Schweiz
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Tierporno bis Schul-Mobbing – Das läuft bei den Schweizer Insta-Polizisten

Ob in Winterthur, Zürich, St.Gallen oder Basel: Schweizer Polilzeicorps schicken ihre Beamten immer öfter auf Social-Media-Streife. Und landen dabei schon mal einen Viral-Hit. Chat-Protokolle geben einen Einblick in die Welt der Insta-Cops.



Tierporno-Aufklärung auf Tiktok, Littering-Wahn an der Olma oder Veloflick-Aktion nach einem Verkehrsunfall: Auf den sozialen Medien in der Schweiz tummeln sich immer mehr sogenannte «iCops». Streifenpolizisten- und Polizistinnen berichten dabei auf eigenen Instagram-Accounts über ihren Polizeialltag, chatten direkt mit Bürgern oder klären User über Gefahren in Gruppenchats auf. Und mutieren damit zu eigentlichen Polizei-Influencern.

«Wir haben durch Social Media Zugang zu Bevölkerungsschichten, die wir sonst nur schwer erreichen», sagt Michael Wirz, Kommunikationschef der Stapo Winterthur, zu watson.

Und meint damit insbesondere Kinder und Teenager, wie sein jüngstes «Baby» zeigt. Der Tiktok-Kanal der Winterthurer Polizei:

Winterthur

Der Star der Schweizer iCops ist Rahel Egli (@winstaporahel/80'000 Follower auf Tiktok): Die Winterthurer Ordnungshüterin landete jüngst auf Tik-Tok einen Viralhit, indem sie mit einem Brecheisen ein in einem Zaun feststeckendes Schaf befreite. Der Clip hat bereits 11,3 Millionen Klicks und 485'000 Likes erzielt.

Egli veröffentlicht aber keineswegs nur Jööö-Videos auf ihren Social-Media-Profilen – sondern gibt sich möglichst usernah und klärt die Teenager schon mal über verbotene Tierpornos auf: «Wer von euch ist in einem Gruppen- oder Klassenchat? Wahrscheinlich alle. Dort werden oft viele Videos geteilt von Gewaltdarstellungen oder Pornographie mit Tieren. Ihr macht euch strafbar, wenn ihr diese auf eurem Handy habt», sagt sie in einer Videobotschaft. Auf diesen Post erhielt Egli sehr viele Reaktionen, so dass sie Tage später nochmals ein Video zum Thema veröffentlichte.

«Aber was isch, wenn s Tier freiwillig mitmacht?»

Tiktok-User

Die dazugehörigen Kommentare geben einen guten Einblick in die Polizeiarbeit auf Tiktok. «I han jetzt mal paar Bilder abgeglade. Findes jetzt nöd so cool. Aber was isch, wenns Tier freiwillig mitmacht?», fragt ein User.

Dann taucht im selben Kommentarfeld plötzlich ein ganz anderes Thema auf: Eine Schülerin schreibt, dass sie in der Schule gemobbt werde. «Was soll ich machen?», fragt sie.

Egli weiss fast immer Rat. Die Nutzer sind dankbar: «Sie sind so nett❤️❤️you are de best tiktoker», so eine weitere Nutzerin.

Was auffällt: In den Kommentaren melden sich Jugendliche aus verschiedensten Kantonen mit ihren Anliegen bei @winstaporahel. «Wir sind auf Tiktok zur Polizei-Anlaufstelle über Winterthur hinaus geworden. Es melden sich teilweise Leute aus der ganzen Schweiz oder sogar aus dem Ausland», sagt Wirz. Dementsprechend zeitaufwändig sei der Dialog mit den Usern. Eigene Beiträge zu posten sei nur die Spitze des Eisbergs der Arbeit eines iCops, so Social-Media-Experte Wirz.

Unbegrenzt Zeit hat @winstapo Rahel nicht. Denn Egli ist während 80 Prozent ihrer Arbeitszeit auf Winterthurs Strassen unterwegs, «nur» 20 Prozent ihrer Arbeitszeit patrouilliert sie im Internet.

Nachfolgend eine Übersicht, wo überall in der Schweiz bereits iCops anzutreffen sind:

St.Gallen

«Wir sind überrascht, wie rasch sich unsere Polizisten eine eigene Community aufbauen konnten.»

Stapo St.Gallen

Mit @staposgspirig und @staposgchristen schickt die St.Galler Stadtpolizei seit März 2019 gleich zwei Insta-Cops auf Streife. «Die Bevölkerung schätzt diesen direkten Draht zur Polizei. Wir sind überrascht, wie rasch sich unsere Polizisten eine eigene Community aufbauen konnten», sagt Stapo-Kommunikationschef Roman Kohler zu watson.

Die einzelnen Kontakte zu den Leuten, etwa in Chats, seien sehr wertvoll. Die niederschwellige Erreichbarkeit auf Instagram schaffe viel Vertrauen, das für die Polizeiarbeit elementar sei. «Viele Eltern und Jugendliche stellten direkt Fragen via Chat oder Kommentare.»

Einen waschechten Viralhit haben die St.Galler noch nicht landen können. Ein Beitrag über vermüllte Strassen an der Olma bewegte die Gemüter aber extrem – über 50'000 Leute klickten auf den Post.

Zürich

Bei der Stadtpolizei Zürich gehören die Insta-Cops schon zum Inventar: 2015 schickte die Stapo Zürich als erste Polizei im deutschsprachigen Raum iCops auf virtuelle Streife. Man versuche, die Vernetzung in den sozialen Medien für die tägliche Polizeiarbeit zu nutzen, sagte @stapojean zum Web-Portal staatslabor. Dies etwa, um mitzubekommen, wenn sich die Community über ein polizeirelevantes Thema unterhalte oder zwischen rivalisierenden Cliquen von Jugendlichen zu vermitteln. Neben @stapojean ist seine Kollegin @eli.stapo auf Insta unterwegs.

Die Kantonspolizei Zürich setzt zwar keine eigenen iCops ein. Jedoch ging die Tetris-Challenge der Kapo Zürich diesen Sommer auf Instagram durch die Decke. Von Taiwan bis Singapur kopierten Rettungseinheiten die Social-Media-Aktion der Zürcher Ordnungshüter.

Basel

Am Rheinknie sind die Insta-Polizisten in den Startlöchern. Die Kapo Basel-Stadt hat in den letzten Monaten zwei iCops rekrutiert, wie aus einer Stellenausschreibung hervorgeht. Zu den Aufgaben gehören «Posts zu Ereignissen aus dem Berufsalltag», «Dienstantritt und Feierabend», Präventionsbotschaften oder «Entgegennahme von Anliegen der Bevölkerung».

Wann genau die Insta-Polizisten in Basel loslegen, will die Pressestelle der Kapo nicht sagen. Man werde demnächst mehr dazu kommunizieren, heisst es auf watson-Anfrage.

Die Kapo Basel betreibt selbst einen Insta-Kanal, der von verschiedensten Quellen und nicht von einzelnen Polizisten bespielt wird.

Bern

Die Kantonspolizei Bern setzt keine iCops mit eigenen Profilen ein. Allerdings lieferten aus verschiedenen Regionen vom Jura bis ins Oberland speziell geschulte Polizisten Inhalte und Bilder für die verschiedenen Social-Media-Kanäle der Kapo Bern. «Gehen auf Twitter, Instagram oder unserem Blog Fragen ein, werden diese mit Unterstützung der jeweiligen Spezialisten beantwortet», sagt Kapo-Sprecherin Corinne Müller auf Anfrage.

Keine Angst vor Fettnäpfchen

Während in Bern also die Kommuniktionsstelle über die Social-Media-Beiträge wacht, posten die Polizisten in St.Gallen «frisch von der Leber weg», wie es Roman Kohler von der Stapo St.Gallen ausdrückt. Das berge zwar Risiken. Aber: «Kommunikation auf sozialen Medien kann man sowieso kaum mehr kontrollieren». Die Mitarbeiter würden darum speziell geschult und sensibilisert.

Die Stadtpolizei Winterthur hat ebenfalls keine Angst, dass ihre iCops in Fettnäpfen treten. «Vereinzelt haben wir Mitarbeiter darauf hingewiesen, dass sie bestimmte Sachen besser nicht so posten sollten». Aber grundsätzlich gebe es kaum negative Erfahrungen, so Medienchef Wirz.

So oder so wird den Insta-Polizisten die Arbeit so schnell nicht ausgehen. Für Michael Wirz ist es darum denkbar, künftig weitere iCops im Korps zu rekrutieren.

Denn als seine Tiktok-Polizistin Egli kürzlich in den Ferien weilte, reklamierte ein User prompt. «Warum hast du so lange nichts gepostet», schrieb er. Und wartete nicht lange auf eine Antwort.

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