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Linder mit seiner Fanpost. Ob dies sein normaler Gesichtsausdruck ist? Für weitere Spielarten desselben bitte weiterscrollen. bild: lukas linder

Interview

Autor Linder: Erst kam der Bestseller, dann die Intimkorrektur

Lukas Linder hat es geschafft. Mit seinem zweiten Roman hat er sich selbst übertroffen. Die Feuilletons sind fassungslos – und die lesende Schweiz befindet sich seit dem Erscheinen von «Der Unvollendete» in einem nicht enden wollenden Freudentaumel. Zumindest stellt der Schweizer Autor sich das gern vor.



Ein Glanzstück erster Güte, nichts Geringeres ist der zweite Roman von Lukas Linder. An der Grenze vom Jung- zum Altautor stehend, ist aus einem beispiellosen Sprach-Feuerwerk Anatol Fern entsprungen, ein lebensuntüchtiger Mittdreissiger mit Abschluss in Germanistik und Philosophie und einem Erstlingswerk mit Namen «Graues Brot», das so gar kein Glanzstück erster Güte ist.

Bei Anatol haben wir es also ganz im Gegensatz zu seinem Erfinder Lukas Linder mit einem astreinen Versager zu tun. Einem Antihelden auf ganzer Linie, dessen Gesichtsprogramm sagt: Ich habe früher Briefmarken und Pins gesammelt – und würde sie heute nur allzu gerne jemandem zeigen. Einem krummen Strich in der Landschaft. Einem, der sich unversehens mit zwei Frauen in seinem XXL-Bett wiederfindet und dennoch keine tragende Rolle darin bekommt.

«Sie trieben es miteinander. Laut, nackt und gewaltig. Dabei entfachten sie eine Höllenhitze, die Anatol das Gefühl vermittelte, es würden direkt an seiner Seite die unglaublichsten Brotlaibe gebacken. Er selber lag ein paar Zentimeter neben diesem Liebesinferno. Nicht ganz so hitzig, nicht ganz so nackt und überhaupt nicht gewaltig. Von diesem Moment hast du immer geträumt, buchstabierte er für sich selber. Am Ende des Satzes kam ein Fragezeichen. Denn irgendwie war er sich nicht ganz sicher: Sahen so seine Träume aus? Gewiss, es war unglaublich, herrlich, einfach fantastisch: er und zwei Frauen. Purer Wahnsinn. Und dabei spielte es überhaupt keine Rolle, dass die beiden Lehrerinnen waren. Gabriela unterrichtete Physik und Florence Turnen – beides Fächer, mit denen Anatol keinerlei sinnliches Vergnügen assoziierte. Vielmehr verlieh es dem Wahnsinn zusätzlich den Charakter einer stilvollen Revanche. Das hier waren Lehrerinnen. Vertreterinnen jener Menschenart, die früher bei ihm zu Hause angerufen und Elterngespräche verlangt hatte. Furchterregende Gestalten, die sich aus den bleiernen Lehrmitteln zu materialisieren schienen, um ihm das Leben zur Hölle zu machen. Und nun lagen sie hier, auf seiner XXL-Deluxe-Matratze, nackt bis zu den Fußsohlen. Herrlich, stimmte Anatol in Gedanken einen Singsang an. Das ist doch mal ein Ereignis, das du den Jungs beim Bier erzählen kannst. Allerdings hatte Anatol keine Jungs. Und Max, sein einziger zumindest ansatzweise männlicher Freund, hielt sich gerade in einer Tinnitus-Klinik auf und war für Biergespräche eher nicht zu haben. Vielleicht war das ja auch besser so. Denn was hätte er ihm erzählen sollen: Letzte Nacht haben es in meinem Bett zwei Frauen miteinander getrieben, leider fand ich nicht die Gelegenheit mitzumachen?»
Ausschnitt aus Linders «Der Unvollendete»

«Der Unvollendete» – Lukas Linder

Lukas Linder ist 1984 in Uhwiesen im Kanton Zürich geboren und studierte, als er alt genug war, Germanistik und Philosophie in Basel. Dort hat ihn die Autorin dieses Artikels auch kennengelernt und aus nächster Nähe beobachtet, wie aus ihm ein brillanter Dramatiker wurde und wie er als solcher einen Preis nach dem anderen absahnte. Nun erwarten wir, dass sein zweiter Roman (Linders erster Roman «Der letzte meiner Art» hat es leider knapp nicht geschafft) endlich wirklich die obersten Ränge der Bestsellerliste erklimmt. Den Förderpreis Komische Literatur 2021 hat Linder dafür schon mal erhalten.

Und nun macht den Mann zum Bestseller-Autor und kauft seinen jüngsten Roman, hopp! Erschienen ist er beim Zürcher Verlag Kein & Aber.

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«Der Unvollendete» ist als Hardcover oder Ebook erhältlich. bild: kein & aber

Als Leser wird man das Bedürfnis nicht los, dem armen Anatol Stützräder montieren zu wollen, damit er ein bisschen besser durchs Leben kommt. Oder ihm wahlweise eine zu scheuern. Damit er aufwacht und endlich aufhört, sich so unsäglich unbeholfen um sich selbst zu drehen. Er ist wie ein kleiner bunter Kreisel, dessen Lichtspiel man erst amüsiert folgt, bis man merkt, dass es sich bloss andauernd wiederholt.

Für manche Menschen liegt in der Wiederkehr des immer Gleichen etwas Tröstliches, ja sogar das Glück. Sisyphos zum Beispiel ist total happy, dass er haargenau weiss, was er tagtäglich zu verrichten hat. Zumindest wenn man Camus fragt. «Sein Schicksal gehört ihm. Sein Fels ist seine Sache», sagt der französische Philosoph über ihn.

Doch Anatol scheint einfach keinen solchen Fels zu haben. Nicht das winzigste Steinchen findet sich, das er mit seinen dünnen Ärmchen auf einen Berg hinaufwälzen könnte. Seine Selbstverwirklichung besteht darum im Versuch, ein anderer zu werden: Der Naturwissenschaftler Dr. Tobias Rogg nämlich, der den Menschen auf einer Pilzkonferenz in Polen ein neues Zeitalter verkünden wird. Eines, in dem die Menschen wieder eins werden mit der Natur – dank dem «Facebook der Pilze».

Was bitte soll denn dieses ominöse «Facebook der Pilze» sein?

Doch bald merkt Anatol, dass die Welt nicht so einfach zu retten ist, schon gar nicht mit dem Facebook der Pilze und noch weniger mit Dr. Tobias Rogg in der Hauptrolle.

Vielleicht sollte er dem Ganzen besser ein Ende setzen, denkt er sich. Mit einem hübschen kleinen Suizid, einem nahezu geräuschlosen Sprung in den Müllcontainer eines polnischen Hinterhofes.

«Doch Geschichten enden nie dann, wenn man es möchte. Entweder sie enden zu früh oder zu spät. Immer jedoch enden sie, wenn die Posen, in die wir uns werfen, nicht die glänzendsten sind. So möchten wir nicht in Erinnerung bleiben. Doch genauso bleiben wir in Erinnerung, nämlich schlecht gelaunt, empfindlich, weinerlich, neurotisch, ängstlich, faul und feige, und ausserdem riechen wir nicht besonders gut. Man möchte als guter Mensch in Erinnerung bleiben. Tatsächlich bleibt man einfach als Mensch in Erinnerung. Oder wird auf der Stelle vergessen. Wie hiess der nochmal? Anton ... Der hiess doch Anton. Und was hat der schon wieder gemacht? Der war doch in Polen. Aber warum? Warum war der in Polen? Das ist es, was wir am Ende sind: eine Leerstelle und dahinter ein Fragezeichen. Korrektur. Ein verblassendes Fragezeichen.»
Ausschnitt aus Linders «Der Unvollendete»

Bevor Anatol aber verblasst, isst er sich auffallend gierig ins Leben zurück. Und dies auf der Beerdigung seines Freundes Gustav Gustav. Denn schliesslich, so wird ihm hier am Buffet zwischen passionswegartig drapierten Essiggurken und asketisch belegten Toastbrötchen klar, gibt es «Grösseres und Wichtigeres als die eigene Sterblichkeit – nämlich die Sterblichkeit der anderen.»

Und während die Reste des Tiramisu noch immer in seinen Mundwinkeln kleben und uns tröstlich versichern, dass er auch nach dem dritten Nachschub nicht so einfach aufgeben wird, wollen wir Anatol verlassen und uns stattdessen mit seinem Erfinder, dem glorreichen Autor Lukas Linder, unterhalten:

Sind Sie überrascht, dass aus Ihrem Buch ein Bestseller geworden ist?
Lukas Linder: Überhaupt nicht. Ich habe das Buch ja bewusst so geschrieben, dass es unausweichlich an die Spitzen der Charts stürmen musste. Bereits der erste Satz ist ein Hochgenuss und vom Rest lässt sich dasselbe sagen.

Haben Sie viel recherchiert?
Kann man wohl sagen. Ich habe unzählige Bücher in der Bibliothek ausgeliehen und manche davon auch tatsächlich gelesen. Mehrere Jahre bin ich einfach nur auf der faulen Haut gelegen, um das Gelesene sacken zu lassen. Als ich endlich aufstand, war ich innerlich und äusserlich zum Greis geworden. Oder denken Sie an die sieben Monate, die ich auf einer einsamen Südseeinsel verbracht habe, während ich versuchte, mich in die Gedankenwelt einer Kokosnuss hineinzuversetzen.

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«Ich denke bis zu vier Stunden täglich nach.» bild: lukas linder

Was treibt Sie beim Schreiben an?
Gier.

Wie sieht bei Ihnen ein typischer Arbeitstag aus?
Ich stehe zeitig auf. Um fünf bin ich schon am Laptop und verfasse auf Amazon vernichtende Kundenrezensionen der Werke anderer Autoren. Danach mache ich mir einen Kaffee.

Erzählen Sie doch mal, was für Rückmeldungen erhalten Sie zum «Unvollendeten»?
Da muss ich auswählen. Annelies Schnurrenberger aus Klosters schreibt mir etwa: «Ihr Buch ist wie ein Spaziergang in der Sonne, wie ein Tag am Meer, wie der Tag, nachdem man krank gewesen ist. Wie Abschied von Scharlach.»

Poetisch.
Oder hier. Sascha Walter aus Marthalen: «Hoi Lukas. Kännsch mi no. Mir sind zämä im Unihockey gsi. Wi häsch?» Oder hier, Frauke Leander aus Olten: «Bevor ‹der Unvollendete› in mein Leben trat, war alles grau und leer. Jetzt will ich nur noch tanzen.» Bei meinem letzten Buch schrieben mir die Leute Sachen wie «Sie sind ein elender Wixer, der kastriert gehört». Im Vergleich dazu ist das natürlich die deutlich schönere Musik.

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«Dass Menschen mir schreiben, ist fast so erfreulich wie die Tatsache, dass sie es überhaupt noch können.» bild: lukas linder

Wir hat sich Ihr Leben seit dem Bestseller verändert?
Äusserlich bin ich noch immer derselbe. Abgesehen von einer geringfügigen kosmetischen Korrektur im Intimbereich. Aber innerlich bin ich gewachsen. Ich spüre jetzt eine ganz neuartige Kraft, eine Melodie, ein Drang, ein Wille, ein Weg. Mit anderen Worten: Ich werde in die Politik gehen. Ich plane die Gründung meiner eigenen Partei. Sie wird Lukas Linder heissen und sich für den Vorrang der Kunst vor der Wirklichkeit einsetzen. Mein Freund Simon Rattle wird Gönnermitglied.

Wie kam es eigentlich zu dieser wunderbaren Freundschaft?
Das ist eine sehr amüsante Geschichte. Eines Tages klingelte mein Handy: «Hier Simon Rattle», sagte eine Männerstimme. «Habe der Unvollendete gelesen. Geniales Buch. Wir müssen mal ein Bier zusammen trinken.» Ja und so hat das alles angefangen.

Apropos Politik. Was sagen Sie zur geplanten Absetzung von «52 beste Bücher»?
Ich habe die Nachricht mit Erleichterung aufgenommen. Dem selbstverliebten Geschnorr vergreister Autoren musste endlich ein Riegel vorgeschoben werden. Ich hoffe, dass die Sendung wie versprochen gestrichen und durch ein zeitgemässes Format ersetzt wird, in der in sehr viel weniger Zeit sehr viel weniger gesagt wird.

Wie schreibt man einen Bestseller?
Letztlich ist es simpel. Es braucht einfach auf Seite eins einen Mord und auf Seite 180 eine Sexszene.

Beides ist bei Ihnen nicht der Fall.
Darum ist es ja auch ein Überraschungsbestseller.

Sie leben mit Frau und Kind in Polen.
Ein Missverständnis, das ich gerade dabei bin, zu überarbeiten. Als Bestsellerautor ist es meine moralische Pflicht, mein Leben im Zentrum des Universums anzusiedeln. Im Dezember ziehe ich nach New York, wo ich auf Vermittlung meines guten Freundes Daniel Kehlmann eine schnuckelige Loft in Soho gefunden habe.

Und Ihre Frau? Und Ihr Kind?
Man muss loslassen können.

Gibt es schon eine Idee für ein neues Werk?
(Atmet schwer) Im Moment ist das nicht mehr als eine scheue Ahnung von Worten. Ein diffuses Klangbild vereinzelter Töne, die sich noch nicht zu einer Sinfonie zusammenfinden wollen. Da gibt es ein Wort, das mich seit einiger Zeit regelmässig heimsucht. Es lautet Alambo.

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«Es ist noch alles ganz zart und unbestimmt», sagt Linder. «Sicher ist nur, dass ich wiederum einen Bestseller schreiben werde.» bild: lukas linder

Und was bedeutet es?
Genau das gilt es herauszufinden.

Und was haben wir hier? Linder liest aus seinem Roman!

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Video: YouTube/Zentralbibliothek Solothurn

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