Schweiz
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ARCHIVBILD ZU DEN NEUSTEN BESTAETIGTEN CORONAVIRUS-FAELLEN IN DER SCHWEIZ, AM MONTAG, 3. AUGUST 2020 - A health worker collects a nose swab sample for a polymerase chain reaction (PCR) test at a drive-in coronavirus testing facility in front of the eHnv hospital eHnv

Sie haben im Moment viel zu tun: ein Testcenter in Yverdons-les-Bains. Bild: keystone

Fallzahlen wieder so hoch wie im Frühling – warum Panik aber fehl am Platz ist

Über 1000 Neuinfektionen hat das Bundesamt für Gesundheit heute gemeldet. Damit nähern sie sich den Rekordzahlen vom März. Doch schaut man alle Indikatoren an, präsentiert sich die aktuelle Situation ganz anders.



1464 Personen wurden am 23. März 2020 positiv auf Sars-CoV-2 getestet – nie wurden in der Schweiz an einem Tag mehr Menschen als neu infiziert gemeldet wie damals. Die Rekordzahl könnte aber schon bald fallen. Denn die Corona-Fallzahlen steigen seit Tagen steil an.

In den letzten 24 Stunden sind 1077 Neuinfektionen gemeldet worden. Für den vergangenen Montag, 5. Oktober 2020 registrierte das BAG bereits 990 positiv Getestete – in den kommenden Tagen könnten sogar noch einige dazu kommen. Damit wurden am Montag so viele positiv getestet wie zu Spitzenzeiten im Frühling.

Positiv Getestete pro Tag in der Schweiz

Doch die laborbestätigten Neuinfektionen alleine ergeben kein vollständiges Bild der Lage. Die strikten Massnahmen vom Frühling wurden vor allem deswegen in Kraft gesetzt, damit Schweizer Spitäler nicht an ihre Grenzen kommen und somit allen Corona- und Nicht-Corona-Patienten die Behandlung ermöglichen können, die sie benötigen.

Im Vergleich zu den Neuinfektionen präsentiert sich die Kurve der Hospitalisationen jetzt allerdings deutlich anders als im Frühling. Ein leichter Anstieg im Vergleich zum Juni, wo die Fallzahlen gegen Null sanken, ist zwar erkennbar. Mit durchschnittlich zehn Hospitalisationen pro Tag ist die Situation allerdings (noch) nicht vergleichbar mit derjenigen im März. Dort wurden teilweise über 200 Patienten täglich in den Spital verlegt.

Neue Hospitalisationen pro Tag in der Schweiz

Warum sind die Zahlen immer noch so tief?

«Aktuell spielt sich die Pandemie in der Schweiz hauptsächlich in einer jüngeren Altersschicht ab. Bei der ersten Welle war dies anders», sagt Philipp Jent, Oberarzt an der Universitätsklinik für Infektiologie am Inselspital Bern, zu watson. Ältere Personen würden eher hospitalisiert als jüngere. Im Inselspital – einem der grössten Krankenhäuser der Schweiz – sind laut Jent «zwischen fünf und zehn Personen» wegen Corona im Spital.

Derzeit ist nicht absehbar, dass Spitäler wegen Corona an ihre Grenzen kommen. «Die Inselspital Gruppe ist durch verschiedene Massnahmen wie etwa Reserve-Intensivplätze und Stationsbetten, Ausbau der Testkapazität, Lagerhaltung von Schutzmaterial et cetera auf eine Zunahme der Patienten vorbereitet», so Jent weiter.

Ein weiterer wichtiger Indikator sind die Todesfälle. Sie sanken in den Sommermonaten ebenfalls fast gegen Null. Seit September ist die Kurve wieder leicht angestiegen, doch es zeigt sich nicht dasselbe Bild wie noch im April.

«Wenn die Fallzahlen weiter steigen, ist mit zunehmenden Todesfällen zu rechnen.»

Barbara Grützmacher, Berner Kantonsärztin

Allerdings treten die Todesfälle – noch extremer als die Hospitalisierungen – teilweise verzögert auf. Es wurden also in den vergangenen Tagen Personen positiv getestet, die bereits in den aktuellen Statistiken auftauchen. Bis eine dieser Patientinnen oder Patienten nach einem schweren Krankheitsverlauf stirbt, kann es aber einige Tage oder Wochen dauern. Die untenstehende Grafik zu den Toten muss also aufmerksam weiterverfolgt werden. «Wenn die Fallzahlen weiter steigen, ist mit zunehmenden Todesfällen zu rechnen», sagte die Berner Kantonsärztin Barbara Grützmacher am Mittwoch.

Todesfälle in der Schweiz

Ein weiterer wichtiger Faktor ist das Testvolumen. So sind die Fallzahlen vom März nur schon daher nicht miteinander zu vergleichen, weil damals deutlich weniger getestet wurde. Junge, gesunde Personen mit Corona-typischen Symptomen konnten sich am Anfang der Pandemie nicht testen lassen, sondern mussten sich ohne Testergebnis in Isolation begeben. Die Dunkelziffer für diese Zeit wird also deutlich höher vermutet als jetzt.

Das Testvolumen wirkt sich wiederum auch auf die Positivitätsrate aus. Sie ist in erster Linie ein Anhaltspunkt, wie sichtbar die Entwicklung der Pandemie ist. Liegt sie unter 5 Prozent – so empfiehlt es die Weltgesundheitsorganisation – so sind die Bewegungen des Virus im Grossen und Ganzen nachvollziehbar.

Liegt die Positivrate über diesen 5 Prozent, so wie aktuell in der Schweiz, wächst auch die Dunkelziffer. Ausserdem wird es schwieriger abzuschätzen, wie schnell sich das Virus ausbreitet.

Durchgeführte Tests und Positivrate

Dass mehr Leute getestet wurden, hat auch damit zu tun, dass die Tests seit Juli gratis sind (zu erkennen am Peak in der obigen Grafik Anfang Juli). Das erhöhte Testvolumen führt auch dazu, dass mehr asymptomatische Infizierte gefunden werden. Also positiv Getestete, die keinerlei Symptome aufweisen.

Dazu gehören beispielsweise durch Contact Tracing benachrichtigte Personen aus Risikogruppen oder Ferienrückkehrer, die im Gesundheitswesen beschäftigt sind und sich deshalb ohne Symptome testen lassen. Allerdings verfügt das BAG nicht bei allen positiv Getesteten über die Information, ob respektive welche Symptome die Person aufweist.

Für die Gruppe der positiv Infizierten, bei denen allfällige Symptome erfasst wurden, zeigt sich folgendes Bild: Aktuell zeigen knapp 10 Prozent der positiv Getesteten keine Symptome. Ende Mai lag sie bei über einem Drittel.

Anteil positiv Getesteter ohne Symptome

Was ist das Fazit? In welcher Phase sich die Pandemie befindet, lässt sich nie aus nur einer Statistik lesen. Erst wenn man verschiedene Aspekte betrachtet, erhält man ein umfassenderes Bild. Und dieses zeigt aktuell klar, dass die hohen Fallzahlen alleine keinen Grund zu Panik geben.

Die bestehenden Hygiene- und Abstandsregeln sind aber nach wie vor von höchster Wichtigkeit, damit die Belegung in Spitälern und die Todesfälle über die kommende Winterzeit so tief bleiben.

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