Schweiz
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Menschen demonstrieren am schweizweiten Klimastreik gegen die Klimapolitik und fuer einen sicheren Klimaschutz am Samstag, 6. April 2019 in Zuerich. (KEYSTONE/Ennio Leanza)

Am 28. Mai kommt das Thema in die Staatspolitische Kommission des Nationalrats. Bild: KEYSTONE

Neuer Anlauf für Stimmrechtsalter 16 – das solltest du übers «Crowdlobbying» wissen

Mit öffentlichem Lobbying nehmen Schweizer Jugendliche und Campaigner Parlamentarier ins Visier.

othmar von matt / ch media



Er hält es in einer Deutlichkeit fest, die nichts zu wünschen übrig lässt. «Ich sage sicher Ja zum passiven Stimmrechtsalter 16 und würde es sehr positiv begleiten», betont FDP-Ständerat Ruedi Noser. Er habe interessante Diskussionen mit seinen Kindern. «Sie sind sehr wohl in der Lage, sich eine eigene Meinung zu bilden, sind engagiert, lesen und wissen viel.» Zudem sei er Glarner. «Die Glarner haben Stimmrechtsalter 16 schon lange eingeführt.»

Mit Noser stellt sich ein bürgerliches Schwergewicht auf die Seite der 16-Jährigen. Am 28. Mai kommt das Thema in die Staatspolitische Kommission des Nationalrats – mit der parlamentarischen Initiative von Grünen-Politikerin Sibel Arslan.

Erstmals kommt öffentliches Lobbying, Crowdlobbying, zum Einsatz. Der Verein Public Beta hat die Crowdlobbying-Seite stimmrechtsalter16.ch aufgeschaltet. Dahinter stehen Ché Wagner (Geschäftsleitung) und Daniel Graf (Campaigning). Sie setzen sich ein für Stimmrecht 16.

Zwei Parlamentsmitglieder müssen kippen

Die Seite zeigt, wie eng der Entscheid wird in der Staatspolitischen Kommission. Elf von 25 Mitgliedern – Grüne, SP, GLP und EVP – sagen Ja, 14 Mitglieder Nein (oder sie äusserten sich nicht). Zwei Parlamentsmitglieder müssten kippen, damit es zu einem Zeichen käme für Stimmrecht 16. Stimmt der Nationalrat zu, muss dies auch der Ständerat tun. Das sind viele Hürden.

«Ich wünsche mir, dass Isabelle Moret – Nationalratspräsidentin und höchste Schweizerin – ein Zeichen setzt für die Jugend», sagt Philippe Kramer. Der 19-Jährige engagiert sich bei der neugegründeten IG Stimmrechtsalter 16 und arbeitet als Campaigner bei Public Beta. Er hofft, die nötigen Stimmen bei der FDP aufzutreiben.

Wie schwierig das wird, zeigen die Aussagen von SVP-Nationalrätin Barbara Steinemann. «SVP, FDP und CVP haben hier nun mal eine Mehrheit», sagt sie. «Die Linke hätte sich diese parlamentarische Initiative sparen können.» Und: «Wir haben nach der Coronakrise eine Wirtschaftskrise. Dort liegen die wahren Probleme.»

«Es wäre eine sehr schlechte Entwicklung, wenn wir den Schritt zu Stimmrecht 16 nicht tun würden.»

Politologe Claude Longchamp

Selbst Andri Silberschmidt (FDP), mit 25 Jahren jüngster Nationalrat, sagt Nein. Man hätte dann eine «Pflästerli-Demokratie», glaubt er: «Mit 16 darf man zwar wählen, aber nicht gewählt werden, weil man keine Verträge unterschreiben kann. Die Mündigkeit beginnt mit der Volljährigkeit. Das soll auch politisch so sein.» Isabelle Moret (FDP) will sich als Nationalratspräsidentin nicht äussern. Und FDP-Nationalrat Kurt Fluri winkt ab: «Das ist ungefähr der zehnte Vorstoss in zehn Jahren.»

Offenheit im bürgerlichen Lager signalisiert nur CVP-Nationalrätin Marianne Binder. «Die politischen Rechte gehen für mich nach wie vor mit der Mündigkeit einher», sagt sie zwar. Aufgrund der demografischen Entwicklung brauche es aber schon eine vertiefte Auseinandersetzung, ob man jungen Bürgerinnen und Bürgern nicht ihre Stimme geben könne. «Beispielsweise über die Eltern. So thematisierte die JCVP einmal das Stimmrechtsalter null.»

Die Jugendlichen selbst wie Kramer sprechen von «einem systemischen Problem». Der demografische Wandel sorge bei Abstimmungen und Wahlen für ein unglaubliches Ungleichgewicht der Generationen. Das zeigen auch Prognosen von Avenir Suisse. 2015 lag das Medianalter der Abstimmenden bei 56 Jahren. Bis 2035 dürfte es nach der Studie «CH 1995 2035» auf deutlich über 60 Jahre klettern. Kramer sagt, was das bedeutet: «Alle über 60-Jährigen haben politisch dasselbe Gewicht wie jene unter 60 Jahren.»

Jugendliche sind dank sozialer Medien Akteure

Politologe Claude Longchamp glaubt, das sei auf Dauer kaum haltbar. «Es wäre eine sehr schlechte Entwicklung, wenn wir den Schritt zu Stimmrecht 16 nicht tun würden», sagt er. «Diese Generation sagt dann: Wenn ihr uns nicht wollt, habt ihr uns gesehen.» Die Zeiten hätten sich sowieso total geändert, sagt Longchamp. «Im Gegensatz zu früher gibt es heute Jugendmedien.» Und dank der sozialen Medien seien die Jugendlichen selbst Akteure.

Was nicht heisst, dass sie zwingend für Stimmrecht 16 sind. Als Kurt Fluri Familienrat hielt, sagten seine fünf Kinder (zwei sind 15, eines 19 und zwei 22 Jahre alt) alle Nein.

Bei der SVP ärgert man sich über neue Crowdlobbying. «Ein so aggressives und aufdringliches Lobbying habe ich noch nie erlebt», sagt Steinemann. «Das ist völlig daneben.»

DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com (umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

32 Vintage-Ferienplakate zum Daheimbleiben und Wegträumen

Dieses Video von diesen zwei Brüdern wird dir den Tag retten

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

66 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
7immi
23.05.2020 14:38registriert April 2014
"Es wäre eine sehr schlechte Entwicklung, wenn wir den Schritt zu Stimmrecht 16 nicht tun würden», sagt er. «Diese Generation sagt dann: Wenn ihr uns nicht wollt, habt ihr uns gesehen"
Und dann kommen die 14-jährigen und anschliessend die 12- jährigen, usw? Finde die bestehende Regelung sinnvoll, Volljährig heisst stimmberechtigt. Sonst sollte auch ein Neugebohrenes abstimmen dürfen...
29075
Melden
Zum Kommentar
Shiftphoner
23.05.2020 17:44registriert November 2018
Ist noch nicht lange her, da war ich selbst 16. Und wenn ich auf mein damaliges Denken und Handeln zurück blicke... Zum Glück für alle Anderen durfte ich da noch nicht wählen! Selbst mit 18 sind die meisten Leute heutzutage noch sehr unreif und unselbstständig, geschweige denn zu vernetztem Denken fähig. Das einstige Erwachsenenalter lag bei 21 und selbst da ist die Adoleszenz noch nicht abgeschlossen. Und ja, klar gibt es Ausnahmen, sicher auch nicht wenige! Aber leider, für demokratische Mehrentscheide, wohl ZU wenige. So, und nun blitzt schon los.
21637
Melden
Zum Kommentar
CaptainLonestarr
23.05.2020 14:18registriert December 2016
Wann haben die zuletzt mit einem 16 jährigen gesprochen?
20638
Melden
Zum Kommentar
66

Vergiftete Böden und Kinderarbeit – was sich Schweizer Firmen im Ausland alles erlauben

Am 29. November stimmt die Schweiz über die Konzern-Initiative ab. Sie soll Schweizer Unternehmen bei Rechtsverstössen im Ausland stärker haftbar machen. Höchste Zeit also, um sich ein paar Beispiele von bis jetzt ungeahndeten Menschenrechts- und Umweltvergehen anzusehen.

Nach der Abstimmung ist vor der Abstimmung: Bereits am 29. November kann das Schweizer Stimmvolk erneut wählen gehen. Zum Beispiel über die Konzernverantwortungsintiative. Diese fordert, dass globale Konzerne mit Sitz in der Schweiz einem zwingenden Regelwerk unterstellt sind, wenn es um die Beachtung von Menschenrechten und Umweltschutz bei ihren weltweiten Tätigkeiten geht.

Oder einfach gesagt: Schweizer Unternehmen und ihre Tochterfirmen könnten für ihre Tätigkeiten im Ausland rechtlich …

Artikel lesen
Link zum Artikel