Schweiz
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Stefanie Boulila, Universität Göttingen

Dr. Stefanie Boulila lehrt und forscht an der Universität Göttingen. Derzeit arbeitet sie an einem Buch mit dem Titel «Race in Post-Racial Europe». Bild: ZVG

Ist die Schweiz blind für Behörden-Rassismus? Das behauptet zumindest diese Forscherin

Ausgerechnet die Eidgenössische Kommission gegen Rassismus soll Rassismus in der Schweiz salonfähig machen. Diese These stellt eine Wissenschaftlerin in der internationalen Fachpresse auf. Die Kommission wehrt sich.



Der Vorwurf

Während das Land gerade hitzig darüber diskutiert, ob Basler Guggen «Mohrekopf» oder «Negro» heissen dürfen, bekommt die Schweiz für ihren Umgang mit Rassismus auch in der Fachpresse ihr Fett weg.

Nicht nur Volksinitiativen aus der rechten Ecke hätten Rassismus in der Schweiz salonfähig gemacht, schreibt Stefanie Boulila, Postdoktorandin an der deutschen Universität Göttingen, in einer Studie, die unlängst in der Fachzeitschrift «Ethnic and Racial Studies» erschienen ist. Mitschuld sei auch «ein staatlich unterstütztes Klima, in welchem jeder Versuch, Rassismus zu benennen, als exzessiv oder hysterisch befunden wird».

Boulila stellt in der Studie insbesondere der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus (EKR) ein schlechtes Zeugnis aus. Und fordert die Schweiz auf, ihre Anti-Rassismus-Politik dringend überdenken.

Die Argumentation

Die gebürtige Bernerin argumentiert dabei wie folgt:

Gegenüber watson führt Boulila aus, es gelte genauer hinzusehen, wie sich Rassismus in unseren Institutionen und in unserer Gesellschaft äusserten – «vom Bildungssystem über die politischen Strukturen und die Polizei bis hinein in Krankenhausbetriebe und die Medien und Konsumkultur». Sie plädiert dafür, Menschen die Untersuchungen leiten zu lassen, die selber von Rassismus betroffen sind.

Das sagt die EKR

Bei der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus kommt der Rundumschlag schlecht an. «Die EKR befasst sich mit allen Themen, die sie für sinnvoll hält, auch mit Fragen im Zusammenhang mit Behörden und Institutionen», betont Geschäftsführerin Giulia Brogini.

Die Forscherin habe die Arbeit der EKR der letzten Jahre nicht berücksichtigt, ärgert sich Brogini. Und verweist darauf, dass die Kommission 2016 beispielsweise eine ganze Ausgabe ihrer Zeitschrift «Tangram» der Rassismus-Problematik im Schulbereich gewidmet habe.

Giulia Brogini, Leiterin Sekretariat der Eidgenoessischen Kommission gegen Rassismus, EKR, spricht anlesslich der Lancierung der Kampagne

EKR-Geschäftsführerin Giulia Brogini lässt die Kritik nicht auf sich sitzen. Bild: KEYSTONE

Als weiteres Beispiel führt die Geschäftsführerin eine Studie zum Thema «Anti-Schwarze-Rassismus» an, die das Zentrum für Sozialrecht der ZHAW letztes Jahr im Auftrag der EKR erstellt hat. In ihren Ausführungen dazu hält die Kommission fest, schwarze Menschen seien in der Schweiz mit struktureller Diskriminierung, Alltagsrassismus und Stigmatisierung konfrontiert. «Gleichzeitig werden ihnen wegen ihrer Hautfarbe Eigenschaften wie Irrationalität, Emotionalität, Faulheit, Triebhaftigkeit, Gewalttätigkeit oder kriminelles Verhalten zugeschrieben.»

Diese Formen rassistischer Diskriminierung liessen sich teils auf koloniale Bilder und strukturelle Ungleichheiten zurückführen, hält die EKR weiter fest. «Selber zwar ohne eigene Kolonien, hat die Schweiz ohne Zweifel ökonomisch und politisch vom Kolonialismus in Afrika und vom transatlantischen Sklavenhandel profitiert». Die Aufarbeitung dieser Verflechtungen und deren Folgen sei heute noch lückenhaft.

In dieser Stellungnahme seien alle Dimensionen des Rassismus – institutionell, politisch und strukturell – berücksichtigt, so Brogini. 

Kritik am Laufmeter – und ein neues Problem

Es ist nicht das erste Mal, dass die offizielle Schweiz für ihre Anti-Diskriminierungs-Politik einen Rüffel kassiert. So zeigten sich UNO-Gremien wiederholt besorgt über strukturellen und institutionellen Rassismus in der Schweiz. Anlass zu Kritik gaben letztes Jahr etwa die «extrem rechte Positionierung gewisser Medien und Parteien» sowie «politische Kampagnen mit rassistischen und ausländerfeindlichen Inhalten».

Viele UNO-Mitgliedstaaten forderten die Schweiz zudem dazu auf, ein wirksameres Anti-Diskriminierungs-Gesetz einzuführen. Einen Gesetzesartikel, der Rassendiskriminierung unter Strafe stellt, gibt es in der Schweiz erst seit 1995. Seither wurden über 500 Schuldsprüche ausgesprochen – 38 davon gegen Politiker, 22 gegen Medienschaffende.

Grundsätzlich stelle die EKR fest, dass die Sensibilität und das öffentliche Bewusstsein für Rassismus in den letzten Jahren zugenommen habe, sagt Geschäftsführerin Brogini. Neue Herausforderungen ortet sie insbesondere im Zusammenhang mit Rassismus in den sozialen Medien. Auch dort wolle sich die Kommission künftig verstärkt engagieren, verspricht die Geschäftsführerin.

Unter #MeTwo teilen Hunderte ihre Rassismuserfahrungen

Video: lia haubner

Das könnte dich auch interessieren:

Wie ansteckend sind Kinder wirklich? Was die Wissenschaft bis jetzt dazu weiss

Link zum Artikel

4 Gründe, weshalb die Corona-Zahlen des BAG wenig mit der Realität zu tun haben

Link zum Artikel

Wie ich nach 3 Stunden Möbelhaus von Wolke 7 plumpste

Link zum Artikel

Magic Johnson vs. Larry Bird – ein College-Final als Beginn einer grossen Sportrivalität

Link zum Artikel

Das iPad kriegt Radar? Darum ist der Lidar-Sensor eine kleine Revolution

Link zum Artikel

Lasst meinen Sex in Ruhe, ihr Ehe- und Kartoffel-Fanatiker!

Link zum Artikel

Zahl der Toten nach Selbstmordanschlag steigt

Link zum Artikel

Die Fallzahlen steigen wieder leicht an – so sieht's in deinem Kanton aus

Link zum Artikel

Corona International: EU beschliesst Einreisestopp ++ Italien mit 345 neuen Todesopfern

Link zum Artikel

Die Schweiz befindet sich im Notstand – die 18 wichtigsten Antworten zur neuen Lage

Link zum Artikel

So lief Tag 1 nach Bekanntgabe der «ausserordentliche Lage» für die Schweiz

Link zum Artikel

Der Mann, der es wagt, Trump zu widersprechen

Link zum Artikel

Ein Virus beendet Jonas Hillers Karriere: «Es gäbe noch viel schlimmere Szenarien»

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com (umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

190 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
BigE
19.08.2018 13:45registriert March 2016
Es gibt leider keinen „vernunftgeprägten“ Umgang mit dem Thema. Entweder man ist ein rechtsradikaler Rassisten-Nazi oder ein linksgrünversiffter Gutmensch. Dazwischen kann keine Position eingenommen werden. Egal, wie differenziert man versucht, ein Thema anzugehen, man wird sofort in eine der beiden Schubladen gesteckt. Entsprechend schwer ist es, sich mit Andersdenkenden auszutauschen, ohne zu streiten. Wenn dasThema etwas sachlicher angegengen würde (auch in den Kommentaren hier), wäre viel gewonnen.
43426
Melden
Zum Kommentar
Magenta
19.08.2018 15:17registriert March 2018
Mit Rassismus, Diskriminierung, Sexismus und sexueller Belästigung ist es dasselbe: Unsere Gesellschaft ist hypersensibilisiert. Weil jedes noch so kleinste Ereignis medial aufgebauscht wird, sind wir abgestumpft. Die genannten Themen nerven nur noch, was eine Art Abwehrreaktion hervorruft.
Das ist fatal, weil man so auch die «echten», wirklich bedeutenden Fälle gar nicht mehr erst diskutieren mag. Eine Debatte wird abgelehnt, weil wir dieser Themen müde sind.
Mehr Gelassenheit und Abstand würde helfen, die Dinge wieder in Relation zu setzen. Und dort zu reagieren, wo es wirklich nötig ist.
18629
Melden
Zum Kommentar
stadtzuercher
19.08.2018 15:16registriert December 2014
Was ich eher beunruhigend finde, dass aus Kreisen, aus der diese Forscherin&Feministin kommt (Uni Göttingen, CIJ Berlin u.ä.) immer öfter propagiert wird, dass es Rassismus gegen Weisse und Sexismus gegen Männer nicht gibt, nicht geben kann - übrigens eine Position die in der Schweiz linke Politikerinnen auch vertreten (siehe bspw. «Deshalb kann ich als Frau*...» vom 13.4.2017 im Tagi).
Dieselbe weissen- und männerfeindliche Definition von Rassismus und Sexismus teilt übrigens die Feministin Sibil Schick, die die Polemik um den Hashtag MännersindMüll angestossen hat.
14645
Melden
Zum Kommentar
190

Berset plant Maskenpflicht im Freien – und diese weiteren Massnahmen

Der Bund schlägt deutlich härtere Massnahmen vor, um das Virus einzudämmen. Diese dürften noch viel zu reden geben.

Gesundheitsminister Alain Berset will die Corona-Massnahmen massiv verschärfen: Am Freitag hat er den Kantonen zur Express-Konsultation weitere Verschärfungen vorgelegt. Dem Blick liegt der Entwurf vor. Laut dem siebenseitigen Papier, das auch der Nachrichtenagentur Keystone-SDA vorliegt, soll die Maskenpflicht massiv ausgedehnt werden. Sie soll auch im Freien in Siedlungsgebieten gelten.

Das sind die wichtigsten Punkte:

Diverse Kantone gehen laut den «Blick»-Recherchen davon aus, dass es sich …

Artikel lesen
Link zum Artikel