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Ein Leben lang auf dem Wasser unterwegs: Der Genfer Alan Roura.
Ein Leben lang auf dem Wasser unterwegs: Der Genfer Alan Roura.
Bild: instagram/alan_roura
Interview

Weltumsegler Alan Roura: «Es ist die Hölle da unten bei der Antarktis»

105 Tage lang segelte Alan Roura ganz alleine rund um die ganze Welt. Und kaum im Ziel angekommen, wusste der Genfer: Das will ich unbedingt noch einmal machen. Nun packt er es an. Ein Gespräch mit dem 24-jährigen Abenteurer, der nie zur Schule ging.
04.02.2018, 09:51

Es ist ein regnerischer, kalter, ungemütlicher Februarmittag in Zürich. Es ist ein Wetter, das Alan Roura vermutlich häufig erlebt hat auf seiner aufregenden Reise rund um die Welt. Als jüngster Teilnehmer in der Geschichte absolvierte er 2016/2017 die Vendée Globe, eine Einhand-Regatta rund um die Welt. Einhand bedeutet: Ganz alleine.

105 Tage lang war Roura auf hoher See, dann erreichte er das Ziel. Er beendete das Rennen auf Rang 12 von 18 Teilnehmern, die es schafften (elf Segler gaben auf). Mehr als nur ein Achtungserfolg, da Rouras Boot wesentlich älter und deshalb langsamer war als jene der Konkurrenz. Mit einer neuen Yacht will der 24-jährige Westschweizer bei der nächsten Vendée Globe 2020 wieder antreten – er träumt von einem Platz in den Top 5.

Roura am Yachthafen in Zürich-Wollishofen.
Roura am Yachthafen in Zürich-Wollishofen.
Bild: KEYSTONE

Alan Roura, ist es Ihnen wohl hier im Restaurant oder wären Sie jetzt lieber da draussen auf dem Zürichsee?
Alan Roura:
Nein, nein, es ist mir ganz recht hier drin. Es ist zu kalt. Obwohl ich das Segeln ein bisschen vermisse im Moment.

Ich frage, weil Sie sich auf dem Wasser vermutlich heimischer fühlen als auf dem Land. Denn Sie sind im wahrsten Sinn des Wortes auf dem Meer aufgewachsen.
Ich war sechs Jahre alt, als meine Eltern sich entschieden, neue Wege zu gehen. Sie verkauften alles und legten sich eine Yacht zu. Wir wussten nicht, wie lange wir unterwegs sein würden – am Ende wurden es elf Jahre, in denen wir durch die Welt segelten. Das ist mein Leben: Frei sein, glücklich sein. Segeln, fischen, das Meer. Als ich dann angefangen habe, an Rennen teilzunehmen, änderte sich mein Leben: An einem fixen Ort zu leben, ein Auto zu haben, zu arbeiten, das «normale» Leben halt. Ich musste mich anpassen, aber das passt schon.

«Es gibt Menschen, die 20 oder 30 Jahre lang davon träumen, etwas in die Tat umzusetzen. Und dann haben sie doch nicht den Mut, es zu machen.»

Werden Sie «landkrank», so wie andere Menschen seekrank werden, wenn sie bei Wellengang auf dem Wasser sind?
In Lorient, wo wir unsere Basis aufgeschlagen haben (eine Stadt mit 60'000 Einwohnern in der Bretagne, Anm. d. Red.), ist es perfekt. Aber wenn ich nach Paris gehe, dann halte ich es da nach zwei Tagen nicht mehr aus. In Genf verhält es sich ähnlich. Es geht nicht um die Stadt, sondern um die Menschen. Sie sind zu gestresst. Das muss ich wirklich nicht haben. Davor flüchte ich lieber.

Er strahlt über das ganze Gesicht: Roura kurz vor dem Ziel der Vendée Globe.

Weil Sie auf dem Boot überall auf der Welt zuhause waren, besuchten Sie nie eine Schule. Wie war der Unterricht durch Ihre Mutter?
Es war nicht ganz einfach. Wenn man zur Schule geht, dann hat man dort Freunde, ein soziales Leben, lernt auch den Umgang mit anderen Menschen kennen. Ich hingegen beendete die Schule mit 13 Jahren, um mit meinem Vater zu arbeiten und Geld für mein erstes eigenes Boot zu verdienen. So habe ich dann gleichzeitig gelernt und gearbeitet. Das ist ein anderer Weg, aber einer, der funktioniert hat. Mir ist klar, dass ich tausende Sachen verpasst habe und ich weiss, dass ich nicht überall darin gut bin, was an der Schule unterrichtet wird. Aber so ist mein Leben, ich komme damit gut zurecht und bin glücklich.

Vendée Globe
Sie gilt als härteste Einhand-Regatta der Welt. Start und Ziel liegen an der französischen Atlantikküste, die Route führt die Teilnehmer entlang des Südpolarmeers einmal rund um den Globus. Schon wer ankommt, gilt als Sieger. 2017 gewann der Franzose Armel Le Cléac'h in der neuen Rekordzeit von 74 Tagen und 3 Stunden. Die nächste Austragung findet über den Jahreswechsel 2020/2021 statt.

Schon in jungen Jahren war Ihnen klar, dass Sie Profi-Segler werden und an Regatten teilnehmen wollen. Die Vendée Globe war Ihr Traum, den Sie 2016 realisieren konnten. Ein Abenteuer, ein Risiko stand bevor. Wie erinnern Sie sich an den Moment, als Sie den Entscheid fällten, zu starten?
Eines Tages erwachst du und sagst: «Let's go! Das will ich, also mache ich es. Egal, was es kostet.» Du hast nur noch dieses eine Ziel, tust alles dafür, es zu erreichen. Es gibt Menschen, die 20 oder 30 Jahre lang davon träumen, etwas in die Tat umzusetzen. Und dann haben sie doch nicht den Mut, es zu machen. Es geht gar nicht immer ums Geld. Es geht darum, es wirklich anzupacken, es zu wollen. Mein Vater spricht nicht viel, er lässt lieber Taten sprechen. Ich mag diese Einstellung und das half mir vermutlich, das Projekt durchzuziehen.

Was sagte eigentlich Ihre Mutter, als Sie ihr eröffneten, dass Sie bald 100 Tage alleine auf hoher See sein werden?
Ich denke, sie war schon ein bisschen besorgt. Aber sie wusste, dass ich nicht antreten würde, wenn ich nicht dazu in der Lage wäre. Sie glaubte an mich und wusste, dass ich zurückkehren würde.

Sie waren am Ende 105 Tage, 20 Stunden, 10 Minuten und 32 Sekunden auf hoher See. Was war die grösste Herausforderung?
Jeder einzelne Tag war eine Herausforderung. Das Wetter ist die grösste Gefahr, weil es sich immer wieder ändert. Und das Boot, die Segel, alle Teile werden stark beansprucht. Dem muss man Sorge tragen, man muss mit Köpfchen segeln und das Boot immer gut pflegen. Mitten im Pazifik begann ich zu sinken, das war eine knifflige Situation. Plötzlich kam Wasser ins Boot. Ich wusste: Wenn ich jetzt untergehe, dauert es eine Woche, bis mich jemand holen kann. Dann musst du die Nerven bewahren und das Leck flicken. Das war wohl die grösste Herausforderung unterwegs – abgesehen davon, überhaupt an den Start zu gehen. Denn das Wagnis einzugehen, ist eine verdammt grosse Aufgabe.

Die Route von Frankreich vorbei am Kap der Guten Hoffnung, dem Kap Leeuwin und dem Kap Hoorn.
Die Route von Frankreich vorbei am Kap der Guten Hoffnung, dem Kap Leeuwin und dem Kap Hoorn.
karte: wikipedia

Sie hatten wenig Schlaf und mussten alles von A bis Z alleine machen. Ich stelle mir vor, dass das nicht nur körperlich anstrengend ist, sondern dass man auch mental sehr stark sein muss, um das durchzuhalten.
Absolut, das ist so. Der Sport verändert sich zwar gerade, die physische Komponente wird wichtiger, die Skipper werden jünger. Man muss körperlich und geistig auf der Höhe sein. Aber wenn der Kopf versagt, dann hast du keine Chance.

«Zum Ende hin wollte ich einfach nur endlich wieder einmal ein grosses, saftiges Steak verputzen.»

Wie sah Ihr Essen aus? Fanden Sie unterwegs Zeit, um zu fischen, oder nahmen Sie alles mit?
Alles war beim Start schon an Bord, insgesamt 350 Kilogramm Lebensmittel. Viel Convenience Food, Schokolade, Trockenfleisch, Käse und Früchte – die halten etwa zwei Monate lang, also bis zur Hälfte des Rennens. Aber gegen Ende hin wollte ich einfach nur noch endlich wieder einmal ein grosses, saftiges Steak verputzen.

Und das war dann auch das erste, das Sie im Ziel gegessen haben?
Oh ja! Aber man muss sich das so vorstellen. Wenn du ankommst, ist alles sehr hektisch. Das Programm des Empfangs ist vorgeschrieben: 20 Minuten am Steg, dann 12 Minuten auf einer Bühne. Und dann hast du eine Viertelstunde Zeit, um etwas zu essen und zu trinken, danach musst du schon für eine Stunde an eine Medienkonferenz. Stell dir vor: Nach mehr als 100 Tagen, in denen du nie richtig essen konntest, geben sie dir gerade mal 15 Minuten Zeit! Du denkst dir: «Yeah, cool, vielen Dank.»

Nach 105 Tagen zurück: Rouras Ankunft in Les Sables-d'Olonne.

Bestimmt fanden Sie nebst der Arbeit auf dem Boot auch Zeit, um zu geniessen. Was blieb Ihnen am meisten in Erinnerung?
Ich sah oft Wale und Delfine, aber für mich war es das Kap Hoorn. Es war sonnig, windig, dann dieser grosse Fels, die Wellen, wow, das war so schön! Aber eigentlich ist es fast nicht möglich, nur etwas zu nennen, denn jeder Tag war neu und anders. Dunkle, stürmische Nächte wechselten sich mit klaren ab voller Sterne am Himmel, auf turbulente Tage konnten ruhige, windstille folgen. So gab es andauernd schöne Momente, nicht nur einen einzigen.

Roura beim Kap Hoorn, dem südlichsten Punkt Südamerikas.
«Das ist die Hölle da unten bei der Antarktis.»

Hatten Sie oft den Gedanken, alles hinzuschmeissen und die Vendée Globe am liebsten an Ort und Stelle zu beenden?
Ja, das kam ab und zu vor. Aber dann musste ich einfach an meine Familie, Freunde und Sponsoren denken, die mich unterstützt haben und die auf mich warten. So war der Gedanke aufzuhören jeweils höchstens für zehn Sekunden da und dann wusste ich wieder: Nein Alan, du fährst das hier zu Ende.

Ihr Stadion war das Weltmeer – eine ziemlich grosse Arena. Haben Sie nach dem Start überhaupt einmal Konkurrenten gesehen?
An Weihnachten segelten wir zu dritt nebeneinander. So nahe, dass wir uns gut unterhalten konnten. Das war eine schöne Abwechslung. Und ein anderes Mal war ich für etwa zwei Tage mit einem anderen Boot unterwegs, wirklich cool. Aber tief unten im Süden siehst du sonst keine anderen Schiffe, das ist die Hölle da unten bei der Antarktis.

Merry Christmas!

Eine Redewendung besagt, dass Reisen bildet. Was konnten Sie von den 105 Tagen auf hoher See in den Alltag mitnehmen?
Wenn du so lange Zeit alleine bist, dann findest du Antworten auf all die zentralen Fragen im Leben: Wer bin ich? Was will ich? Solche Sachen. Ich habe einige Antworten darauf gefunden und darüber freue ich mich. Die Vendée hat mich verändert, so viel ist sicher.

«Ich war der ‹bad guy› der Vendée und habe mit den Gegnern gespielt.»

Von Schweizer zu Schweizer muss ich das fragen: Hatten Sie eigentlich ein gutes Sackmesser dabei?
Ja, ich hatte ein Offiziersmesser dabei. Und das habe ich auch sehr oft benutzt, es hat mir gute Dienste erwiesen.​

Den Bart liess er zum Seebären-Look spriessen, die Frisur musste unterwegs mal dran glauben.

Sie waren mit 23 Jahren der jüngste Segler, der jemals teilgenommen hat und der das Rennen auch beenden konnte, kamen auf Rang 12 von 18 Startern. Wie war so etwas möglich mit weniger Erfahrung und einem schlechteren Boot als die Gegner?
Wenn du nichts zu verlieren hast, dann machst du einfach das Beste, das du kannst. Du hast keinen Druck von Sponsoren, denn sie wissen, dass es unmöglich ist, zu siegen. Ich war der «bad guy» der Vendée, habe mit den Gegnern gespielt und sie zu Fehlern gezwungen. Es ist auch ein mentales Spiel. Ich musste es auf diese Weise versuchen, da mein Boot unterlegen war. Natürlich war ich äusserst froh, dass diese Taktik aufgegangen ist, mit Rang 12 hätte ich nie gerechnet. Aber ich weiss, dass ich vermutlich auch hätte Zehnter werden können. Das fuchst mich!

Nun treten Sie bei der Ausgabe 2020 mit einem neuen Boot an, das Sie dem aktuellen Sieger Armel Le Cléac'h abgekauft haben. Was liegt damit drin und mit der Tatsache, dass Sie nun länger Zeit haben, sich gut auf das Rennen vorzubereiten?
Das ist schwierig zu sagen. Wir wissen nicht, wie viele neue Boote am Start sein werden. Ich wäre glücklich, wenn ich mich zwischen den Rängen 5 und 10 platzieren könnte. Und ich werde sehr glücklich sein, wenn ich es in die Top 5 schaffe. Aber es ist wahnsinnig schwierig, eine Prognose zu stellen.

Selfie auf dem neuen Boot, geschossen vor der Küste Brasiliens.

Weil es stets das erste Ziel ist, überhaupt das Ziel zu sehen?
Ganz genau. Wenn du das Rennen zu Ende fährst, dann ist das schon mal nicht schlecht. Das Boot ist zwar wichtig, aber nicht das Einzige. Du musst genau wissen, wann du pushen musst und wann es besser ist, einmal etwas Tempo rauszunehmen. Wenn du nicht Acht gibst auf das Material, kannst du zwar nach einer Woche in Führung liegen, musst dann aber aufgeben.

Es dauert noch fast drei Jahre, bis im November 2020 die nächste Vendée Globe beginnt. Was machen Sie bis dahin?
Ich werde mich und mein Boot gut vorbereiten, ich denke schon jetzt täglich an die Regatta. Zwei Mal in der Woche gehe ich ins Fitness-Studio, ich lasse mich von einem Ernährungscoach beraten und nehme die Hilfe eines Mentaltrainers in Anspruch. Der nächste Wettkampf ist die Route du Rhum, ein Rennen über den Atlantik von Frankreich in die Karibik. Bei meiner ersten Teilnahme musste ich aufgeben. Nun habe ich ein neues Boot und damit auch ein bisschen Druck. Ich hoffe, dass ich es in die ersten Fünf schaffe. Dieses Rennen steht nun im Fokus – und dann nur noch die Vendée Globe.

Und jetzt: Magische Inseln, die zum Träumen einladen

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21 Inseln, die zum Träumen einladen
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Die Vendée Globe und Andrea? Nein, das wäre keine Liebe.

Video: watson/Emily Engkent

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