Schweiz
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Eine Gruppe Wanderer wartet auf das Postauto bei der Haltestelle Sagendorf in Emmetten im Kanton Nidwalden am zweiten Tag der Schutzmaskenpflicht im oeffnetlichen Verkehr waehrend der Corona-Pandemie am Dienstag, 7. Juli 2020. (KEYSTONE/Urs Flueeler).

Ausflügler warten am Dienstag in Emmetten (NW) auf das Postauto. Bild: keystone

Kommentar

Ohne Onkel Alain und Tante Natalie geht es nicht – warum nicht?

Wochenlang trägt kaum jemand Masken im öV. Dann tun es plötzlich alle, weil es der Bundesrat befohlen hat. Mit unserer viel gelobten Eigenverantwortung ist es nicht weit her.



Gibt es irgendwo im Bundeshaus einen Schalter? Einen, den man umlegen muss, damit das Volk spurt? Solche Fragen stellte man sich am Montag, als auf einmal die ganze Schweiz in Bahn, Bus und Tram mit Masken unterwegs war. Noch am Sonntag waren kaum welche zu sehen, wie zuvor während Wochen, trotz eindringlicher Mahnungen.

Man fühlte sich unweigerlich an das ominöse Wochenende Mitte März erinnert. Obwohl der Bundesrat deutlich vor dem Coronavirus gewarnt und erste Einschränkungen verordnet hatte, verhielten sich viele, als ginge sie das nichts an. Gesundheitsminister Alain Berset machte sich in Bern persönlich ein Bild der Lage und war not amused.

Bundesrat Alain Berset, rechts, und Regierungsraetin Natalie Rickli verfolgen das Konzert von Opernsaengerin Stefanie C. Braun im Alterszentrum Trotte, aufgenommen am Donnerstag, 30. April 2020 in Zuerich. (KEYSTONE/Ennio Leanza)

Die Zürcher Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli und Alain Berset mussten auf den Putz hauen, damit die Leute spurten. Bild: KEYSTONE

Am Montag versetzte der Bundesrat die Schweiz in den partiellen Lockdown. Danach hatten die Leute verstanden, sie verhielten sich diszipliniert. Offenbar musste Onkel Alain uns mit der Rute zur Räson bringen. Von uns aus waren wir nicht dazu in der Lage.

Ein Schönwetter-Konzept

Wir bilden uns in der Schweiz sehr viel ein auf unseren Sinn für Eigenverantwortung. Mit unserem Bottom-Up-System, in dem das Volk das letzte Wort hat, fühlen wir uns den anderen Ländern überlegen, die nach dem Top-Down-Prinzip funktionieren. Denn die Menschen wissen selbst am Besten, was gut für sie ist, lautet die reine Lehre.

Corona entlarvt, wie es darum wirklich steht. Eigenverantwortung scheint ein Schönwetter-Konzept zu sein. In der grössten Krise seit Menschengedenken sind wir offenbar nicht in der Lage, aus eigenem Antrieb rational zu handeln.

Ignoranz allenthalben

Zum Beispiel in der Maskenfrage. Die SBB und andere Verkehrsbetriebe ermahnten uns «dringend», eine zu tragen, wenn der Sicherheitsabstand nicht eingehalten werden kann. Sie verteilten sogar Masken an die Pendlerinnen und Pendler. Das Zugpersonal flehte uns regelrecht an, zu seinem Schutz eine Maske zu tragen. Genützt hat alles nichts.

Video: watson/Lea Bloch, Jara Helmi

Oder die Clubs. Obwohl klar ist, dass sie alles andere als Safe Spaces sind, verhielten sich viele Besucherinnen und Besucher ignorant. Prompt kam es an diversen Orten zu Corona-Infektionen, worauf Tante Natalie auf den Putz haute und mit der Schliessung drohte. Am folgenden Weekend zeigten die Nachtschwärmer am Eingang brav ihre ID.

Ein fader Beigeschmack

Es gibt Gründe für das irrationale Verhalten, etwa die wirre Kommunikation des Bundes bei den Schutzmasken. Die während Wochen sehr tiefen Fallzahlen verleiteten uns gerade in der Deutschschweiz zur Annahme, das Coronavirus sei gar nicht so schlimm und alles überstanden. Das forsche Öffnungstempo des Bundes verstärkte diese Illusion.

Dabei zeigen watson-Recherchen, dass die Clubs bereit waren, ihre Verantwortung wahrzunehmen. Sie wollten deutlich weniger Leute einlassen und später öffnen. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) ignorierte sie. Das verleiht den Forderungen nach Eigenverantwortung einen mehr als faden Beigeschmack.

Das betrifft auch die mit grossem Aufwand lancierte SwissCovid-App. Eine Comparis-Umfrage ergibt ein ernüchterndes Bild: Mehr als die Hälfte der Bevölkerung will die App nicht herunterladen. Begründet wird die Verweigerung unter anderem mit Bedenken in Sachen Datenschutz, obwohl die App gerade in diesem Bereich als vorbildlich gilt.

Kaum Eingaben auf der App

Diese Botschaft scheint nicht anzukommen. Eher nachvollziehen lässt sich der fehlende Glaube an den Nutzen. So wurden laut dem «Tages-Anzeiger» vom Mittwoch seit dem Start der App 910 Personen positiv auf das Coronavirus getestet. Von diesen hätten nur 40 die App aktiviert und 30 ihren Code eingegeben. Ein BAG-Sprecher sprach gegenüber watson von über 60 Codes, doch auch das basiert auf Freiwilligkeit.

Sicheres Contact-Tracing, Made in Switzerland

Man kann argumentieren, dass jede auf diese Weise verhinderte Infektion eine gute Sache ist. Aber die erhoffte Breitenwirkung wird die SwissCovid-App so niemals erreichen.

Ähnlich sieht es bei der Quarantäne aus, die man nach dem Kontakt mit einer infizierten Person sowie nach einer Reise in 29 Risikoländer antreten müsste. Ob das geschieht, wird kaum kontrolliert. Und wer sich bemüht, erhält wenig Hilfe vom BAG und den Kantonen, wie der «Tages-Anzeiger» berichtete. Nun soll es Stichproben geben.

Überforderte Kantone

Die Kantone rufen auch in diesem Fall zu Eigenverantwortung auf. Sie spielen eine zwiespältige Rolle. Ihre Überforderung ist manchen Bereichen offensichtlich, vor allem beim wichtigen Contact Tracing. Unsere schlanken Verwaltungen haben in guten Zeiten ihren Charme. Für Krisen sind sie schlecht gerüstet.

Deshalb brauchen wir wohl die starke Hand von Onkel Alain und Tante Natalie, damit wir das Richtige tun. Von uns aus sind wir dazu nicht in der Lage. Das erzeugt ein ungutes Gefühl. Zu grosse Autoritätsgläubigkeit hat in der Geschichte schon oft üble Folgen gehabt. Man neigt beinahe dazu, sich über jede und jeden zu freuen, der jetzt keine Maske trägt.

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