Sport
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Andres Ambuehl von Davos, links, gegen Johann Morant von Zug, beim vierten Playoff-Halbfinalspiel der National League A zwischen dem HC Davos und EV Zug, am Dienstag, 28. Maerz 2017, in der Vaillant Arena in Davos. (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)

Johann Morant machte nach dem Stockstick von Sciaroni eine unglückliche Figur.  Bild: KEYSTONE

Eismeister Zaugg

Nach Morants Aktion – ein Sittenzerfall wie im Fussball ist im Eishockey nicht möglich

Grosse Betrüger werden im Fussball weltberühmt. Im Eishockey trifft die Verachtung schon kleine Sünder. Zugs Johann Morant gehört bestraft.



Wenden wir uns zuerst dem Fussball zu, um den Unterschied zwischen den Kulturen der beiden Sportarten zu verstehen. Und nehmen ein Beispiel aus der jüngsten Vergangenheit. «Die Zeit», ein seriöses teutonisches Printmedium rühmte kürzlich die Schwalbe mit dem Titel: «Eine Schwalbe, bravo!».

Es lohnt sich in aller Ruhe zu lesen, wie hier Betrug im Fussball beurteilt wird. Es geht um die Schwalbe von Luis Suarez, die Barcelona den Weg zum «Wunder» gegen Paris St-Germain ebnete:

«Typisch, dass sich die Fair-Play-Diktatoren jetzt wieder echauffieren. Dabei gibt es keine höhere Kunst als die Schwalbe.

Für die Bruchteile von Sekunden spürte Luis Suarez den Ellbogen seines Gegenspielers Marquinhos auf der Schulter. Film ab. Suarez taumelte, sprang und fiel zur gleichen Zeit. Den Mund hat er so weit geöffnet, als würde er im grossen Camp Nou seiner Frau im obersten Rang etwas zurufen wollen. Die Augen riss er erst weit auf, dann guckte er, als hätte man ihm eben ein Bein amputiert. Er litt so gut, dass man sofort aufspringen wollte, um ihm zu helfen. Bravo! [...]

abspielen

Das ist die Aktion von Luis Suarez. Video: streamable

[…] Wer das nicht so sieht, dem fehlt nicht nur der Sinn für Ästhetik, sondern der ist auch noch naiv. Fussball war schon immer die beste Inszenierung von allen. Nichts schmerzt den Gegner mehr als eine erfolgreiche Schwalbe, sie ist im Fussball die beste Folter. Unter dem Tugendterror der Fair-Play-Diktatoren sind Schwalben verpönt. Doch das ist Unsinn, wie Suarez' Stück zeigt. Es war ein grosser Erfolg, wenn man den Jubel über Barcelonas Erfolg betrachtet. Es gibt keine Zweifel mehr, Ästhetik geht vor Ethik, nicht nur im Fussball ist das der Lauf der Zeit. Was nun, ihr Fussballgutmenschen? [...]

[...] Schauspieler, die nur zwei Gesichtsausdrücke haben, findet man langweilig. So verhält es sich auch mit den Stürmern. Nur Tore schießen kann jeder. Beklatscht gehören die Gerissenen.»

Quelle: «Die Zeit»

Wie gesagt, der ganze Artikel ist sehr lesenswert. Darum hier lang!

So ist das also im Fussball. Es ist eine deutsche Einschätzung. Wir müssen uns nicht einmal auf das Glatteis der politischen Unkorrektheit begeben und von einem anderen Verständnis für Fairplay in fremdländischen Kulturen fabulieren.

Typisch Fussball auch, dass Diego Maradona, einer der Grössten aller Zeiten, sein berühmtestes Tor (das 1:0 im WM-Viertelfinale von 1986 gegen England) mit der Hand erzielt hat. Erst 2005 gab er zu, getrickst zu haben. In der gleichen Partie zelebrierte er auf sportliche Art und Weise einen weiteren Treffer (zum 2:0), der als Jahrhundert-Tor gilt (Schlussresultat 2:1 für Argentinien). Aber davon spricht kaum mehr jemand. Beklatscht gehören die Gerissenen. Nicht die Tüchtigen, die Tapferen, die Ehrlichen.

abspielen

Die beiden Tore von Maradona gegen England. Video: YouTube/ashroof1

Und gibt es nicht auch einen Unterschied zwischen Sepp Blatter und René Fasel, den beiden höchstdekorierten helvetischen Funktionären im Fussball und Eishockey? Aber das nur nebenbei.

Eishockey ist ein ehrlicher Sport

Eishockey ist ein ehrlicher Sport. Ambris Sven Berger ist soeben nachträglich für sein Vortäuschen einer Verletzung im dritten Spiel des Playout-Finals gegen Gottéron mit 900 Franken gebüsst worden. Er hatte sich die Hand gehalten und Schmerzen vorgetäuscht, nachdem ihn ein Gegenspieler – angeblich – mit dem Stock getroffen hatte. Die TV-Kameras haben ihn als Betrüger entlarvt.

abspielen

Sven Bergers Vortäuschen einer Verletzung. Video: streamable

Der Verband schreibt dazu: «Das Vortäuschen von Verletzungen, Fouls oder gefährlichen Aktionen, sind unfaire Handlungen, die das Spiel verfälschen. Solche Aktionen werden im Eishockey nicht toleriert und dementsprechend sanktioniert.»

Im letzten, entscheidenden Halbfinalspiel gegen Davos krümmte sich Zugs Johann Morant am Samstag nach einem zweifelsfreien (und bestraften) Stockstich von Gregory Sciaroni vor Schmerzen – und beteiligte sich dann sogleich quicklebendig am Torjubel. Eine Szene, die für heftige Diskussionen sorgte.

abspielen

Die Aktion von Johann Morant.  Video: streamable

Im Eishockey gibt's den Videobeweis seit 20 Jahren

Im Eishockey gibt es in unserer Liga seit 20 Jahren den Video-Beweis. Es wird also alles darangesetzt, dass nur regulär, ehrlich erzielte Treffer zählen. Zudem ist die Bestrafung von «Schwalben» im Regelwerk des Eishockeys festgeschrieben und zieht nebst einer Strafe auch eine Busse nach sich.

Im Fussball sträuben sich die Macher auf allen Ebenen gegen die Einführung des Video-Beweises. Also gegen die Einführung von Transparenz und Ehrlichkeit. Obwohl die technischen Hilfsmittel seit Jahrzehnten zur Verfügung stehen. Denn im Fussball gilt: Beklatscht gehören die Gerissenen. Niemand scheint ein Interesse zu haben, den Gerissenen das Handwerk zu legen und die Ehrlichen zu belohnen.

After consulting with the video judge, referee Dave Jackson waves off an apparent goal by Vancouver Canucks' Henrik Sedin, of Sweden, against the Phoenix Coyotes during the third period of an NHL hockey game Thursday, Jan. 16, 2014, in Glendale, Ariz.  The Coyotes defeated the Canucks 1-0. (AP Photo/Ross D. Franklin)

Die Schiedsrichter im Eishockey können längst auf Videohilfe setzen – und Spieler werden auch nachträglich gebüsst. Bild: Ross D. Franklin/AP/KEYSTONE

Im Eishockey werden «Betrüger» auch nachträglich durch die TV-Bilder entlarvt (wie das jüngste Beispiel von Sven Berger) und bestraft. Im Fussball immer noch weitgehend undenkbar.

Geld spielt nicht die entscheidende Rolle

Aber warum ist das so? Geld spielt nicht die entscheidende Rolle. Gewiss: Im Vergleich zum Fussball ist Eishockey weltweit betrachtet bloss «Monkey Business». Aber in Nordamerika mit der NHL trotzdem ein Milliarden-Business. Die NHL funktioniert nach den gleichen Grundsätzen wie unsere Nationalliga. Die Gerissenen werden nicht beklatscht. Sie werden bestraft.

Luganos Maxim Lapierre, links, pruegelt sich mit Berns Thomas Ruefenacht, im dritten Eishockey Playoff Halbfinalspiel der National League A zwischen dem SC Bern und dem HC Lugano, am Samstag, 25. Maerz 2017 in der Postfinance Arena in Bern. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Solche Szenen gehören seit eh und je zum Eishockey. Bild: KEYSTONE

Der wahre Grund ist nicht das Geld. Eishockey ist ganz einfach ein anderes Spiel als Fussball und ist deshalb ehrlicher. Das Eishockey setzt sich mit der Kombination von Eleganz und Gewalt, mit dem Widerspruch zwischen Gut und Böse im Spiel auseinander. Es ist genau das, was Kanadas Nationaldichter Al Purdy (1918 – 2000) schon im letzten Jahrhundert zur martialischen und doch so treffenden Definition inspiriert hat: Eishockey sei eine Mischung aus Ballett und Mord. Der «Gotthelf des Eishockeys» schrieb in seinem Gedicht «Hockey Players» die Zeilen: «And how do the players feel about it/this combination of ballet and murder?»

Ballett und Mord

Einerseits fasziniert die Kunst. Die Beweglichkeit und das Tempo der Spieler mahnen durchaus an Ballett. Aber ebenso lebt Eishockey von der Faszination des Bösen, der Gefahr, der Gewalt und der Provokation. Von der Wucht und Härte der Zweikämpfe, den Versuchen, eben diese Kunst zu «zerstören».

Denilson Almeida from Brazil performs his classic variation to win the Artistic prize during the final of the 45th Prix de Lausanne in Lausanne, Switzerland, Saturday, February 4, 2017. The Prix de Lausanne is a yearly international young dancer competition with prizes awarded to the best finalists consisting in scholarships granting free tuition in a world-renowned dance school or dance company. (KEYSTONE/Magali Girardin)

Bisschen wie Eishockey: Ballett. Also einfach ohne Mord. Bild: KEYSTONE

Im Eishockey ist der direkte Körperangriff zwecks Eroberung des Pucks und Einschüchterung des Gegenspielers ein erlaubtes, ja zentrales Element. Erst recht in Zeiten der Playoffs. Zu den TV-Highlights gehören krachende Checks genauso wie elegant herausgespielte Tore. Und wenn erst noch die Handschuhe fallen und richtig geboxt wird, braust Begeisterung durch die Arena.

Der Fussball kennt diese Härte nicht. Die Regelwerke erlauben sie nicht. Also wird die offene, ehrliche Härte durch Gerissenheit ersetzt, und wer gerissen ist, riskiert keine Bestrafung durch Gegenspieler oder Schiedsrichter. Ganz im Gegenteil. Im Fussball gilt: Beklatscht gehören die Gerissenen.

Sittenzerfall wie im Fussball nicht möglich

Das von Härte in den Zweikämpfen geprägte Eishockey könnte bei einem Sittenzerfall wie im Fussball gar nicht mehr funktionieren. Würden die Spieler so betrügen und simulieren wie im Fussball, wäre es für die Schiedsrichter nicht mehr möglich, die Übersicht zu bewahren. Denn Eishockey wird viel schneller, viel intensiver und auf einer viel kleineren Fläche gespielt als Fussball.

Glaubst du, dass im Eishockey auch immer mehr versucht wird zu «tricksen»?

Es gehört zu den vornehmsten Aufgaben des Verbandes (also der Gralshüter des Eishockeys), dafür zu sorgen, dass die Kultur der Ehrlichkeit erhalten bleibt. Indem sie weiterhin die Betrüger, die Gerissenen, bestraft.

Eine Busse für Zugs Johann Morant müsste daher im Interesse der Hockeykultur selbstverständlich sein. Damit Eishockey ehrlicher bleibt als Fussball.

Alle Schweizer Eishockey-Meister seit Einführung der Playoffs 1985/86

Unvergessene Eishockey-Geschichten

Bobby Orr entscheidet mit dem «Flying Goal» den Stanley-Cup-Final

Link zum Artikel

Ralph Krueger schreibt das wichtigste SMS der Schweizer Hockey-Geschichte 

Link zum Artikel

Deutschland verpasst die grosse Sensation, weil der Puck auf der Linie kleben bleibt

Link zum Artikel

NHL-Star Darryl Sittler stellt einen Rekord für die Ewigkeit auf

Link zum Artikel

04.01.1987: Als nach der grössten Prügelei aller Zeiten die Lichter ausgingen und ein Spiel die Eishockey-Welt veränderte

Link zum Artikel

16.01.1905: Nach 23 Tagen Anreise werden die Dawson City Nuggets im Stanley-Cup-Final mit 2:23 vermöbelt

Link zum Artikel

19.10.1996: Del Curto klärt seine Spieler auf: «Zum Schiri nüma ‹Fuck you› sägä, äs git zwei Minuta, hä!»

Link zum Artikel

24.02.2006: Neunmal das F-Wort in einer Minute – Greg Holst macht sich mit legendärem Ausraster-Interview unsterblich

Link zum Artikel

14.05.2008: Philippe Furrer schiesst das kurioseste Eigentor der Schweizer Hockey-Geschichte

Link zum Artikel

10.10.1979: Ein gewisser Wayne Gretzky bestreitet sein erstes Spiel in der NHL – er wird sämtliche Rekorde pulverisieren

Link zum Artikel

18.02.2006: Die «Eisgenossen» spielen kanadischer als die Kanadier und rächen sich für eine uralte Schmach

Link zum Artikel

11.03.1979: NHL-Haudegen Randy Holt prügelt sich zu einem bis heute gültigen Rekord – 67 Strafminuten in einem einzigen Spiel

Link zum Artikel

08.04.1980: Sie wissen nicht, was sie tun, als sich zwei Schweden als erste Hockeyspieler einen Playoff-Bart wachsen lassen

Link zum Artikel

28.01.2009: Die Zürcher Löwen krönen sich zu Europas Eishockey-Königen

Link zum Artikel

24.03.1936: Im längsten Hockey-Spiel aller Zeiten fällt das goldene Tor erst im 9. Drittel – um 2.35 Uhr nachts

Link zum Artikel

28.12.1999: «La Montanara» erklingt in Berlin – Ambri krönt sich zum europäischen Champion

Link zum Artikel

Nie haben wir uns mehr über ein Tor gegen die Schweiz gefreut als bei Omarks Penalty-Trick

Link zum Artikel

22.09.2012: Rick Nash meldet sich mit einem Blitz-Hattrick in der Schweiz zurück

Link zum Artikel

30.12.1981: Wayne Gretzky schafft den verrücktesten seiner Rekorde: 50 Tore in 39 NHL-Spielen

Link zum Artikel

26.12.1993: Dank Chomutow und Bykow träumt Aufsteiger Davos vom ersten Spengler-Cup-Titel seit 35 Jahren

Link zum Artikel

Amerikas College-Boys erlegen den russischen Bären

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Eismeister Zaugg

Ambri und die Valascia – des Eismeisters Abschied von der steinernen Seele unseres Hockeys

Nach dieser Saison wird mit der Valascia ein Kraftort des Schweizer Eishockeys für immer von der Landkarte verschwinden. Ein letzter Rundgang durchs mythischste Stadion unseres Hockeys.

Beginnen wir unsere letzte Geschichte über die Valascia mit ein wenig Pathos. Gustave Flaubert ist ein französischer Dichter aus dem 19. Jahrhundert. Er hat einmal geschrieben: «Es gibt Orte auf der Welt, die so schön sind, dass man sie an sein Herz pressen möchte.» Wäre er ein Hockey-Chronist gewesen, dann hätte er mit diesem Satz die Valascia gemeint.

Soweit die Romantik. Aber Polemik gehört auch dazu. Es gibt ein Buch über Ambri, zusammengestellt von Ruedi Ingold. Darin gibt es eine …

Artikel lesen
Link zum Artikel