Schweiz
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Auf dem Hof von Räss wachsen seit fünf Jahren asiatische Goji-Beeren. bild: watson

«Ein Befreiungsschlag» – wie ein Zürcher Bauer für eine Beere alles über den Haufen warf

Das Bauernsterben ist Tatsache. Heute machen drei Betriebe pro Tag den Laden dicht. Ein Rezept dagegen gefunden hat die Zürcher Bauernfamilie Räss. Auf ihrem Hof hüten sie einen korallroten Schatz. Eine Reportage. 



In Benken ZH, einem 850 Seelendorf am südwestlichen Hang des Cholfirsts, ist die Welt noch in Ordnung. Das Ortswappen zieren eine blaue Pflugschar und ein silbernes Rebmesser. Rebstöcke prägen das Landschaftsbild. Die Herbstsonne strahlt warm vom Himmel, während Traktore durch die Strassen tuckern und ein älterer Herr seelenruhig in einem Fahrradanhänger Holzscheite hinter sich herzieht.

Etwas ausserhalb des Dorfes erstreckt sich der Hof der Familie Räss. Direkt daneben schlängelt sich der Rhein durchs Flussbett. Es ist trocken im Zürcher Weinland. «Wir haben wahnsinniges Glück mit dieser Lage», erklärt Simon Räss, Landwirt, Agronom mit Masterabschluss. Simon Räss ist schlank und grossgewachsen und strotzt vor Tatendrang. Er lädt die Reporterin als erstes auf eine Tour übers Gelände ein. 

Video: watson/Helene Obrist, Nico Franzoni

Die 35 Hektaren Land, die der Familie Räss unterdessen gehören, sind übersät mit Sträuchern. Daran wachsen unter anderem Heidelbeeren, Himbeeren, Aronia, Maibeeren, Cassis oder Brombeeren.

Erster Halt der Hoftour ist direkt neben dem grössten Schatz der Familie: Die Goji-Sträucher. Die kleine, leuchtend korallenfarbige Frucht stammt ursprünglich aus dem asiatischen Raum. In der Schweiz ist ihr Anbau eine absolute Seltenheit. Nicht so in Benken. Dort ranken sich Goji- Staude um Goji-Staude auf rund 15'000 Quadratmetern.

Gepflückt wird die Beere, die von den Influencern dieser Welt als Superfood gefeiert wird, von Hand. Beere um Beere, in stundenlanger, schweisstreibender Arbeit. 200 bis 500 Gramm pro Stunde ernten die Angestellten des Hofs zwischen Juni bis Oktober.

Warum genau Goji? «Eine Schnapsidee war es am Anfang», schmunzelt Simon Räss. «Die Freundin meines Bruders arbeitete als Drogistin und erzählte uns eines Abends von dieser kleinen, roten Beere.» Viele der aus China importieren Goji-Beeren mussten weggeworfen werden, so die Drogistin. Sie enthielten zu hohe Pestizidrückstände. «Da packte uns der Ehrgeiz und wir sagten: Das können wir besser!», erinnert sich Räss. 

Die Goji-Beeren werden von Hand geerntet. Speziell an der Pflanze ist, dass sich am gleichen Strang reife Früchte und Beeren, die erst im Blütenstadium sind, befinden.    bild: watson

«Wir haben schon ziemlich gelitten, mussten den Gürtel enger schnallen.»

Simon Räss

Seit jenem Abend sind fünf Jahre vergangen – fünf anstrengende, nervenaufreibende, schlaflose Nächte bereitende Jahre. «Wir haben schon ziemlich gelitten, mussten den Gürtel enger schnallen», räumt der Landwirt ein.

2013 waren auf den Äckern der Familie Räss keineswegs bunte Beeren zu sehen. Angepflanzt wurden damals noch Kartoffeln. Zu wenig sexy, zu wenig exotisch für Simon und Christoph, die beiden Söhne der Räss’. Sie suchten nach einer Herausforderung – und fanden sie in der Idee eines Bio-Wildbeerenbetriebs. Als «Befreiungsschlag» bezeichnet Simon Räss den Entscheid und schiebt sich ein paar frisch gepflückte Goji-Beeren in den Mund.

Muss man alles bisher Bekannte komplett über den Haufen werfen, um als Bauer heute überhaupt noch zu überleben? Räss denkt nach: «Es braucht tatsächlich mehr Mut in der Landwirtschaft. Viele befinden sich in festgefahrenen Strukturen», sagt er. «Gefordert sind dabei aber nicht nur die Bauern. Die Politik schreit stets nach mehr Flexibilität – Knowhow in unserem spezifischen Bereich ist jedoch sehr schwierig zu erarbeiten.»

Ebenfalls nicht zu vernachlässigen: Die Direktzahlungen des Bundes. «Die Rechnung ist einfach: Fallen die Direktzahlungen weg, ist die Bilanz eines Betriebs genau null. Ohne Subventionen arbeiten die Bauern folglich gratis.»

Auch für die Familie Räss waren die Direktzahlungen des Bundes eminent, besonders am Anfang. «Wir haben drei Jahre keine Einnahmen generiert, hatten jedoch volle Kosten, weil wir für den Aufbau auf Mitarbeiter angewiesen waren», erklärt Räss. Einfach sei das nicht gewesen. «Es war hart. Wir wussten nicht, ob es wirklich funktioniert.» 

Blick über den Hof der Familie Räss.  watson.ch

Und dennoch: 2013 wichen die Kartoffeln Goji- und Aronia-Setzlingen aus der Schweiz, Deutschland, Polen oder Italien. Dort holten sich die Räss Brüder das Knowhow. Räss’ Eltern standen von Anfang an hinter der strategischen Neuorientierung. Simon Räss schmunzelt: «Ich wurde einmal gefragt, ob unser Vater überhaupt noch mit uns spricht. Er war aber von Anfang an Feuer und Flamme für die Idee. Wir mussten ihn beinahe etwas bremsen.»

Unterdessen ist Räss mit seiner Tour bei den Heidelbeeren angelangt. Er weiss genau, welche Beeren schon geerntet wurden, wo es noch was zu naschen gibt und welche Sorten erst spät im Herbst Früchte tragen. Die Hand gefüllt mit dunkelblau glänzenden Früchten sagt Räss: «Das Sorgenkind unserer Beerenfarm sind klar die Heidelbeeren.» Nicht etwa exotischere Pflanzen wie die Goji-Beeren oder die Maibeeren, die aus Kanada stammen. «Im Bio-Anbau sind Heidelbeeren sehr anspruchsvoll. Sie brauchen einen extrem sauren Boden. Da braucht es sehr viel Knowhow und Pflege», erklärt der 30-Jährige.

Die Pflege der Bio-Heidelbeeren bereiten Simon Räss das grösste Kopfzerbrechen. bild: watson

Um die Heidelbeersträucher herum liegen Holzschnitzel. Auch mit Schwemmholz oder Sägemehl vergangener Schwingfeste pflegt der Landwirt seine Pflanzen. Immer so, dass die Beeren möglichst unbehandelt – biologisch – sind. Probleme machen vor allem Pilze und die Kirschessigfliege, drosophila suzukii.

«Dieses Jahr hatten wir aber auch Probleme wegen Sonnenbrand», erläutert Räss und fährt ein Stück weiter den Hang hinab. Dort stehen unter grobmaschig geflochtenen schwarzen Hagelnetzen die Himbeerstauden.

Die Netze schützen die empfindlichen Früchte nicht nur vor Unwetter, sondern auch vor der Sonne. Denn scheint diese zu lange auf die Himbeeren, kriegen sie weiss verfärbte Stellen und lassen sich nicht mehr verkaufen.

Simon Räss weiss, dass er seinen Abnehmern, darunter Coop, Migros und Globus, eine einwandfreie Qualität liefern muss. «Wenn die Konsumenten bereit sind, mehr für Bio-Produkte zu zahlen, erwarten sie im Gegenzug die perfekten Beeren.»

Simon Räss pflückt frische Himbeeren. bild: watson

Einmal um die Himbeerenplantagen und die darüber schwirrenden Bienenvölker herum, wieder den Hügel hinauf, zeigt Räss stolz sein «Versuchslabor».

Dort tüfteln die beiden Brüder an weiteren Beerensorten. Sanddorn, rote und grüne Stachelbeeren, Felsenbirnen oder kanadische «Haskap»-Beeren sind einige davon. Nicht immer funktionieren die Testläufe. «Der Versuch mit grossen Kiwis und Indianerbananen ging in die Hose. Die Pflanzen sind zu wenig kälteresistent», erzählt Räss und fährt zurück zum Haupthaus des Hofs.

Den Wegrand zieren bunte Rosensträucher. Keinesfalls zur Dekoration, sondern als Frühwarnsystem, wie der Agronom erklärt. «Geht es den Rosen schlecht, ist Vorsicht geboten. Dann achten wir besonders auf Schädlinge und Pilze», sagt Räss.

Die kleinen, giftorangenen Beeren gehören der Sanddornpflanze.   bild: watson

Zurück im umgebauten Kuhstall, bereitet Mutter Marianne Räss das Mittagessen vor. Der gemeinsame Zmittag ist Pflicht. Zwei Lehrlinge und mehrere Saisonarbeiter aus Polen helfen jedes Jahr beim Pflücken der Beeren. 60 Angestellte arbeiten in den Sommermonaten auf dem Hof.

Im Spätherbst und Winter, zwischen November und Dezember, bleiben nur die beiden Lehrlinge. «Für uns ist es wichtig, unsere Mitarbeiter zu kennen. Deshalb essen wir jeden Tag gemeinsam zu Mittag und organisieren im Sommer einige Ausflüge zusammen.» Es sind immer wieder die gleichen Saisonniers, die auf den Hof kommen, sagt Räss. Zentral sei für ihn auch eine faire Bezahlung.

Es sind lange Tage. Im Sommer kümmert sich der 30-Jährige an zehn bis zwölf Stunden pro Tag um seine Beeren. Müde wird er davon nie. «Ich könnte mir nichts anderes vorstellen.» Obwohl der harzige Start schon einige Jahre her ist, gab es auch letztes Jahr Rückschläge. Frost und Hagel forderten vom Betrieb weitere Schutzmassnahmen.

Doch Räss rappelte sich immer wieder auf. «Aber auch das packen wir an und machen weiter. Das Potenzial ist riesig, wir haben ideale klimatische Bedingungen und die Nachfrage nach gesunden Bio-Beeren-Produkten wächst ununterbrochen.»

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