DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Bild

Viele Jugendliche suchen online nach Gleichgesinnten, um sich über persönliche Probleme auszutauschen.  bild: shutterstock

Wenn die Seele schmerzt und das Internet die einzige Hoffnung ist

Jugendliche nutzen soziale Medien nicht nur, um Selfies zu posten, sondern auch um sich über persönliche Probleme auszutauschen. Das birgt viel Potenzial – aber auch Gefahren. 



«Der Account @deinTherapeut ist ein Desaster. Sein Name ist eine Anmassung, sein Aktivismus ein Witz, seine Community toxisch» – mit diesen Worten startet die Twitter-Userin und Bloggerin Robin einen kleinen Shitstorm. Stein des Anstosses: Twitter-User Norman oder @deinTherapeut, 25-jährig, über 34'000 Follower, ehemaliger Psychologie-Student und seines Zeichens «Mental-Health-Aktivist».

Im März 2018 eröffnete Norman auf Discord, einem Online-Dienst, der Internet-Telefonie und Chat-System zugleich ist, einen neuen semi-öffentlichen Server. Er nannte ihn «Gruppentherapie» und schrieb dazu: 

«Ich mache das zum ersten Mal und bin ein bisschen planlos. Aber: Es gibt jetzt einen Discord-Server. Der heisst Gruppentherapie und ist zum Nicht-alleine-Sein gedacht.»

Nach vier Monaten hatte der Server laut Norman über 3000 Mitglieder. In dieser virtuellen Selbsthilfegruppe tauschen sich seither zahlreiche User, darunter viele Jugendliche, auf zahlreichen Kanälen über verschiedenste Themen aus.  

Dazu gehören auch sehr persönliche und explizite Beschreibungen von Selbstverletzungen oder Suizidgedanken. Und genau das wird derzeit auf Twitter harsch kritisiert. Viele Nutzer werfen Norman vor, dass er verantwortungslos mit dem Server umgehe. Dass vermehrt Suizide angedroht werden und nicht darauf reagiert werde und dass Minderjährige als Moderatoren und «Helferlein», agieren und die Diskussionen leiten. 

Unterdessen hat sich sogar der Berufsverband Deutscher Psychologen zum Streit geäussert. In einer bereits wieder zurückgezogenen Stellungnahme* kritisiert der Verband die digitale Selbsthilfegruppe. Es bestehe die Gefahr, «dass die Beschreibung von selbstverletzendem oder suizidalem Verhalten für andere Jugendliche triggernd und im schlimmsten Fall eigenes selbstverletzendes Verhalten auslösen kann.» Zudem müssten Jugendliche, die als «Helferlein» Diskussionen moderieren, zwingend professionell geschult werden.  

Dem stimmt auch Thomas Brunner, Leiter von Beratung + Hilfe 147 (ein Angebot von Pro Juventute) zu. Es sei aber zu weit gegriffen, den Server der «Gruppentherapie» komplett zu verteufeln. «Solche Formate können durchaus ihren Nutzen haben», erklärt Brunner. Wenn Jugendliche ihr Schweigen brechen können, indem sie sich mit Gleichgesinnten über persönliche Probleme austauschen, sei das grundsätzlich zu begrüssen. 

Lass dir helfen!

Du glaubst, du kannst eine persönliche Krise nicht selbst bewältigen? Das musst du auch nicht. Lass dir helfen. In der Schweiz gibt es zahlreiche Stellen, die rund um die Uhr für Menschen in suizidalen Krisen da sind – vertraulich und kostenlos.

Die Dargebotene Hand: Tel.: 143, www.143.ch
Beratung + Hilfe 147 für Jugendliche: Tel.: 147, www.147.ch
Reden kann retten: www.reden-kann-retten.ch

«Das passiert immer häufiger im Netz – auf Kanälen, in denen sich die Jugendlichen sowieso schon bewegen», so Brunner und nennt ein weiteres Beispiel. «Auf Instagram gibt es sehr viele Influencer, die offen über Themen wie die psychische Gesundheit sprechen. Das zieht viele betroffene Jugendliche an, die sich bei Gleichgesinnten aufgehoben fühlen.»

depression

Über Probleme zu reden, helfe bereits, sagt der Leiter von Beratung + Hilfe 147. Bild: shutterstock

Problematisch werde es dann, wenn die Beziehungssymmetrie nicht gegeben sei. «Die Peer-to-Peer-Beratung setzt voraus, dass beide Gesprächspartner einander gleichgestellt sind. Es darf nicht impliziert sein, dass jemand mehr weiss als der andere», erklärt Brunner. Dass gewisse Personen als «Helferlein» in Normans «Gruppentherapie»-Chat agieren, sei heikel. 

«Hätten wir Hilfeangebote auf WhatsApp oder Instagram, würden die Anfragen explodieren.»

Thomas Brunner, Leiter Beratung + Hilfe 147

«Wir haben seit April selbst ein Angebot, bei dem von uns geschulte Jugendliche mit anderen Jugendlichen chatten können. Da sind aber stets beide Parteien gleichgestellt, sie sind Kumpels.» Der Chat werde stets von Fachpersonen begleitet. «Eingegriffen wird aber nur im Notfall.»

Peer-Chat bei 147.ch

Teenager helfen Teenagern. Jeden Montag von 19 bis 22 Uhr können sich im Peer-Chat von Pro Juventute Jugendliche mit Gleichaltrigen über ihre Probleme austauschen. Mehr Infos auf 147.ch/de/peer-chat.

Der Chat sei sehr beliebt und werde rege genutzt. «Obwohl wir das anfängliche Angebot verdoppelt haben, sind wir bereits wieder an der Kapazitätsgrenze», sagt Brunner. Der Wunsch der Jugendlichen, sich möglichst unkompliziert und anonym im Netz auszutauschen, sei ungebremst.  

«Hätten wir Hilfeangebote auf WhatsApp oder Instagram, würden die Anfragen wohl explodieren» vermutet der Leiter Beratung + Hilfe 147. Doch das gehe aus datenschutzrechtlichen Gründen noch nicht.  

«Aktuell können wir das nicht verantworten, da die Anonymität nicht gewährleistet ist», erklärt Brunner. «Doch wir sind an den sozialen Kanälen dran. Es wäre grundsätzlich wichtig,  auch dort Beratungsmöglichkeiten für Jugendliche anbieten zu können.» 

*Die Stellungnahme wurde gemäss dem Berufsverband Deutscher Psychologen zurückgezogen, weil sie dem Twitter-User @deinTherapeut die Möglichkeit zu einer Gegendarstellung geben möchten. 

Lehrer-Typen, die du sicher kennst: 

Video: watson

Das könnte dich auch interessieren:

Wie ich nach 3 Stunden Möbelhaus von Wolke 7 plumpste

Link zum Artikel

Die Fallzahlen steigen wieder leicht an – so sieht's in deinem Kanton aus

Link zum Artikel

Der Mann, der es wagt, Trump zu widersprechen

Link zum Artikel

Magic Johnson vs. Larry Bird – ein College-Final als Beginn einer grossen Sportrivalität

Link zum Artikel

4 Gründe, weshalb die Corona-Zahlen des BAG wenig mit der Realität zu tun haben

Link zum Artikel

Wie ansteckend sind Kinder wirklich? Was die Wissenschaft bis jetzt dazu weiss

Link zum Artikel

Das iPad kriegt Radar? Darum ist der Lidar-Sensor eine kleine Revolution

Link zum Artikel

Lasst meinen Sex in Ruhe, ihr Ehe- und Kartoffel-Fanatiker!

Link zum Artikel

So lief Tag 1 nach Bekanntgabe der «ausserordentliche Lage» für die Schweiz

Link zum Artikel

Corona International: EU beschliesst Einreisestopp ++ Italien mit 345 neuen Todesopfern

Link zum Artikel

Die Schweiz befindet sich im Notstand – die 18 wichtigsten Antworten zur neuen Lage

Link zum Artikel

Gratistests für die ganze Schweiz

Link zum Artikel

Ein Virus beendet Jonas Hillers Karriere: «Es gäbe noch viel schlimmere Szenarien»

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Corona-Leugner dringen in Berner Schulen ein: «Sie kamen bis ins Lehrerzimmer»

In Bern macht eine Gruppe von Corona-Skeptikern Schulhäuser unsicher, dringt ohne Maske in Lehrerzimmer ein und verteilt Flyer mit Falschinformationen. Hinter der Aktion steckt ein bekannter Berner Verschwörungs-Anhänger. Jetzt greift die Polizei durch.

Corona-Leugner machen inzwischen selbst vor Kindern nicht Halt. In Bern sind seit letzter Woche Covid-Skeptiker in mehrere Schulhäuser eingedrungen und haben Corona-Falschinformationen verbreitet. «Sie haben Flyer an die Schüler verteilt und sind ohne Schutzmaske in das Lehrerzimmer eingedrungen. Das ist total daneben», sagt Giuliano Picciati, Leiter der Schule Munzinger im Berner Mattenhof-Quartier. Nachdem er von Lehrern alarmiert worden sei, habe er die Eindringlinge vom Schulhausplatz …

Artikel lesen
Link zum Artikel