Schweiz
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Die «Negros Rhygass» an einer Vorfasnachtsveranstaltung im Jahr 2015. Bild: KEYSTONE

Dunkelhäutige Schweizerin sagt, weshalb sie «Negro» in Guggen-Namen ein No-Go findet

Nach dem «Negro-Fescht» der gleichnamigen Kleinbasler Fasnachtsclique hagelt es Kritik an deren Namen und Emblem. watson lässt hier eine dunkelhäutige Schweizerin zur Polemik zu Wort kommen. 



*Das Gespräch wurde von watson aufgezeichnet und verschriftlicht. 

«In der Basler Innenstadt hängt dieses Plakat mit einer karikierten schwarzen Person mit hervorstehenden Lippen, Bastrock, Ringen und einem Knochen im Haar: Die Fasnächtler der Clique «Negro Rhygass» feiern fröhlich das «Negro-Fest». Alltag in der Schweiz. Als ich am Dienstag in den Medien davon lese, glaube ich zuerst an einen dummen Scherz. Kurze Zeit später erfahre ich, dass in Basel auch eine Gugge unter dem Namen Mohrekopf ihre Musik vorträgt. Mein Magen dreht sich. Wie ist es möglich, dass es in meinem Land im Jahr 2018 so etwas gibt?

Revellers participate in the children’s carnival procession in Basel, Switzerland, on Tuesday, February 20, 2018. (KEYSTONE/Georgios Kefalas)

Die Guggenmusik Negro Rhygass an der Kinderfasnacht am zweiten der

Bild: KEYSTONE

Ich bin verletzt und schockiert. Durch solche Emblems und Namen werden Rassismus geschürt und rassistische Äusserungen verharmlost. Zur Erinnerung: Das «N»- und das «M»-Wort sind Begriffe, die innerhalb der «Rassentheorien» Menschen in unterschiedliche «Rassen» einteilten. Schwarze wurden an der Grenze zum Tier verortet und meistens als «wild» und «unzivilisiert» herabgesetzt. Mit solchen Theorien wurden Ausbeutung, Entmenschlichung und die Vernichtung von Lebenskulturen legitimiert.

Baströcke und nackte Haut wurden in Europa zu Zeichen von «Unzivilisiertheit» und «Dekadenz», 1927 wie 1958, die beiden Gründungsjahre, auf die sich die Gruppe beruft. Dasselbe gilt für den Knochen im Haar, der ausserdem noch die koloniale Phantasie vom kannibalistischen Schwarzen befeuert.

Dass es hierzulande möglich ist, dass die Gugge ihren Namen noch heute trägt und diese Tatsache nicht strafrechtlich verfolgt wird, ist beschämend.

Die Clique erhielt also in einer Zeit ihren Namen, in der Sklaverei toleriert und Schwarze wegen ihrer Hautfarbe geächtet und getötet wurden. Dass es hierzulande möglich ist, dass die Gugge ihren Namen noch heute trägt und diese Tatsache nicht strafrechtlich verfolgt wird, ist beschämend.

Rassismus in der Schweiz ist «unbestreitbare Realität»

Denn die  «Rassentheorien» wirken bis heute in Diskriminierungen und Ungleichheit fort.  Eine neue Studie der eidgenössischen Kommission gegen Rassismus bezeichnet Rassismus gegenüber schwarzen Menschen in der Schweiz als «unbestreitbare Realität». Rassistische Vorstellungen zirkulieren also ganz offensichtlich auch noch heute.

«He, du Äffin»

Ich wurde bereits Opfer solcher Weltansichten. «He, du Äffin», schrie mir ein Mann am Bahnhof Winterthur nach. In einem Zürcher Restaurant händigte man mir die deutschsprachige Karte aus mit dem Kommentar: «Sie üben besser Deutsch, um sich zu integrieren.» Ein anderer Wirt fand es angemessen, mir beim Übergeben einer Tüte mit Speiseresten «gut» zuzusprechen: «Sie haben recht, die Resten für den späteren Verzehr mit nach Hause zu nehmen. In Afrika sterben ja so viele Kinder an Hungersnot.»

Ich bin 1989 in der Schweiz geboren und im Kanton Fribourg aufgewachsen. Mir fällt auf: In der Schweiz gibt es Unterschiede zwischen der West- und Deutschschweiz. Im Kanton Fribourg, wo ich aufgewachsen bin, hat mich 19 Jahre lang nie jemand diskriminiert. Jetzt, wo ich in der Deutschschweiz lebe, passieren mir solche Begegnungen immer öfter.  

Wer rassistische Bilder reproduziert, trägt dazu bei, dass sie nicht aus der Welt verschwinden.

Als meine Eltern in den Achtzigerjahren in die Schweiz kamen, galt es so wenig wie möglich aufzufallen und den Mund zu halten. Heute ist das zum Glück nicht mehr so und ich wehre mich. Und deshalb sage ich: Wer rassistische Bilder reproduziert, trägt dazu bei, dass sie nicht aus der Welt verschwinden.

Doch laut diversen Medienberichten orten weder der Obmann der Clique «Negro Rhygass» noch das Basler Fasnachts-Comité Handlungsbedarf.  Es sei keine rassistische Intention dahinter, sondern handle sich um Tradition. Auch bei der Namensgebung seien keine rassistischen Gedanken im Spiel gewesen. Gehen wir davon aus, dass damals keine rassistischen Gedanken im Spiel waren, an so was jetzt festzuhalten ist nicht zeitgemäss. Heute würde niemand mehr seinen Verein Negro-irgendwas nennen. Ausserdem ist nicht alles, was Tradition hat, unbedingt gut.

Ich will keine «Schwarze» gegen «Weisse» Debatte.

Wisst Ihr, ich will keine «Schwarze» gegen «Weisse» Debatte. Mit Hasstiraden zu kontern war nie mein Ziel. Gut möglich, dass es für viele weisse Menschen schwierig ist, unsere Verletzungen nachzufühlen, da ihre Geschichte nicht geprägt ist von Unterdrückung und Sklaverei. Aber manchmal hilft ein Gedankenspiel: Wie würdet ihr euch fühlen, wenn wir euch als Nazis oder pseudo Ku-Klux-Klan bezeichnen würden, weil das halt seit jeher Tradition ist?

Mir ist wichtig, die Leute dafür zu sensibilisieren, welche Auswirkung ihre Worte haben können. Diese Fasnächtler sind sicher auch nicht per se Rassisten. Ich glaube, sie sind in erster Linie einfach ignorant. Wenn man die Geschichte kennt, sich ein Minimum mit kolonialen Symbolen auseinandergesetzt hat, weiss man, dass so was nicht okay ist. «Aber warum hat sich denn bisher niemand beschwert, wenn es so ein grosses Problem ist?», fragen sie. Die Antwort ist einfach:  Früher hätte ein Schwarzer damit rechnen müssen, Schläge zu kassieren, hätte er solche Einwände geäussert.

Warum ist es diesen Leuten egal, wenn wir uns durch ihre Vereinsnamen verletzt fühlen?

In sozialen Medien bekunden jetzt zahlreiche Menschen Solidarität mit den beiden Guggen, es ist sogar ein Meme aufgetaucht mit dem Slogan «Je suis Negro-Rhygass. Je suis Fasnacht». Zahlreiche Trolle schreiben Kommentare im Stil von «Geht doch dorthin, wo ihr herkommt, wenn euch unsere Fasnacht nicht passt» und in Basel gibt es am Freitagabend sogar eine Demonstration als Support für die Guggen. Auf den sozialen Medien zeigen sich bereits über 1600 Personen  interessiert an der Demo teilzunehmen. Das tut weh. Warum ist es diesen Leuten egal, wenn wir uns durch ihre Vereins-Namen verletzt fühlen? Wir würden doch nicht so einen Aufstand machen, wenn wir uns durch diese Bezeichnungen nicht wirklich im Tiefsten gedemütigt fühlten.

Inzwischen wurde eine Petition lanciert, die die Auflösung der Guggen fordert. Mir ist klar, dass die Fasnachtstradition vielen Leuten heilig ist und ich möchte auch nicht, dass die Gugge aufhört. Meine Message an sie: Feiert doch einfach unter einem anderen Namen, bitte. Einer, der niemanden verletzt. Legt Eure Emotionen beiseite und versetzt euch in die Fünfzigerjahre, als Rassismus und Sklaverei an vielen Orten geduldet wurden, und sagt mir, dass der Name mit diesem Logo nicht rassistisch ist. Nur weil ihr euren Namen und euer Emblem ändert, verliert ihr nicht eure ganze Geschichte. Für viele schwarze Menschen wäre das ein grosser Schritt in Richtung Akzeptanz.»

*In einer früheren Version des Artikels wurde von der watson-Journalistin als Synonym zu «Guggenmusig» das Wort «Chatzemusig» verwendet. Da dies zu Missverständnissen führte, wurde der Artikel entsprechend angepasst. (kün)

Unter #MeTwo teilen Hunderte ihre Rassismuserfahrungen

Video: lia haubner

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