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Moreno Diaz

Morena Diaz machte ihre Vergewaltigung publik – jetzt soll das Sexualstrafrecht revidiert werden. Bild: instagram.com/m0reniita/

«Wen wundert's?»: Was sich Morena Diaz seit ihrem Vergewaltigungspost anhören muss

Janine Gloor / ch media



Morena Diaz wählte den Weg der grösstmöglichen Öffentlichkeit, um von etwas Schrecklichem zu erzählen, das sie im ganz privaten Rahmen erfahren musste: Am 2. Januar teilte die Influencerin auf ihrem Insta­gram-Profil mit damals 71'000 Followern ein Strandbild und den schockierenden Bericht ihrer Vergewaltigung.

Morena Diaz (26) ist als Body-Positivity-Influencerin über die Schweiz hinaus bekannt. Auf Instagram wurde Diaz’ Glaubwürdigkeit angezweifelt.

Kurz vor Heiligabend 2018 vergewaltigte sie ein Freund nach einem gemeinsamen Abendessen. «Ich hatte ihm vertraut, aber er wollte mehr und holte sich jene Nacht das, was er wollte: meinen Körper», schrieb die Influencerin. Mit ihrem Post will Morena Diaz (26) aufklären, enttabuisieren und anderen Opfern Mut machen. Und sie hat eine konkrete Forderung: «Wir müssen die Gesetze anpassen», schreibt die Aargauer Lehrerin.

Damit ist sie nicht allein. Zwei Juristinnen fordern eine Änderung des Strafgesetzes, voraussichtlich im Januar entscheidet die Rechtskommission des Ständerats ein erstes Mal darüber. Die NZZ widmete dem Thema eine ganze Seite mit dem Titel «Wann ist es eine Vergewaltigung?».

Lass dir helfen!

Du brauchst dringend Rat? Hast du oder eine dir nahestehende Person körperliche, psychische oder sexuelle Gewalt erlebt? Es ist wichtig, frühzeitig Unterstützung zu holen und Hilfe von aussen in Anspruch zu nehmen. Es gibt viele Beratungsstellen, die dir weiterhelfen können.
Bei feel-ok.ch findest du Beratungsstellen in deiner Nähe.
Bei der Opferhilfe Schweiz findest du die richtige Beratung.
Bei der Frauenberatung wird spezifisch Frauen und Mädchen weitergeholfen.

Vergewaltigung im vertrauten Rahmen

Morena Diaz’ Geschichte illustriert auf schrecklich anschauliche Weise, worum es geht: Sie wurde nicht auf dem Heimweg in einer dunklen Gasse überfallen und vergewaltigt, sondern befand sich an einem vermeintlich ungefährlichen Ort mit einem vermeintlichen Vertrauten.

Sie hat sich nicht gewehrt, weil sie in eine Schockstarre verfallen sei, schreibt sie. Arme, Beine und Stimme haben ihren Dienst versagt. «Man hofft einfach, dass man das alles so schnell und so unbeschadet wie möglich übersteht.»

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

English in the comments ll TW / Vergewaltigung: Drei Tage vor Heiligabend hat er nach einem gemeinsamen Abendessen über meinen Körper, mein Herz und meinen Bedürfnissen hinweg entschieden. Mit keiner Faser meines Körpers wollte ich das, was er mir angetan hat und mit keiner Faser meines Körpers konnte ich mich wehren. Es ist wahr, was man in den Zeitungen so liest: Man fällt in eine Art Schockstarre. Man schafft es nicht, sich zu schützen, zu wehren und dem Ganzen rechtzeitig ein Ende zu setzen. Eine Freundschaft, die anfangs 2018 zu blühen begann, endete drei Tage vor Weihnachten in demselben Jahr abrupt. Ich hatte ihm vertraut aber er wollte mehr und holte sich jene Nacht das, was er wollte: meinen Körper. 2019 war für mich eher ein Überleben. Ein Gefühlschaos. Zuerst wollte ich gar nichts mehr fühlen, um den Schmerz nicht zu zu lassen und dann, als ich dem Schmerz kurz die Türen öffnete, traf er mich mit voller Wucht. Der Schmerz kam aber nicht alleine. Er wurde von Angst, Trauer und Wut begleitet. Wut auf ihn, Wut auf alle, die anderen das gleiche angetan haben und antun werden. Wut auf die Gesellschaft, die Gesetze, das Patriarchat, das immer noch Macht über uns Frauen* ausüben darf und kann. 2019 war ein Überleben. 2020 möchte ich leben. Nach und nach loslassen. Dafür musste ich letztes Jahr alle Gefühle und somit auch Heilung zulassen und nach und nach die Scherben auflesen, die in jener Nacht in tausend Stücken umherflogen. Ich wurde vergewaltigt und es tut immer noch weh. Die Scherben lese ich weiterhin jeden Tag auf. Und irgendwann, das weiss ich, werden auch die Ängste weniger, die Wut und die Trauer werden zur gleichen Tür wieder rausgehen. Ich werde wieder komplett ausgelassen tanzen können. Lieben und leben. Was ich ganz sicher weiss ist, dass wir Gesetze anpassen müssen, um endlich Opfer und nicht mehr Täter zu schützen, dass wir Aufklärung brauchen denn mein Fall ist kein Einzelfall. Und dass wir unsere Stimmen erheben müssen. Für jede einzelne von uns. Genau deshalb breche ich mein Schweigen. Ni una menos. ♥️

Ein Beitrag geteilt von Morena Diaz (@m0reniita) am

Gemäss dem heute geltenden Strafgesetz ist dieser Geschlechtsverkehr vermutlich nicht als Vergewaltigung einzustufen, denn die Umstände für eine Vergewaltigung lauten: «Wer eine Person weiblichen Geschlechts zur Duldung des Beischlafs nötigt, namentlich indem er sie bedroht, Gewalt anwendet, sie unter psychischen Druck setzt oder zum Widerstand unfähig macht.»

Der Hintergrund zu dieser Textpassage sei historisch bedingt, argumentieren die Juristinnen in der NZZ. Frauen sollten sich mit grossem Widerstand gegen Geschlechtsverkehr ausserhalb ihrer Ehe wehren. Dass eine Vergewaltigung auch innerhalb einer Partnerschaft vorkommen kann, war zur Zeit der Gesetzschreibung keine denkbare Option.

Mit der Gesetzrevision soll eine «Nein heisst nein»-Regel eingeführt werden. Wenn eine Frau – oder ein Mann – Nein zum Sex oder anderen sexuellen Handlungen sagt, wäre es eine Vergewaltigung.

Seit der Veröffentlichung des Posts über ihre Vergewaltigung ist die Followerzahl von Morena Diaz um 2000 angestiegen. Der Post hat über 12000 Likes und mehr als 1000 Kommentare erhalten. Viele davon Sympathiebekundungen. Andere Reaktionen zeigen, dass eine Gesetzesänderung in der Tat an der Zeit wäre.

Von «Was hast du getragen?» bis «Wen wundert’s»

Zwar kann auch eine Nein-Regel nicht dafür sorgen, dass die Beweisprobleme von Sexualdelikten gelöst sind. Aber wie Morena Diaz schreibt, geht es ihr darum, aufzuklären. Noch immer scheinen Leute das Gefühl zu haben, dass man als Opfer zumindest zu einem Teil zur Vergewaltigung beigetragen hat.

In einem weiteren Post veröffentlichte Diaz Kommentare, in denen sie gefragt wurde, was sie denn an diesem Abend getragen hatte und wo sich die Vergewaltigung abgespielt habe und in welcher Beziehung sie zum Täter stehe. «Bei einem sexuellen Übergriff spielt es keine Rolle, wie man angezogen war», schreibt Morena Diaz. «Das Opfer kann nackt vor dem Täter stehen, er hat nicht das Recht, das Opfer gegen seinen Willen anzufassen.»

«Bei einem sexuellen Übergriff spielt es keine Rolle, wie man angezogen war. Das Opfer kann nackt vor dem Täter stehen, er hat nicht das Recht, das Opfer gegen seinen Willen anzufassen.»

Ein Nein sei ein Nein und müsse respektiert werden. Für Morena Diaz sind solche Reaktionen, mit denen sie zwar gerechnet hat, «ein Schlag ins Gesicht und eine Barriere mehr, die Opfer davon abhält, sich zu öffnen».

Die Gesetzesänderung hat auch Gegner. Der Zürcher Strafrechtsprofessor Daniel Jositsch sagte gegenüber der NZZ: «Hier werden strafrechtliche Prinzipien über den Haufen geworfen.» Kritiker sehen die Unschuldsvermutung in Gefahr und befürchten, dass Opfer ein Nein behaupten können, worauf jemand zu Unrecht einer Vergewaltigung bezichtigt werden könnte.

Aber auch Jositsch bestreitet nicht, dass das bestehende Sexualrecht «lückenhaft und teilweise überholt ist», wie die NZZ schreibt. Im Gegensatz zu anderen Ländern ist die Debatte in der Schweiz erst am Anfang.

Ausdrückliche Zustimmung ist verlangt

Ja heisst Ja

Mehrere europäische Länder, darunter Deutschland und Grossbritannien haben bereits ein Gesetz, das Sex ohne Einwilligung als Vergewaltigung klassifiziert. In Schweden wurde als Folge der «Me Too»-Debatte im Juli 2018 ein neues Gesetz eingeführt, das für einvernehmlichen Sex eine Ja-Regel vorschreibt:
Wenn der Geschlechtsverkehr oder andere sexuelle Handlungen ohne ausdrückliche Zustimmung stattfinden, handelt es sich um Vergewaltigung. Anders als in der Schweiz geht es nicht darum, wie fest sich jemand gewehrt hat oder wie laut das Nein war. Ein deutliches Ja muss es sein. Ein Jahr später hat das Schwedische Obergericht erstmals einen Mann auf der Grundlage des neuen Gesetzes verurteilt.
Nach mehreren Vergewaltigungsprozessen mit milden Urteilen plant auch Spanien die Einführung einer Ja-Regel. In Deutschland wurde das Sexualstrafrecht 2016 angepasst und eine «Nein heisst Nein»-Regel eingeführt. Allen gemein ist die Abwendung von der Vorstellung, dass eine Vergewaltigung nur stattfindet, wenn Gewalt im Spiel ist. (jgl)

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«Es ist kein sexueller Missbrauch, es ist Vergewaltigung»

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