Schweiz
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Bundesrat Alain Berset spricht waehrend einer Medienkonferenz des Bundesrates ueber die Situation des Coronavirus, am Freitag, 27. Maerz 2020 in Bern. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Gesundheitsminister Alain Berset hat die Situation nach anfänglichem Chaos gut in den Griff gekriegt und richtigerweise auf Zwangsmassnahmen verzichtet. Bild: KEYSTONE

Offen gesagt

«Lieber Herr Berset, Sie wären ein guter General ...»

Der Verzicht des Bundesrates auf eine rigorose Ausgangssperre war ein Risiko. Aber letztlich der richtige Entscheid, um die Ressourcen auf das Wesentliche zu konzentrieren: die Vorbereitung des Gesundheitswesens.



Lieber Herr Berset

General Dufour, der Befehlshaber der Eidgenossenschaft im Sonderbundskrieg, gab für die kriegerische Auseinandersetzung mit den Sonderbunds-Kantonen folgende Losung aus: «Il faut sortir de cette lutte non seulement victorieux, mais aussi sans reproche.» Man müsse aus diesem Kampf gegen die katholischen Kantone nicht nur siegreich, sondern auch ohne Vorwurf hervorgehen. Deshalb hat er auf Ihre Geburtsstadt Fribourg nicht feuern lassen, sondern einfach auf Einsicht und Kapitulation gewartet.

Als gescheiter General wusste Dufour auch, dass man in einem Krieg niemals mehr als drei Tage vorausplanen kann, zu mannigfaltig sind die Unwägbarkeiten. Fragte man Dufour vor einer Operation, was er denn zu tun gedenke, wenn dieses oder jenes nicht klappe, pflegte er zu sagen: «Nous verrons ensuite.» Das schauen wir dann, wenn es so weit ist. Ein Problem nach dem anderen lösen und immer noch was in der Hinterhand haben.

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Sie wären ein General ganz nach Dufours Geschmack.

Denn nach seinen Maximen handeln Sie auch in der Bewältigung der Corona-Krise. Der Gegner hat Sie zwar überrascht, was immer zu Chaos und vernichtenden nachträglichen Manöverkritiken führt, aber das ist jetzt noch nicht schlimm. Was danach zählte, war, richtig zu priorisieren, ein Problem nach dem anderen zu lösen und so wenig Leute nachhaltig gegen sich aufzubringen wie möglich.

Das haben Sie bis jetzt hingekriegt. Erste und dauerhaft übergeordnete Priorität hat das einschneidende Social Distancing zur Eindämmung des Virus. Um Zeit zu gewinnen, die Spitalkapazitäten hochzufahren, diese über längere Zeit nicht zu überschreiten und damit viele Leben zu retten. Das funktioniert nur, wenn die Existenzen gesichert sind, denn eine um ihre Existenz fürchtende Bevölkerung bleibt nicht daheim. Das war deshalb zweite Priorität und ist auch in dieser Reihenfolge kommuniziert worden.

Beides haben Sie zusammen mit dem Bundesratsgremium gut hingekriegt. Sie haben in zwei Wochen sehr viel vorherige Versäumnisse aufgeholt oder aufholen lassen. Sie haben die Ausgangslage dank gut koordinierter Vorbereitungsmassnahmen verbessert und die Infektionskurve in die richtige Richtung gelenkt. Auch Ihr Entscheid, die Bevölkerung ohne Zwangsmittel zur weitgehenden Einhaltung der Distanzregeln zu bewegen, war richtig.

Damit haben Sie zwar die maximal mögliche Einschränkung der Sozialkontakte und Ansteckungsmöglichkeiten verpasst. Dafür haben Sie es vermieden, die Bevölkerung gegen die Behörden aufzubringen. Denn dann hätten Sie viele Ressourcen in die Durchsetzung einer Ausgangssperre stecken müssen, die im Kapazitätenausbau des Gesundheitswesens sehr viel sinnvoller eingesetzt sind.

Die Doktrin der Freiwilligkeit im Social Distancing ist aber nicht nur ressourcenschonender als Zwang, sondern auch nachhaltiger. Das ist mindestens so wichtig.

Sie wissen, dass die Massnahmen später und nur sehr viel punktueller gelockert werden können, als Wirtschaftsvertreter jetzt verlangen und sich die Bevölkerung das jetzt vorstellt. Sanftere und auf Eigenverantwortung basierende Einschränkungen lassen sich länger durchhalten und auch in einer feiner abgestuften Kaskade lockern.

Bis jetzt scheint es mit dem von Ihnen eingeschlagenen Weg nicht so schlecht zu funktionieren. Sie haben wüste Szenen vermieden, in denen Polizisten oder Soldaten gewaltsam gegen die eigene Bevölkerung hätten vorgehen müssen, so wie es in anderen Ländern der Fall war. Da müssen Sie sich nichts vorwerfen – pas de reproche.

Und für den Fall, dass es mit der freiwilligen Disziplin der Bevölkerung und dem Verständnis der Wirtschaft nicht so lange hinhält wie nötig, um die Corona-Verbreitung unter Kontrolle zu halten, dann haben Sie und der Bundesrat schärfere Massnahmen, höhere Bussen und – als Ultima Ratio – die «Ausgangssperre» immer noch in der Hinterhand.

Nous verrons ensuite.

Hochachtungsvoll

Maurice Thiriet

Sars-Cov-2, Covid-19, Coronavirus – die wichtigsten Begriffe
Coronaviren sind eine Virusfamilie, die bei verschiedenen Wirbeltieren wie Säugetieren, Vögeln und Fischen sehr unterschiedliche Erkrankungen verursachen.

Sars-Cov-2 ist ein neues Coronavirus, das im Januar 2020 in der chinesischen Stadt Wuhan identifiziert wurde. Zu Beginn trug es auch die Namen 2019-nCoV, neuartiges Coronavirus 2019 sowie Wuhan-Coronavirus.

Covid-19 ist die Atemwegserkrankung, die durch eine Infektion mit Sars-Cov-2 verursacht werden kann. Die Zahl 19 bezieht sich auf den Dezember 2019, in dem die Krankheit erstmals diagnostiziert wurde.

News zum Coronavirus in der Schweiz und International. Die wichtigsten Fakten zum Coronavirus: Symptome, Übertragung, Schutz.

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103 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
TheKen
01.04.2020 17:56registriert April 2018
BR Berset hat sich bisher sehr gut geschlagen und mMn sehr gute Entscheidungen getroffen. Ich finde, die anderen involvierten BR haben sind ebenfalls zur Höchstform aufgestiegen. Ich bin ehrlich froh, haben wir nicht sowas wie Trump oder den Ungarn.
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Majoras Maske
01.04.2020 17:48registriert December 2016
Der Bundesrat hat die Krise bisher wirklich gut gemanagt: Zielorientiert, rasch, durchaus auch unpopulär und verhältnismässig.
Ich hab schon mehrmals gedacht, dass wir froh sein können, in einem der wenigen Länder zu leben wo das Staatsoberhaupt noch nicht erklärt hat, dass das Land "im Krieg" ist.
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Pat the Rat, einfach nur Pat the Rat
01.04.2020 17:47registriert February 2017
Lieber DickMo,
Vielen Dank für diese gut geschriebenen Worte, die fast exakt meine Meinung widerspiegeln.
Ich muss dem Gesamtbundesrat, insbesondere Herrn Berset, ein dickes Kompliment aussprechen für die Art und Weise wie kommuniziert wurde und für die (meiner Meinung nach) richtigen Massnahmen die bis jetzt getroffen worden sind.
Hochachtungsvoll 😜
Pat the Rat
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103

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