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Das Human Brain Project will das menschliche Gehirn simulieren.
bild: streetart-künstler Phlegm, via slickzine

Interview

«Eine Maschine wird niemals ein Bewusstsein haben»

Übernehmen intelligente Roboter die Macht? Angesichts der Fortschritte auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz greift diese Angst um sich. Christoph Ebell gibt Entwarnung. Er ist Executive Director beim Human Brain Project an der ETH Lausanne.



Sie wollen das menschliche Hirn rekonstruieren. Wie läuft es so?
Christoph Ebell: Ganz gut, eigentlich. Aber ich muss Sie leicht korrigieren: Wir wollen das Hirn nicht wirklich rekonstruieren. Teil des Projekts ist ein auf der Biologie fussender Versuch, das menschliche Hirn zu simulieren, um präziser zu sein.

«Es geht darum, die Infrastruktur zu errichten, um dereinst das menschliche Hirn simulieren zu können.»

Christoph Ebell

Christoph Ebell

Christoph Ebell.
Bild:©The Human Brain Project 2015 / Arantxa Cedillo

Zur Person

Christoph Ebell ist Executive Director des Human Brain Project (HBP) und zuständig für das Projekt. Es wird von der ETH Lausanne unter der Leitung von Henry Markram durchgeführt und von der Europäischen Kommission mit insgesamt 1,19 Milliarden Euro finanziert. Das HBP hat zum Ziel, das gesamte Wissen über das menschliche Hirn zusammenzufassen und mittels computerbasierter Modelle und Simulationen nachzubilden.   Christoph Ebell ist einer der Referenten an der Tagung «Silicon Valley meets Switzerland». Sie findet am 31. März im Technopark in Zürich statt. Mehr erfährst du hier

Das ist ein extrem ehrgeiziges Unterfangen.
Das ist richtig. Deshalb sprechen wir auch noch nicht davon, dass wir dieses Ziel bald erreichen, sondern dass wir Fortschritte erzielen. Bei diesem Projekt geht es darum, die Infrastruktur zu errichten, um dereinst das menschliche Hirn simulieren zu können.

Es gibt Stimmen, die ihr Projekt mit der Erforschung der Galaxie vergleichen. Würden Sie dem zustimmen?
Das menschliche Hirn ist tatsächlich das komplexeste biologische Objekt, das Sie sich vorstellen können. So gesehen ist der Vergleich richtig.

Wie wollen Sie Ihr Ziel erreichen?
Wir setzen alle verfügbare IT-Power ein und verbinden sie mit den neuesten Erkenntnissen der neurologischen Hirnforschung. Diese beiden Gebiete sind in der Vergangenheit noch nie erfolgreich zusammengeführt worden. Auf anderen Gebieten schon, beispielsweise in der Genetik und anderen Bereichen der Biologie.

Das menschliche Hirn wird gelegentlich als der beste Computer bezeichnet. Stimmt auch dieser Vergleich?
Es gibt sehr viele Möglichkeiten, das Hirn zu betrachten. Man kann es auch als den am höchsten entwickelten Computer bezeichnen, aber man muss dabei stets bedenken, dass es sich um eine Metapher handelt. Wir sollten es vermeiden, absolute Aussagen diesbezüglich zu machen.

Kritiker Ihres Projektes wiederum sagen, es sei unnütz. Ein Flugzeug müsse auch nicht mit den Flügeln schlagen, um zu fliegen. Für den Aufbau von künstlicher Intelligenz sei es daher nicht notwendig, das Hirn zu kopieren. Was entgegnen Sie ihnen?
Ich lade unsere Kritiker ein, sich unsere bisherigen Ergebnisse anzuschauen und uns zu helfen, weitere IT-Instrumente zu entwickeln, die wir brauchen können. Es gibt ja bereits eine wachsende Gemeinschaft von Neurowissenschaftlern, die uns dabei unterstützen, für sie nutzbare Werkzeuge zu bauen.

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«Kann man etwas simulieren, versteht man es auch.»
bild: tumblr/loup-des-steppes

Das werden diese Kritiker kaum tun. Sie halten das gesamte Projekt für sinnlos.
Jeder Mensch hat das Recht auf seine eigene Meinung.

Angenommen, Sie erreichen Ihr Ziel und können das menschliche Hirn simulieren. Haben Sie dann die so genannte Singularity erreicht, die Verschmelzung von menschlicher und künstlicher Intelligenz – und wollen Sie das überhaupt?
Nein, das ist nicht unser Ziel. Es gibt sehr viele unterschiedliche Vorstellungen darüber, was Singularity sein soll, und es gibt kein einzelnes Projekt, das dahin führen könnte. Aber nochmals: Bei uns geht es nicht um Singularity. Wir haben viel bescheidenere Ziele. Wir wollen Instrumente für die Forschung schaffen.

«Wir wollen die Menschen nicht ersetzen, wir wollen ihnen helfen und sie unterstützen.»

Christoph Ebell

Trotzdem löst die Vorstellung eines künstlichen Hirns, ob simuliert oder rekonstruiert, bei vielen Menschen Unbehagen oder gar Angst aus. Können Sie das verstehen?
Ja, deshalb wollen wir mit den Menschen in einen Dialog treten und ihnen erklären, was wir tun. Wer versteht, was wir tun, der wird auch die Angst vor einem eingebildeten Frankenstein-Monster verlieren.

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gif: giphy

Es gibt auch die Angst davor, dass Menschen zunehmend von intelligenten Robotern ersetzt werden.
Wir wollen die Menschen nicht ersetzen, wir wollen ihnen helfen und sie unterstützen. Dazu müssen wir zunächst verstehen, wie das Hirn funktioniert. Darüber wissen wir heute noch wenig. Wenn Sie etwas simulieren können, dann verstehen Sie es auch, das gilt für eine einfache Maschine genauso wie das Hirn.

Das Hirn ist aber eine sehr spezielle Maschine. Es hat ein Bewusstsein. Wird ein simuliertes Hirn dereinst ebenfalls ein Bewusstsein haben?
Das ist eine geradezu philosophische Frage, über die sehr viel spekuliert wird. Es gibt dabei unterschiedliche Lager: Für die einen ist es einfach eine Frage der Kapazität. Wenn es gelingt, die Muster zu erkennen, mit denen wir denken, und sie zu skalieren, dann wird es tatsächlich auch zu einem Bewusstsein führen. Die anderen sagen jedoch: Eine Maschine wird niemals ein Bewusstsein haben, zum Beispiel, weil sich das Bewusstsein ausserhalb des Hirns befindet.

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Wird eine Maschine jemals ein Bewusstsein haben oder nicht?
gif: tumblr/justbeingnamaste

Auf welcher Seite in dieser Debatte stehen Sie?
Die Frage: «Was macht uns menschlich?», wird noch sehr schlecht verstanden. Es gibt eine Menge Theorien darüber, einige überzeugender als andere, aber noch keine Antworten. Aber ich will nicht verleugnen, dass auch die Neurowissenschaftler an dieser Frage interessiert sind.

«Wenn Sie etwas simulieren können, dann verstehen Sie es auch, das gilt für eine einfache Maschine genauso wie das Hirn.»

Christoph Ebell

Wir können heute schon mit künstlicher Intelligenz kommunizieren, beispielsweise mit Siri auf dem iPhone. Wie wird diese Entwicklung weitergehen?
Wenn Sie die Nachrichten verfolgt haben, dann haben Sie soeben erfahren, dass es einem Computer gelungen ist, den Weltmeister im Go, einem sehr komplexen chinesischen Brettspiel, zu bezwingen. Solche Fortschritte wird es weiterhin geben. Wir sprechen dabei von «deep learning». Das bedeutet: Dank immer besseren Algorithmen und immer grösseren Datenmengen werden die Maschinen immer intelligenter. Siri ist ein gutes Beispiel dafür. Das ist aber nicht der Ansatz unseres Projekts.

Ist die Maschine bereits 2040 so intelligent wie der Mensch?

Dass Computer Schachweltmeister besiegen und Ratespiele gewinnen, ist Schnee von gestern. Das jüngste Kind der künstlichen Intelligenz (KI) heisst AlphaGo und hat den südkoreanischen Weltmeister Lee Sedol im chinesischen Brettspiel Go zwei Mal besiegt. Go ist ein bisschen wie Schach, nur sehr viel komplizierter. Lee Sedol war deshalb überzeugt, dass er seinen Gegner locker besiegen würde. Er hatte jedoch nicht mit Demis Hassabis und seinem Team von DeepMind gerechnet. Diese Superboutique in Sachen KI – inzwischen von Google gekauft ­ – gilt als führend auf dem Gebiet des so genannten «deep learning», einer Methode, die Maschinen die Fähigkeit des Lernens beibringt. Die KI-Enthusiasten haben derzeit gewaltig Aufwind. Die Hälfte von ihnen ist überzeugt, dass es bis 2040 gelingen wird, eine Maschine zu bauen, die mindestens so intelligent sein wird wie der Mensch.

South Korean professional Go player Lee Sedol reviews the match himself after finishing the second match of the Google DeepMind Challenge Match against Google's artificial intelligence program, AlphaGo in Seoul, South Korea, Thursday, March 10, 2016. The human Go champion said he was left

Go-Weltmeister Lee Sedol verliert gegen den Computer AlphaGo.
Bild: Lee Jin-man/AP/KEYSTONE

Wo stehen wir bei dieser Entwicklung: Erst am Anfang, oder ist der Höhepunkt bereits überschritten?
Ich denke, wir sind erst am Anfang.

Wenn es einst gelingen sollte, das Hirn zu simulieren, wie wird das unseren Alltag verändern?
Sicher wird der medizinische Fortschritt davon profitieren, aber auch Technologien, die ähnlich wie das Hirn funktionieren. In der Medizin wird es möglich sein, neue Wege zu finden Krankheiten zu behandeln, die bisher kaum verstanden wurden, Alzheimer beispielsweise, aber auch Depressionen und andere psychische Erkrankungen.

Was wird in den Computerwissenschaften geschehen?
Wenn es gelingt, die Muster zu begreifen, mit denen das menschliche Hirn denkt, dann werden auch viel leistungsfähigere Computer mit sehr vielen überraschenden Applikationen gebaut werden können.

«In der Medizin wird es möglich sein, Krankheiten zu heilen, die bisher unheilbar waren, Alzheimer beispielsweise, aber auch Depressionen und andere psychische Erkrankungen.»

Christoph Ebell

Bill Gates sagte einst: Kurzfristig überschätzen wir den technischen Fortschritt, langfristig unterschätzen wir ihn. Würden Sie dem zustimmen?
Kurzfristig wird es sicher nicht so sein, dass wir bald lustige Gadgets haben werden, die direkt aus unserer Forschung stammen. Das wollen wir auch nicht. Unser Ziel besteht vielmehr darin, den Wissenschaftlern aus allen Gebieten, Pharma, IT etc. neue und bessere Forschungsinstrumente zur Verfügung zu stellen.

Und wie sieht es langfristig aus?
Wenn wir das menschliche Hirn verstehen, wird das langfristig der Schlüssel zu einer Reihe von Technologien sein, die den Menschen dienen werden.

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