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SBK

Yvonne Ribi, Geschäftsführerin des Schweizer Verbandes der Pflegefachpersonen, hofft auch nach der Corona-Krise auf die Unterstützung der Bevölkerung bei ihren Forderungen. bild: keystone / werner tschan

Interview

Warum der Applaus nicht reicht: «Die Bedingungen in der Pflege müssen sich verbessern»

Am Freitagmittag applaudierte die ganze Schweiz für das Gesundheitspersonal, das in der Corona-Krise wichtiger ist denn je. Die Geschäftsführerin des Schweizer Verbands der Pflegefachpersonen erhofft sich, dass nun ihre jahrelangen Forderungen nach besseren Arbeitsbedingungen endlich erhört werden.



Frau Ribi, heute Mittag hat die Schweiz für das Gesundheitspersonal applaudiert. Rührt Sie das?
Yvonne Ribi: Ja, das rührt mich und im Namen des Pflegepersonals danken wir ganz herzlich dafür. Ganz wichtig ist aber, dass die Bevölkerung uns jetzt unterstützt, in dem sie zuhause bleibt, soziale Kontakte meidet und die Anweisungen des Bundesamtes für Gesundheit befolgt.

Was haben die Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner in den letzten Wochen geleistet?
Viele erleben, dass ihr Berufsalltag umgekrempelt wird. 12- Stunden-Schichten werden eingeführt, Abläufe eingeübt, Ferien gestrichen und Überstunden geleistet. Dabei gilt es auch, sich und sein Privatleben zu organisieren.

Das ist einschneidend. Wie ist die Stimmung unter ihnen?
Die Situation ist angespannt, die Pflegenden und das ganze Gesundheitspersonal werden aber alles daran setzen, diese Situation so gut wie möglich zu bewältigen. Neben den COVID-19-Patienten müssen auch Patientinnen und Patienten mit Hirnschlägen, Unfällen oder Krebs behandelt werden können.

Der Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner (SBK) ist der Berufsverband der diplomierten Pflegefachpersonen der Schweiz. Mit seinen rund 25'000 Mitgliedern ist er einer der grössten Berufsverbände im Gesundheitswesen.

Wie werden die nächsten Wochen für das Personal aussehen?
Wir gehen davon aus, dass es sehr, sehr streng und belastend werden wird. Deshalb muss die Bevölkerung mithelfen. Ich appelliere deshalb: Bleiben Sie zuhause! Halten Sie die Hygienerichtlinien ein!

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Videos aus Italien zeigen: Viele der Spital-Angestellten arbeiten rund um die Uhr und kippen vor Überarbeitung beinahe um. Wie will man das Personal in der Schweiz davor schützen?
Das zur Verfügung stellen von genügend Schutzmaterial ist enorm wichtig. Zudem sind die Führungspersonen in den Institutionen maximal gefordert, dass die Einsatzpläne so gestaltet werden, dass Ruhezeiten, Essenszeiten etc. eingehalten werden können.

Was tun Sie derzeit für das Personal?
Wir suchen zusammen mit vielen Kantonen über unsere Mitgliederdatenbank Pflegende, die jetzt aushelfen können. Wir unterstützen bei arbeitsrechtlichen Fragen und setzen uns bei den Behörden für genügend Schutzmaterial ein. Wir geben Empfehlungen ab, wie zum Beispiel für den Einsatz von Auszubildenden und Studierenden.

Die Menschen merken nun deutlich: Ohne das Gesundheitspersonal würde gar nichts gehen. Brauchte es für dieses Verständnis diese Krise?
Es ist kein Geheimnis, dass unsere Stellenpläne eng sind und die Pflege schon in einer normalen Situation am Limit läuft. Klar ist aber, dass es danach dringende Massnahmen im Pflegebereich braucht. Die Politik muss dafür endlich die Weichen richtig stellen.

Was fordert Ihr Verband von der Politik?
Wir warnen seit Jahren vor einem Pflegenotstand. Ein Blick in die Zukunft reicht dafür, denn der Pflegebedarf der Bevölkerung wird wegen der demographischen Entwicklung massiv zunehmen. Wir wollen die pflegerische Versorgung auch in Zukunft noch sicherstellen können. Deshalb fordern wir Massnahmen, die Ausbildungszahlen drastisch zu erhöhen und Massnahmen, damit die Ausgebildeten länger im Beruf bleiben. Die Rahmenbedingungen in der Pflege müssen sich verbessern.

Also reicht der Applaus nicht?
Die Pflegenden stehen jetzt an vorderster Front und kämpfen für und mit den schwerkranken Menschen. Die Anerkennung für diese Leistung durch Applaus gibt Kraft und Zuversicht. Wir zählen aber darauf, dass die Schweizer Bevölkerung uns auch nach dieser Krise unterstützt, wenn es darum geht, die Situation in unseren Berufen zu verbessern.

Denken Sie, dass sich nach der Krise etwas langfristig ändern wird und Ihre Forderungen erhört werden?
Davon gehe ich aus. Mit der Unterstützung der Bevölkerung wird es uns als Verband gelingen, die Entscheidungsträger zum Handeln zu überzeugen. Pflege ist systemrelevant!

Müssten die Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner nicht per sofort mehr entlohnt werden?
Eine finanzielle Anerkennung ist ein wichtiges Element. Aktuell steht für uns aber im Vordergrund, dass unsere Leute im Spital, in der Spitex und im Pflegeheim genügend Schutzmaterial zur Verfügung gestellt bekommen, damit sie sich und die Risikogruppen ausreichend schützen können.

Der Nationalrat hat vergangenen Dezember die Pflegeinitiative zur Ablehnung empfohlen – wie schauen Sie heute auf diese Empfehlung zurück?
Die in der Vergangenheit getroffenen politischen Entscheidungen rund um die Pflege machen mich sehr nachdenklich. Aber es geht darum, in die Zukunft zu schauen. Ein indirekter Gegenvorschlag ist ja auch unterwegs. Ich denke, dass jetzt jeder und jede versteht, wie systemrelevant die Pflege ist. Aber jetzt ist nicht die Zeit für Schuldzuweisungen. Es geht nun darum, die aktuelle Krise zu meistern und dafür setzt sich das ganze Pflegepersonal in der Schweiz ein.

Das Interview wurde schriftlich geführt.

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