Sport
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Berns Aaron Gagnon, Zugs Goalie Tobias Stephan, Zugs Dominik Schlumpf und Berns Ryan Lasch, von links, beim Tor zum 2-3 im zweiten Eishockey Playoff-Finalspiel der National League A zwischen dem EV Zug und dem SC Bern, am Samstag, 8. April 2017, in der Bossard Arena in Zug.  (KEYSTONE/Alexandra Wey)

Untenrum ist Tobias Stephan schlicht zu schwach. Bild: KEYSTONE

Eismeister Zaugg

Tobias Stephans untypische Schwäche dürfte Zug den Titel kosten

Zug hat in diesem Finale ein Torhüter-Problem. Es bleibt wohl dabei: Tobias Stephan kann keine Titel gewinnen.



Tobias Stephan (33) ist einer der besten und routiniertesten Goalies der Liga, an einem guten Abend sogar der beste. Als Junior war er einer der besten der Welt und hexte die Schweiz 2001 ins Finale der U18-WM und war der beste Torhüter des Turniers. Aber in diesem Finale gehört er zu den tragischen Helden. Er ist ein sanfter Riese auf tönernen Füssen.

Wir finden im Buch der Bücher eine treffende Beschreibung dieses Problems, das Zug wohl den Titel kosten wird. Der Prophet Daniel schildert dem König von Babylon die Figur eines Traumbildes:

«Das Haupt des Riesen war von feinem Gold, seine Brust und seine Arme waren von Silber, sein Bauch und seinen Lenden waren von Kupfer, seine Schenkel waren von Eisen. Aber seine Füsse waren von Ton.»

Bild

So sah das dann ungefähr aus.

So ist der Begriff vom Koloss oder Titanen oder Riesen auf tönernen Füssen in die Welt gekommen. So ist etwa das einstige Weltreich der Sowjetunion wegen der wirtschaftlichen Schwäche als «Koloss auf tönernen Füssen» bezeichnet worden. Was ja tatsächlich so war.

Im Eishockey treffen wir diese Redewendung äusserst selten an. Doch in diesen Tagen hilft sie zu verstehen, warum der EV Zug im Finale in Rücklage geraten ist.

Die perfekte Goalie-Postur

Zugs Torhüter Tobias Stephan ist ein sanfter, flinker Riese. 192 Zentimeter gross und 85 Kilo schwer. Die perfekte Goalie-Postur. Im 21. Jahrhundert werden die Stürmer kleiner und die Torhüter grösser.

Switzerland's goalkeeper Tobias Stephan, center, and Reto Schaeppi, left, fight for the puck against Canada's Brandon Buck during the Ice Hockey Deutschland Cup at the Curt-Frenzel-Eisstadion in Augsburg, Germany, Friday, November 4, 2016. (KEYSTONE/Peter Schneider)

Tobias Stephan schaffte es als flinker Riese auch in die Nati.  Bild: KEYSTONE

Der ehemalige Klotener Junior ist, wie die meisten grossen, modernen Goalies, ein «Butterfly-Stilist». Er geht in die Knie, die Schoner werden wie Schmetterlings-Flügel auf dem Eis aufgestellt und Schüsse auf die obere Hälfte des Tores wehrt er mit Armen, Fanghand und mit seinem ganzen Körper ab. Weil «Butterfly-Goalies» unten mit ihren Schonern zumachen, versuchen die Stürmer, ihn durch hohe Schüsse zu überwinden.

Berns grosser Bandengeneral Kari Jalonen achtet auf alle Einzelheiten. Sein Team, zu dem auch Torhütertrainer Reto Schürch (einst auch ein Butterfly-Spezialist) gehört, hat Tobias Stephans Stärken und Schwächen mit wissenschaftlicher Akribie analysiert. Was im Zeitalter der Bildermaschinen ja nicht so schwierig ist.

ARCHIV - ZUR MELDUNG VON BLICK ONLINE, DASS KARI JALONEN NEUER TRAINER DES EISHOCKEYCLUBS SC BERN WIRD, STELLEN WIR IHNEN FOLGENDES BILDMATERIAL ZUR VERFUEGUNG - Head couch of Finland Team Kari Jalonen pictured during the Euro Hockey Tour and Euro Hockey Challenge friendly match Czech Republic vs Finland in Znojmo, South Moravia, Czech Republic, April 22, 2015. (AP Photo/CTK /Lubos Pavlicek)

Er hat ganz genau hingeschaut: Kari Jalonen. Bild: AP NY

Die untypische Schwäche

Dabei haben die Berner eine überraschende Schwäche des Zuger Schlussmannes entdeckt. Dieser wehrhafte Riese steht im besten Wortsinne auf tönernen Füssen. Er ist oft nicht dazu in der Lage, flach geschossene Pucks oder Abpraller, die zu seinen Füssen liegen, abzuwehren oder zu blockieren. Eigentlich eine untypische Schwäche eines Butterfly-Stilisten.

Tatsächlich hat Tobias Stephan, der zuvor die Zuger mit einer famosen Fangquote von über 93 Prozent zum ersten Mal seit 1998 ins Finale getragen hatte, gegen den SCB eine verheerende statistische Bilanz. Im ersten Spiel wehrte er lediglich 88,10 Prozent der Pucks ab. In der zweiten Partie waren es sogar nur noch 86,96 Prozent.

Zugs Raphael Diaz, links, und Zugs Goalie Tobias Stephan, Mitte, kaempfen um den Puck gegen Berns Ramon Untersander, rechts, im zweiten Eishockey Playoff-Finalspiel der National League A zwischen dem EV Zug und dem SC Bern, am Samstag, 8. April 2017, in der Bossard Arena in Zug.  (KEYSTONE/Alexandra Wey)

Tobias Stephan kann im Final bislang nicht an die vorherigen Leistungen anknüpfen. Bild: KEYSTONE

Vier Tore nach gleichem Muster

In erster Linie, weil er tatsächlich ein Riese auf tönernen Füssen war. Vier entscheidende Treffer kassierte er nach dem gleichen Grundmuster: er machte unten nicht dicht und vermochte entweder den herumliegenden Puck nicht zu blockieren oder liess ihn durch die Schoner rutschen. Beim 2:0 und 4:0 im ersten Spiel (Endstand 0:5) und beim 1:2 und 2:3 (Endstand 2:4) in der zweiten Partie.

Eher referieren Hockey-Trainer in aller Öffentlichkeit über ihre sexuellen Vorlieben als über Schwächen ihrer Torhüter. Das Thema ist schlichtweg tabu. Auch Zugs Harold Kreis ist ein Hexenmeister der Torhüter-Diplomatie. Als er nach der zweiten Partie in Zug zum fatalen, haltbaren dritten Gegentreffer befragt wird, schaut er gen Himmel, tut so, als denke er nach und sagt: «Ich sehe die Szene nicht vor mir.» Er müsse erst das Video anschauen.

abspielen

Gern geschehen, Harold Kreis: Das Video des 2:3 für den SC Bern. Video: streamable

So kann der EVZ noch Meister werden

Kein Eishockey-Trainer, der bei Sinnen ist, kritisiert seinen Torhüter in der Öffentlichkeit. Vielmehr muss er das Ego und das Selbstvertrauen seines Schlussmannes hegen und pflegen wie kostbares chinesisches Porzellan. Zerbricht es, ist alles Geschirr in der Kabine zerschlagen.

Kann Zug die Serie noch drehen und Schweizer Meister werden?

Ob Zug noch einmal in diese Serie zurückkehren kann, hängt inzwischen fast ausschliesslich davon ab, ob Tobias Stephan dazu in der Lage ist, unten dicht zu machen. Ein guter Torhüter ist gegen diesen SCB nicht gut genug. Zug braucht einen grossen, überragenden, aussergewöhnlichen Goalie.

Tobias Stephan hat noch nie einen Titel gewonnen.

Die 50 besten T-Shirts für weibliche Hockey-Fans

Unvergessene Eishockey-Geschichten

Bobby Orr entscheidet mit dem «Flying Goal» den Stanley-Cup-Final

Link zum Artikel

Ralph Krueger schreibt das wichtigste SMS der Schweizer Hockey-Geschichte 

Link zum Artikel

Deutschland verpasst die grosse Sensation, weil der Puck auf der Linie kleben bleibt

Link zum Artikel

NHL-Star Darryl Sittler stellt einen Rekord für die Ewigkeit auf

Link zum Artikel

04.01.1987: Als nach der grössten Prügelei aller Zeiten die Lichter ausgingen und ein Spiel die Eishockey-Welt veränderte

Link zum Artikel

16.01.1905: Nach 23 Tagen Anreise werden die Dawson City Nuggets im Stanley-Cup-Final mit 2:23 vermöbelt

Link zum Artikel

19.10.1996: Del Curto klärt seine Spieler auf: «Zum Schiri nüma ‹Fuck you› sägä, äs git zwei Minuta, hä!»

Link zum Artikel

24.02.2006: Neunmal das F-Wort in einer Minute – Greg Holst macht sich mit legendärem Ausraster-Interview unsterblich

Link zum Artikel

14.05.2008: Philippe Furrer schiesst das kurioseste Eigentor der Schweizer Hockey-Geschichte

Link zum Artikel

10.10.1979: Ein gewisser Wayne Gretzky bestreitet sein erstes Spiel in der NHL – er wird sämtliche Rekorde pulverisieren

Link zum Artikel

18.02.2006: Die «Eisgenossen» spielen kanadischer als die Kanadier und rächen sich für eine uralte Schmach

Link zum Artikel

11.03.1979: NHL-Haudegen Randy Holt prügelt sich zu einem bis heute gültigen Rekord – 67 Strafminuten in einem einzigen Spiel

Link zum Artikel

08.04.1980: Sie wissen nicht, was sie tun, als sich zwei Schweden als erste Hockeyspieler einen Playoff-Bart wachsen lassen

Link zum Artikel

28.01.2009: Die Zürcher Löwen krönen sich zu Europas Eishockey-Königen

Link zum Artikel

24.03.1936: Im längsten Hockey-Spiel aller Zeiten fällt das goldene Tor erst im 9. Drittel – um 2.35 Uhr nachts

Link zum Artikel

28.12.1999: «La Montanara» erklingt in Berlin – Ambri krönt sich zum europäischen Champion

Link zum Artikel

Nie haben wir uns mehr über ein Tor gegen die Schweiz gefreut als bei Omarks Penalty-Trick

Link zum Artikel

22.09.2012: Rick Nash meldet sich mit einem Blitz-Hattrick in der Schweiz zurück

Link zum Artikel

30.12.1981: Wayne Gretzky schafft den verrücktesten seiner Rekorde: 50 Tore in 39 NHL-Spielen

Link zum Artikel

26.12.1993: Dank Chomutow und Bykow träumt Aufsteiger Davos vom ersten Spengler-Cup-Titel seit 35 Jahren

Link zum Artikel

Amerikas College-Boys erlegen den russischen Bären

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com (umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Eismeister Zaugg

Ambri und die Valascia – des Eismeisters Abschied von der steinernen Seele unseres Hockeys

Nach dieser Saison wird mit der Valascia ein Kraftort des Schweizer Eishockeys für immer von der Landkarte verschwinden. Ein letzter Rundgang durchs mythischste Stadion unseres Hockeys.

Beginnen wir unsere letzte Geschichte über die Valascia mit ein wenig Pathos. Gustave Flaubert ist ein französischer Dichter aus dem 19. Jahrhundert. Er hat einmal geschrieben: «Es gibt Orte auf der Welt, die so schön sind, dass man sie an sein Herz pressen möchte.» Wäre er ein Hockey-Chronist gewesen, dann hätte er mit diesem Satz die Valascia gemeint.

Soweit die Romantik. Aber Polemik gehört auch dazu. Es gibt ein Buch über Ambri, zusammengestellt von Ruedi Ingold. Darin gibt es eine …

Artikel lesen
Link zum Artikel