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Biels Yannick Rathgeb, rechts, diskutiert mit Schiedsrichter Nicolas Fluri, im Eishockey Meisterschaftsspiel der National League zwischen dem EHC Biel und SC Rapperswil-Jona Lakers, am Dienstag, 17. September 2019, in der Tissot Arena in Biel. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Biels Gaukler Yannick Rathgeb. Bild: KEYSTONE

Eismeister Zaugg

So muss es sein, nur so konnte es sein – ein Gaukler erlöst die Bieler

Biel besiegt nach acht Niederlagen in Serie Zug auf die einzig mögliche Art und Weise: der Gaukler Yannick Rathgeb trifft in der Verlängerung zum 6:5. Selbst die Torhüter-Titanen gerieten ob dem Spektakel ins Wanken.



Die Nummer 27 hat in der Verteidigung des EHC Biel viel Symbolgehalt. Eigentlich haben sie nur spielerische Gaukler getragen: Pierre-Alain Flotiront im letzten Meisterteam von 1983 und später Anthony Huguenin, heute bei den SCL Tigers. Und jetzt ist Yannick Rathgeb Biels beste Nummer 27 der Geschichte.

Gaukler? Ein Gaukler ist ein Unterhaltungskünstler, der seine Fertigkeiten auf offener Strasse (oder auf offenem Eis) dem Publikum präsentiert. In alten Zeiten waren es Zauberkünstler, Artisten, Akrobaten, Seiltänzer, Jongleure, Bärenführer, Bauchredner, Feuerschlucker, Possenreisser und Kartenleger.

Seit der Einführung des Profisportes – der ja zur Unterhaltung des Publikums betrieben wird – sind es auch Hockeyspieler mit der Neigung zu taktischem Ungehorsam und Nonkonformismus. Wie Yannick Rathgeb.

Er personifiziert Biels Erlösung. Erst sündigt er, so wie Künstler manchmal sündigen, wenn sie beim Jonglieren einen Ball fallen lassen: Er lässt sich im Powerplay von Oscar Lindberg überlisten und Zugs Schwede trifft in Unterzahl zum 5:5. Wieder taumelt Biel spektakulär einer Niederlage entgegen. Eine 5:3-Führung ist vertan und es geht in die Verlängerung. Und da trifft Yannick Rathgeb, wieder im Powerplay, mit einem Direktschuss zum 6:5. Die Erlösung. Für ihn persönlich. Es ist die Wiedergutmachung für die defensive Nachlässigkeit, die entscheidend zum 5:5 beigetragen hat. Und natürlich für Biel. Der erste Sieg nach 8 Niederlagen.

Biels Damien Brunner, links, und Mike Kuenzle, rechts, feiern gegen Zugs Torhueter Leonardo Genoni, Mitte, und Santeri Alatalo den Treffer zum 4:3, im Eishockey Meisterschaftsspiel der National League zwischen dem EHC Biel und dem EV Zug, am Freitag, 10. Januar 2020, in der Tissot Arena in Biel. (KEYSTONE/Peter Schneider)

Biel trifft zum 4:3 gegen Zug – aber Schluss war da noch lange nicht. Bild: KEYSTONE

Es musste ein Gaukler sein, der Biel erlöst. Denn die Bieler zelebrierten erneut Spektakelhockey. Im Zweifelsfalle vorwärts. Leidenschaftlich, mutig und kreativ. Berns Kari Jalonen hätte ob dieser spielerischen Unberechenbarkeit und Herrlichkeit entsetzt ein Time-Out beantragt und eine Schablone verlangt. Weil auch Zug Eishockey lieber spielt als arbeitet, entwickelte sich ein Spektakel, das selbst die Torhüter-Titanen ins Wanken brachte: Biels Jonas Hiller und Zugs Leonardo Genoni, zwei der grössten Goalies unserer Geschichte, gerieten ins Wanken.

Elf Tore in einem Spiel mit grossen Goalies – das ist wahrlich selten. Die Statistik ist miserabel und verleitet zur Bezeichnung «Lotter-Goalies»: Jonas Hiller musste mit einer Fangquote von 85,29 Prozent und Leonardo Genoni sogar mit einer solchen von 80 Prozent vom Eis. Wirklich gut sind erst 92 Prozent. Aber für einmal lügt die Statistik: Beide spielten ihr bestes Hockey. Sie waren gegen famos herausgespielte Tore einfach machtlos, verhinderten sicherlich weitere sechs bis zehn Treffer und die Bezeichnung «Lotter-Goalie» wäre falsch und eine unerhörte Beleidigung.

Biels Goalie Jonas Hiller, links, ist gegen Zugs Lino Martschini zum 2:3 geschlagen, im Eishockey Meisterschaftsspiel der National League zwischen dem EHC Biel und dem EV Zug, am Freitag, 10. Januar 2020, in der Tissot Arena in Biel. (KEYSTONE/Peter Schneider).

Hiller kassiert das 2:3 durch Martschini. Bild: KEYSTONE

So ein Spiel konnte ja eigentlich nur einer wie Yannick Rathgeb entscheiden. Die 27 trägt er allerdings nicht, weil es in Biel die Nummer der Verteidiger-Gaukler ist. «Ich bin als Junior in Langenthal oft als kleiner Noël Guyaz bezeichnet worden. Er trug die 72 und so habe ich halt die 27 gewählt.» Noël Guyaz war auch ein Hockey-Gaukler. Er konnte Flügel, Center und Verteidiger und buchte noch im Alter von 41 Jahren in seiner zweitletzten Saison bei Langenthal in der NLB (2012/13) als Verteidiger 40 Punkte.

Sein Sportchef Martin Steinegger hatte ob den acht Niederlagen de suite den Begriff: «Krise, aber kein Krisenhockey» geprägt. Er hatte auch sagen können: «Krise ohne Krisenstimmung.» Yannick Rathgeb bestätigt seinen Chef: «Die Stimmung hat unter den Niederlagen nie gelitten.» Und wie es sich gehört, freut er sich mehr über die Erlösung für seine Mannschaft als für seine persönliche Genugtuung. Sage mir, ob Yannick Rathgeb trifft und ich sage Dir, wie es um Biel steht: Er hatte während der Dezember-Depression nur ein einziges Tor erzielt. Nun hat er zweimal hintereinander gebucht: beim 3:4 nach Verlängerung in Davos und nun beim 6:5 nach Verlängerung gegen Biel.

Cheftrainer ad interim Martin Steinegger verfolgt einen Spielzug von der Bande aus im Eishockey-Meisterschaftsspiel der National League zwischen dem EHC Biel und den ZSC Lions, am Freitag, 8. Dezember 2017, in der Tissot Arena in Biel. (KEYSTONE/Alessandro della Valle)

«Krise, aber kein Krisenhockey»: Biels Sportchef Martin Steinegger. Bild: KEYSTONE

Der Nationalverteidiger ist nach einem gescheiterten Nordamerika-Abenteuer (letzte Saison 32 Spiele/9 Punkte im Farmteam der Islanders) in Biel am Ort seiner Bestimmung angelangt (mit Vertrag bis 2022) und der produktivste Verteidiger seiner Mannschaft. Mit seiner Hockeyphilosophie personifiziert er Biels Lauf-, Tempo- und Schillerfalter-Hockey, aber auch die Freiheit, die Trainer Antti Törmänen seinen Spielern gewährt. Den Mut, etwas zu riskieren und halt auch mal einen Fehler in Kauf zu nehmen. Die Erlösung konnte also nur von einem wie Yannick Rathgeb kommen: Hätte Jan Neuenschwander oder Beat Forster getroffen, wäre es zwar auch schön, aber nicht stilecht gewesen. Ein wenig hat Yannick Rathgeb den Hang zum Nonkonformisten im guten Sinne wohl auch von seinem Vater geerbt. Wenn ich mich richtig erinnere, hatte er einst im legendären Pascha-Klub zu Bützberg als DJ Kultstatus.

Es gibt zwei sehr interessante Fragen im Zusammenhang mit Biel und seiner Nummer 27, auf die wir im Laufe dieser Saison eine Antwort bekommen werden: Die erste: Endet die Herrlichkeit im Stahlbad der Playoffs so, wie der Schillerfalter seine Flügel zusammenfaltet und in den Rebbergen erstarrt von den letzten Spätblütlern fällt, wenn die eisigkalte Bisluft von den Jurahöhen herabfährt? Die zweite: Bekommt Yannick Rathgeb, der jetzt gleich viele Tore (9) erzielt hat wie die Nationalmannschafts-Ikonen Ramon Untersander und Raphael Diaz, von Patrick Fischer eine Chance im WM-Team?

Sollten die Hockeygötter vorerst noch ungnädig sein und die Antwort in beiden Fällen «nein» sein, so gibt es guten Trost. Erstens: lieber beste Unterhaltung vom September bis Ende Februar bloss vergänglicher meisterlicher Ruhm im April. Zweitens: die Hockey-Götter sind mit den Gauklern. Yannick Rathgeb wird seine Chance bekommen. Wenn nicht 2020, dann eben später. Er ist erst 24. Er hat seine besten Jahre noch vor sich. Gaukler und Verteidiger werden mit zunehmendem Alter besser.

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7 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
offspring
11.01.2020 08:09registriert October 2015
Text beim 2. Bild : Genoni kassiert das 2:3 durch Martschini.
Soso gab es da einen fliegenden Clubwechsel? 😉
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stamcor
11.01.2020 08:55registriert March 2019
Wenn der EHC Biel in die Playoffs kommt und bis dahin im Spiel 5 gegen 5 im Schnitt 0.33 Tore pro Spiel mehr schiesst und die miserable Face Off Statistik verbessert, sind sie ein ernster Kandidat. Nur ist nicht mehr viel Zeit diese Dinge zu verbessern.
Sollten sie dazu noch die Unsicherheit bei Führungen ab 2 Tore ablegen, bin ich mir sicher:
Biel wird Meister
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