Schweiz
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Die Synagoge an der Loewenstrasse, aufgenommen am Dienstag, 10. April 2012 in Zuerich. (KEYSTONE/Alessandro Della Bella)

Die Synagoge der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich an der Löwenstrasse (Archivbild 2012). Bild: KEYSTONE

Interview

«Online-Verschwörungstheorien können tödliche Folgen haben – auch in der Schweiz»

Ein neuer Bericht zeigt: Die Judenfeindlichkeit in der Deutschschweiz ist zunehmend von antisemitischen Verschwörungstheorien begleitet. Einer der Autoren erklärt, was Politik und Gesellschaft dagegen tun können und wie alte Ressentiments in einer komplexen Welt neue Anhänger finden.



Der Bericht

Am Dienstag veröffentlichten der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG), der Dachverband der jüdischen Gemeinden, und die Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus (GRA) den Antisemitismusbericht 2019 für die Deutschschweiz. Er wertet antisemitische Vorfälle und Äusserungen aus, welche über die Antisemitismus-Meldestelle des SIG eingegangen oder durch dessen Medien-Monitoring und Recherchen in sozialen Medien und Kommentarspalten von Online-Medien festgestellt worden sind. Die Autoren des Berichts weisen darauf hin, dass von einer hohen Dunkelziffern an antisemitischen Vorfällen ausgegangen werden muss, die weder gemeldet noch registriert worden sind.

Die wichtigsten Zahlen und Fakten

Das Interview

Herr Pugatsch, gemäss dem Antisemitismusbericht 2019 sind Verschwörungstheorien auch in der Schweiz auf dem Vormarsch. Macht Ihnen diese Entwicklung Sorgen?
Dominik Pugatsch: Das Monitoring des SIG und der Stiftung GRA hat 2019 für die Deutschschweiz 485 Fälle von antisemitischen Äusserungen in sozialen Netzwerken und Leserkommentaren von Online-Medien registriert. Doch selbstverständlich muss mit einer hohen Dunkelziffer gerechnet werden. Den grössten Anteil machen antisemitische Verschwörungstheorien aus. Tödlichen Angriffe von rechtsextremen Anhängern solcher Theorien wie etwa im vergangenen Jahr in Christchurch oder Halle zeigen, dass aus online verbreiteten Verschwörungstheorien reale Taten mit tödlichen Folgen werden können. Das ist eine ernstzunehmende Gefahr, auch in der Schweiz.

Bild

Dominik Pugatsch (37) ist Geschäftsführer der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus GRA und Mitautor des Berichts. Bild: zvg

Was können Gesellschaft und Politik gegen diese Gefahr tun?
Es braucht neben Präventionsmassnahmen vor allem politisches Engagement und Zivilcourage. Wir müssen als selbstbewusste Demokraten diesen dunklen Kräften entgegentreten. Und Politiker stehen als Volksvertreter mit Vorbildfunktion besonders in der Verantwortung, wenn sie sich öffentlich äussern. Wenn sie beginnen, Fake News oder alternative Fakten zu verbreiten, senkt das natürlich bei Personen mit einem Hang zu Verschwörungstheorien die Hemmschwelle, ihre kruden Ansichten zu verbreiten. Die sozialen Medien spielen dabei eine wichtige Rolle als Echokammer und als Lautstärker.

Wie reagiert die jüdische Gemeinde in der Schweiz auf den Vormarsch von antisemitischen Verschwörungstheorien?
Der SIG und die Stiftung GRA befinden sich einerseits in permanentem Austausch mit der Zivilgesellschaft, der Politik und anderen religiösen Gemeinschaften und setzen uns in der Debatte für eine tolerante Schweiz ein – zuletzt etwa bei der Abstimmung über die erweiterte Anti-Rassismusstrafnorm. Wir gehen in die Schulen und betreiben Informations- und Präventionsarbeit zu Antisemitismus und Rassismus. Daneben, und das ist mir persönlich besonders wichtig, muss auch auch das ganz normale jüdische Leben in der Schweiz gezeigt werden. Wir können stolz sein auf das über weite Strecken verständnisvolle und von Toleranz geprägte Zusammenleben der verschiedenen Kulturen und Religionen hierzulande.

Besonders populär sind im Internet derzeit verschiedene Ausprägungen der so genannten «Replacement Theory» oder «Umvolkungstheorie». Gemäss ihren Anhängern wollen die unter jüdischer Kontrolle stehenden Eliten – Stichwort George Soros – die weisse europäische Bevölkerung durch arabische und afrikanische Migranten ersetzen und eine leichter zu kontrollierende Mischrasse erschaffen. Auch die Täter von Christchurch, Halle oder Hanau nahmen darauf Bezug. Wie erklären Sie sich die aktuelle Popularität der «Umvolkungstheorie»?
Bei antisemitischen Verschwörungstheorien tauchen immer alte Ressentiments in neuer Form auf. In der «Replacement Theory» wird im Prinzip nichts anderes behauptet als in den «Protokollen der Weisen von Zion» aus dem frühen 20. Jahrhundert: Es geht darum, einer Minderheit irgendwelche geheimen Machenschaften zum Schaden der Mehrheit zu unterstellen. Ganz wichtig dabei ist: Der Antisemitismus braucht kein reales Objekt. Es gibt Antisemiten, die noch nie einem Juden begegnet sind. Antisemitische Verschwörungstheorien sagen deshalb nichts über die Juden, aber viel über ihre Anhänger aus.

Welchen Einfluss haben die Migrationsbewegungen nach Europa seit 2015 auf antisemitische Verschwörungstheorien?
Wie erwähnt braucht es weder Juden noch Flüchtlinge oder andere Auslöser, damit antisemitische Verschwörungstheoretiker einen Grund für ihre Ansichten haben. Es gab diese Ansichten schon immer. Der Anteil der Schweizer Bevölkerung mit einer Feindseligkeit gegenüber Jüdinnen und Juden lag in den letzten acht Jahren stabil zwischen acht und zehn Prozent. Was sich vielleicht geändert hat: Die Welt ist zunehmend komplexer, die Herausforderungen für die Menschheit ebenfalls. Das Tempo der Informationsverbreitung hat rasant zugenommen. Verschwörungstheorien sind ein Tool der Vereinfachung und teilen die Welt in ein Freund-Feind-Schema ein. Sie befreien einem davon, sich eigene Gedanken zu machen und sich um Einordnung zu bemühen.

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