Schweiz
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Die abgewaehlte Gruene Berner Nationalraetin Aline Trede waehrend dem Eingang von  Ergebnissen der Eidgenoessischen Wahlen am Sonntag, 18. Oktober 2015 im Rathaus in Bern. (KEYSTONE/Lukas Lehmann)

Aline Trede am Tag ihrer Abwahl im Oktober 2015. Bild: KEYSTONE

Rückkehrerin Aline Trede: «Es gab Leute, die mir sagten: ‹Ha, endlich bist du weg!›»

Sie stieg rasch auf – und noch schneller wieder ab: Die grüne Nationalrätin Aline Trede wurde 2015 abgewählt. Inzwischen ist sie wieder zurück.

Maja Briner / ch media



Wie viel Freude haben Sie daran, wieder zurück im Nationalrat zu sein?
Aline Trede: Die erste Session fiel mir schwer. Die Abwahl wurde dadurch wieder präsenter. Alle wussten: Ich bin wieder nachgerutscht. Inzwischen bin ich aber zurück im Kampfmodus (lacht).

Gab es dumme Sprüche?
Ja, recht viele. Auch die Hassmail-Schreiber haben sich gleich vom ersten Tag an wieder bei mir gemeldet. Die meisten Nationalratskolleginnen und -kollegen freuten sich aber, dass ich zurück bin, auch politische Gegnerinnen und Gegner. Und es haben mir Leute geschrieben: «Du bringst Punk ins Parlament, es ist gut, bist du zurück.» Es half mir, zu wissen: Es gibt Leute, die wollen, dass ich im Nationalrat bin.​

Sie wussten beim zweiten Mal schon, was Sie erwartet im Nationalrat. Machte es das einfacher?
Ja, aber nicht ganz so freudig. Beim ersten Mal dachte ich: «Was für eine riesige Ehre! Jetzt mache ich eine Arschbombe in dieses Haifischbecken!» Diese Freude war beim zweiten Mal nicht mehr so gross, aber eine Ehre ist es auf jeden Fall. Was auch interessant ist: Während der Aufschrei-Debatte hatte ich über Sexismus im Bundeshaus geredet. Jetzt gibt es eine Gruppe älterer Herren, die ganz anders mit mir umgehen: keine Sprüche mehr, mehr Respekt.

ZU DEN EIDGENOESSISCHEN WAHLEN VOM 18. OKTOBER 2015 STELLEN WIR IHNEN AUS UNSERER PORTRAITSERIE

Auch Gartenarbeit gehört zum Leben von Aline Trede. Bild: KEYSTONE

Sie sind jung Nationalrätin geworden, waren erfolgsverwöhnt. Dann kam nach zweieinhalb Jahren überraschend die Abwahl. Wie war das für Sie?
Ich wusste immer, dass der dritte grüne Sitz ein Wackelsitz ist, dass ich verlieren kann. Aber das musste ich verdrängen, sonst hätte ich gar keinen freudigen, positiven Wahlkampf machen können. Ich hab nur an die Wiederwahl gedacht, hatte keinen Plan B.​

Wenn Sie an den Tag der Abwahl zurückdenken: Woran erinnern Sie sich?
Ich hatte den ganzen Tag über viel zu tun, hatte einen TV-Auftritt nach dem anderen. Irgendwann am Abend haben wir gerechnet und gesehen: Wenn der dritte Sitz der Grünen weg ist, trifft es mich. Kurz bevor die Resultate öffentlich wurden, bekam ich eine SMS: «Liebe Frau Trede, es hat leider nicht gereicht.»

Bern, 18.6.2015, Nationalraetin Aline Trede, GPS-BE, verfolgt die Debatte zur Weiterentwicklung der Armee in der Grossen Kammer. (Monika Flueckiger/EQ Images)

Kritischer Blick im Bundeshaus. Bild: EQ Images

Kurz und knapp!
Realisiert habe ich das Ganze erst später. Ich ging nach Hause, bedankte mich auf Social Media bei allen. Ich konnte an diesem Abend keinen Alkohol trinken, weil ich schwanger war. Sonst hätte ich mir wahrscheinlich einfach den Gong gegeben.

Wie waren die Reaktionen am nächsten Tag?
Alle wollten etwas, Journalisten, Parteikollegen, politische Gegner. Ich fühlte mich schlecht, wäre am liebsten zuhause geblieben und hätte nichts gesagt. Aber ich wollte meine Niederlage selber kommentieren. Daher riss ich mich zusammen und stellte mich eine halbe Stunde lang den Medienfragen. Immerhin konnte ich mich so einmal wie ein Star fühlen, weil viele Journalisten kamen (lacht).

Die Rückkehrerin

Aline Trede sass von 2009 bis 2012 im Stadtberner Parlament. 2013 rutschte sie ein erstes Mal für die Grünen in den Nationalrat nach. Nach ihrer Abwahl 2015 gründete die Umweltnaturwissenschafterin eine eigene Firma. Seit Sommer 2018 ist sie erneut im Nationalrat – nachgerutscht für Christine Häsler, die als Regierungsrätin gewählt wurde. Die 35-jährige Bernerin ist Vize-Fraktionspräsidentin der Grünen.

Wie schlimm war es für Sie, dass das Scheitern öffentlich geschah?
Die Abwahl ist quasi eine Kündigung mit einem Monat Kündigungsfrist. Dass es öffentlich ist, macht es noch fieser. Es gab Leute, die mir ins Gesicht sagten: «Ha, endlich bist du weg!» Es war anstrengend, immer wieder darauf angesprochen zu werden. Ich wurde auch von Podien ausgeladen: Offenbar interessierte dort nicht meine Einschätzung, sondern nur meine Funktion als Nationalrätin.

Er kann mit grüner Politik nichts anfangen:

Haben Sie die Abwahl als Misstrauensvotum gegen Sie erlebt?
Nein, aber ich war natürlich enttäuscht: Ich habe ein klares Profil, habe niemandem etwas vorgespielt, habe kein Wahlversprechen gebrochen, bin unabhängig von Interessensgruppen. Das wurde offenbar nicht goutiert.

Sie sind während Ihrer Zeit im Nationalrat Mutter geworden und haben Ihren Job aufgegeben. Sie haben also mit der Abwahl auch Ihr Einkommen verloren. Wie haben Sie sich wieder aufgerappelt?
Die Jobsuche war schwierig, gerade wegen meiner Bekanntheit als linke Politikerin. Zum Teil hiess es: Ihr Dossier ist super, aber wir können es uns nicht leisten, Ihr Gesicht auf unserer Website zu haben. Da war ich ziemlich verzweifelt; ich konnte meine Zeit im Nationalrat ja nicht ungeschehen machen.

Wie sind Sie mit diesen Niederlagen – der Abwahl, den Absagen – umgegangen?
Ich hatte immer das Gefühl: Es kommt schon gut. Auch wenn ich manchmal traurig war. Gleichzeitig wusste ich: Es ist nicht das Ende der Welt, anderen geht es viel schlechter. Schliesslich habe ich eine Weiterbildung absolviert und mich mit meiner Kampagnenfirma selbstständig gemacht – im Nachhinein die beste Entscheidung. Beim Aufbau der Firma halfen mir dann mein Name und mein grosses Netzwerk.

Kommissionssprecherin Aline Trede (GP/BE) aeussert sich zum Personenbefoerderungsgesetz (Fantransporte) am Mittwoch, 12. Maerz 2014, im Nationalrat in Bern. (KEYSTONE/Lukas Lehmann)

Aline Trede am Rednerpult. Bild: KEYSTONE

Was haben Sie gelernt aus dieser Zeit?
Ich bin gelassener geworden. Ich habe erlebt, dass Politik nicht fair ist, dass man sehr aktiv sein kann und es trotzdem nicht reicht. Es gibt Parlamentarierinnen und Parlamentarier, die engagieren sich viel weniger und werden trotzdem wiedergewählt. Ich finde es aber auch nicht schlecht, wenn man mal «uf d’Schnurre» fliegt. Ich konnte es ins Positive drehen: Jetzt habe ich zwei Kinder, ein Nationalratsmandat und eine eigene Firma – und ich schaffe das alles. Auch wenn nicht immer gleich gut.

Wie blicken Sie auf die Wahlen im Herbst?
Ich würde natürlich gern wiedergewählt werden. Aber ich bin entspannt, mache mir keinen Stress. Ich versuche vor allem, viel für das Grüne Team zu machen.

Was würden Sie einem frisch gewählten jungen Nationalrat, einer jungen Nationalrätin raten?
Ein zweites Standbein zu haben. Ich wusste immer, dass es nicht gut ist, keines zu haben. Es ist aber schwierig, gerade als junge Person in einer kleinen Partei und mit Kindern. Hier muss sich noch viel ändern an unserem politischen System und unserem gesellschaftlichen Denken und Handeln.​

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Die besten Schilder des Klimastreiks

Erstmals eine schwarze Frau Bürgermeisterin

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Review

Eine Schweizerin macht vor 200 Jahren als Mann, Arzt und Sklavenbefreier Karriere auf Kuba

Das Leben der Henriette Favez aus Lausanne ist eine der verrücktesten Geschichten des 19. Jahrhunderts. Jetzt ist sie im Kino zu bestaunen. Mit angehaltenem Atem.

Henriette ist 15, als sie mit einem französischen Soldaten verheiratet wird. Ihre Eltern sind beide tot, sie lebt bei einem Onkel in Paris, er ist ein höherer Militär, sie wächst in einem militärischen Umfeld auf, der Onkel macht sich Sorgen um ihre Weiblichkeit und denkt, dass er diese mit einer frühen Heirat retten könne. Nach drei Jahren stirbt Henriettes Mann im Kampf. Kurz darauf stirbt ihre wenige Tage alte Tochter. Und Henriette nimmt sich das Einzige, was ihr Mann ihr hinterlassen …

Artikel lesen
Link zum Artikel