegen würde ich im Moment meiden, wenn die Reise nicht essenziell ist.»

Was gleichzeitig am selben Tag passiert: Der Bundesrat verbietet Grossveranstaltungen mit über 1000 Teilnehmern.

4. März: Treffen der kantonalen Gesundheitsdirektoren

In Bern treffen sich die kantonalen Gesundheitsdirektoren, um über die Lage in der Schweiz zu beraten. Die Meinungen gehen auseinander: Das Tessin fordert eine Grenzschliessung, in Zürich wurde noch keine einzige Massnahme getroffen.

Rudolf Hauri, Kantonsarzt Zug, spricht waehrend einer Medienkonferenz zur Situation des Coronavirus, am Freitag, 1. Mai 2020, in Bern.(KEYSTONE/Peter Schneider)

Rudolf Hauri. Bild: KEYSTONE

Die NZZaS zitiert Rudolf Hauri, Präsident der Kantonsärzte: «Nachträglich kann man sagen, man hätte wohl eine Woche früher reagieren können. Doch man muss bedenken, dass sich die Situation bloss abzeichnete, wir aber nicht wussten, wie sie sich tatsächlich entwickelt.»

5. März: Erster Covid-Todesfall

Aus dem Kanton Waadt wird der erste Covid-19-Todesfall in der Schweiz gemeldet. Eine 74-jährige Frau, die bereits an chronischen Krankheiten litt, stirbt in Lausanne.

13. März: Bundesrat verkündet neue Massnahmen

Die Massnahmen werden verschärft: Der Bundesrat verbietet Veranstaltungen mit mehr als 100 Personen, Limiten für Gastrobetriebe, führt Grenzkontrollen zu Italien ein, schliesst die Schulen und kündigt ein Hilfspaket für die Wirtschaft an.

16. März: Bundesrat erklärt den Notstand für die ganze Schweiz

epa08298577 Swiss Federal councillor Alain Berset briefs the media about the latest measures to fight the Covid-19 Coronavirus pandemic, in Bern, Switzerland, 16 March 2020. Several European countries have closed borders, schools as well as public facilities, and have cancelled most major sports and entertainment events in order to prevent the spread of the SARS-CoV-2 Coronavirus causing the Covid-19 disease.  EPA/ANTHONY ANEX

Alain Bersen am 16. März. Bild: EPA

Über das Wochenende überschlagen sich die Ereignisse. Das Tessin schliesst am Samstag alle Restaurants, vier Kantone rufen den Notstand aus und die Frühlingssession wird abgebrochen. Ausserdem schliessen Deutschland und Österreich die Grenzen. Innert 24 Stunden kommen plötzlich 1000 neue Fälle dazu.

Am Montagnachmittag dann der Paukenschlag: Der Bundesrat erklärt den Notstand. Laut mehreren Quellen waren sich die Bundesräte gemäss NZZaS uneinig: Ueli Maurer wollte keine neuen Massnahmen, Viola Amherd eine Ausgangssperre. Herausgekommen ist ein Mittelweg.

18. März: BAG lädt Wissenschaftler ein

Das Bundesamt für Gesundheit lädt Wissenschaftler zu einer Sitzung nach Bern ein, darunter auch Marcel Salathé. Dieser rechnet damit, dass eine wissenschaftliche Task Force gegründet wird. Konkret wird bei der Sitzung aber nichts beschlossen, Salathé twittert drei Tage danach: «In diesen Wochen ist mein Vertrauen in die Politik erschüttert. Nach der Aufarbeitung – was alles falsch lief und wie total veraltet die Prozesse sind – wird kein politischer Stein auf dem anderen bleiben.»

Althaus und Salathé äussern sich öffentlich kritisch, was nicht von allen goutiert wird. Angeblich wurde Salathé nahegelegt, dass er sich mässigen solle. So sagt er gegenüber der NZZaS:

«Ich musste mir überlegen, wie man eine wissenschaftliche Wahrheit vermittelt, ohne jemandem in Bern auf den Schlips zu treten. Das war fast wie in Nordkorea. Man sagte uns: Ihr habt recht, aber wenn ihr es zu aggressiv in den Medien sagt, dann geht die Türe für eine Task-Force zu»

23. März: Der (vorläufige?) Höhepunkt der Epidemie

An diesem Montag meldet das BAG, dass in den letzten 24 Stunden insgesamt 1455 Personen positiv auf das Coronavirus getestet wurden. So viel wie nie zuvor. Bisher ist es der Höhepunkt der Epidemie.

Während diesen Tagen überträgt der Bundesrat die Verantwortung für die Beschaffung medizinischer Güter der Armee.

27. März: NZZ lanciert Podcast mit Christian Althaus

Christian Althaus erhält Gehör: Zumindest in den Medien. Die «NZZ am Sonntag» lanciert einen wöchentlichen Podcast mit Epidemiologen. Er befasst sich hauptsächlich mit der Modellierung von Epidemien von Infektionskrankheiten.

31. März: Bundesrat gründet wissenschaftliche Task Force

Matthias Egger, Leiter der Covid-19-Taskforce des Bundes, ruft die Bev

Matthias Egger. Bild: KEYSTONE

Der Bundesrat beschliesst eine wissenschaftliche Corona-Task-Force, die Leitung übernimmt der Präsident des Schweizerischen Nationalfonds Prof. Matthias Egger. Auch Salathé wird in die Task Force berufen – als Leiter der Gruppe «Digital Epidemiology». Christian Althaus wird Mitglied der Gruppe «Daten und Modellierung».

18. April: Oberster Wissenschafter der Schweiz äussert sich zu Forscherstreit

Nach Ansicht von Marcel Tanner (rechts), Präsident der Akademien der Wissenschaften und ehemaliger Direktor des Schweizerischen Tropen- und Public-Health-Instituts, muss eine zweite Welle von Coronafällen unbedingt verhindert werden. (Archivbild)

Marcel Tanner. Bild: KEYSTONE

Bereits im April widmet sich die NZZ dem Streit zwischen Regierung und Epidemiologen. Darin kritisiert Marcel Tanner, Präsident der Akademien der Wissenschaften Schweiz, quasi der höchste Wissenschafter des Landes, das Vorgehen einiger unbenannter Wissenschaftler: «Es gibt noch zu viele Wissenschafter, die schauen zu sehr in den Spiegel statt zum Fenster hinaus. Wir müssen bescheidener sein, wir brauchen keine Wissenschafts-Gurus.»

18. Mai: Salathé in der Republik

Die «Republik» wirft einen Blick zurück in den Februar. In einem Telefongespräch mit Marcel Salathé meint dieser:

«Wisst ihr, was mich am meisten erstaunt? Ich denke gerade an den Februar zurück. Man wusste damals eigentlich schon wahnsinnig viel.»

Und wie hoch ist eigentlich die Sterberate? «Präzise Werte werden wir erst berechnen können, wenn wir viel mehr Daten haben», sagt Salathé, bleibt aber dabei, dass Covid-19 gefährlicher ist als die Grippe: «Aber wie und wo auch immer man es betrachtet: Die Sterberate ist bei Covid-19 rund zehnmal höher als bei der Grippe.»

7. Juni: Schlagabtausch zwischen Experten und Koch in der Öffentlichkeit

Die «NZZ am Sonntag» rekapituliert in einem langen Artikel die Coronakrise und übt Kritik am BAG: Man habe zu wenig auf wissenschaftliche Experten gehört.

Konkret wird etwa vorgeworfen, dass Koch den Brief von Althaus und Co. ignoriert habe. Koch sagt aber zur NZZ: «Herr Althaus hat nie versucht, mich zu kontaktieren, und hat nie beim BAG eine Warnung abgegeben.» Auf Twitter kritisierten am Sonntag Althaus und Salathé dann Koch, Salathé veröffentlichte beispielsweise den Brief vom Februar, der das Gegenteil zeigt.

Koch sagte der «NZZ am Sonntag» hingegen, die Modelle von Althaus und dessen Kollegen hätten nicht ausreichende Grundlagen für eine seriöse Voraussage und basierten auf unausgereiften Algorithmen. Für die praktische Umsetzung taugten die theoretischen Ansätze der forschenden Wissenschaft nicht: «Wir haben 30 Jahre Erfahrung mit Grippekurven. Wir wissen recht gut, welche Voraussagen man bei Epidemien machen kann.» Koch habe daher, so schreibt die «NZZ am Sonntag», lieber auf sein altbewährtes Netzwerk zurückgegriffen, unter anderen den Genfer Infektiologen Didier Pittet.

Gegenüber dem Tagesanzeiger bleibt Koch aber bei seiner Version: «Auf die forschenden Epidemiologen sind wir zunächst nicht zugegangen, und sie auch nicht auf uns. Sie bearbeiten ein ganz anderes Feld der Wissenschaft: Die öffentliche Gesundheit und die Bewältigung einer Pandemie gehören nicht zu ihren Fachgebieten.»

Bei einer weiteren Aussage wird klarer, was Koch gemeint hat: Er habe zwar auf die Wissenschaft gehört, aber eben nicht auf Salathé und Althaus:

«Selbstverständlich standen das BAG und ich immer in Kontakt mit der Wissenschaft. Wir haben uns mit jenen Organisationen ausgetauscht, mit denen wir schon seit Jahren zusammenarbeiten: vor allem mit Swissnoso, klinischen Experten der Spitalhygiene, dem Referenzlabor in Genf sowie klinischen Pädiatern.»

8. Juni: Salathé rudert zurück

Nach der medialen Bombe am Sonntag rudert Salathé am Montag zurück. Er schreibt auf Twitter, dass die Zusammenarbeit mit dem BAG sehr gut sei, sein Vertrauen in die Politik hoch sei, und der Nordkorea-Vergleich in der NZZaS schlecht war.

Salathé kündigte ausserdem an, dass er sich zur Zeit vor Mitte März nicht mehr vor den Medien äussern wolle. Das meiste sei gesagt worden.

Wie die Geschichte ausgeht, steht derzeit noch offen. Sicher ist, dass das Vorgehen der Behörden zur Bewältigung der Coronakrise politisch aufgearbeitet wird.

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