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Saida Keller Messahli

Die Fans von SV Babelsberg 03 engagieren sich gegen Rechtsextreme Bild: screenshot twitter

So kämpft der kleine SV Babelsberg gegen Nazis in den Stadien – und ein ungerechtes Urteil

gunda windmüller



Von der Bundesliga bis hin zu den Kreisligen: Viele Vereine kämpfen gegen Rassismus und rechtsradikale Ausfälle in ihren Stadien. Oft sind sie machtlos. In Brandenburg hat der SV Babelsberg 03 nun gezeigt, wie man dagegen ankommt. Die Geschichte eines Vereins, der durchgehalten hat. 

Die Ausgangslage

In der Fußballszene in Nordostdeutschland haben rechtsextreme Vorfälle in den vergangenen Jahren zugenommen, wie eine Statistik des nordostdeutschen Fußballverbands (NOFV) zeigt. Einzelpersonen, Spieler, aber auch Trainer mussten sich deswegen schon vor Sportgerichten verantworten. (taz.de)

Einige Vereine, wie BFC Dynamo oder Energie Cottbus, sind deutschlandweit bekannt für ihre in Teilen rechtsextremen Anhänger. Andere Vereine, wie St. Pauli oder Tennis Borussia Berlin, haben viele Fans aus der linken Szene. Wenn es zwischen solchen Clubs zu Spielen kommt, wird der Fußball Nebensache. So auch im vergangenen Jahr.

April 2017 – Die Situation eskaliert

Beim Nordostderby Energie Cottbus gegen SV Babelsberg 03 stehen sich auf der einen Seite die als links bekannten Babelsberger, auf der anderen Seite 400 Cottbus-Fans gegenüber. Aus deren Block sind Zeugen zufolge eindeutig rechte Parolen zu hören.

Cottbusser Fans versuchen den Platz zu stürmen, Pyrotechnik wird abgefackelt und in den gegnerischen Fanblock geschossen.

Aufnahmen dokumentieren, wie aus den Reihen der Cottbusser "Zecken, Zigenuer, Juden" gegrölt wird, Arme werden zum Hitlergruß gereckt. "Arbeit macht frei, Babelsberg 03", heißt es in einem Sprechchor. (11freunde.de)

Die Babelsberger reagieren, fackeln bei dem Spiel ihrerseits Pyrotechnik ab. Der Schiedsrichter muss die Partie mehrfach unterbrechen.

Die Ausschreitungen haben Konsequenzen, der NOFV leitet ein Strafverfahren ein. Das Urteil: Beide Vereine sollen eine Strafe zahlen. Cottbus wird zu einer Geldbuße von 16.000 Euro sowie einem Geisterspiel und Babelsberg zu 7000 Euro verurteilt.

Ein überzogenes Urteil?

Das argumentieren zumindest die Babelsberger. Für den Pyro-Vorfall aus nur einem Spiel soll der Verein 7000 Euro zahlen. (spiegel.de)

Die Cottbusser Strafe hingegen setzt sich aus den Vergehen aus insgesamt drei Spielen zusammen. Doch in der Urteilsbegründung werden die rechten Ausfälle der Cottbusser mit keinem Wort erwähnt.

Dabei sind die Ausfälle während des Spiels gut dokumentiert – von der Lokalpresse, Sicherheitskräften und Fans. Auch in mehreren Videos und während der Live-Berichterstattung. Dazu kein Wort im Urteil. An erster Stelle der Urteilsbegründung wird mit Blick auf die Babelsberger allerdings aufgeführt:

"Eine Person mit rotem Punkerhaarschnitt (rief) aus dem Babelsberger Fanblock in Richtung des Cottbusser Fanblockes: 'Nazischweine raus'"

Urteilsbegründung

Die Pyrovergehen werden bestraft, die rechtsextremen Ausfälle hingegen ausgeblendet. Dabei hat mindestens das Zeigen des Hitlergrusses auch strafrechtlichen Belang.

Die Cottbusser schaffen es mit einer Revision, die Strafe auf 6000 Euro abzumildern. Dem Babelsberger Revisionsantrag wird wegen eines formalen Fehlers nicht stattgegeben. 

Der Widerstand

Die Babelsberger weigern sich, die Strafe zu zahlen. Babelsberg-Präsident Archibald Horlitz schreibt einen offenen Brief an den DFB (hier nachzulesen). 

"Es geht uns hier um die gesellschaftspolitische Verantwortung des größten deutschen Sportvereins mit sieben Millionen Mitgliedern."

Auszug aus dem Brief des Babelsberg Präsidenten

Vereinen, die sich weigern, Strafen zu zahlen, droht der Lizenzentzug. Um den Verein finanziell zu retten, aber auch, um ein Zeichen gegen Rassismus im deutschen Fußball zu setzen, riefen die Babelsberger eine Kampagne ins Leben: "Nazis raus aus den Stadien."

#nazisrausausdenstadien

Und dann schaffte dieser kleine Fußballverein etwas Großartiges:

Die Kampagne hatte Erfolg.

Thoralf Höntze, verantwortlich für Marketing und Presse bei den Nulldreiern, sagte zu watson:

"Wir haben eines Riesenwelle der Solidarität erfahren. Über alle Ligen hinweg, sogar über Ländergrenzen hinaus."

Thoralf Höntze, SV Babelsberg 03

Fankurven aus allen Ligen zeigen sich solidarisch, rollten Spruchbänder aus und riefen zur Unterstützung der Babelsberger auf. Was sie vom NOFV-Urteil halten, zeigten zum Beispiel die Kölner Fans so:

«Nazischweine raus ... Das wird man wohl noch sage dürfen!»

Saida Keller Messahli

Bild: facebook.com/rote böcke

Aber auch von Vereinen gab es Unterstützung. Nicht nur von Ligakonkurrenten, sondern auch von Bundesligisten. Der BVB, Werder Bremen, St. Pauli, Freiburg und der 1. FC Köln unterstützen die Kampagne der Babelsberger, auch finanziell. Der BVB hat just 1400 Soli-Shirts für einen Lauf gegen Rechts am Karfreitag geordert, erzählt Höntze. Beim Heinrich-Czerkus-Gedächtnislauf wird einem ehemaligen Platzwart des BVB und Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime gedacht.

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Auch der 1. FC Köln engagiert sich. Der FC ist der erste Verein, der die Kampagne mit eigenem Merchandise unterstützt. Den rot-weißen Soli-Schal gibt es im Fanshop, mit dem Verkaufserlös wollen die Kölner "Nazis raus aus den Stadien" unterstützen.

Das Einsehen: Die Strafe wurde geändert

Es dauerte zwar, aber mittlerweile hat auch der NOFV auf die Kritik reagiert. Die Strafe wegen der Pyroaktion bleibt zwar bestehen, aber die Hälfte der 7000 Euro kann der Verein nun für Maßnahmen gegen Rechtsextremismus aufwenden. Auch die Urteilsbegründung wurde geändert: Der Hinweis auf den Ruf "Nazischweine raus" wurde gestrichen. Cottbus muss zudem wegen "rechtsradikaler und antisemitischer Verfehlungen" 5000 Euro Strafe zahlen.

Die gute Nachricht:

Die Babelsberger konnten die 7000 Euro Strafe durch die Kampagne mittlerweile gegenfinanzieren und wollen sich jetzt weiter gegen Rechte in Stadien engagieren:

"Wir suchen nach Projekten, die wir unterstützen können. Wir möchten ja nicht nur uns damit nutzen, sondern wir wollen langfristig wirken."

Thoralf Höntze

Italienische Fussballfans: Tifosi im Stadion

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