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Wir Eltern

Papa Karriere – Mama Burnout? Ein Tag im Leben einer berufstätigen Mutter in der Schweiz

bild: shutterstock

Kinder, Kita, Karriere – Familie und Beruf zu vereinbaren, ist nicht so einfach, wie es die Wirtschaft vorgaukelt.

sibylle stillhart / wir eltern



Ein Artikel von

3.52 Uhr

Ein Wimmern dringt aus dem Kinderzimmer. Das Ge­räusch schwillt an. Ich zwinge mich aus mei­nem Bett, taste ins Zimmer der Kinder, nehme Linus auf, hole ihn zu mir.

Hier steht alles bereit: warmes Wasser in der Thermos­kanne, Milchpulver im Schoppen. Mecha­nisch schütte ich das Wasser in das Fläsch­chen, drücke es dem Einjährigen in die Hände, falle zurück in die Federn. Nun schwebe ich in einem türkisblauen Pool, es ist warm, die Sonne scheint. Ich tau­che auf, hole Luft, tauche erneut hinab zum Grund, schwerelos wie ein Vogel. Plötzlich stört etwas. Es ist kein Schmerz, trotzdem unangenehm. Es wird lauter, unerträglich. Ein Presslufthammer? Nach quälenden Se­kunden komme ich zur Besinnung – das Hämmern entpuppt sich als Gejammer meines Älteren, Artur (3).

Die Uhr zeigt 5.36 Uhr

Draussen ist es stockdunkel. Ich haste in die Küche, jede Bewegung schmerzt. In Sekundenschnelle giesse ich Milch in die Trinkflasche, stelle sie in die Mikrowelle, bete, dass nicht auch der Kleine noch er­wacht. Zu spät. Guten Morgen allerseits!

Inzwischen ist auch mein Mann aufge­standen. «Gut geschlafen?», flötet er, bevor er sich quietschfidel unter die Dusche stellt. Nach einer Viertelstunde eilt er zur Haustüre hinaus zur Arbeit: «Tschüss, macht's gut!» Ich ziehe mich an, husche ins Bad, motze mich ein wenig auf fürs Büro – nach einer Nacht, die vielleicht sieben Stunden gedau­ert hat – mit mindestens drei Unterbrüchen. Warum aber ist es in der Stube so ruhig? Ar­tur zerschnippelt in aller Ruhe die Zeitung. «Nun aber anziehen!», fordere ich ihn auf. Will er natürlich nicht.

8.30 Uhr

Wir stehen samt Kinder­wagen und Like-­a­-bike vor dem Haus, trotz Minus-­Temperaturen bin ich nassge­schwitzt. Zuvor musste ich in voller Montur (Mantel, Mütze, Schuhe) Arturs Nuggi un­ter meinem Bett hervorklauben, jetzt liegen seine Handschuhe noch oben. «Wartet kurz hier, ich komme gleich wieder!».

Die Woh­nung sieht aus, als ob ein Wirbelsturm da­rin gewütet hätte: das Frühstücksgeschirr unter dem Tisch, tausend Playmobil­-Teil­chen auf dem Stubenboden verstreut.

Für die 100 Meter zur Tramstation benötigen wir zehn Minuten – denn Artur sucht noch nach Ameisen, die er überfahren will. In der Kita heult er nur noch. «Ich will bei dir bleiben, Mama!»

Ich schlucke. Linus lächelt, als ihn die Erzieherin übernimmt. Immerhin.

Das Buch

Die Autorin Sibylle Stillhart hat in ihrem Buch «Müde Mütter – fitte Väter. Warum Frauen immer mehr arbeiten und es trotzdem nirgendwohin bringen» den Alltag erwerbstätiger Mütter unter die Lupe genommen. Limmat-Verlag, Fr. 22.80.

9 Uhr

Ich haste an die Haltestelle, steige ins Tram, um endlich im Büro genervte Blicke zu ernten. Guten Morgen allerseits! Schon wieder 15 Minuten zu spät.

Ich arbeite 50 Prozent als Kommunika­tionsverantwortliche, mein Mann zu 85 Pro­zent als leitender Journalist. Er möchte sich auch an der Erziehung der Kinder beteili­gen, sagt er. Freitag ist der sogenannte Papa­-Tag. Für einen Kadermitarbeiter höchst aus­sergewöhnlich, wie man ihm immer wieder mitteilt. Umso mehr legt er sich an den rest­lichen Tagen ins Zeug.

Ich verschlucke mich fast an meinem Macchiato und überlege kurz, ob ich ihr den Kaffee auf die Hose schütten soll.

Haushalt und Kin­der? Lasten zwangsläufig allein auf meinen Schultern. Ein wunder Punkt Damit bin ich nicht allein. In den meisten Familien liegt der Löwenanteil der Hausarbeit bei der Frau – selbst wenn sie einen Job hat.

Eine Untersuchung des Bundesamts für Statistik hat ergeben:

In der Kaffeepause unterhalte ich mich mit meinen Bürokollegen. «Ich glaube, heute können auch Mütter problemlos Karriere machen – also, wenn sie das wirklich wollen», meint die kinderlose Sekretärin mit Blick auf mich. Ich verschlucke mich fast an meinem Macchiato und überlege kurz, ob ich ihr den Kaffee auf die Hose schütten soll.

Zurück am Arbeitsplatz denke ich an Artur. Weshalb weigert er sich eigentlich jedes Mal, in die Kita zu gehen? Jesper Juul, der bekannte dänische Erziehungsberater, trifft bei mir mit seiner Kita­-Kritik einen wunden Punkt. «Um es gleich vorab zu sagen», schreibt er in einem seiner Bücher, «Kinderkrippen wurden geschaffen, um die Bedürfnisse von Familien zu erfüllen, in denen beide Elternteile arbeiten wollen oder müssen, und sie dienen zugleich dem wachsenden Bedarf der Gesellschaft und der Wirtschaft an Erwerbstätigen. Sie wurden nicht eingerichtet, um die Bedürfnisse der Kinder zu erfüllen.»

Die letzte grosse Untersuchung in Dänemark habe gezeigt, dass es 24 Prozent der befragten Jungen zwischen drei und sechs Jahren nicht gut gehe in der Kita. Bei den Mädchen sind es zehn Prozent. Sechs bis acht Stunden Fremdbetreuung in einer Tages­einrichtung stelle hohe Anforderungen an kleine Kinder, schreibt Jesper Juul.

12.15 Uhr

Die Kollegen verabschieden sich in die Mittagspause. Ich mache keine, weil ich sonst nicht durchkomme. Stattdessen kaue ich an einem trockenen Sandwich und trinke Leitungswasser. Nebenher arbeite ich weiter an einem Kommunikationskonzept, das mein Chef unlängst von mir verlangt hat.

Punkt 17 Uhr

Ich hetze weg, um die Kinder in der Krippe zu holen. Dort erwarten mich zwei strahlende aber müde Buben. Ein guter Tag sei es gewesen, sagt die junge Praktikantin. Auf dem Heimweg besorgen wir noch das Nötigste im Supermarkt. Zuhause trage ich Linus die Treppe hoch, am anderen Arm baumelt die Einkaufstüte – und Artur möchte meine Hand halten.

Keuchend schlüpfe ich oben aus dem Mantel, eile in die Kü­che, bereite Linus Schoppen vor, er schreit bereits. Danach tische ich Brot, Salami, Cornflakes auf, doch weder Linus noch Artur haben Lust darauf. Das Essen landet auf dem Boden.

«Um es gleich vorab zu sagen, Kinderkrippen wurden geschaffen, um die Bedürfnisse von Familien zu erfüllen (...) und sie dienen zugleich dem wachsenden Bedarf der Gesellschaft und der Wirtschaft an Erwerbstätigen. Sie wurden nicht eingerichtet, um die Bedürfnisse der Kinder zu erfüllen.»

Jesper Juul, dänischer Erziehungsberater

Ich breche die Übung ab, trage Linus ins Kinderzimmer, während Artur das Sandmännchen im Fernsehen gu­cken darf. Ich ziehe Linus den Pyjama an, lege ihn ins Bett, lösche das Licht, verharre, bis der Kleine schläft.

In der Stube sitzt Artur mittlerweile gebannt vor der Tagesschau. Ich schalte den Kasten ab, räume in der Küche das Geschirr vom Mor­gen­ und Abendessen in die Spülmaschine, bringe auch Artur ins Bett. Frauen, gebt euch Mühe

Mittlerweile ist es 21 Uhr

Ich lege mich aufs Sofa. Das ist sie nun also, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Es graut mir, dies als Emanzipation zu betrachten. Heisst Gleichstellung für Mann und Frau, dass eine Frau heute trotz Kindern weiterarbeitet? Und dennoch Hauptverantwortliche für Betreuung und Haushalt bleibt? Sie allein die Doppelbelastung trägt, während die Männer leichtfüssig die Karriereleiter hinaufhüpfen?

Heute soll eine Mutter ihr Baby mindestens sechs Monate lang stillen, nach der Geburt aber nach 14 Wochen Mutterschaftsurlaub an den Arbeitsplatz zurückkehren. Im Büro soll sie sich bitteschön anstrengen, denn, das wissen wir seit den Ausführungen von Roland A. Müller, Direktor des Arbeitgeberverbandes: Frauen würden sich einfach nicht genug Mühe geben, um wirklich Karriere zu machen. Männer seien eher bereit, Sonderanstrengungen zu zeigen und «Arbeitszeiten weit über die regulären acht Stunden hinaus zu leisten», sagt er an einer Pressekonferenz zur Lohnstrukturerhebung.

Ich muss zugeben: Ich habe mir die ganze Familiensache anders vorgestellt. Einfacher. Gleichberechtigter. Fairer. Das Leben, das ich im Moment führe, ist kein emanzipiertes Leben. Eher ein Leben als Sklavin, die es allen recht machen muss: Arbeitgeber, Mann, Kindern.

Tatsächlich strapaziere ich durch meine Unflexibilität die Nerven meines Chefs: «Ich kann leider nicht, ich muss die Kleinen aus der Kita holen.» Um in der nächsten Beförderungsrunde einmal mehr nicht berücksichtigt zu werden. Obwohl ich nach Büroschluss zuhause ja keineswegs auf der faulen Haut liege.

Arbeit mit Kindern und Haushalt wird nicht als wirkliche Arbeit betrachtet – sich um Kleinkinder zu kümmern, gilt als Freizeit. Mein Mann kommt heim Klar ist es toll, mein eigenes Geld zu verdienen. Das allerdings benötige ich für die Kinderbetreuung und die Putzfrau. Zudem steigen die Steuern, wenn zwei Personen in einem Haushalt arbeiten.

Ich muss zugeben: Ich habe mir die ganze Familiensache anders vorgestellt. Einfacher. Gleichberechtigter. Fairer. Das Leben, das ich im Moment führe, ist kein emanzipiertes Leben. Eher ein Leben als Sklavin, die es allen recht machen muss: Arbeitgeber, Mann, Kindern.

Warum arbeiten die meisten Männer nach wie vor Vollzeit? Wo ist die neue Arbeitskultur, die nicht die Präsenzzeit, sondern den Output bewertet? Geändert hat sich in den letzten Jahren allein das Anforderungsprofil an die «moderne Mutter».

Um 22 Uhr schleppe ich mich ins Bett

Fünf Minuten später höre ich den Schlüssel im Schloss. Mein Mann kommt heim.

Um 22.30 Uhr

erwacht Linus, schreit, ich hole ihn zu mir ins Bett.

Um 1 Uhr

will Linus Milch,

um 4 Uhr

weint er nochmals,

um 6 Uhr

ist es Artur, der erwacht.

Ein neuer Tag beginnt. Guten Morgen allerseits!

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