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bild: ea.com/watson montage

Kommentar

Kaputter Karrieremodus und Fehler ohne Ende – warum «FIFA 20» eine riesige Frechheit ist

Arne Siegmund / watson.de



Am vergangenen Freitag ist FIFA 20 erschienen. Millionen Gamer haben, wie jedes Jahr, den Releasetag herbeigesehnt. Aber das Spiel ist kaputt, es ist voller Fehler. Entwickler EA hat offensichtlich ein unfertiges Spiel auf den Markt gebracht. Der Karrieremodus, von treuen Fans der ersten Stunde geliebt, ist unspielbar. Obwohl EA vor dem Erscheinen des Spiels grosse Neuerungen angekündigt hatte.

Es hat den Anschein, als hätte sich EA beim Programmieren von FIFA 20 nur um «FIFA Ultimate Team» (FUT) und den neuen Strassenfussballmodus «Volta» geschert, aber nicht um die Karrieremodus-Fans. Die sind nun seit Tagen auf den Barrikaden. Der Hashtag #FixCareerMode trendete am Wochenende zeitweise auf Twitter.

FIFA-Spieler weltweit sind erzürnt. Und ich bin einer von ihnen.

Ich will kein FUT, ich will Karrieremodus zocken!

Ich zocke seit über 20 Jahren FIFA, mit ein paar Jahren Pro-Evolution-Soccer-Unterbrechung Ende der Nuller Jahre. Doch so einen verkorksten Spielmodus habe ich noch nicht erlebt.

Ich spiele bei FIFA immer den Karrieremodus, offline, gegen den Computer. Online zu spielen, gegen echte Gegner, war eine Zeit lang auch ziemlich cool, aber nur solange es kostenlos war. Mittlerweile kostet es nämlich einen Jahresbeitrag von rund 60 Euro, damit man mit seiner Playstation überhaupt online gegen andere spielen kann. Sorry, sehe ich nicht ein. Deswegen spiele ich auch kein FUT. Laut EA ist das zwar der beliebteste Modus und «das Zentrum der gigantischen FIFA-Community». E-Sport-Wettbewerbe sind auf den Modus ausgerichtet, täglich zocken Millionen Spieler weltweit FUT. Das ist schön für sie. Aber mich interessiert der Ultimate-Team-Modus einfach nicht. Denn dort muss man zusätzlich Unsummen investieren, um ein Fantasieteam in einer Art digitalem Sammelkartenspiel individuell zusammenzustellen. Viele investieren dabei oft drei- bis vierstellige Beträge, um sich den Traum von einer professionellen E-Sport-Karriere zu erfüllen. Schön für EA, schön lukrativ. Aber ohne mich.

Vielleicht bin ich zu geizig oder zu altmodisch. Oder beides. Egal.

«Am Anfang musst du erst mal Geld investieren, um überhaupt eine konkurrenzfähige Mannschaft zusammenzustellen. Das sind schon ein paar hundert Franken.»

FIFA-Coach Thomas Temperli im watson-Interview

Für mich ist es einfach das Grösste, im Karrieremodus meinen Lieblingsclub Arminia Bielefeld in ungeahnte sportliche Sphären zu führen. Oder ehemalige Bundesligisten aus der Versenkung wieder dorthin zu bringen, wo sie hingehören. Jugendspieler entwickeln, in den Europapokal einziehen. Oder in einer Spielerkarriere eine Laufbahn als Ausnahmetalent zu starten.

Auch im Karrieremodus begehrt: Die 50 besten Spieler bei FIFA 20

Die Karrieremodus-Community ist gross

Und ich bin nicht alleine. Denn ich weiss, dass all das auch das Grösste für Tausende andere FIFA-Zocker ist.

Es sind zwar keine Millionen, so wie bei FUT, die den Karrieremodus spielen. Aber auch dessen Fangemeinde ist nicht zu verachten. Kennzahl? Alleine das Subreddit «FIFA Careers» hat auf Reddit knapp 60'000 Mitglieder, die sich dort rege über Erfolge und Trivia ihrer virtuellen Managerkarrieren austauschen.

Am Wochenende habe ich viel Zeit in diesem Subreddit verbracht. Aber lasst mich das kurz von vorne erklären.

Denn, nachdem ich FIFA 20 am Samstag gekauft und ein paar Runden gezockt hatte, stellte sich bei mir das Gefühl ein, dass irgendwas nicht stimmt mit diesem neuen Spiel. Die Kader der Teams waren nicht auf dem aktuellen Stand: Hirving Lozano spielte immer noch in Eindhoven, Mauro Icardi noch bei Inter Mailand, kein Bittencourt bei Werder Bremen, kein Dost bei Eintracht Frankfurt. Der Schwierigkeitsgrad «Weltklasse», mit dem ich startete, war ein Witz: Jede KI-Abwehr liess sich mit dem immer gleichen Lauf über den Flügel aushebeln, da die Verteidiger nur hinterhertrabten. Pass in die Mitte, Abstauber, Tor.

epa07851550 Real Madrid's goalkeeper Thibaut Courtois (L) in action against Paris Saint Germain's Mauro Icardi during the UEFA Champions League Group A soccer match between Paris Saint Germain and Real Madrid at the Parc des Princes stadium in Paris, France, 18 September 2019.  EPA/YOAN VALAT

Wer sagt FIFA, dass Icardi für PSG stürmt? Bild: EPA

Also, ab ins Subreddit «FIFA Careers», mal schauen, was die anderen so schreiben. Dort war die Hölle los.

Beitrag für Beitrag liessen sich die User über die Spielfehler aus. Ein Thread von »SpookyMulder26" zeigte mir dann das ganze Ausmass eines komplett verbuggten Spielmodus. Der User hat mittlerweile 27 (!) grössere und kleinere Spielfehler aufgelistet, die in der Summe den Spielspass komplett zunichte machen. Um nur ein paar zu nennen: Die Champions League und die Europa League starten mit den Teams der vergangenen Saison; die neue Funktion, dass man nach dem Spiel Interviews geben kann, ist für die Katz, weil die Fragen oft keinen Sinn ergeben. Das ist in der Realität manchmal nicht anders, aber auf solche dummen Fragen wie in FIFA 20 kommen nicht mal Fieldreporter im Fernsehen.

Beispiel? Trotz des Halbzeitstandes von 5:0 kommt nach Abpfiff die Frage: «Waren Sie nervös, weil Sie in der ersten Halbzeit nicht getroffen haben?»

Hallo?

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screenshot: reddit

Teilweise sind es sogar Karrieremodus-Fehler, die in früheren FIFA-Versionen bereits auftraten.

Unter anderem schonen die KI-Topteams, vor allem in der Premier League, gerne ihre Stars und laufen mit Reservemannschaften auf, sodass sie am Ende der Saison oft absteigen. Auch das nagt am Spielerlebnis, wenn man statt gegen Stars gegen No-Names antritt und irgendwann keine Spitzenclubs mehr in der Liga spielen.

Fehler über Fehler:

#FixCareerMode geht auf Twitter viral.

Aber wie kann das sein?

Die Reaktion von EA ist unbefriedigend

«Erlebe den bislang authentischsten Karrieremodus und drücke deinem Verein mit neuen Innovationen deinen Stempel auf», schreibt EA auf seiner Webseite und verspricht «absolute Authentizität». Doch die Wirklichkeit sieht anders aus und es bleiben Fragen: Wie kann ein so grosser Publisher wie EA eines der berühmtesten Videospiele weltweit derart verhunzen, indem er offenbar einen wichtigen Spielmodus in der Entwicklung stiefmütterlich behandelt haben muss? Warum werden Verbesserungen angekündigt und dann nicht eingehalten? Die Frage hat EA bisher nicht offiziell beantwortet.

Ich habe am Mittwoch bei der deutschen Pressestelle nachgefragt, warum EA ein offensichtlich unfertiges Spiel auf den Markt gebracht hat, warum Verbesserungen angekündigt, aber nicht eingehalten wurden. Ausserdem wollte ich wissen, ob man etwas zum Zeitpunkt sagen könne, wann die Bugs im Karrieremodus gefixt werden, und ob er möglicherweise in der Entwicklung vernachlässigt wurde.

Die Antwort fiel kurz aus: «Unter folgendem Link werden Aspekte zum Career Mode direkt behandelt und beantwortet: https://fifaforums.easports.com/en/discussion/499572/fifa-20-launch-developer-q-a».

Das ist ein Link zu einem grossangelegten Q&A, in dem die Entwickler Stellung zu den gemeldeten Bugs bezogen haben: Das Team werte das Feedback aus, arbeite derzeit daran, die Anliegen der Community zu untersuchen und wolle sie in zukünftigen Titel-Updates berücksichtigen.

FIFA-Community-Chef Corey Andress vermeldete noch am Releasetag bei Twitter, dass man sich bewusst sei, dass es Probleme gibt und man aktuell notwendige Verbesserungen priorisiere. Man habe auch bereits einige Probleme erfolgreich identifiziert, schrieb Andress, der allerdings einräumen musste, dass dies nicht «sofort» erfolgen könne.

Das klingt alles sehr vage.

Ironie dieser Geschichte: Der Amateur-Programmierer «FIFER» schaffte es anscheinend innerhalb weniger Tage, alle (!) Bugs zu reparieren, die FIFA 20 zu bieten hatte, und hat seine Modifikation EA kostenlos zur Verfügung gestellt. Im offiziellen FIFA-Forum auf der EA-Webseite schrieb er fast verzweifelt: «Ich gebe es euch sogar umsonst. Bitte, schreibt mir eine E-Mail. Wir wollen ein fertiges Spiel und keine Beta-Version.» Die Antwort von EA lautete: «Wir melden uns, falls wir irgendetwas von dir brauchen.» Wir wissen doch alle, dass «Wir melden uns »eine höfliche Formel für «Wir melden uns ganz bestimmt nicht» ist.

EA wird, sollte die «FIFER»-Geschichte stimmen, höchstwahrscheinlich keine E-Mail schreiben, denn das wäre doch ein Eingeständnis, dass man den Karrieremodus in FIFA 20 nicht ordentlich entwickeln konnte oder wollte.

Bleibt zu hoffen, dass EA den Karrieremodus bald repariert. Das jüngste FIFA-20-Update, das am Montag erschienen ist, bessert erstmal nur, oh Wunder, viele FUT-Probleme aus. Im Karrieremodus wurde bloss «ein Problem der Terminüberlastung, das sich auf die Teams der zweiten italienischen Liga auswirkt», gefixt. Na dann. Das kann also noch dauern. (fifaforums.easports.com)

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screenshot: reddit

Ich habe FIFA 20 erstmal wieder zur Seite gelegt, denn so macht es absolut keinen Spass.

Ich warte jetzt, bis das ominöse Update, das hoffentlich alles besser macht, irgendwann kommt. Solange spiele ich meine Karriere in FIFA 19 weiter. Da ist zwar auch nicht alles perfekt, aber der Spielspass ist dort wenigstens nicht vollkommen ruiniert. Und meine Arminia ist dort längst auf Champions-League-Kurs.

Hier könnt ihr den kompletten Mega-Thread #FixCareerMode auf Reddit nachlesen, der laufend geupdatet wird und auch eine Chronologie der Ereignisse enthält.

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