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Peter Hans Kneubühl (76) in seiner Gefängniszelle Bild: colin frei / ch media

Seine Unterbringung im Gefängnis wäre menschenrechtswidrig – aber er will das so

Vor zehn Jahren hat sich Peter Hans Kneubühl gegen die Räumung seines Hauses in Biel gewehrt und sich vor tausend Polizisten versteckt. Demnächst kommt der Fall vor Gericht und ins Kino. Das Drama zeigt die Grenzen des Justizsystems auf.

andreas maurer / ch media



Peter Hans Kneubühl, 76, ist ein höflicher Herr. Aus dem Gefängnis antwortet er dieser Zeitung in einem Brief, dass er bereit sei, Besuch zu empfangen. Er schreibt: «Vielen Dank für Ihr Interesse an meinen Abenteuern.»

Vier Tage später öffnet der 1,95 Meter grosse Mann die Türe von Zelle 006 des Regionalgefängnisses Thun und führt in sein zwölf Quadratmeter kleines Zuhause. Die Hälfte seiner bisherigen zehn Haftjahre hat er hier verbracht. Überall liegen Papiere, fein säuberlich gestapelt und beschriftet. Auf Tausenden Seiten hat er mit seinem Kugelschreiber, den er in der Brusttasche seines karierten Hemdes mit sich trägt, seine Geschichte aufgeschrieben und sich bei allen möglichen Amtsstellen beschwert. Meistens laute die Antwort: «nicht zuständig».

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Der Bildschirm über dem Bett ist schwarz, der Anschluss fehlt. Kneubühl sagt: «Fernsehen macht passiv. Ich aber will aktiv bleiben.» Er liest Zeitungen und schreibt. Mit seinem Kugelschreiber kämpft er gegen das System an.

Verfolgungsjagd mit Helikopter und Panzer

Am 8. September 2010 hat er den Kampf mit Waffengewalt geführt. Die Sondereinheit Enzian der Berner Kantonspolizei hätte an diesem Tag sein Elternhaus am Mon-Désir-Weg in Biel räumen sollen, das nach einem Erbstreit zwangsversteigert wurde. Doch der damals 67-Jährige verliess sein Haus nicht freiwillig. Als die Polizei vorfuhr, verbarrikadierte er Türen und Fenster und schoss auf die Beamten. Die Polizisten umstellten das Haus, evakuierten das Quartier und sperrten die Strassen. Nach elfstündiger Belagerung stürmte Kneubühl nach Mitternacht plötzlich aus dem Haus, schoss einen Polizisten an und verschwand in der Dunkelheit. Er floh durch die Gärten der verlassenen Nachbarhäuser. Die Polizisten verloren ihn aus den Augen, weil sie auf diese Situation nicht vorbereitet waren.

Das Haus am Mon-Desir-Weg im Bieler Lindenquartier, am Samstag, 11. September 2010 in Biel. Ein 67-jaehriger Mann hat sich am Mittwoch 8. September 2010 nach einem Polizeieinsatz in einem Haus in Biel verschanzt. Er gab mehrere Schuesse ab. Ein Polizist wurde dabei schwer verletzt. Im Vorfeld der Aktion hatte ein Zivilgericht entschieden, dass das Haus, in dem der 67-jaehrige Mann lebt, versteigert werden soll. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Kneubühls früherer Wohnort am Mon-Désir-Weg in Biel. Bild: KEYSTONE

Neun Tage lang versteckte sich Kneubühl an unbekannten Orten, bis er in der Taubenlochschlucht gesichtet und verhaftet wurde. Während der Fahndungsaktion standen im Einsatz: 1057 Polizisten mit 150 Nachtsichtgeräten und 40 Maschinenpistolen, ein Helikopter des Typs Super Puma und ein Radschützenpanzer Piranha.

Kneubühl kämpft für seine vier Wände – damals und heute

2013 wurde Kneubühl von der Bieler und Berner Justiz für schuldunfähig erklärt. Weil ihm Verfolgungswahn attestiert wurde, musste er sich nicht für die Schüsse auf die Polizei verantworten. 2014 wurde das Urteil vom Bundesgericht bestätigt. Der Senior wurde zu einer stationären Therapie verurteilt. In seinem Fall bedeutete dies eine Psychotherapie im Gefängnis. Doch er verweigert das Gespräch mit Psychiatern bis heute. Er ist überzeugt, dass nicht er krank sei, sondern das Justizsystem.

Sein Kampf gegen die Polizei war nur neun Tage lang erfolgreich. Sein Kampf gegen den Justizvollzug hingegen ist schon seit neun Jahren erfolgreich. Dreimal hat er sich mit einem Hungerstreik dagegen gewehrt, in einer psychiatrischen Abteilung oder in einer normalen Strafvollzugsanstalt untergebracht zu werden. Stattdessen will er im Regionalgefängnis Thun bleiben. Aussergewöhnlich ist: Das ist ein Untersuchungsgefängnis.

Kneubühl unterwirft sich damit freiwillig dem härtesten Haftregime. In U-Haft haben Gefangene am wenigsten soziale Kontakte. In der Regel ist man 23 Stunden am Tag eingeschlossen. Das stört Kneubühl nicht, im Gegenteil. Er sagt: «Viele Junge halten es nicht aus, alleine zu sein. Für mich aber ist das befreiend.» Am Ort mit der grösstmöglichen Unfreiheit findet Kneubühl ein Stück Freiheit – und ein Zuhause. In seiner Zelle fühle er sich sicherer als früher in seinem Haus, weil er hier nicht mehr verfolgt werde.

Im Strafvollzug müsste er arbeiten und wäre eingebunden in ein fein austariertes System von kleinen Bestrafungen und Belohnungen. So wolle man ihn «umprogrammieren in einen guten Staatsbürger», sagt er. Dem kann er sich in Thun entziehen.

Der günstigste Häftling

Hinzu kommt die symbolische Bedeutung, die ihm wichtig ist: Die Unterbringungsart suggeriert, dass eine Untersuchung laufe. Aus seiner Sicht wurde sein Fall nie richtig aufgeklärt. Die Verfolgung, welche die Gerichtspsychiaterin als Wahn einstuft, ist für ihn real: Er sieht sich als Opfer einer korrupten Justiz, die von seiner Schwester instrumentalisiert werde. Der Erbteilungsstreit mit ihr führte dazu, dass sein Haus geräumt wurde. Das Ausharren im Untersuchungsgefängnis ist sein stiller Protest für eine Untersuchung seiner Vorgeschichte.

Eigentlich ist Kneubühls Unterbringung menschenrechtswidrig. Sie wäre ein Skandal, wäre er nicht freiwillig hier. Für einen Fall Kneubühl bieten die Paragrafen schlicht keine geeignete Lösung an. Die Berner Justiz hat für ihn ein Sondersetting geschaffen, von dem beide Seiten profitieren. Mit Kosten von 220 Franken pro Tag ist seine derzeitige Haft günstiger als in einer spezialisierten Einrichtung.

Das Regionalgefängnis Thun hat 98 Plätze. Achtzig Prozent der Insassen kommen nach 24 Stunden wieder frei. Es ist ein Kommen und Gehen. Nur in Zelle 006 sitzt immer der Gleiche.

«Ich bin nicht gefährlich»

Wenn die Verwahrung in Kraft treten würde, wäre es allerdings noch schwieriger, Kneubühls Verbleib im Untersuchungsgefängnis zu rechtfertigen. Die Situation ist paradox: Er müsste verlegt werden, damit er angenehmere Haftbedingungen hat. Gemütlichkeit ist aber subjektiv. Was normale Leute als angenehm empfinden, macht Kneubühl krank. So steht er wieder vor einer ähnlichen Situation wie vor zehn Jahren: Er wird sich mit Händen und Füssen dagegen wehren, seine vier Wände zu verlassen. Im Gespräch kündigt er an: «Ich gehe nicht nach Biel an die Gerichtsverhandlung.»

Das Haus am Mon-Desir-Weg im Bieler Lindenquartier, am Samstag, 11. September 2010 in Biel. Ein 67-jaehriger Mann hat sich am Mittwoch 8. September 2010 nach einem Polizeieinsatz in einem Haus in Biel verschanzt. Er gab mehrere Schuesse ab. Ein Polizist wurde dabei schwer verletzt. Im Vorfeld der Aktion hatte ein Zivilgericht entschieden, dass das Haus, in dem der 67-jaehrige Mann lebt, versteigert werden soll. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Peter Hans Kneubühlvor einem Gerichtstermin 2013. Bild: KEYSTONE

Kneubühl ist nicht nur der «Amok-Rentner», als der er nach der Eskalation in Biel berühmt wurde. Wenn jemand seine Freiheit bedroht, verteidigt er sich zwar mit allen Mitteln, was er bis heute nicht bereut: «Ich habe mich nur verteidigt und niemanden angegriffen. Ich bin nicht gefährlich.» Lässt man ihn aber ihn Ruhe, ist Kneubühl ein freundlicher und gewitzter Senior. So lobt er die Arbeit des Gefängnisdirektors und dankt ihm für die Zelle, die er ihm bietet und er muss im Interview heute noch lachen, wenn er erzählt, wie er tausend Polizisten ausgetrickst hat.

«Kneubühl ist eine tragische Figur»

Kneubühls Abenteuer ist filmreif. Der Bieler Regisseur Laurent Wyss hat daraus einen Spielfilm gedreht, der sich derzeit in der Postproduktion befindet. Eigentlich hätte der Streifen dieses Jahr in die Kinos kommen sollen. Der Kinostart wurde auf 2021 verschoben, da der Filmcrew das Geld ausgegangen ist. Das ursprünglich vorgesehene Budget von 300'000 Franken reicht nicht aus. Derzeit läuft eine weitere Finanzierungsrunde. Wyss hat Kneubühl mehrmals im Gefängnis besucht und sagt: «Er ist eine tragische Figur, weil ihm niemand helfen kann. Er ist eingeschlossen in seiner eigenen Welt.»

Kneubühl wuchs in einer Bieler Arbeiterfamilie auf und ist stolz darauf, als erster Kneubühl eine höhere Ausbildung absolviert zu haben. Er war Elektroingenieur, arbeitete zuletzt als Mathematik- und Physiklehrer und wurde zum Einzelgänger. Früher habe er aber mehrere Beziehungen gehabt, die zwei bis drei Jahre dauerten. Damals in den 68er-Jahren sei eine langfristige Beziehung ohnehin nicht das Ziel gewesen.

Kneubühl schätzt seine Zelle 006, weil er von hier die Welt beobachten kann. Die Welt besteht aus einer viel befahrenen Strasse und einer grossen Baustelle. Wenn er durch die Gitterstäbe blickt, stellt er Veränderungen fest: «Die Moden ändern sich. Die Frauen tragen wieder längere Haare.»

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