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Schweiz
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Abtreibungstourismus im Tessin bricht um 75 Prozent ein – das ist der Grund

Im Tessin gibt es immer weniger Schwangerschaftsabbrüche. Was dahinter steckt, zeigt eine neue Studie.



2011

Im Kanton Tessin gibt es pro 1000 Frauen im gebärfähigen Alter 10,5 Schwangerschaftsabbrüche. Damit gehört der Kanton Tessin zu den absoluten Spitzenreitern. Nur noch im Kanton Genf werden mehr Schwangerschaftsabbrüche registriert (14,1 pro 1000 Frauen). Der schweizweite Durchschnitt liegt bei 7,1 Abbrüchen.

2017

Und plötzlich befindet sich der Kanton Tessin unter dem Schnitt. Mit einer Abbruchrate von 4,9 pro 1000 Frauen befindet sich der südliche Kanton im Mittelfeld und unter der schweizweiten Abbruchrate von 6,1.

Schwangerschaftsabbrüche in der Schweiz

Schwangerschaftsabbrüche

Bild: Bundesamt für Statistik

Was ist im Tessin passiert?

Vom Kanton mit den zweitmeisten Schwangerschaftsabbrüchen wurde das Tessin innerhalb weniger Jahren zu einem Vorzeigekanton. Eine kürzlich publizierte Studie bringt nun Licht ins Dunkel.

Die Wissenschaftler haben die Schwangerschaftsabbrüche im Tessin zwischen 2008 und 2015 untersucht. Ihre Erklärung für den massiven Rückgang der Abbrüche: Die Italienerinnen reisen nicht mehr in die Schweiz, um ihre Schwangerschaft abzubrechen. Sie tun das jetzt wieder in Italien.

Eindrücklich zeigen dies die Zahlen: 2009 reisten 208 Italienerinnen in die Schweiz und brachen ihre Schwangerschaft in einer Tessiner Praxis ab. Sechs Jahre später sind es 75 Prozent weniger. Nur noch 50 Italienerinnen reisen 2015 für den Abbruch in den Kanton Tessin.

Warum diese Entwicklung?

«Der Kanton Tessin ist aufgrund seiner Lage ein Beispiel dafür, wie die Verfügbarkeit bestimmter Medikamente, Methoden und Gesetze, die Grenzüberschreitung von Patienten beeinflussen können», schreiben die Wissenschaftler rund um Erstautorin Danuta Reinholz in der Forschungsarbeit «Termination of pregnancy in a border region between Switzerland and Italy». Publiziert wurde die Studie im «Swiss Medical Weekly». 

Für den Rückgang machen die Wissenschaftler eine Gesetzesänderung in Italien verantwortlich. Seit 2009 ist bei unserem südlichen Nachbarn das Abtreibungsmedikament Mifepriston zugelassen. Dass die Wirkung der Marktzulassung sich erst nach einiger Zeit auf die Schwangerschaftsabbrüche im Tessin auswirkte, ist laut den Wissenschaftlern darauf zurückzuführen, dass «es für die italienischen Frauen am Anfang schwierig war, einen Arzt zu finden, der ihnen das neu zugelassene Medikament verschrieb».

ZUR KOMMENDEN ABSTIMMUNG UEBER DIE INITIATIVE ZUR ABTREIBUNGSFINANZIERUNG STELLEN WIR IHNEN FOLGENDES NEUES BILDMATERIAL ZUR VERFUEGUNG --- Die Aerztin informiert die Patientin ueber die Abtreibungspille Mifegyne, aufgenommen bei einem Beratungsgespraech zum Schwangerschaftsabbruch in der Frauenpraxis Runa in Solothurn am 18. Oktober 2013. (KEYSTONE/Christian Beutler)

Bild: KEYSTONE

Warum ist die Situation in Italien speziell?

70 Prozent der italienischen Ärzte haben ein ethisches oder religiöses Problem mit Abtreibungen. Sprich: Sie weigern sich schlicht den Abbruch durchzuführen. Dazu haben sie auch das Recht. Im italienischen Gesetz über Schwangerschaftsabbrüche ist dieses Recht der Ärzte explizit festgehalten. Doch das gleiche Gesetz sagt: Patientinnen haben das Recht in öffentlichen Spitälern einen Abbruch durchzuführen, sobald sie beraten wurden. Nur: Es fehlt in den Spitälern teilweise an Ärzten, die diesen Eingriff vornehmen.

So sorgte vor anderthalb Jahren das Spital San-Camillo in Rom mit einer ungewöhnlichen Job-Ausschreibung für Aufsehen. Für zwei offene Frauenarztstellen machte die Spitalleitung es zur Bedingung, dass die Bewerber keine «Verweigerer aus Gewissensgründen» seien.

In die Bar statt zum Arzt. Sprechstunde mal anders

Video: srf

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