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Laker's Head Coach Jeff Tomlinson during the preliminary round game of National League Swiss Championship between HC Lugano and SC Rapperswil-Jona Lakers at the ice stadium Corner Arena in Lugano, on Sunday, 31 January 2021. (KEYSTONE/Ti-Press/Alessandro Crinari)

Undank ist der Welten Lohn: Jeff Tomlinson. Bild: keystone

Eismeister Zaugg

Grosse Lakers und die Frage: Was muss ein Trainer tun, um bleiben zu können?

Trainer Jeff Tomlinson hat die Rapperswil-Jona Lakers in die Playoff-Halbfinals geführt. Ende Saison muss er trotzdem gehen. Da bleibt eigentlich nur Ratlosigkeit.



Jeff Tomlinson hat alles richtig gemacht. Alle Ziele erreicht und mit dem Viertelfinal-Triumph über Lugano sogar alle Erwartungen übertroffen. Und es ist ihm ein Kunststück gelungen, das fast so schwierig ist, wie während eines Föhnsturms übers Wasser des Obersees zu schreiten: Er hat in Rapperswil-Jona aus Verlierern Sieger gemacht.

Der Blick zurück: Als Tomlinson im Sommer 2015 die Lakers übernimmt, sind es die Miserablen. Dreimal in vier Jahren haben sie den letzten Platz in der höchsten Liga belegt. Schliesslich werden sie von Langnau im Frühjahr 2015 in der Liga-Qualifikation gedemütigt (vier Niederlagen hintereinander) und zum ersten Mal in ihrer Geschichte relegiert. Nach 21 Jahren in der höchsten Liga ist es das Ende einer Ära.

Enttaeuschte Rapperswiler Spieler nach dem vierten Auf-/Abstiegsplayoff Eishockey Ligaqualifikationsspiel der NLA/NLB zwischen den SCL Tigers und den Rapperswil-Jona Lakers am Donnerstag, 9. April 2015, im Ilfis Stadion in Langnau.  (KEYSTONE/Marcel Bieri)

Das war's: 2015 steigen die Lakers aus der höchsten Liga ab. Bild: KEYSTONE

Aus den Miserablen wurden Respektable

Nun wird der Kanadier Rapperswil-Jona nach sechs Jahren durch den Vorderausgang verlassen. Er hat die Miserablen in Respektable verwandelt: Wiederaufstieg 2018, Cupsieg 2018 und jetzt gar der Viertelfinal-Triumph über Lugano und der erste Vorstoss in den Halbfinal seit 2006. Statt gegen den Abstieg spielen die Lakers nur drei Jahre nach der Promotion um den Finaleinzug. Mehr geht nicht.

Und doch muss Jeff Tomlinson gehen. Vielleicht liegt darin auch eine Erklärung für die Sensation. Die Lakers sind mit ihrem scheidenden Trainer auf einer Mission. Der unfreiwillige Abschied – die Lakers wollen sich neu orientieren – dürfte das «Wir gegen den Rest der Welt-Gefühl» in der Kabine noch intensiviert haben.

«Ich wäre gerne geblieben, keine Frage»

Die emotionale Bindung zwischen den Spielern und ihrem Trainer ist eine aussergewöhnliche. Im Laufe der gemeinsamen Zeit musste der Kanadier 2019 eine Nierentransplantation durchstehen. Sein Bruder spendete ihm eine Niere. Ein Schicksal, das sein Leben verändert hat. Im Interview mit dem Fachmagazin «Slapshot» sagte er über diese Zeit: «Das war schon eine krasse Erfahrung. Die verdammte Dialyse war hart. Ich habe das unterschätzt. Ich wünsche das niemandem. Aber auch da: Ich hatte Glück. Ich lernte in jener Zeit jemanden kennen, der seit über zehn Jahren dauernd zur Dialyse muss. Da wird dir bewusst, wie unendlich privilegiert du bist. Ich sehe vieles anders. Positiver. Und ich ärgere mich weniger. Alles in allem kann ich sagen, dass ich seither keinen einzigen schlechten Tag mehr erlebt habe.»

Er rege sich natürlich nach wie vor auf. Nach einer Niederlage oder wenn im Training die Intensität fehle oder wenn er keinen Parkplatz finde. «So wie das bei allen Menschen ist. Aber ich bin dankbarer geworden für die kleinen Dinge im Leben.»

Jubel bei Rapperswils Cheftrainer Jeff Tomlinson nach dem Final des Swiss Ice Hockey Cups 2017/18 zwischen den Rapperswil-Jona Lakers und dem HC Davos, am Sonntag, 4. Februar 2018, in der St. Galler Kantonalbank Arena in Rapperswil-Jona. (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)

2018 führt Tomlinson den Underdog zum Cupsieg. Bild: KEYSTONE

Auf die Frage, ob der Abschied schmerzt, sagt der heute Freitag 51 Jahre alt gewordene Tomlinson ohne Bitterkeit: «Ich wäre gerne geblieben, keine Frage, und im ersten Moment war der Entscheid sicherlich enttäuschend. Aber ich habe dann relativ schnell meinen Frieden gefunden. Zumal es eine Entwicklung war, die mich nicht überrascht hat. Dass Janick Steinmann (der Sportchef, die Red.) sehr viel von Stefan Hedlund (dem neuen Trainer, die Red.) hält, das war ein offenes Geheimnis.»

Negative Zuschauer zur Rede gestellt

Jeff Tomlinson scheidet also ohne Zorn. «Ich hatte hier eine wundervolle Zeit. Ich habe diesen Klub und sein Umfeld wirklich schätzen gelernt. Es ist ziemlich familiär hier, das hat mir gut gefallen. Als Trainer bis du ja gut beraten, nur grüne Bananen zu kaufen, weil das Geschäft so schnelllebig ist. Sechs Jahre, das ist toll. Und nicht selbstverständlich. Gerade hier.»

Wie ist es ihm gelungen, aus Verlierern Sieger zu machen? «Als ich kam, war der Klub am Boden. Man konnte die Negativität im Stadion fast aus der Luft schneiden. So toxisch war die Atmosphäre. Wenn wir ein Gegentor erhielten oder verloren, hauten die Fans auf das Dach oberhalb der Spielerbank. Das war so verdammt laut, ich bin immer richtig erschrocken. Und es hatte den Effekt, dass den Spielern das Selbstvertrauen verloren ging.» Die Miserablen eben.

Die SC Rapperswil-Jona Lakers Spieler feiern mit den Fans nach dem 4-3 Sieg in der Verlaengerung im Eishockey-Meisterschaftsspiel der National League zwischen den SC Rapperswil-Jona Lakers und dem EV Zug am Dienstag, 24. September 2019, in Rapperswil. (KEYSTONE/Patrick B. Kraemer)

Als noch viele Zuschauer ins Stadion durften: Rappi-Spieler feiern gemeinsam mit den Fans. Bild: KEYSTONE

Er habe die Reaktion der Zuschauer nicht verstanden und sie schliesslich gefragt, ob sie für oder gegen die Lakers seien. Es habe hitzige Wortgefechte gegeben. Mit ein paar nicht druckreifen Worten auch von seiner Seite. «Aber das musste aufhören und es hat bei den Spielern auch etwas ausgelöst. Sie haben gesehen: Da wehrt sich einer für uns.»

Einer, der Jungen eine Chance gibt

Sportchef Janick Steinmann traut Jeff Tomlinsons schwedischen Nachfolger Stefan Hedlund die Weiterentwicklung der jungen Spieler eher zu. Eine der Absurditäten in diesem Geschäft. Denn Tomlinson hat aus den Miserablen gerade deshalb die Respektablen gemacht, weil er es verstanden hat, Spieler besser zu machen, die bei der Konkurrenz durchgefallen sind. «Gut, dass Sie das ansprechen. Weil das wirklich totaler Bullshit ist. Wie hat sich ein Dominik Egli entwickelt? Ein Melvin Nyffeler? Ein Marco Lehmann? Ein Nando Eggenberger? Bei uns spielen die Jungen Powerplay und erhalten Verantwortung.»

Das goldene Tor gegen Lugano in der 97. Minute zum 4:3, das den Weg in den Halbfinal frei machte, hat der 20-jährige Gian-Marco Wetter erzielt. Die letzte Saison hatte er noch mehrheitlich bei den Ticino Rockets verbracht. Und der Pass zu diesem historischen Treffer kam von Martin Ness, einem Hinterbänkler, der bei keinem anderen Team in der Verlängerung zum Zuge käme. Es war sein dritter Skorerpunkt in dieser Saison. Alle in den Playoffs erzielt.

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Die Highlights der entscheidenden Partie. Video: YouTube/MySports

Jeff Tomlinson sagt, wenn die Nachwuchsförderung als Grund für den Trainerwechsel aufgeführt werde, dann könne er nur lachen. Er würde gerne in der Schweiz weiterarbeiten. «Unserer Familie gefällt es hier ausgezeichnet, es wäre schön, wenn sich etwas ergibt. Es muss einfach ein Klub sein, bei dem die Vereinsführung realistische Erwartungen hat.»

Wer setzt auf Tomlinson?

Nun ist sein Agent André Rufener bei der Suche nach einem neuen Arbeitsplatz gefordert. Wo gibt es freie Stellen? Offiziell haben zum Beispiel Kloten, Olten, Biel, Lugano oder Lausanne noch keinen neuen Trainer unter Vertrag. Aber wir wollen weder spekulieren und schon gar nicht grübeln.

Tomlinsons Nachfolger Hedlund wird bei den Lakers in grossen Schuhen stehen. 2006 haben die Lakers mit Bill Gilligan gegen Zug zum ersten Mal den Halbfinal (4:3) erreicht und gegen Davos verloren (1:4). Ein Jahr später und nach einem verlorenen Viertelfinal (gegen Zug nach einer 3:0-Führung) schwenkten sie von einem nordamerikanischen auf einen skandinavischen Trainer um.

1:0 fuer Rappi nach 15 Sekunden durch Oliver Kamber, 2. rechts, der von Mikko Eloranta, rechts, Niklas Nordgren, links, und Noel Guyaz, im Vordergrund, beglueckwuenscht wird im Eishockeyspiel der Nationalliga A zwischen den Rapperswil-Jona Lakers und dem HC Genf Servette am Samstag, 9. Dezember 2006, in Rapperswil. (KEYSTONE/Eddy Risch)

Da waren sie noch eisblau: die Lakers im Jahr 2006. Bild: KEYSTONE

Mit dem ersten Arbeitstag von Bill Gilligans finnischem Nachfolger Kari Eloranta begann das Zeitalter der Miserablen. Geprägt durch eine Serie von teilweise grotesken Fehlentscheiden bei der Besetzung der Trainerposition (u.a. Morgan Samuelsson, Reimo Summanen, Christian Weber, Harry Rogenmoser, Anders Eldebrink). 2009 waren die Lakers bereits in den Playouts angelangt und kehrten bis zum Abstieg 2015 nie mehr in die Playoffs zurück.

Aber das waren andere Zeiten. Die Geschichte muss sich nicht wiederholen. Und doch ist es eine Warnung der Geschichte.

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