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Depression kann viele Gesichter haben. Bild: shutterstock

#FaceTheDepression: Twitter-User zeigen sich während einer Depression

Auf Twitter trendet der Hashtag #FaceTheDepression. Darunter posten User Fotos von sich während einer depressiven Phase. Ist Twitter dafür der richtige Ort? Ja, findet ein Psychologe.



Depression hat viele Gesichter. Unter dem Hashtag #FaceTheDepression wollen Betroffene darauf aufmerksam machen. Sie zeigen Bilder von sich während Momenten, in denen sie eine depressive Episode erlebten.

Momentan trendet der Hashtag auf Twitter. In Deutschland spricht man bereits von Tausenden Posts. Nun zeigen sich auch immer mehr Schweizerinnen und Schweizer während einer Depression. Was auffällt: Es sind häufig ganz gewöhnliche Selfies, die eine lächelnde Person zeigen. Der Psychologe Tobias Krieger findet diesen Trend wichtig: «Dadurch bleibt Depression nicht einfach ein abstrakter Begriff. Man sieht, dass die Krankheit alle möglichen Gesichter haben kann, denn niemand ist vor ihr gefeit.» Leider sei Depression nach wie vor ein stigmatisiertes Thema in der Gesellschaft.

Jede sechste Person betroffen

In der Schweiz leiden neun Prozent der Bevölkerung unter Depressionen, wie das Bundesamt für Statistik (BFS) 2017 festhielt. Frauen und Jugendliche sind dabei häufiger betroffen als Männer oder Menschen, die über 64 Jahre alt sind.

«Theoretisch kann jede Person eine Depression entwickeln, wenn mehrere Faktoren zusammentreffen.»

Tobias Krieger, Fachpsychologe für Psychotherapie

Das deutsche Max-Planck-Institut für Psychiatrie bezieht sich derweil auf Studien, wonach jede sechste Person einmal im Leben an einer Depression erkrankt. Dabei würden gewisse Faktoren die Krankheit begünstigen, sagt Psychologe Krieger. So könnten die genetische Veranlagung und persönliche Vulnerabilität im Zusammenspiel mit äusseren Stressfaktoren eine Depression begünstigen. «Allerdings gibt es selten einen einzigen Grund. Theoretisch kann jede Person eine Depression entwickeln, wenn mehrere Faktoren zusammentreffen.»

Inwiefern äussere Situationen eine Depression begünstigen, hat die Corona-Pandemie gezeigt. Wie die Universität Basel feststellte, verdoppelte sich in der Schweiz der Anteil von Personen mit schweren depressiven Symptomen während des Lockdowns.

Stigma: Betroffene seien selber schuld

Genau so unterschiedlich wie die Gründe, können auch die Symptome einer Depression sein. Allerdings werde die Krankheit in diesem Punkt oft stigmatisiert: «Viele Leute haben eine klare, aber häufig falsche Vorstellung davon, wie depressive Menschen sind», sagt Krieger. «Es herrscht bis heute das Vorurteil, die Betroffenen würden sich in etwas hineinsteigern oder dass die Verstimmung dann schon vorbeigehe.»

Solche Reaktionen würden dazu führen, dass sich die Betroffenen nicht ernst genommen fühlen. «Unverständnis aus dem Umfeld kann dazu führen, dass sich die Leute noch mehr zurückziehen. Starke Selbstzweifel und einen tiefen Selbstwert sind ohnehin sehr typisch für Depressionen», so der Fachpsychologe für Psychotherapie der Universität Bern.

Depression ist eine Erkrankung – und so fühlt sie sich an

Video: watson/lea bloch

Betroffene holen sich lange keine Hilfe

Krieger erlebe selber, dass Patientinnen und Patienten lange warten, bis sie sich professionelle Hilfe holten. Eine deutsche Studie hat gezeigt, wo die Barrieren liegen: Am häufigsten hätten Betroffene Angst vor Stigmatisierung und sind zu wenig aufgeklärt, heisst es.

Wieso sich Betroffene keine Hilfe holen

Die häufigsten Gründe, weshalb Personen mit Depressionen keine Hilfe in Anspruch nahmen. Studie «epidemie der depression?»

Social Media steigert Vergleichs-Druck

Der Trend #FaceTheDepression rege das Gespräch über die psychische Krankheit an, findet Krieger. «Es ist ein starkes Statement, dass diese Leute sagen: ‹Auf diesem Bild habe ich zwar gelacht, aber innen sah es anders aus›.» Weit nicht alle depressiven Personen seien in der Lage, darüber zu berichten.

Einen negativen Nebeneffekt könne der Trend allerdings auch haben: «Man sollte sich als betroffene Person nicht unter Druck gesetzt fühlen, ein Bild zu posten, nur weil das andere machen», sagt Krieger. Das sei ohnehin der schwierige Effekt von Social Media: «Man vergleicht sich ständig, was noch zu mehr Druck führen kann.»

«Depressionen sind kein Trend»

Dass Depressionen plötzlich cool und trendig werden könnten, denkt der Psychologe nicht. «Depressionen sind kein ‹Trend›. Dazu gibt es zu viele Studien und die Zahlen sind relativ stabil», sagt der Psychologe.

Es gäbe zwar Studien, die daraufhin weisen, dass die Fälle aktuell wieder zunehmen würden. «Das kann aufgrund der Pandemie sein. Vielleicht liegt es auch daran, dass die Selbst-Stigmatisierung tendenziell abnimmt. Früher haben sich weit weniger Personen zu einer Depression bekannt als heute.»

«Es ist wichtig, dass über das Thema Depression gesprochen wird.»

Tobias Krieger, Psychologe

Der Tweet-Trend sei ein weiterer Schritt Richtung Enttabuisierung, denn: «Es gibt gute Behandlungsmöglichkeiten für Personen mit Depressionen. Es ist wichtig, dass über das Thema gesprochen wird», so der Psychologe. Unbehandelt könne die Krankheit schwerwiegende Konsequenzen haben, dazu zähle etwa ein erhöhtes Suizidrisiko.

Und wie reagiert man auf Personen im eigenen Umfeld, die sich depressiv fühlen? «Zuhören! Das ist ganz wichtig. Und der betroffenen Person signalisieren, dass sie weiterhin mit einem darüber sprechen kann», sagt Krieger. In einem weiteren Schritt könne man versuchen, die Person zu ermutigen, sich professionelle Unterstützung zu suchen.

Hilfe für Betroffene

Menschen, die unter Depressionen leiden, finden etwa bei der Schweizer Gesellschaft für Angst und Depression Hilfe. Auch das Berner Bündnis gegen Depression führt Listen mit Anlaufstellen.

Bei Suizidgedanken soll man beim Spitalnotfall einer psychiatrischen Klinik oder bei der allgemeinen Notfallnummer
112
anrufen.

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