Schweiz
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ARCHIV --- ZUR STUDIE DER UNIVERSITAET ZUERICH ZUR FINANZBRANCHE STELLEN WIR IHNEN FOLGENDES BILD ZUR VERFUEGUNG --- Menschen bewegen sich am Freitag, 24. Januar 2014, auf dem Paradeplatz in Zuerich. (KEYSTONE/Ennio Leanza)

Banker und Geschäftsleute am Paradeplatz in Zürich. Bild: KEYSTONE

Ein Ex-Banker packt aus

«Für hunderte Banken war das, was jetzt bei der HSBC aufflog, das tägliche Brot. Seit Jahrzehnten»

Waren die Machenschaften der HSBC Schweiz eine Ausnahme? Oder war es gängige Praxis, dass man als Privatbanker den Kunden beim Verstecken von Geld half, wie die Enthüllungen um Swissleaks zeigen? Ein ehemaliger Schweizer Banker packt aus.



Er kennt verschiedene Schweizer Privatbanken sowie CS und UBS von innen. Er kennt das Geschäft mit reichen Privatkunden, deren Wünsche und deren Vorlieben. Und er weiss, was die Schweizer Banker jahrelang dafür getan haben:

Die grossen «Enthüllungen», die keine sind

Das, was jetzt an grossen «Enthüllungen» in den Zeitungen steht über das Gebaren von HSBC Schweiz ist sozusagen ein alter Hafenkäse. Das haben damals alle Banker auf allen Schweizer Banken gemacht. Für hunderte Banken war dies das tägliche Brot. Seit Jahrzehnten.

Der ehemalige Betreuer reicher Privatkunden, der bald das Pensionsalter erreicht hat und heute nicht mehr bei einer Bank arbeitet, möchte seinen Namen hier nicht lesen. Aber über die Praktiken seiner Berufskollegen und über sein Leben vor der «Wende» 2008, als das Bankgeheimnis anfing zu bröckeln, gibt er Auskunft.

Dass die Medien jetzt Ausschnitte von bankinternen Notizen abdrucken, und damit zeigen wollen, wie das dreckige Geschäft lief, hält er für keine sonderlich grosse Enthüllung – für ihn war das bloss Geschäftsalltag.

Es ist ja klar, dass wir unsere Kunden so gut wie möglich einschätzen mussten – zu unserem eigenen Wohl. Denn die PEP, die politisch exponierten Personen, die gab es schon zu meiner Zeit. Und wir wussten: Da müssen wir vorsichtig sein. Bei Geldwäscherei hat man schon vor Jahren versucht, das irgendwie zu verhindern. Wir hatten als Banker auch richtig Angst davor, denn wir wussten, dass das illegal ist.

Das Treffen im Hilton war Geschäftsalltag

Das Hilton in Tel Aviv als Ort des Geschehens ins Zentrum zu rücken, wo sich Schweizer Privatbanker mit ihren Kunden trafen, hält er ebenso für einen «alten Hut», das Hotel ist ihm bestens bekannt. Er verkehrte dort immer wieder.

Ultra-Orthodox Jews walk on the beach in Tel Aviv January 14, 2009. An hour's drive from the border of the Israeli-bombed Gaza Strip and an even shorter journey from Israeli towns hit by Palestinian rockets, bars and cafes are bustling in a Mediterranean city that never sleeps. Tel Aviv is booming as usual, nearly three weeks into an Israeli military offensive just 60 km (37 miles) away and out of range of Hamas rockets that can fly only about two-thirds of that distance.
REUTERS/Sharon Perry (ISRAEL) - RTR23DYA

Strandpromenade von Tel Aviv (im Hintergrund das Hilton): Hier trafen sich Schweizer Banker regelmässig mit Kunden. Bild: © Sharon Perry / Reuters/REUTERS

Als Bankmitarbeiter bereiste man natürlich alle Kontinente, um seine Kunden zu treffen. Da war logischerweise auch das Hilton in Tel Aviv darunter. Gerade in Israel waren wir in viele Geschäfte involviert. Deshalb waren wir auch oft in Tel Aviv. Das hat aber nichts mit Steuerhinterziehung zu tun, sondern damit, dass viele israelische Emigranten ihr Vermögen an einem sicheren Ort unterbringen wollten. Das bringt die Geschichte, die dieses Volk hat, mit sich.

«Das lag nicht in unserer Verantwortung.»

Schweizer Ex-Privatkundenbanker

Als Kundenbetreuer im Private Banking war ich meistens von Anfang an dabei bei solchen Geschäften. Oft wurden uns grosse Beträge aus einer Erbschaft oder einem Firmenverkauf anvertraut, von denen wir noch nicht einmal wussten, ob sie versteuert werden müssten oder wie es zu versteuern gewesen wäre. Meistens war auch völlig unklar, ob diese Beträge in Zukunft je versteuert werden würden oder nicht. Das lag nicht in unserer Verantwortung. Die Banker können nicht für die Steuern ihrer Kunden verantwortlich sein.

Aber von kriminellen Geldern, das heisst von Terrorgeldern oder gewaschenem Geld, liessen wir schon früher nach Möglichkeit die Finger. Da wussten wir, dass wir vorsichtig sein mussten. Dennoch muss man sich einmal vorstellen, wie schwierig es ist für einen Bankberater, wie ich einer war, einen Kunden von Anfang an richtig einzuschätzen. 

«At the beginning of each big fortune was a crime.»

«Am Anfang jedes grossen Vermögens steht ein Verbrechen»: Geflügeltes Wort unter Schweizer Bankern

Wir mussten unsere Klientel zuerst einmal kennenlernen. Das ging teilweise über Jahre. Auch wir konnten nicht immer in Erfahrung bringen, woher einer sein Geld hat. Kam es aus einer Erbschaft? Aus einem Firmenverkauf? Einer meiner Chefs pflegte zu sagen: «At the beginning of each big fortune was a crime» (Am Anfang jedes grossen Vermögens steht ein Verbrechen).

Mit der Zeit aber lernten wir unsere Kunden immer besser kennen. Und bei vielen haben wir es geahnt, dass etwas nicht sauber war. Und vielen von ihnen war auch unwohl dabei. Vielleicht wussten sie nicht einmal, dass ihr Geld – zum Beispiel aus einer Erbschaft – nicht richtig versteuert war. Und so haben sie dann oft angefangen, das unversteuerte Geld nachträglich zu deklarieren.

«Auch wir konnten nicht immer in Erfahrung bringen, woher einer sein Geld hat. Kam es aus einer Erbschaft? Aus einem Firmenverkauf?»

Schweizer Ex-Privatkundenbanker

Das Schweigen am anderen Ende der Leitung

Auf die Frage, ob er selber je wissentlich seinen Kunden geholfen habe, Geld vor dem Fiskus zu verstecken, passiert etwas Erstaunliches: Der sonst so eloquente Ex-Banker verstummt, viel zu lange geht kein Ton durch die Telefonleitung. Hat er etwa aufgelegt? Nach langem Zögern kommt doch noch eine Antwort: 

Wir haben Fehler gemacht. Wir haben die grosse Party gefeiert und die Möglichkeiten ausgereizt. Es ist Champagner geflossen, die Kunden wurden in Nachtclubs eingeladen. Und das haben wir ausgelebt. Wir waren regelrecht in Champagnerlaune. Und es gab ehemalige Kollegen von mir, die das Geld, das ihnen anvertraut wurde, in bar über die Grenze und in die Bank transportiert haben. Das fällt ganz klar unter den Begriff «aktive Beihilfe zur Steuer- und Kapitalflucht».

«Wir haben Fehler gemacht. Wir haben die grosse Party gefeiert und die Möglichkeiten ausgereizt.»

Schweizer Ex-Privatkundenbanker

Selber nie mitgemacht

Dann betont er, dass er selber bei diesem Spiel nie mitgemacht habe. Dennoch kennt er die Praktiken der Schweizer Banken von damals sehr genau:

Viele reiche Bankkunden aus dem Ausland befanden sich regelrecht in Geiselhaft der Schweizer Banken. Die Banken haben schon geschaut, dass sie mit denen, die ihr Geld an einem sicheren Ort parken wollten, genug verdienten. Es hiess dann einfach: Zahl, oder wir verraten dich. Nicht umsonst war das Private Banking in der Schweiz lange Zeit sehr rentabel. Aber diese Zeiten sind vorbei.

«Heute sitzen die Schweizer Banker in einem Gefängnis, sie sind verängstigt. Es gilt nur noch: Cover your ass! – Rette deinen Arsch!»

Schweizer Ex-Privatkundenbanker

Und wie ist es heute?

Ob die Beihilfe zur Steuerhinterziehung bei Schweizer Banken System hatte – diese Antwort bleibt er uns schuldig. Ein klares Nein würde aber ganz anders klingen.

Heute sitzen die Schweizer Banker in einem Gefängnis, sie sind verängstigt. Es gilt nur noch: CYA – cover your ass, rette deinen Arsch. Die Banken sind voll mit Juristen und Compliance-Menschen. Es würden auch keine bankinternen Notizen mehr verfasst, wie sie bei der HSBC in den Daten von Falciani aufgetaucht sind. Das wäre viel zu gefährlich. 

Das Versprechen der Schweizer Banken, nur noch Weissgeld akzeptieren zu wollen, hält er dennoch für unrealistisch: 

Die CS und die UBS mögen zwar davon sprechen, dass sie nur noch «weisse Kunden» haben wollen. Ich muss aber sagen: Das geht gar nicht. Gewisse Vermögen werden erst jetzt gebildet, und da stellt sich natürlich die Frage: Wer versteuert diesen Gewinn? Die Bank? Der Kunde? Sicher ist: Eine Bank kann diesen Dienst am Kunden nicht leisten.

Und zum Schluss sagt er nochmals:

«Die Party ist vorbei.»

Schweizer Ex-Privatkundenbanker

 

#swissleaks: Das sind die Namen

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