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Passfoto von Fortunato Maesano im Weihnachtsbaum seiner Familie, als er im Gefängnis sass. bild: facebook

Der «Mafiaboss von Brig» ist wieder auf freiem Fuss – in die Schweiz darf er aber nicht

Der Italiener Fortunato Maesano wurde vor fünfzehn Jahren wegen Beziehungen zur Mafia im Wallis verhaftet. Nun wurde er aus dem Gefängnis entlassen und will zurück zu seiner Familie. Er beteuert seine Unschuld. Doch er gilt als Gefahr für die Sicherheit der Schweiz.

Andreas Maurer / ch media



Fortunato Maesano, Jahrgang 1953, führte ein unauffälliges Leben in Brig. Der Italiener kam mit 20 Jahren als Saisonnier, fand Arbeit als Maler und erhielt eine Niederlassungsbewilligung. Er heiratete die Tochter eines Malermeisters, mit der er drei Töchter grosszog. Maesano war ein fröhlicher Typ. Alle mochten ihn. Niemand dachte, er könnte ein Mafioso sein.

Der 26. Oktober 2006 war der Tag, der alles veränderte. An diesem Donnerstag wollte Maesano wie jeden Morgen sein Auto aus der Garage holen, als er von einem Dutzend Polizisten verhaftet wurde. Ein Gericht in Kalabrien hatte ihn in Abwesenheit zu elf Jahren Gefängnis verurteilt, weil er Mitglied der mächtigsten Mafia Europas sein soll: der ‘Ndrangheta. Deshalb lieferte ihn die Schweiz nach Italien aus.

Maesano stammt aus dem Bergdorf Roghudi in der Stiefelspitze Italiens. Hier hatte ein Clan der ‘Ndrangheta das Sagen, der aus drei Familien hervorgegangen war und deshalb Maesano-Pangallo-Favasuli-Clan hiess. Er gilt bis heute als aktiv und einflussreich.

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In der Struktur der ‘Ndrangheta ist Blutsverwandtschaft das entscheidende Kriterium. Maesano wurde mit der Geburt zum Mitglied einer mächtigen Mafiafamilie. Die italienischen Antimafia-Jäger gingen davon aus, dass er zu einem Boss seines Clans aufgestiegen sei und diese Rolle auch im Walliser Exil ausgeübt habe. Nach der Verhaftung galt er als «Mafiaboss von Brig».

Wie alles begann: die Fehde mit 19 Toten

In den 1990er-Jahren lieferte sich der Maesano-Pangallo-Favasuli-Clan eine Fehde mit einem verfeindeten Clan, die zu Toten und Verletzten auf beiden Seiten führte. 19 Mordfälle sind bekannt. Maesano soll aus der Schweiz Anweisungen gegeben und Waffen geliefert haben. Beweise gibt es dafür allerdings keine, sondern nur Indizien.

Die italienischen Ermittler stützten sich auf abgehörte Telefongespräche zwischen Maesano und Familienmitgliedern in Kalabrien. Dabei sollen sie in verklausulierter Sprache über Waffenlieferungen gesprochen haben. Ein Codewort für Waffe soll Föhn gewesen sein. Die Richter mussten also mit Wahrscheinlichkeiten arbeiten und annehmen, dass damit nicht tatsächlich Haartrockner gemeint waren.

Ein kalabrisches Gericht sah es in einem ersten Urteil von 2002 als erwiesen an, dass er einen Doppelmord in Auftrag gegeben hatte, und sprach eine lebenslängliche Freiheitsstrafe aus.

Die zweite Instanz hob diesen Schuldspruch aber 2004 auf, weil die Indizien dafür nicht ausreichten. So kam es zur Freiheitsstrafe von elf Jahren wegen Waffenhandels und Zugehörigkeit zu einer kriminellen Organisation. Das höchste Gericht in Rom bestätige dieses Urteil 2005.

Das Bundesverwaltungsgericht bestätigt die Gefahr

Der Fall beschäftigt die Justiz bis heute. Maesano hat seine Strafe im Hochsicherheitsgefängnis von Parma inzwischen abgesessen. Jetzt will er zurück nach Brig zu seiner Ehefrau, seinen drei Töchtern und fünf Enkelkindern.

In Italien gilt er nicht mehr als Bedrohung, weshalb er 2018 frühzeitig aus der Haft entlassen wurde. Das Schweizer Bundesamt für Polizei Fedpol stuft ihn jedoch als Gefahr für die Sicherheit des Landes ein. Deshalb hat es ein Einreiseverbot erlassen. Das ist eine präventive Massnahme, die zukünftige Straftaten verhindern soll. Das Einreiseverbot gilt bis 2033. Maesano ist 67 Jahre alt. Erst mit 80 dürfte er also wieder zurück zu seiner Familie in Brig.

Ausnahmebewilligungen für kurze Einreisen sind allerdings möglich. Für die Hochzeit einer Tochter durfte er in einem Zeitfenster von 37 Stunden in die Schweiz ein- und ausreisen.

Gegen das Einreiseverbot wehrte er sich vor dem Bundesverwaltungsgericht. Dieses wies seine Beschwerde jedoch mit Urteil vom 12. Januar 2021 ab. Es hält die Gefährdungseinschätzung von Fedpol für nachvollziehbar.

Unauffälliges Profil: Das sei typisch für Mafiosi im Exil

Im Bericht der Mafia-Spezialisten von Fedpol heisst es, ‘Ndrangheta-Mitglieder hätten im Ausland typischerweise ein unauffälliges Profil wie Maesano. Weil die Blutsverwandtschaft in dieser Organisation so wichtig sei, könne er sich kaum von diesem Umfeld komplett lösen. Selbst wenn er es wollte, würde er von der Mafia weiterhin um Gefälligkeiten angefragt werden. Zudem habe er seine Taten nie bereut, sondern stets abgestritten.

Maesano entgegnete, er könne nichts bereuen, was er nicht getan habe. Bis heute beteuert er seine Unschuld. Er hält alles für ein Missverständnis und die italienische Justiz für korrupt.

Fedpol verhängt so viele Einreiseverbote wie noch nie

Das Einreiseverbot ist eine Massnahme, die Fedpol immer häufiger einsetzt. 2020 hat die Behörde 167 Ausländer als Gefahr für die Sicherheit der Schweiz eingestuft und ihnen die Einreise untersagt. Das sind so viele wie noch nie.

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Gemäss Fedpol haben sich hierzulande bereits 400 Mafiosi niedergelassen, die in 20 Zellen aktiv sein sollen. Die jüngste Verhaftungsaktion gegen Schweizer Teile der ‘Ndrangheta erfolgte im vergangenen Sommer.

Die Einreiseverbote sind umstritten, weil sie sich wie im Fall Maesano oft auf ausländische Strafverfahren stützen, die von der Schweizer Justiz nicht überprüft werden. Da sich die Gefährdungseinschätzungen zudem auf mögliche Straftaten in der Zukunft beziehen, ist es für die Betroffenen schwierig, den Verdacht zu widerlegen.

Die vielen Fragen hätten ihn krank gemacht, sagt er am Telefon

Maesano mietet regelmässig eine Wohnung in Domodossola, damit seine Frau und seine Kinder nur eine halbe Stunde Zug fahren müssen, um ihn zu besuchen. Derzeit wohnt er aber wieder bei seiner Mamma in Kalabrien.

Mit dieser Zeitung telefoniert er über Whatsapp, um Telefongebühren zu sparen. Sein Status lautet: «Wenn du gut leben willst, nimm das Leben, wie es kommt.» Nach diesem Motto führt er auch das Gespräch. Er spricht sein fröhlich singendes Italienisch, auch wenn der Inhalt bedrückend ist. In Brig hatte er nur ein paar Sätze Walliserdeutsch gelernt. «Male», antwortet er auf die Frage nach seinem Gesundheitszustand. «Es hat mich krank gemacht, dass ich im Gefängnis von den anderen Insassen immer gefragt wurde, was ich getan hätte. Ich habe nichts getan», sagt er. In seinem Bauch sei ein Tumor gewachsen, so gross wie ein Fussball. Und jetzt komme die Enttäuschung über das Einreiseverbot hinzu. Kürzlich erlitt er einen Herzinfarkt.

Er sagt, er habe nie etwas mit der Mafia zu tun gehabt:

«Wie soll ich überhaupt für sie tätig gewesen sein? Ich habe jeden Tag von sieben Uhr morgens bis sechs Uhr abends auf den Baustellen von Brig, Leukerbad oder Zermatt gearbeitet.»

Die Schweizer Bundesanwaltschaft versuchte in den Nullerjahren mit grossem Aufwand, eine angebliche Mafiazelle im Oberwallis auszuheben. Die Ermittler installierten versteckte Kameras und Mikrofone in der Bocciahalle von Brig, um Maesano und seine Komplizen zu überwachen. Doch sie dokumentierten nur bedeutungsloses Geschwätz. Die Operation mit dem Namen «Feigenbaum» endete als Fiasko.

Verschwörungstheorie der Bundesanwaltschaft: Kokain statt Marmor?

In einem parallelen Verfahren hörten die Ermittler Telefongespräche ab, in denen Lieferungen von «Marmor» und «Schokolade mit Nüssen» besprochen wurden. Die Bundesanwaltschaft vermutete darin Codewörter für Kokain, Waffen und Munition. Als sie die Transporte stoppen liess, stiessen die Beamten aber tatsächlich auf Marmor aus China und Schweizer Schokolade.

Die Ermittlungspleiten machte der Journalist Frank Garbely, Jahrgang 1947, publik. In einer Artikelserie im «Infosperber» inszenierte er die Akte Maesano als kafkaeskes Drama mit einem Protagonisten, der zu Unrecht verleumdet worden sei. Garbely hat inzwischen ein Manuskript für ein Buch über den Fall geschrieben, das er bald veröffentlichen will.

Der Bekannte in der Politik: Peter Bodenmann

Ein weiterer Weggefährte Maesanos ist Peter Bodenmann, der ehemalige SP-Präsident aus Brig. 2006 schrieb er in der «Weltwoche», einige Indizien würden dafür sprechen, «dass hier ein Flachmaler zu einem Mafiaboss aufgeblasen wird, um im Kampf gegen das organisierte Verbrechen polizeiliche Erfolge melden zu können».

Fünfzehn Jahre später gibt es noch immer keine Gewissheit. Nur Indizien und Gefährlichkeitseinschätzungen.

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