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Mitglieder der Organisation SOS Méditerranée bei einer Rettungsaktion im Mittelmeer.
Mitglieder der Organisation SOS Méditerranée bei einer Rettungsaktion im Mittelmeer.
Bild: keystone
Interview

Roger de Weck wird Seenotretter: «Sollte deswegen mein Ruf leiden, wäre mir das eine Ehre»

Der bekannte Publizist und Autor Roger de Weck engagiert sich neu als Vorstandsmitglied bei SOS Méditerranée, einer Organisation zur Rettung von Geflüchteten im Mittelmeer. Im Interview spricht er über seine Beweggründe.
29.05.2021, 09:1330.05.2021, 14:38

Herr de Weck, man kennt sie als Medienmann, als Ex-Chef vom «Tages-Anzeiger» und «Die Zeit». Zuletzt waren Sie Generaldirektor der SRG. Nun wollen Sie Flüchtlingshelfer werden. Warum?
Flüchtlingshelfer? Das sehe ich allerdings ganz anders: SOS Méditerranée bewahrt Frauen und Männer, Kinder und Jugendliche vor dem Ertrinken. Tausende Menschen wie Sie und ich wären heute tot ohne unser Schiff Ocean Viking und andere Rettungsschiffe, ohne die hochprofessionellen Besatzungen. Genau darum bin ich dabei. Die Entscheidung musste ich gar nicht treffen, tief in mir drin war alles entschieden.

SOS Méditerranée ist mit Schiffen auf dem Mittelmeer unterwegs, um Geflüchtete in Seenot zu retten. Für die einen werden damit die Menschenrechte gewahrt, für andere ist Seenotrettung eine Form von Schlepperei. Was ist Ihre Haltung?
Menschenleben zu retten, das ist das vielleicht wichtigste Gebot der Menschlichkeit und der Menschenrechte, darüber müssen wir ja nicht lange reden. Das Seerecht verpflichtet alle Schiffe, auch Handelsschiffe, Menschen in Seenot zu bergen, viele Kapitäninnen und Kapitäne tun das. Nur die Staaten kommen ihrer Pflicht nicht nach. Ausgerechnet sie halten sich am wenigsten an das Recht, das sie selber gesetzt haben. SOS Méditerranée wäre nicht nötig, wenn Europa ein verlässliches System der Seenotrettung organisieren würde. So lautet auch unsere Forderung: dass wir selbst überflüssig werden.

Ein viel gehörter Vorwurf ist jener des Pull-Faktors: Die NGO-Schiffe vor der Küste Nordafrikas motiviere Migranten regelrecht, in lädierte Gummiboote zu steigen. Was sagen Sie dazu?
Die meisten sind Menschen, die aus der Hölle der libyschen Internierungslager fliehen. Zum Beispiel filmen die Schergen, wie sie einen Insassen foltern, und seiner Familie senden sie dann das Video, um Geld zu erpressen. Ob es Rettungsschiffe gibt oder ob diese am Auslaufen gehindert werden – diese Verzweifelten haben letztlich keine andere Wahl, als auf seeuntauglichen Schlauchbooten und Wracks ihr Leben zu riskieren. Ohnehin gibt es eine ganze Reihe wissenschaftlicher Studien, die ermittelt haben, dass kein Zusammenhang zwischen der Anwesenheit ziviler Seenotretterinnen und -retter und der Zahl der Geflüchteten besteht. Nach der Einstellung der Rettungsoperation Mare Nostrum im Oktober 2014 ging die Zahl der Menschen, die das zentrale Mittelmeer zu überqueren versuchten, keineswegs zurück. Im Gegenteil: Die Zahl stieg, genauso wie die Zahl der Todesfälle.

«Wer die Empathie erkalten lässt, eingefrorene Gefühle hat, der beschädigt sich und verletzt auch viele Mitmenschen.»

Kritiker monieren, man müsse die Geflüchteten davor abschrecken, in solche Boote zu steigen.
Selbst wenn sich diese Verzweifelten abschrecken liessen, was nirgends der Fall ist: Menschen ertrinken zu lassen, um andere Menschen abzuschrecken – das wäre entsetzlich, und auch rassistisch: Handelte es sich bei diesen Menschen um verzweifelte Schweizerinnen und Schweizer, würde niemand auch nur eine Sekunde ihren Tod achselzuckend in Kauf nehmen wollen.

In der Coronakrise interessiert sich kaum mehr jemand für Geflüchtete auf dem Mittelmeer. Wie sieht die Situation derzeit überhaupt aus?
Ungut. Die Crew der Ocean Viking wurde Ende April Zeugin eines Schiffsunglücks vor Libyen. Rund 130 Menschen waren ertrunken, überall Leichen im Meer. Obwohl die Behörden vom Schiffbruch wussten, haben sie unsere Crew nicht informiert. So waren die Ocean Viking und drei Handelsschiffe viel zu spät vor Ort. Ein paar Tage danach rettete die Crew 236 Menschen aus ihren seeuntauglichen Schlauchbooten, darunter 119 unbegleitete Minderjährige. Dieses Jahr sind in dieser Gegend des Mittelmeers bereits 556 Menschen ums Leben gekommen.

Bild: KEYSTONE
zur Person:
Der Autor und Publizist Roger de Weck (67) ist Gastprofessor am College of Europe in Brügge. Er war SRG-Generaldirektor, Präsident des Stiftungsrats des Graduate Institute of International and Development Studies in Genf, Chefradator von «Die Zeit» und des «Tages-Anzeigers». Er ist Autor mehrerer Bücher.

Vergangene Woche schwammen über 5000 Menschen vom marokkanischen Festland aus zur spanischen Enklave Ceuta. In Europa – so hoffen sie – wollen sie sich ein neues Leben aufbauen. Ein legitimer Wunsch?
SOS Méditerranée ist notgedrungen auf Rettungseinsätze im zentralen Mittelmeer spezialisiert, da gibt es echt genug zu tun. Und auch ich kenne mich nicht aus in Sachen Ceuta. Aber ein Wahlspruch des angelsächsischen Journalismus besagt: ‹When you don’t know the facts, take the principles› – kennst du die Fakten nicht, dann halte dich an die Grundsätze. Und da halte ich mich an einen grundlegenden Gedanken des Schriftstellers Adolf Muschg: Er erinnert daran, dass die Namensgeberin unseres Kontinents, die phönizische Prinzessin Europa, eine Ausländerin war. Mit ihren Freundinnen spielte Europa an einem Strand des Mittelmeers, auf dem Gebiet des heutigen Gaza-Streifens, als Gottvater Zeus sie gewaltsam auf unseren Erdteil entführte.

Was wollen Sie uns damit sagen?
Ich denke, solche mythologischen Ursprünge laden uns zur Mitmenschlichkeit ein, zumal wenn jetzt rundherum um das Mittelmeer so viel Gewalt ist.

«Statt für Fairness zwischen Nord und Süd zu sorgen, lassen wir unendlich viel Verzweiflung im Süden und enorm viel Unverschämtheit im Norden zu.»

Selten enden solch waghalsige Fluchten gut. Entweder die Geflüchteten werden umgehend wieder zurückgeschickt, so auch im Fall von Ceuta. Oder im schlimmsten Fall erreichen sie ihr Ziel nicht und ertrinken. Was geht Ihnen bei solchen Nachrichten durch den Kopf?
Mitgefühl, erst recht weil ich um die gelungenen Lebenswege vieler Menschen weiss, die aus der Seenot gerettet wurden und anfangs völlig traumatisiert waren, dann aber so viel in unsere Gesellschaft eingebracht haben. Ich will nicht abstumpfen. Wer die Empathie erkalten lässt, eingefrorene Gefühle hat, der beschädigt sich und verletzt auch viele Mitmenschen.

Wären Sie als Tourist in Marokko, so könnten Sie problemlos in eine Fähre einsteigen und legten eineinhalb Stunden später unversehrt im spanischen Algeciras an Land. Ungerechtigkeit oder Pragmatismus einer politischen Realität?
Sie sprechen die weltweite Personenfreizügigkeit an: Die Schweiz hat nur schon in Europa Mühe damit. Es wird ein jahrhundertelanger Weg bis zu einer Art Personenfreizügigkeit zwischen Europa und Afrika. Die Europäer dürfen sich weitgehend frei in Afrika niederlassen, umgekehrt nicht: Ist das in Ordnung? Nein, es ist hochmütig. Aber ich bin ein Kulturoptimist. Der freie Personenverkehr innerhalb Europas war einst eine Utopie, jetzt ist er Alltag. Solchen realen Utopien kann man sich Schritt für Schritt annähern. In Marokko übrigens habe ich einst gearbeitet, später habe ich das Land intensiv bereist, privat und als Reporter. Ich habe familiäre Wurzeln dort, was ich lang nicht wusste. Darüber werde ich früher oder später schreiben.

«Wenn bürgerliche Milieus die Menschenrechte relativieren oder strapazieren, verlieren sie ihre Seele.»

Die Flucht über das Mittelmeer beschäftigt die Politik seit vielen Jahren. Doch eine Lösung des Problems ist nicht in Sicht. Was muss Ihrer Meinung nach getan werden?
Statt für Fairness zwischen Nord und Süd zu sorgen, lassen wir unendlich viel Verzweiflung im Süden und enorm viel Unverschämtheit im Norden zu. Menschen ohne Perspektiven gefährden sich selbst. Hat aber der Süden schlechte Perspektiven, gefährdet sich der Norden selbst. Wir und die anderen – das ist eine vorgestrige Denkweise auf dem Planeten mit bald acht Milliarden Menschen, die zwangsläufig zusammenrücken müssen.

Könnten Sie sich vorstellen, selbst einmal an Bord eines Schiffs von SOS Méditerranée zu gehen?
Klar, wobei jede Person, die an Bord der Ocean Viking kommt, eine spezielle Aufgabe erfüllt, da wird kein Platz verschwendet. Ich will mich erst einarbeiten und ganz praktisch ausbilden. Diese NGO arbeitet professionell, ich möglichst auch.

Befürchten Sie, das Engagement für die Seenotrettung könnte Ihren Ruf beschädigen? Oder sie in die Ecke des linken Idealisten stellen?
Ist das Humanitäre – im Land des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz – linker Idealismus? Und sowieso, die Menschenrechte sind die Errungenschaft zweier bürgerlicher Revolutionen, der amerikanischen und der französischen. Wenn bürgerliche Milieus die Menschenrechte relativieren oder strapazieren, verlieren sie ihre Seele. Und in der Tat werden viele seelenlos. Sollte mein Ruf wegen des Engagements bei SOS Méditerranée leiden, wäre mir das eine Freude und eine Ehre.

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