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epaselect epa09021474 Lara Gut-Behrami of Switzerland poses for photographs with her gold medal during the award ceremony of the Women's Giant Slalom race at the Alpine Skiing World Championships in Cortina d'Ampezzo, Italy, 18 February 2021.  EPA/CHRISTIAN BRUNA

Strahlt mit WM-Gold um die Wette: Lara Gut-Behrami in Cortina d'Ampezzo. Bild: keystone

Lara Gut-Behrami macht, was sie will: Einfach nur schnell Ski fahren

Nach Gold im Super-G zum Auftakt der Ski-WM in Cortina d'Ampezzo nun auch Gold im Riesenslalom. Lara Gut-Behrami ist Doppel-Weltmeisterin – und polarisiert trotzdem wie kaum eine andere Persönlichkeit im Schweizer Sport. Eine Würdigung.



Wie hoch die Anforderungen doch sind. Die Schnellste soll sie sein. Immer gut gelaunt. Charmant im Umgang mit Reportern, die Teamgefährtinnen nett unterstützend. Hübsch sowieso. Es sind viele Anforderungen, die Teile der Öffentlichkeit an eine junge Frau haben, die nichts anderes im Sinn hat, als einfach nur schneller als alle anderen auf der Welt Ski zu fahren.

Es sind völlig übertriebene Erwartungen, die im Ausdruck «Ski-Schätzli» kulminierten, der jahrelang ein fester Begriff war. Das war genauso despektierlich wie die Tatsache, dass die besten Skirennfahrerinnen dieses Landes lange Zeit als «Meitli» bezeichnet wurden. Als hübsches Beigemüse zu den wahren Stars, den mutigen Abfahrtshelden. Mochte dies frühere Generationen nicht so sehr stören, so störte es Lara Gut gewaltig. Und das sagte sie.

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Da mochten sie die «Blick»-Leser noch. schlagzeile: blick, 2011

Sie sagte es auch sonst oft geradeheraus, wenn ihr etwas nicht passte. Mal legte sich die Skirennfahrerin mit dem Verband an, dann mit den Medien. Und das in der Bünzli-Schweiz! In der man im Restaurant über das Essen schimpft und dem Kellner beim Abräumen dem Frieden zuliebe sagt, momoll, es habe geschmeckt. Viele hatten Mühe damit, dass da plötzlich eine junge Sportlerin selbstbewusst aufbegehrte.

Fulminanter Start in die Karriere

Die Tessinerin war noch keine 17 Jahre alt, als sie erstmals auf das Podest eines Weltcuprennens fuhr. 2008 war das – und der Moment, in dem die Erwartungen in die Höhe schossen. Im Winter zuvor hatten die Schweizer Frauen an der WM keine Medaille geholt, von den Titelkämpfen drei Jahren zuvor kehrte die Schweiz sogar gänzlich ohne Edelmetall nach Hause zurück. Das war ein Schock für dieses Land, das sich so sehr als Skination versteht, dass es selbst in einer Pandemie alles dicht macht ausser seinen Ski- und Sesselliften.

 210218 Lara Gut-Behrami of Switzerland after competing in the Women s Giant Slalom during of the 2021 FIS Alpine World Ski Championships on February 18, 2021 in Cortina d Ampezzo. Photo: Simon Hastegard / BILDBYRAN / kod SH / SH0073 alpint alpine alpina vm fis alpine world ski championships storslalom giant slalom dam bbeng jubel *** 210218 Lara Gut Behrami of Switzerland after competing in the Women s Giant Slalom during of the 2021 FIS Alpine World Ski Championships on February 18, 2021 in Cortina d Ampezzo Photo Simon Hastegard BILDBYRAN kod SH SH0073 alpint alpine alpina vm fis alpine world ski championships storslalom giant slalom dam bbeng jubel, PUBLICATIONxNOTxINxSWExNORxAUT Copyright: SIMONxHASTEGARD BB210218SH060

Glücklich, einfach nur glücklich: Lara Gut-Behrami nach ihrem zweiten WM-Titel. Bild: www.imago-images.de

Nun hatte dieses Land eine neue Hoffnungsträgerin. Ein Jahrhunderttalent, das 2009 bei der ersten WM-Teilnahme gleich zwei Silbermedaillen gewann. Die aufgestellte, sympathische, mehrsprachige Lara Gut war auserkoren, die Schweizer Ski-Geschichte neu zu schreiben. An Vreni Schneider wurde sie gemessen, der erfolgreichsten Schweizer Skirennfahrerin der Geschichte. «The sky was the limit», der Himmel ist die Grenze, so wie bei Tom Petty, der in «Into the Great Wide Open» über einen Rock-Rebellen namens Eddie sang. «Whitout a clue» war der, ahnungslos, und ziemlich sicher wusste auch Lara Gut nicht, was alles auf sie zukommen würde in den folgenden Jahren.

Schnee fiel, Schnee schmolz – in den folgenden Wintern gab es eine Konstante: Theater um Lara Gut. Eine Rebellin auf zwei Brettern, die ihr die Welt bedeuten. Verletzungen verhinderten ihren endgültigen Durchbruch, Streitigkeiten zwischen ihrem Privatteam um Vater Pauli Gut und dem Verband kosteten sie Zuneigung. Was Gut nicht zu kümmern schien. Sie wollte einfach nur schnell Ski fahren.

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Bestimmt liest es jede 17-Jährige gerne, wenn sie als G-Punkt bezeichnet wird. schlagzeile: sonntagsblick, 2008

Dass sie einen Lätsch machte, als sie 2014 in Sotschi ihre bislang einzige Olympiamedaille gewann (Bronze in der Abfahrt) wurde ihr krumm genommen. Nicht die Freude über die Medaille überwog im ersten Moment, sondern die Trauer über den verpassten Olympiasieg, den sich händchenhaltend die zeitgleichen Dominique Gisin und Tina Maze teilten. Das ist das Holz, aus dem wahre, nimmersatte Champions geschnitzt sind.

Für einen Winter die Beste der Welt

2015/16 gelang es Lara Gut so gut wie nie zuvor, schnell Ski zu fahren. Sie gewann den Gesamtweltcup. Die grosse Kristallkugel für die beste Fahrerin einer ganzen Saison ist die wertvollste Auszeichnung, die es im Skisport gibt. Weltmeister oder Olympiasieger kannst du auch mit dem nötigen Glück am berühmten «Tag X» werden. Aber wer am Ende eines kräftezehrenden Winters mit Reisen durch halb Europa, nach Nordamerika und manchmal Asien ganz oben steht, der ist unwiderruflich zurecht dort.

Lara Gut-Behrami

Geboren am 27. April 1991. – Verheiratet mit Valon Behrami. – Wohnort: Udine (Italien). – Gesamtweltcupsiegerin 2016. Weltmeisterin Super-G und Riesenslalom 2021. Disziplinensiegerin Super-G-Weltcup 2014 und 2016. 30 Weltcupsiege (total 57 Podestplätze im Weltcup). Bronze Abfahrt Olympische Spiele 2014. Silber Super-G WM 2013. Silber Abfahrt WM 2009. Silber Super-Kombination WM 2009. Bronze Abfahrt WM 2021. Bronze Super-G WM 2017. Bronze Abfahrt WM 2015.

Die Öffentlichkeit hatte sich da längst eine Meinung gemacht. Man liebte oder man hasste Lara Gut, kalt liess sie keinen, der sich für den Skisport interessierte. Aber je länger ihre Karriere nun schon dauerte, umso weniger schien das die Tessinerin zu kümmern. Sie wollte eh nur eines: schnell Ski fahren.

Der Wendepunkt in ihrem Leben

Als 2017 die Heim-Weltmeisterschaften in St.Moritz bevorstanden, galt Gut als logische Topfavoritin. Sie hatte im Vorfeld Weltcuprennen in der Abfahrt, im Super-G und im Riesenslalom gewonnen und trat nun an, endlich all die Goldmedaillen einzuheimsen, die ihr zuvor verwehrt blieben.

SCREENSHOT SRF - Lara Gut of Switzerland is transported by helicopter after an accident during the warm up for the slalom  in the women alpine combined race at the 2017 FIS Alpine Skiing World Championships in St. Moritz, Switzerland, Friday, February 10, 2017. (KEYSTONE/SRF) *** NO SALES, DARF NUR MIT VOLLSTAENDIGER QUELLENANGABE VERWENDET WERDEN ***

Der 10. Februar 2017 verändert Lara Guts Leben. Bild: SRF

Die WM im Engadin wurde zu einem Wendepunkt. Nicht nur in ihrer Laufbahn, sondern in ihrem Leben. Nachdem Gut im Super-G die Bronzemedaille holte, lag sie in der Kombination nach der Abfahrt auf Rang 3. Eine weitere Medaille winkte. Doch dann das Drama: Beim Einfahren für den Slalom stürzte sie. Kreuzbandriss, Meniskusverletzung, Heim-WM vorbei, Saison vorbei, alle Chancen auf weitere Kristallkugeln dahin.

Doch Gut erhielt eine andere Chance: die, sich selber besser kennen zu lernen. Ein Jahrzehnt lang hetzte sie wie im Hamsterrad um die Welt. Konditionstraining im Frühling, dann Schneetraining in Argentinien oder Neuseeland im Schweizer Sommer, Formaufbau auf dem Gletscher daheim, dann die Rennen. Stets stand Lara Gut im Fokus, ob gewollt oder nicht, ob wegen ihrer Leistungen oder wegen anderem.

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Trailer zum Dok über Lara Gut: «Looking For Sunshine». Video: YouTube/Niccolò Castelli

Was sie macht, geht die Öffentlichkeit nichts an

Längst war sie nicht mehr der aufstrebende Teenager. Sie war eine 26-jährige Frau. In erster Linie ein Mensch und erst in zweiter einer, der sehr schnell Skifahren kann. Ihr Bezug zum Leben sei ein anderer geworden, sagte sie rückblickend über die Verletzungspause. Dass ihr Körper die Pausentaste gedrückt hatte, erwies sich als Segen: «Es dauerte, zu realisieren, dass etwas nicht stimmt. Schliesslich habe ich Rennen gewonnen, konnte tun, was ich liebe: Ski fahren. Doch es ging nur darum, besser zu werden. Ich sagte mir immer: Das geht noch, da fehlt noch was. Ich war nie zufrieden. Es fehlte der Ausgleich in meinem Leben. Das Gleichgewicht.»

Sie fand diesen Ausgleich – und heiratete ihn. Seither tritt sie als Lara Gut-Behrami an und betont bei jeder Gelegenheit, wie gut ihr die Beziehung zum früheren Fussballnationalspieler Valon Behrami tue. Wäre sie eine Provokateurin wie es die Sängerin Madonna in ihren besten Jahren war, sie würde ihre Erfolge mit dem Doppeladler-Jubel feiern. Einfach, um die Leser der Boulevardzeitung zur Weissglut zu treiben.

FUSSBALL WM 2018 Achtelfinale 03.07.2018 Schweden - Schweiz Valon Behrami (re, Schweiz) wird von Freundin, Skifahrerin Lara Gut (Schweiz) nach dem Ausscheiden getroestet *** FIFA World Cup 2018 Eighth finals 03 07 2018 Sweden Switzerland Valon Behrami re Switzerland is rumored by girlfriend skier Lara Gut Switzerland after leaving PUBLICATIONxNOTxINxAUTxSUIxITA

Als Fan auf der Tribüne: Trost für Valon Behrami nach dem Schweizer Ausscheiden an der WM 2018. Bild: imago sportfotodienst

Doch um die schert sich Lara Gut-Behrami nicht. Nebenschauplätze hat sie abgeschaltet, auf den sozialen Medien ist sie nicht mehr präsent. Was sie macht, geht die Öffentlichkeit nichts an. In Fernseh-Interviews wirkt sie reserviert, selbst nach erfolgreichen Rennen. Die Zeiten, als sie den Reportern ein Lächeln schenkte, oder ein knackiges Zitat, sie sind vorbei.

«Kein riesiger Unterschied, ob ich Gold habe oder nicht»

Die Bünzli-Schweiz verzweifelt an ihrer besten Skirennfahrerin der Gegenwart. Doch die scheint befreiter denn je zu sein, nun da sie sich darauf konzentrieren kann, was sie am liebsten macht: Schnell Ski zu fahren. In Cortina d'Ampezzo ist Lara Gut-Behrami Doppel-Weltmeisterin geworden, in Super-G und Riesenslalom, dazu gewann sie Bronze in der Abfahrt.

Endlich baumelte nach dem ersten WM-Titel die so lange ersehnte Goldmedaille um ihren Hals – und was sagte sie? «Ich ging mit der Einstellung an den Start, dass ich nicht unbedingt Gold gewinnen muss. Mir war bewusst, dass es keinen riesigen Unterschied macht, ob ich Gold habe oder nicht. Wenn ich gewinne: Voll cool. Wenn nicht, dann ist es auch nicht so, dass die ganze Arbeit nichts wert ist.»

epa06534984 Lara Gut (L) of Switzerland reacts next to her father and coach, Pauli Gut, during the Women's Super-G race at the Jeongseon Alpine Centre during the PyeongChang 2018 Olympic Games, South Korea, 17 February 2018.  EPA/JEAN-CHRISTOPHE BOTT

Bittere Tränen der Enttäuschung: An den Olympischen Spielen 2018 verpasst sie als Vierte um eine Hundertstelsekunde eine Super-G-Medaille. Bild: EPA/KEYSTONE

Die Vergangenheit fährt immer mit

Ihr Weg, eigenwillig und selbstbestimmt, hat Lara Gut-Behrami zum Erfolg geführt. 30 Weltcuprennen hat sie gewonnen, von den vielen starken Schweizer Skirennfahrerinnen der Vergangenheit gewann nur Vreni Schneider (55) noch öfter. Sie gewann acht WM-Medaillen, eine mehr als Erika Hess und zwei mehr als Schneider. Von der Anzahl her nimmt es keine andere Schweizerin mit Gut-Behrami auf, die Farben sprechen noch für die anderen. Dank den beiden Titeln in den Dolomiten hat die Tessinerin zwei Goldmedaillen, Hess besitzt sechs, Schneider, Maria Walliser und Wendy Holdener je drei.

14.12.2019, St. Moritz, SUI, FIS Weltcup Ski Alpin, SuperG, Damen, im Bild Lara Gut-Behrami SUI // Lara Gut-Behrami of Switzerland in action during her run in the ladie s Super-G of FIS ski alpine world cup St. Moritz, Switzerland on 2019/12/14. St. Moritz *** 14 12 2019, St Moritz, SUI, FIS World Cup Alpine Skiing, SuperG, Women, in picture Lara Gut Behrami SUI Lara Gut Behrami of Switzerland in action during her run in the ladie s Super G of FIS alpine ski world cup St Moritz, Switzerland on 2019 12 14 St Moritz PUBLICATIONxNOTxINxAUT EPgro

Wer will da schon nicht Skifahrerin sein? Lara Gut-Behrami in St.Moritz. Bild: www.imago-images.de

Die glorreiche Vergangenheit fährt immer mit, wenn in Schweizer Stuben ein Skirennen geschaut wird. Lara Gut-Behrami hält sich lieber in der Gegenwart auf. Und sie macht das, was sie schon immer am liebsten machte: schnell Skifahren.

Sie macht es für sich. Nicht für Verbandsfunktionäre, nicht für Reporter, nicht für die Schweiz. Sie verbiegt sich nicht, sie geht den Weg, den sie für richtig hält. Damit ist sie nicht nur eine im Berufsleben erfolgreiche Person geworden, sondern auch ein zufriedener Mensch, der mit sich im Reinen ist. Und das ist sowieso mehr wert als jede Medaille.

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