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ABD0041_20210109 - ST. ANTON -

Juliana Suters Saison endete in St.Anton: Kreuzbandriss. Bild: keystone

Und immer wieder das Knie – der Skirennsport und seine vielen Opfer

Am Wochenende stehen in Kitzbühel und Crans-Montana Abfahrten auf dem Programm. Es sind die gefährlichsten Rennen im alpinen Skisport, speziell auf die Streif trifft diese Aussage zu.



Der Skisport bringt Menschen auf die Piste – und ins Spital. Nach Angaben der Suva, dem grössten Unfallversicherer der Schweiz, verursachen Ski-Unfälle jährliche Kosten von rund 250 Millionen Franken. Das ist fast ein Viertel aller laufenden Kosten, die bei Sport- und Freizeitunfällen anfallen.

Verheerende Folgen kann ein Sturz auch für die Profis haben. Die Weltcup-Saison dauert nur wenige Monate, ein einziger Fehler kann das Aus für einen ganzen Winter bedeuten. Am Samstag erlitt Alexander Aamodt Kilde, der Gesamtweltcupsieger des vergangenen Winters, im Training einen Kreuzbandriss. In Adelboden erwischte es kurz zuvor zwei Landsmänner des Norwegers, die aufstrebenden Lucas Braathen und Atle Lie McGrath sowie den Amerikaner Tommy Ford. Und in der Abfahrt von St.Anton die junge Schweizerin Juliana Suter.

Kampf gegen die Gesetze der Physik

«Abfahrt ist Angst», schreibt Aksel Lund Svindal in seiner Autobiografie. Als Olympiasieger, Abfahrts-Weltmeister und Gesamtweltcupsieger zählt der Norweger zu den erfolgreichsten Athleten der Geschichte. Eindrücklich schildert er, wie sehr man als Skirennfahrer ans Limit gehen muss: «Es gibt keine Haltungsnoten. Alles, was zählt, ist, Erster zu werden. Die Schwerkraft. Die Zentrifugalkraft. Die Geschwindigkeit. Ich kämpfe gegen Gegner, die so alt wie die Erde sind. Dann ist es vorbei. Weil ich die Ziellinie überquere. Oder weil ich gar nicht so weit komme.»

Norway's Aksel Lund Svindal celebrates his victory following the men's World Cup downhill ski race in Lake Louise, Alberta, Saturday, Nov. 28, 2015. (Jeff McIntosh/The Canadian Press via AP) MANDATORY CREDIT

36 Weltcupsiege, zahlreiche Medaillen, zahlreiche Verletzungen: Aksel Lund Svindal. Bild: AP/The Canadian Press

Svindal, der im Februar 2019 seine Laufbahn beendete, ist ein gutes Beispiel für einen, der alles erlebt hat. Denn zwischen seinen zahlreichen Erfolgen war er immer wieder, teils schwer, verletzt. In seiner Biografie nehmen die langwierigen Rehabilitationen gleich viel Platz ein wie Siege und Medaillen.

Irgendwann erwischt es fast jeden

Ein Blick auf die Website von Swiss-Ski zeigt, dass es fast keine Top-Athleten gibt, die noch nie verletzt waren. Zu jeder schweren Blessur wird eine Medienmitteilung verschickt. In den Schweizer Nationalmannschaftskadern 2020/21 findet man nur einen einzigen, der in den vergangenen Jahren nicht mit einer schweren Blessur zu kämpfen hatte: das 27-jährige Slalom-Ass Daniel Yule. Alle anderen Fahrerinnen und Fahrer erlitten Verletzungen, die sie zu einem Trainingsstopp oder zum Auslassen von Rennen zwangen.

Nationalmannschaft Damen:

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bilder: swiss-ski

So war beispielsweise Corinne Suter vor ihrem Aufstieg zur besten Speed-Fahrerin der Welt im vergangenen Winter häufig verletzt. Mal beendete ein Innenbandriss die Saison frühzeitig, mal fiel sie mit einer Hirnerschütterung aus. Das war jedoch gar nichts im Vergleich zur Blutvergiftung, die Suter im Sommer 2018 beinahe den rechten Fuss kostete.

Wendy Holdener verletzte sich in der Vorbereitung im Herbst 2019 am Ellbogen, im Herbst 2020 am Wadenbeinkopf. Michelle Gisin musste die Saison 2018/19 wegen zahlreicher Knieverletzungen abbrechen, Lara Gut-Behrami den Winter 2016/17 nach einem Kreuzbandriss an der WM in St.Moritz.

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«Am glücklichsten fühlte ich mich drei Sekunden nach dem Unfall», sagt Lara Gut-Behrami im Film «Looking for Sunshine» über ihr Comeback. (Trailer) Video: YouTube/Niccolò Castelli

Auf dem langen Weg zurück befindet sich Melanie Meillard. 2018 verletzte sich die Walliserin an den Olympischen Spielen schwer, ein erstes Comeback um den Jahreswechsel 2019/20 brach sie nach drei Rennen wieder ab. In diesem Winter, fast drei Jahren nach dem fatalen Sturz, ist Meillard wieder in der erweiterten Weltspitze.

Auch die 22-jährige Aline Danioth kennt Spitaleinrichtungen und Fachbegriffe nur zu gut. Die Urnerin zog sich im Dezember 2016 einen Kreuzbandriss zu, kämpfte sich zurück und holte ein Jahr später erstmals Weltcuppunkte. 2019 gewann sie mit der Schweiz Team-Gold an der WM in Are, es war der Winter ihres Durchbruchs. Kaum an der Weltspitze, riss im Januar 2020 erneut das Kreuzband. Nach dem Aufbautraining verletzte sich Danioth im Oktober so schwer am Knie, dass sie für den Weltcup-Winter passen musste. Um Abstand vom Schnee zu bekommen, absolviert sie ihre Reha auf Hawaii und besucht zugleich einen Englisch-Kurs.

Nationalmannschaft Herren:

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bilder: swiss-ski

Auch die Karrieren der aktuell besten Schweizer Männer sind von Verletzungen beeinträchtigt worden. Hier Meniskusprobleme, da ein Kreuzbandriss, dort eine Handverletzung. Thomas Tumler fiel seit dem Auftaktrennen in Sölden wegen eines Bandscheibenvorfalls aus. Mauro Caviezel, im letzten und in diesem Winter so stark wie nie, fällt derzeit wegen einer Aussenband- und einer Knieverletzung sowie einer schweren Hirnerschütterung aus.

Feuz weiss beinahe so viel über Knie wie ein Arzt

Abfahrts-Star Beat Feuz bangte schon in jungen Jahren um seine Karriere. «Fährt Feuz nie mehr Ski?», fragte der «Blick» kurz vor Weihnachten 2012, nachdem Operationen seinem lädierten Knie keine Besserung brachten. Es drohte gar eine Unterschenkelamputation. Doch der Emmentaler kehrte zurück. Er wurde Abfahrts-Weltmeister und gewann 2018 bis 2020 drei Mal in Folge die Kristallkugel für den besten Abfahrer des Winters.

The winner Beat Feuz of Switzerland, celebrates during the prize giving ceremony after the men's downhill race at the Alpine Skiing FIS Ski World Cup in Wengen, Switzerland, Saturday, January 18, 2020. (KEYSTONE/Anthony Anex)

Der beste Abfahrer der Gegenwart: Beat Feuz lässt sich 2020 nach seinem dritten Lauberhorn-Sieg feiern. Bild: KEYSTONE

Längst hat sich Feuz daran gewöhnt, nicht gleich und nicht gleich viel wie die Kollegen zu trainieren. Sein Körper verlangt nach Pausen. «Wir waren in der Vergangenheit ab und zu miteinander auf Kriegsfuss», sagte Feuz 2019 über sein Knie. «Mittlerweile bin ich wieder besser zufrieden mit ihm.» Er habe gelernt, damit zu leben. Das Wissen eines Arztes habe er zwar noch nicht, «aber wenn wir im privaten Rahmen über Verletzungen oder Therapien rund ums Knie fachsimpeln, kann ich inzwischen ziemlich gut mitreden.» Für Beat Feuz sind die Probleme wohl für den Rest seines Lebens ein ständiger Begleiter. Er läuft nicht rund.

Feuz kann sich bei vielen ehemaligen Skistars erkundigen, wie es ihnen erging – nicht anders. «Es hat gar keinen Knorpel mehr im Knie, das reibt jetzt», erzählte Vreni Schneider, die erfolgreichste Schweizerin der Geschichte, einst dem «Tages-Anzeiger». Sitzt sie länger, kann sie nicht einfach aufstehen, sondern muss leicht mit dem Oberkörper wippen, um sich hoch zu schwingen. Allerdings korrigiert Christian Schlegel, Teamarzt bei Swiss-Ski, die Vorstellung, dass jeder zurückgetrete Skisportler ein Sportinvalider ist. «Häufig sind die Beschwerden weniger schlimm als bei Leuten, die nie einen Unfall hatten, aber an Arthrose leiden», so Schlegel. Was wohl auch damit zusammenhängt, dass die Sportler gelernt haben, mit Schmerz zu leben.

Das Knie, immer wieder das Knie

Noch geht Feuz ab und zu joggen («Es ist nicht gerade meine Leidenschaft, aber das mach ich ab und zu»). Andere wie Abfahrts-Olympiasiegerin Dominique Gisin können das nicht mehr. Das sei unmöglich, sagte Gisin, als sie zum Berner Frauenlauf eingeladen wurde.

Das Knie, immer wieder das Knie. Es ist die grosse Schwachstelle im Körper eines Skirennfahrers. Die FIS, der Skiweltverband, hat sämtliche Verletzungen der Weltcup-Saisons 2006 bis 2019 analysiert. Mehr als 40 Prozent betrafen das Knie. Es ist mit grossem Abstand der meistbetroffene Körperteil.

Am häufigsten verletzte Körperteile:

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Erfasst wurden 1083 Verletzungen im Ski-Weltcup zwischen 2006 und 2019. Bei 447 war das Knie betroffen. grafik: watson/Shutterstock, quelle: fis

Die Problematik ist seit Jahren bekannt. Doch eine Lösung wurde bislang nicht gefunden. Das olympische Motto «Höher, schneller, weiter» gilt in allen Belangen. Die Skis werden aggressiver, verzeihen kaum einen Fehler. Wer kein Risiko eingeht und dosiert fährt, hat mit dem Podest nichts zu tun. Selbst der Klimawandel hat einen Einfluss: Wenn weniger Schnee liegt, ist die Piste holpriger.

Rufe nach einer Reglementsänderung im Materialbereich seien auch nicht der Weisheit letzter Schluss, sagte Walter Reusser vorige Saison im watson-Interview. Der Alpin-Direktor von Swiss-Ski kennt die Szene: «Je mehr man die Hersteller einschränkt, desto mehr fokussieren sie sich auf diese wenigen Details, die sie verbessern können. Das ist ja auch ihre Aufgabe. Deshalb ist es ein wenig ein Trugschluss zu denken, man könne auf die Art etwas bewirken. Wenn dann alle Hersteller an den gleichen Details forschen, gibt es noch schneller Fortschritte im Material.»

«Kreuz- und andere Bänder kann man nicht trainieren»

Eine Möglichkeit sind für Reusser neue, langsamere Anzüge. Ein guter oder schlechter Anzug könne schnell einige km/h Unterschied ausmachen. «Wenn das Tempo dadurch geringer ist, kann man auch wieder geradere Kurse stecken und so den Druck auf die Knie verringern.»

Lucas Braathen of Norway falls down during the second run of the men's giant slalom race at the Alpine Skiing FIS Ski World Cup in Adelboden, Switzerland, Friday, January 8, 2021. (KEYSTONE/Peter Schneider)

Nach Lucas Braathens Sturz in Adelboden kritisierte dessen erfolgreicher Landsmann Henrik Kristoffersen die Kurssetzung als «lebensgefährlich». Bild: keystone

Gerade zuletzt in Adelboden gab es auffällig viele verheerende Stürze in einem Riesenslalom. Der Norweger Henrik Kristoffersen kritisierte deshalb: «Das Tempo ist so hoch über die Ziellinie. Es ist völlig kopflos. Wenn der Schnee so aggressiv ist, wird er lebensbedrohlich.» Auf dem gleichen Hang am Chuenisbärgli sei die Siegerzeit vor drei Jahren noch zehn Sekunden langsamer gewesen. «Sie können diese Disziplin umbenennen. Der Riesenslalom ist zum Super-G geworden und der Super-G zur Abfahrt.»

Will man weniger Athleten mit Knieverletzungen, so muss man beim Material, der Pistenbeschaffenheit oder der Kurssetzung ansetzen. Denn Reusser hält fest: «Man muss halt einfach auch sagen, dass man Kreuzbänder und andere Bänder nicht trainieren kann. Das ist schlicht nicht möglich. Diese Körperstellen werden eine Schwäche bleiben.»

Der Körper hält nicht Schritt

Das Knie als grösstes Gelenk des Menschen ist zwar ein Wunderwerk, aber eines mit Schwächen. Das kommt daher, dass der Mensch nach evolutionären Massstäben noch gar nicht seit sehr langer Zeit aufrecht geht. «Die beiden Gelenkhälften des Knies passen eigentlich gar nicht gut zusammen», erklärte Thomas Pandorf vom Aachener Institut für Allgemeine Mechanik einst dem «Tagesspiegel». Die Meinung des Experten: «Wenn die Evolution mehr Zeit gehabt hätte oder noch hat, würde sie statt der Kniescheibe vielleicht etwas Besseres hervorbringen.»

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Erklärvideo: So funktioniert das Kniegelenk. Video: YouTube/DocCheck

Liechtensteins Ex-Star Marco Büchel fasste es so zusammen: «Das Material überholt allmählich den Körper.» Die Ski, optimal auf Schuhe, Bindung und Schuhplatte abgestimmt, sind leichter zu steuern als früher. Aber verliert ein Fahrer die Kontrolle, ist es viel schwieriger, diese zurück zu erlangen. Zieht der Ski in eine Richtung und der Körper in die andere, sind Knieverletzungen vorprogrammiert.

Höher, schneller, weiter. Weil nur die Sieger interessieren, weil nur die Schnellsten viel Geld verdienen, dreht sich die Spirale weiter. Keiner, der freiwillig einen langsameren Ski auswählt, einen Anzug der ihn bremst, oder der einen Umweg fährt, um Tempo einzubüssen. Wer das Spiel nicht mehr mitspielen will, dem bleibt nur der Rücktritt.

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Die meisten Siege im Ski-Weltcup

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quelle: epa scanpix / cornelius poppe
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