Schweiz
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So geht es meinem Omi nach zwei Monaten Isolation im Altersheim, Grosmutter, Pflegeheim, Rollstuhl, Rollator, Coronavirus, Quarantaene

illustration: Julia neukomm

Nach 2 Monaten in Isolation: Wie mein Omi ihren Lebensmut verloren hat

Ein Sturz zwang meine 86-jährige Grossmutter in den verhassten Rollstuhl und ins Altersheim. Nachdem sie ihr Leben lang für ihre Selbstständigkeit gekämpft hat, bedeutete das die ultimative Kapitulation. Dann kam der Lockdown.



illustrationen: julia neukomm

Ich mache mir Sorgen.

Ich mache mir Sorgen um meine Grossmutter und um ihre Generation. Um fast 100’000 Personen in der Schweiz, die derzeit in einem Alters- oder Pflegeheim leben. Die rund um die Uhr betreut werden, weil die Beine nicht mehr richtig wollen, das Aufstehen Mühe bereitet. Und der Kopf auch. Weil die Erinnerungen kommen und gehen, wie sie wollen.

Seit dem 16. März befinden sich diese Menschen in Isolation. Sie gelten in der Coronakrise als besonders gefährdet. Dringt das Virus in eine Institution ein, bringt das die Bewohnerinnen und Bewohner in unmittelbare Todesgefahr. Darum dürfen sie nicht raus und Besucherinnen nicht rein. Seit über zwei Monaten ist ihr einziger Kontakt der zu anderen Bewohnern und zum Pflege- und Betreuungspersonal. Körperliche Nähe erhalten sie nur bei Hilfeleistungen im Alltag, angefasst werden sie einzig mit Gummihandschuhen. Sie werden nicht umarmt, geküsst, gestreichelt. Selbst das aufmunternde Lächeln der Angestellten bleibt hinter deren Masken verborgen. Was macht das mit einem Menschen?

Jetzt, nachdem der Lockdown aufgehoben wurde, darf ich mein Omi zum ersten Mal wieder besuchen. Für mich bedeuten die Wiederöffnungen der Läden, Restaurants und Bars eine langsame Rückkehr zur Normalität. Für meine Grossmutter bedeutet es, dass sie ihre Liebsten wieder sehen darf – hinter Plexiglasscheiben, mit Maske und mit einem grossen Sicherheitsabstand.

Ich bin nervös. Was sich seltsam anfühlt. Ich war noch nie nervös, wenn ich meine Grossmutter besuchen ging.

Als provisorischer Besucherraum dient der Gartenschopf neben dem Altersheim. Im hinteren Teil des Holzhäuschens werden Setzlinge von einer Pflanzenlampe beschienen, in einem Blumentopf wächst ein prächtiger Rosenstrauch, durch die grossen Fenster an drei Seiten des Raumes dringt Tageslicht, vorne stehen zwei zusammengeschobene Tische, an dessen einen Ende ich gespannt warte. Meine Grossmutter ist noch nicht da. Ich bin nervös. Was sich seltsam anfühlt. Ich war noch nie nervös, wenn ich meine Grossmutter besuchen ging. Doch jetzt sitze ich in diesem fremden Raum, mit desinfizierten Händen und atme schwer in meinen Mundschutz. Die warme Atemluft befeuchtet meine Wangen.

So geht es meinem Omi nach zwei Monaten Isolation im Altersheim, Grosmutter, Pflegeheim, Rollstuhl, Rollator, Coronavirus, Quarantaene

illustration: julia neukomm

Und dann sehe ich sie. Auf einem schmalen Fussweg schiebt ein grosser Mann in Grün eine kleine Frau um den Rank. Noch ist sie zu weit weg, als dass ich ihren Blick erkennen könnte. Sieht sie mich? Ich werfe meine Arme in die Luft und winke. Sie winkt zurück. Ich spüre mein Herz etwas schwerer in meiner Brust klopfen. Es ist das erste Mal, dass ich mein Omi in einem Rollstuhl sehe.

Wie hat sie sich immer dagegen gewehrt! Ein Leben lang, seit ihrer frühsten Kindheit. Die Geschichten ihres Aufbegehrens kenne ich in- und auswendig. Meine Grossmutter hat sie uns Enkelkindern voller Stolz erzählt, wenn wir ihr morgens nach dem Aufstehen beim Schnüren ihrer Schiene zusahen. Tag für Tag zwängte sie ihr «böses Bein», so nannte sie es, in eine antik aussehende Geh-Schiene. Uns fesselte der Anblick des ledernen Dings, bestehend aus Dutzenden von Haken und Ösen. Beim Aufstehen und Absitzen fasste sie mit einem gezielten Handgriff in die Kniekehle, um ein kleines Scharnier zu lösen, das das Beugen des Beins zuliess. Das «Klack», das dabei jeweils ertönte, höre ich noch heute.

Es ist ihrem Stolz und der durch die Krankheit entwickelten Sturheit zu verdanken, dass mein Omi – den Voraussagen aller zum Trotz – ihren Kopf durchgesetzt hat.

Poliomyelitis – Kinderlähmung. Eine Krankheit, die heute in Europa als ausgerottet gilt, war in der Schweiz in den 30er- bis 50er-Jahren weit verbreitet. Meine Grossmutter erkrankte 1934 im Alter von einem Jahr an dem Virus. Vermutet wird, dass sie sich beim Spielen im Sandkasten infiziert haben soll. Ihr rechtes Bein ist seither vollständig gelähmt. Bis in ihre Jugend musste sie sich immer wieder schmerzhaften Operationen und Therapien unterziehen. Teilweise lag sie monatelang im Spital, den Experimenten und heute als fragwürdig geltenden Methoden von Ärzten ausgesetzt.

Was ein Mädchen mit verkrüppeltem Bein noch vom Leben erwarten durfte, wurde ihr mit Grausamkeit eingebläut. Niemals werde sie eigenständig gehen können, von Männern werde sie verschmäht bleiben, eine Heirat komme nicht in Frage, eine Familie zu gründen schon gar nicht.

Es ist ihrem Stolz und der durch die Krankheit entwickelten Sturheit zu verdanken, dass mein Omi – den Voraussagen aller zum Trotz – ihren Kopf durchgesetzt hat. Ihr Bein versteckte sie unter modernen Hosen, was zur damaligen Zeit als skandalös galt. Beim Fahrradfahren eignete sie sich eine einbeinige Tret-Methode an. Sie tanzte, ging mit ihren Freundinnen aus und es war wohl gerade ihr gewieftes Wesen, das so manch einen Mann ihre Lähmung vergessen liess. Im Frühling 1954 lernte sie meinen Grossvater kennen, ein Jahr später wurde geheiratet, im September 1955 brachte sie das erste Kind zur Welt. Drei weitere sollten folgen.

Obwohl immer schwächer und auch auf ihrem gesunden Bein stetig unsicherer, vollbrachte sie Erstaunliches. Mit zähem Willen erhielt sie aufrecht, was hinter der Fassade schon lange bröckelte.

Nicht nur zog meine Grossmutter vier Kinder gross. Wir insgesamt sieben Enkelkinder verbrachten viel Zeit bei Omi und Opi. Sie wohnten nur wenige Gehminuten vom Haus meiner Eltern entfernt. Ich ass bei ihnen zu Mittag, löste mit Opi Hausaufgaben. Die Behinderung meiner Grossmutter spielte nie eine Rolle, sie kochte, trug und wusch uns, sie krampfte, spasste wie alle anderen auch. Zum grossen Thema wurde ihr «böses Bein» erst, als sie sich bei einem Sturz die Hüfte brach. Die ganze Familie versuchte, sie vom Vorteil eines Rollators zu überzeugen. Doch sie wehrte hartnäckig ab. Lieber angelte sie sich den Wänden links und rechts abstützend durch die Wohnung, als in Kauf zu nehmen, nicht mehr selbstständig gehen zu können. Es dauerte nochmals ein paar Jahre, bis sie um den Rollator nicht mehr umhinkam. Anfangs schämte sie sich, mit der Zeit bemerkte sie, dass das Ding praktischer ist als gedacht.

Nach dem Tod meines Grossvaters verliess sie die eigene Wohnung und zog in eine Alterssiedlung. Obwohl immer schwächer und auch auf ihrem gesunden Bein stetig unsicherer, vollbrachte sie Erstaunliches. Mit zähem Willen erhielt sie aufrecht, was hinter der Fassade schon lange bröckelte. Auf ihr Gefährt gestützt schleppte sie sich durch die Wohnung und liess uns wissen: «Ich sterbe eher, als dass ich mich in einen Rollstuhl setze. Das habe ich mir ein Leben lang geschworen.» Es war, als würden meine Mutter und ihre drei Geschwister an eine Wand reden. Die Diskussionen darüber, dass sie in einer betreuten Institution besser aufgehoben wäre, verpufften im Nichts. Dazu kam, dass das Gedächtnis meiner Grossmutter nachzulassen begann. Konnte sie sich an einem Tag für die Idee eines Altersheims erwärmen, hatte sie es am nächsten Tag bereits wieder vergessen.

So geht es meinem Omi nach zwei Monaten Isolation im Altersheim, Grosmutter, Pflegeheim, Rollstuhl, Rollator, Coronavirus, Quarantaene

illustration: julia neukomm

Im Winter dieses Jahres kam der Tag, vor dem wir uns so gefürchtet hatten. Als meine Mutter Anfang Februar spontan bei Omi vorbeischauen wollte, fand sie diese im Badezimmer in den Rollator verheddert auf dem Boden liegend. Notruf, Ambulanz, Spital, gebrochene Rippen, das volle Programm. Eine Rückkehr in die Alterssiedlung kam danach nicht mehr in Frage. Innert kürzester Zeit organisierten meine Mutter und ihre Geschwister einen Platz im Altersheim. Sie räumten die alte Wohnung aus und das neue Zimmer ein. Just in der Woche, in der Omi ihr neues Zimmer bezog, beschloss der Bundesrat den Lockdown.

Bei meinem Besuch ist es darum nicht nur das Bild von Omi im Rollstuhl, das mich befremdet. Auch sonst ist mir alles an diesem Ort unbekannt. Obwohl ich in dieser Stadt im Zürcher Oberland aufgewachsen bin, kenne ich diesen Teil der Gemeinde kaum. Der über hundertjährige Bau des Altersheims, die hüfthohen Mohnblumen im Garten, die Aussicht von der Terrasse auf die Kirche, das Fenster im oberen Stock, wo meine Grossmutter jetzt wohnt – das alles sehe ich dort im Gartenschopf sitzend zum ersten Mal.

Für meine Grossmutter bedeutet der Rollstuhl die ultimative Kapitulation. Meine Mutter hingegen sieht darin eine gewonnene Freiheit – die Omi jetzt aber nicht nutzen kann.

Wie sie jetzt wohnt, wie ihre Tage aussehen, wo sie zu Mittag isst, mit wem sie sich angefreundet hat, versuchte ich in Telefongesprächen herauszuhören. Doch oft kam nur wenig zurück. Ihre Stimme klingt zwar immer noch, als würde sie einer jungen Frau gehören, doch jetzt schwingt eine unüberhörbare Müdigkeit mit. Ich fragte: «Hoi Omi, was machst du gerade?» «Ich liege im Bett.» «Mitten am Tag? Bei dem schönen Wetter? Warum gehst du nicht etwas nach draussen?» «Ja, wie denn? Die holen mich ja nicht. Und alleine kann ich nicht.» Meine Mutter erzählte mir, dass Omi oft den ganzen Tag im Bett liege, viel schlafe. Dass sie Hemmungen habe, Hilfe zu beanspruchen, sie sage: «Die haben ja sonst schon so viel zu tun.» Also liege sie dort und warte bis jemand nach ihr sehe.

Für meine Grossmutter bedeutet der Rollstuhl die ultimative Kapitulation. Meine Mutter hingegen sieht darin eine gewonnene Freiheit – die Omi jetzt aber nicht nutzen kann. Mami sagt: «Wie lange habe ich gewartet, um mit ihr mal wieder in die Migros gehen zu können oder in einen Kleiderladen, um ihr eine schöne Bluse zu kaufen. Jetzt, wo das endlich möglich wäre, geht das nicht und sie verkümmert in der Isolation.» Sie ist sicher, ohne Corona hätte sie Omi für solche Dinge motivieren können, ihr zeigen können, dass es auch jetzt noch Momente gibt, für die es sich zu leben lohnt. Doch jetzt, so allein, habe Omi ihren Lebensmut verloren, wirke abgelöscht, wolle nicht mehr.

Das Personal tut, was es kann. Auch wenn die Umstände so oder so schon schwer sind. Arbeitsschritte, die vorher an Externe ausgelagert wurden, müssen Pflege- und Betreuungspersonen nun selbst übernehmen. Der Zeitdruck ist grösser, die Angst vor dem Virus omnipräsent. Trotzdem versuchen die Angestellten die Lücke der fehlenden Angehörigen zumindest ein bisschen zu füllen.

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illustration: julia neukomm

Einer der Hauptbetreuer meiner Grossmutter, ein Pflegefachmann, erzählt, es sei schwierig, sie aus dem Bett zu bekommen. Wenn er sie frage, ob sie nach Draussen wolle, winke sie oft vehement ab. «Noch vor zehn Jahren hätte man die Leute in einer solchen Situation einfach gegen ihren Willen in den Rollstuhl gesetzt. Aber heute hat die Selbstbestimmung zum Glück einen sehr hohen Stellenwert. Wenn sie nicht will, muss ich das akzeptieren.» Es sei aber nicht nur sie. Allgemein sei es in den vergangenen Wochen stiller geworden im Altersheim. Viele seien in sich gekehrter. Trotz Aktivierungsprogramme, Gedächtnistrainings, Gespräche, die der Animierung der Bewohner dienen sollen, eine gewisse Trägheit bleibe, sagt der Pflegefachmann. «Man merkt, dass ihnen der Kontakt zu den Angehörigen fehlt.»

Ich habe einen schlechten Tag erwischt. Mit einem Sicherheitsabstand von mindestens zwei Metern, eher sind es drei, sitzt mir mein Omi hinter der Plexiglasscheibe gegenüber und starrt mit aufgerissenen Augen ins Nirgendwo. Es ist ein wenig so, als ob sie in einem langen Winterschlaf gelegen hat und jetzt zum ersten Mal wieder aus der Höhle gekrochen kommt. Das weisse, kurz geschnittene Haar ist ordentlich nach hinten gekämmt. Die Wangen etwas gerötet. Sie sieht dünner aus. Im Gesicht hat sie dunkle Flecken, die ich vorher noch nie gesehen habe. Es ist, als ob sie in den letzten zwei Monaten um fünf Jahre gealtert wäre.

Meine Mutter sagte mir kürzlich: «Manchmal weiss ich nicht mehr, worüber ich mit ihr sprechen soll. Sie kann nichts mehr erzählen, weil sie alles vergisst.»

Sie wirkt fahrig, scheint nicht zu verstehen, warum wir in diesem seltsamen Raum sitzen, fragt, ob wir danach rüber in ihr Zimmer gehen. Als ich ihr sage, dass das leider nicht gehe, donnert sie empört: «Das ist doch alles übertrieben, findest du nicht? Man sollte mal einen Bundesrat so einsperren!» Ich verzerre mein Gesicht zu einem übertriebenen Lächeln, in der Hoffnung, dass sie es trotz Mundschutz an meinen Augen erkennen kann. Ihr Blick geht an mir vorbei, bleibt an einem Buben mit seiner Mutter hängen, die am Gartenhäuschen vorbei spazieren. Der Bub bückt sich nach einer Blume, Omi sagt verzückt: «Jö! Wie ich euch damals lange erklären musste, dass man mit den Fingerchen ganz zuunterst am Stiel das Blümchen auszupfen muss.» Ein verträumtes Schmunzeln huscht über ihr Gesicht. Danach Schweigen.

Meine Mutter sagte mir kürzlich: «Manchmal weiss ich nicht mehr, worüber ich mit ihr sprechen soll. Sie kann nichts mehr erzählen, weil sie alles vergisst. Sie weiss nicht mehr, was sie vor einer Stunde gemacht hat. Wenn ich sie nach dem Mittag anrufe, hat sie keine Ahnung, was sie vorher gegessen hat.» Sie wisse auch nicht, ob sie am Nachmittag draussen war, ob sie mit jemandem ein Gespräch geführt hat. «Im Grunde weiss ich nicht genau, wie es Omi im Altersheim geht. Nur aus Telefongesprächen mit den Pflegern kann ich es mir einigermassen zusammenreimen.»

Und aus guten, klaren Momenten. Denn die gibt es auch. Bei einem der Anrufe beschrieb sie mir ihr Zimmer. Rechts von ihr stehe die hellrosa Ledercouch, «die kennst du noch, oder?», das Tischchen habe sie auch behalten, «weisst du, das aus Marmor», und wenn sie aus dem Fenster schaue, sehe sie das Haus der Familie Steiner «du erinnerst dich bestimmt, die Steiners waren doch unsere Nachbarn, damals in der alten Wohnung». Ich sagte ihr, das klinge doch alles sehr schön und dass ich hoffe, ihr Zimmer schon bald mal ansehen zu können. Darauf sie: «Ja, schön ist es schon. Aber kannst du dir vorstellen, wie mühsam das ist? Jedes Mal zu klingeln, wenn du auf die Toilette musst? Oder wenn ich die Zeitung lesen will, die auf dem Couchtisch liegt.» Nein, ich kann es mir nicht vorstellen. Ich sage: «Vielleicht hilft es, wenn du dir sagst, dass du in einer Art Vier-Sterne-Hotel bist und du immer klingeln kannst, wenn du was brauchst? Du bezahlst schliesslich sehr viel Geld für dieses Zimmer.» Ich konnte förmlich hören, wie Omi am Telefon die Stirn runzelt.

So geht es meinem Omi nach zwei Monaten Isolation im Altersheim, Grosmutter, Pflegeheim, Rollstuhl, Rollator, Coronavirus, Quarantaene

illustration: julia neukomm

Manchmal lachen wir auch. Über uns, über Omi, die sich plötzlich in wunderlichen Situationen wiederfindet. Zum Beispiel als sie mein Mami abends anrief und klagte, ihr Fernseher habe den Geist aufgegeben, der Ton funktioniere nicht mehr. Meine Mutter sagte, vermutlich habe sie nur den Stummschaltknopf aktiviert, und versuchte zu erklären, wie sie ihn wieder deaktivieren kann. Mein Omi muss dabei den Telefonhörer abgelegt haben, um sich ganz der Fernsehbedienung widmen zu können. Nach einer Weile hörte meine Mutter wie Omi rief: «Hallo? Hallo? Jetzt höre ich dich nicht mehr! Haaallooooo!», bis sie bemerkte, dass sie sich statt dem Telefon die Fernsehbedienung ans Ohr drückte. Als meine Grossmutter ihren Irrtum bemerkte, brachen beide in Gelächter aus.

«Natürlich tut es mir leid. Aber ich muss mich auch abgrenzen. Ich muss mir immer und immer wieder sagen, dass es ihr Wille war und dass sie es so wollte.»

«Wie ich damit umgehe?» Meine Mutter klang etwas überrumpelt, als ich ihr diese Frage stellte. «Manchmal denke ich, dass, wenn sie jetzt sterben würde, in dieser Isolation, dann hätte ich Mühe. Weil ihr das Leben am Schluss noch etwas Besseres hätte bieten können. Ich habe immer gehofft, dass sie früher ins Altersheim geht, dass wir noch ein paar schöne Jahre haben. Aber sie hat ihren Willen durchgesetzt. Das hat sie immer, ihr Leben lang. Und das habe ich akzeptiert. Ich habe viel gemacht, geredet und gekämpft. Weil ich immer überzeugt war, dass es ihr in einer betreuten Institution besser geht. Aber sie hat bis zuletzt um ihre Selbstständigkeit gerungen und sich verweigert. Bis es dann soweit war und sie nicht mehr gehen konnte. Und jetzt ist sie in dieser Situation gefangen, das ist hart. Natürlich tut es mir leid. Aber ich muss mich auch abgrenzen. Ich muss mir immer und immer wieder sagen, dass es ihr Wille war und dass sie es so wollte. Deshalb weine ich jetzt nicht.»

Die Besuchszeit dauert eine halbe Stunde. Der Mann in Grün lässt uns ein paar Minuten länger zusammensitzen. Als er dann zaghaft ans Fensterglas klopft und eintritt, scheint meine Grossmutter fast ein wenig froh zu sein, dass es vorbei ist. Der Betreuer schiebt sie durch die Türe nach draussen, sie winkt und wirft mir einen Kussmund zu. Ich schaue den beiden noch nach, bis sie um den Rank und aus meinem Blickfeld verschwinden. Ob sie sich noch an meinen Besuch erinnert? Hätte ich sie ohne Corona durch die Stadt und in Kleiderläden geschoben? Hätte sie das überhaupt gewollt? Wann darf ich sie wieder in den Arm nehmen? Wie viel Einsamkeit hält sie noch aus?

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93 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
Berner_in
24.05.2020 06:48registriert September 2018
Danke für diesen tiefen Einblick ins Menschsein
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Maya Eldorado
24.05.2020 08:23registriert January 2014
Bei alten Menschen kann Selbstisolation zu ihrem Schutz verheerend wirken. Je älter ein Mensch ist, je mehr ist er gefährdet dabei mental und körperlich abzubauen.
Da ist schon die Frage: Qaulität gegen Quantität. Damit meine ich Begegnungen mit dem Risiko angesteckt zu werden und zu sterben, dafür freudvoll leben oder isolieren, dafür länger leben aber mit sehr schnellem Abbau verbunden.
Man sollte mehr die Betroffenen einbeziehen.
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LillyRose
24.05.2020 10:04registriert April 2019
Es freut mich, dass es wenigstens mal mit einem kurzen Besuch hinter Plexiglas geklappt hat. Leider sind nicht alle Kliniken so gut ausgerüstet bzw. willig. Für meinen Vater gilt nach wie vor das absolute Besuchsverbot, weil sein böses Knie ihn am Gehen hindert. Die Rehaklinik bleibt dabei, dass keiner rein oder raus darf. Sein Zimmer ist im ersten Stock, mit Balkon, gut zugänglich von aussen. Nach einer Minute Balkonbesuch mit ca. fünf Meter Distanz kam schon die Reklamation einer Pflegerin. Das geht nicht, das ist verboten! Unglaublich! Das bricht einem das Herz.
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