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Das weitgehend weggeblasene Sozialleben während des Lockdown beschäftigte die Jugendlichen besonders stark. bild: shutterstock

Corona macht Jugendliche einsam – doch etwas Gutes bringt die Krise mit sich

Pro Juventute berät markant mehr Jugendliche. Viele befürchten, wegen Corona Freunde zu verlieren. An einer anderen Front entspannt sich die Lage aber bedeutend.

kari kälin / schweiz am wochenende



Discos? Geschlossen. Bars? Ebenso. Mannschaftssport? Ab 16 Jahren nicht mehr möglich. Die neuen Massnahmen zur Eindämmung des Coronavirus reduzieren auch den sozialen Aktionsradius der Jugendlichen. Während des Lockdown im Frühling kam die Schulschliessung dazu. Wie wirkt sich das auf die Psyche der Jugendlichen aus? Täglich Einblick in deren Seelenleben hat Pro Juventute. Die Stiftung hat ihre Beratertätigkeit von März bis August 2020 mit der Vorjahresperiode verglichen.

Das Fazit: Die Coronakrise hat den Beraterinnen und Beratern massiv Mehrarbeit beschert. Vor allem via Chat (plus 172 Prozent) nahmen die Anfragen zu. Pro Tag gelangen derzeit rund 600 Jugendliche an das Beratungsangebot «147», und zwar mittels Telefon, Chat, E-Mail, SMS und die Ratgeberplattform147.ch. Die meisten Ratsuchenden sind zwischen 15- bis 19-jährig.

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Das weitgehend weggeblasene Sozialleben während des Lockdown beschäftigte die Jugendlichen besonders stark. So schnellten die Anfragen zum Thema «Freunde verlieren» (plus 153 Prozent), «Freunde finden» (plus 81 Prozent oder «Selbstwert» (plus 70 Prozent» in die Höhe. «Die Jugendlichen schöpfen ihr Selbstvertrauen sehr stark aus dem Austausch mit Freunden», erklärt Thomas Brunner von Pro Juventute.

Es sei ein Trugschluss zu glauben, das digitale Beziehungsnetz vermöge den physischen Kontakt zu kompensieren, ergänzt der Sozialpädagoge. «Bricht der gemeinsame Alltag weg, passiert auch in den sozialen Medien weniger.» Also etwa weniger «Gefällt mir»-Klicks nach geposteten Fotos, weniger Bestätigung.

Auch die Beratungen wegen Unverstandenheit (plus 41 Prozent) oder Konflikten mit den Eltern (plus 47 Prozent) nahmen zu. Oft bekamen die Beratenden von Pro Juventute zu hören: «Niemand versteht mich.» Manche Teenager klagten, die Eltern würden ihnen aus epidemiologischen Gründen Treffen mit Freunden verbieten. «Die Einschränkungen des Soziallebens treffen Jugendliche besonders hart», sagt Brunner.

«Wenn man sich nicht umarmen, nicht zusammen Sport treiben, sich nicht spontan im Freien treffen und nicht in die Disco darf, ist dies für einen Jugendlichen eine ganz andere Einschränkung als für den 40-jährigen Familienvater mit gefestigter Identität.» Solche Unterschiede dürfe man nicht bagatellisieren. Jugendliche zog es während der Lockerungsphase an Discos und an Partys. Brunner findet es unfair, ihnen mangelndes Verantwortungsgefühl vorzuwerfen. «Wir müssen akzeptieren, dass sie an einem anderen Punkt in ihrem Leben stehen.»

Mobbing, Gewalt, Mädchen, Schule

Pro Juventute verzeichnete 46 Prozent weniger Anfragen wegen Mobbing. Bild: Shutterstock

Für Gemeinheiten fehlt die Bühne

An einer Front entspannte sich die Lage wegen Corona: Pro Juventute verzeichnete 46 Prozent weniger Anfragen wegen Mobbing. «Für einige Kinder und Jugendliche bedeutete der Lockdown auch eine Erleichterung», sagt Brunner. Die Gefahr, zum Gespött seiner Mitschüler zu werden, hat markant abgenommen. Sonst ist sie bei uns vergleichsweise hoch, wie die aktuelle PISA-Studie zu Tage fördert.

In keinem anderen europäischen Land werden Schüler so oft beleidigt, gehänselt, bedroht oder sogar körperlich attackiert. In der Coronazeit fehlte den Mobbern aber die Bühne. «Mobbing passiert nicht im luftleeren Raum. Wenn man sich nicht mehr in der Gruppe trifft, fehlt die Resonanz», sagt Brunner. Mobbing kann bei den Opfern langfristig psychische Probleme verursachen. Studien zeigen, dass Personen, die in der Schule gemobbt wurden, als Erwachsene stärker suizidgefährdet sind.

Und was rät Brunner den Jugendlichen gegen den Corona-Blues? Zum Beispiel, dass sie sich nicht so sehr auf die Quantität, sondern die Qualität ihrer Beziehungen konzentrieren. Also lieber weniger Freunde treffen, dafür die guten.

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