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Der Holocaust-Ueberlebende Shlomo Graber bei einem Vortrag am Gymnasium Leonhard in Basel am Donnerstag, 22. Dezember 2016. Mit ueber 90 Jahren zaehlt Shlomo Graber zu den letzten Holocaust-Ueberlebenden. Er wohnt in Basel, wo er als Kunstmaler und Referent taetig ist. (KEYSTONE/Georgios Kefalas)

Shlomo Graber hielt gestern einen seiner letzten Vorträge. Bild: KEYSTONE

Shlomo Graber: «Hass vergiftet die Seele»

Shlomo Graber hat während dem Zweiten Weltkrieg drei Konzentrationslager überlebt. Heute will er der Jugend seine Botschaft vermitteln.

Mark Walther / bz Basel



Nach dem Vortrag rannten sie zum Tisch, schnappten sich ein Buch und stellten sich an, um es vom Autor signieren zu lassen. Shlomo Graber hat sein drittes Buch geschrieben – aus einem einzigen Grund, wie er sagt: «Um den Menschen und speziell der Jugend die Botschaft zu übermitteln, dass Hass die Seele vergiftet!»

Graber hat drei Konzentrationslager lebend verlassen, einen Todesmarsch überstanden und wohnt heute in Basel. Gestern stellte er sein neues Werk Schülerinnen und Schülern am Gymnasium Leonhard vor. Gebannt hörten die Jugendlichen dem 90-Jährigen zu, wie er von der schlimmsten Zeit seines Lebens erzählte.

«Ich wollte nicht sein wie die Nazis und jemanden hassen, der mir nichts getan hatte» 

Shlomo Graber

Letztes Stück Brot verschenkt

Graber kam in seinem Vortrag immer wieder auf den Hass zu sprechen. Obwohl er allen Grund dazu gehabt hätte, die Deutschen zu hassen, habe er es nie getan. Im Gegenteil, Graber war gütig: Unmittelbar nach seiner Befreiung 1945 – so schildert er es auch im Buch – teilte er sein letztes Stück Brot mit einer jungen deutschen Mutter und ihrem Kind. «Ich wollte nicht sein wie die Nazis und jemanden hassen, der mir nichts getan hatte», sagt Graber.

Die Leonhard-Schüler wollten genauer wissen, wieso er keinen Hass empfindet. «Was gäbe mir Hass?», fragte er rhetorisch zurück. Er habe heute viele Freunde in Deutschland. Die neue Generation habe die Schuld ihrer Vorgänger nicht übernommen.

Wie Graber sich trotz all der Gräueltaten der Nazis am Leben gehalten habe, wollten die Schüler erfahren. «Wer auf Gott vertraute, starb. Ich half mir selbst», erklärt er seine Überlebenstaktik. Ausserdem hatte er das Glück, bis zuletzt mit seinem Vater zusammengeblieben zu sein. Dafür verlor er seine Mutter und seine vier Geschwister in der Gaskammer.

«Beim Rohre-Schleppen auf der nackten Schulter scheuerte ich mir die Haut blutig. Zum Glück gab es keine Spiegel im Lager, denn hätten wir gesehen, wie wir mittlerweile aussahen – wir wären wahrscheinlich zu Tode erschrocken.»

Auszug aus: «Der Junge, der nicht hassen wollte» von Shlomo Graber, Riverfield Verlag.

Von seiner Mutter habe er wohl auch die Eigenschaft geerbt, keinen Hass zu verspüren. Sie sei eine zutiefst humane Person gewesen, sagt Graber.

Er spricht seit über 25 Jahren an Schulen und öffentlichen Einrichtungen über seine traumatischen Erlebnisse. Der Vortrag am Gymnasium Leonhard war der Auftakt zu seinen letzten Auftritten. Graber erlitt im Frühling einen Herzinfarkt, will sich nun zurücknehmen. Im Januar wird er seine letzten zwei Vorträge an den Gymnasien Kirschgarten und Münsterplatz halten.

«Als ich langsam im Beton zu versinken begann, spuckte der eine in meine Richtung und sagte verächtlich: ‹Ersaufen sollst du, du faules Schwein!›»

Auszug aus: «Der Junge, der nicht hassen wollte» von Shlomo Graber, Riverfield Verlag.

Graber sagt, er habe die ganz schlimmen Episoden in seinem neuen Buch weggelassen, damit es auch die jungen Leute lesen könnten. Auch Geschichtslehrer Rainer Vogler setzt extreme Bilder und Texte nur dosiert ein im Unterricht. Man müsse die Schüler vorbereiten auf Schlimmes. «Sonst werden sie bloss Opfer einer Gefühlsbombardierung», sagt Vogler. So lasse sich keine kritische Haltung entwickeln.

Schüler noch immer fasziniert

Das Interesse der Jugendlichen am Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust ist laut Vogler ungebrochen. Das bestätigt auch Lehrerin Denise Greiner, die sich im Deutschunterricht mit dem Thema befasst. Und Schülerin Salome sagt: «Man kann das nicht oft genug behandeln im Unterricht.» Über Grabers Vortrag herrschte allgemeine Begeisterung: «Es ist sehr beeindruckend, dass Graber ein so positiv denkender Mensch geblieben ist», sagt Salome.

«...als mir bewusst wurde, was das Erlebte in mir anrichten würde, beschloss ich, über das, was uns widerfahren war, weder zu weinen noch zu hassen – sondern zu verbergen. Ich war 18 Jahre alt, und die Zukunft lag noch vor mir. »

Auszug aus: «Der Junge, der nicht hassen wollte» von Shlomo Graber, Riverfield Verlag.

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