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Interview

«Wir haben zu wenig auf Emotionen gesetzt»: GLP-Grossen übt nach CO2-Debakel Selbstkritik

Die Schweizer Klimapolitik steht nach dem Nein zum CO2-Gesetz vor einem Scherbenhaufen. GLP-Chef Jürg Grossen sagt im Interview, was bei der Kampagne schiefgelaufen ist – und warum er als Oberländer die Landbevölkerung nicht versteht.
13.06.2021, 20:43

Herr Grossen, das CO2-Gesetz war grün und liberal, genau wie ihre Partei. Wie sehr schmerzt diese Niederlage?
Es tut sehr weh. Vom Bauernverband bis zu allen Parteien ausser der SVP: Mit dieser breiten Allianz an Befürwortern hätten wir klar ins Ziel kommen müssen. Keine Frage.

«Mit dieser breiten Allianz an Befürwortern hätten wir klar ins Ziel kommen müssen. Keine Frage.»
Jürg Grossen

Was ist schiefgelaufen?
Schwierig zu sagen. Der negative Cocktail mit den Landwirtschaftsinitiativen und dem Covid-Blues hat uns sicher nicht geholfen. Aber man kann den Fehler immer bei den anderen suchen. Wir müssen vor der eigenen Türe wischen. Im Abstimmungskampf haben wir zu wenig auf die Emotionen der Bevölkerung gezielt, obschon das Klimathema hochemotional ist. Wir konnten den Menschen nicht genug gut erklären, was das Gesetz den einzelnen Bürgerinnen und Bürgern bringt. Und verpassten es so, die Argumente der Gegner zu entkräften. Es gibt mir aber schon sehr zu denken, dass die Nein-Kampagne mit teils faktenfreien Argumenten die Mehrheit der Bevölkerung erreicht hat.

Trotz des hochemotionalen Themas Klima kam die Pro-Kampagne nüchtern und emotionslos daher. Wieso das?
Der breiten Allianz an Befürwortern ist es wichtig gewesen, dass man in der Kampagne sachlich und korrekt bleibt. Aber gerade das CO2-Gesetz liefert eigentlich viele gute, positive Emotionen, die man hätte ansprechen können. Es wäre ein Gesetz gewesen, das richtig netto Null gegangen wäre. Ein Gesetz für die nächsten Generationen also. Alles emotionale Punkte.

Jürg Grossen versteht nicht, warum die Landbevölkerung gegen das Klimagesetz stimmte.
Jürg Grossen versteht nicht, warum die Landbevölkerung gegen das Klimagesetz stimmte.
Bild: keystone
«Es ist für mich unverständlich, dass die Landbevölkerung weiterhin 8 Milliarden Franken pro Jahr an die Ölscheichs schicken will.»

Die Landbevölkerung hat das Klima-Gesetz regelrecht versenkt. Sie stammen selbst aus Frutigen im Berner Oberland. Wie erklären Sie das wuchtige Nein in den ländlichen Regionen?
Ehrlich gesagt verstehe ich es nicht. Im Oberland haben wir viel Holz, Wasser, Sonne und können daraus einheimische, erneuerbare Energie produzieren. Es ist für mich unverständlich, dass die Landbevölkerung weiterhin 8 Milliarden Franken pro Jahr an die Ölscheichs schicken will. Wir verfügen über alle technischen Lösungen gegen die Klimaerwärmung, sind aber nicht bereit, sie einzusetzen. Darum finde ich das wuchtige Nein in den ländlichen Gebieten schon etwas schizophren.

Sie erreichen also ihre eigenen Leute nicht. Wie kann man die Landbevölkerung denn abholen, die offenbar wirklich anders tickt als die Städter?
Es gibt auch viele Leute auf dem Land, die für Klimaschutz sind, aber an diesem CO2-Gesetz einige Sachen auszusetzen hatten. Oder sich zu wenig damit beschäftigt haben, wie man heute mit Elektro-Autos statt Verbrennern unterwegs sein kann. Wenn man den Leuten Lösungen direkt aufzeigt, wie etwa anhand von klimaneutralen Gebäuden, holt man die Leute schon ab. Auf dem Land braucht es manchmal vielleicht einfach ein bisschen mehr Zeit.

Nach dem Nein zum CO2-Gesetz steht die Schweizer Klimapolitik vor einem Scherbenhaufen. Wie geht es jetzt weiter?
Wichtig ist, dass wir nun eine genaue Analyse der Ergebnisse vornehmen. Es ist klar: Die Schweiz hat das Pariser Klimaabkommen unterschrieben und sich verpflichtet, bis 2050 netto Null zu erreichen. Die Gegner der Vorlage haben sich öffentlich zu Klimaschutz bekannt. Jetzt müssen wir mit ihnen zusammen schauen, was denn ihre Rezepte für wirksamen Klimaschutz sind und neue Lösungen erarbeiten.

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Lena Bühler Klimastreik

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