Sport
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Volker Eckel GC 2009

Der «Blick» weiss bereits, als GC noch nicht weiss, dass Volker Eckel ein falsches Spiel treibt. bild: screenshot

Unvergessen

Märchenprinz Volker Eckel legt GC mit 300-Millionen-Versprechen aufs Kreuz

28. April 2009: Es ist wohl die peinlichste Episode im Schweizer Fussball. Rekordmeister GC geht Volker Eckel alias Prinz Mohammed al-Faisal auf den Leim und wird blossgestellt. 300 Millionen Franken verspricht der Hochstapler, der sich als unehelicher Sohn Saddam Husseins und einer Prinzessin ausgibt.



Man muss sich das mal vorstellen: Ein Prinz aus Saudi-Arabien – nach eigenen Aussagen ein unehelicher Sohn der iranischen Prinzessin Lolowah und dem irakischen Diktator Saddam Hussein – will mit 300 Millionen Franken bei GC einsteigen. Er spricht Schwäbisch statt Arabisch. Alles, was er auf Arabisch kann, ist: «Inschallah», «so Gott will». Dies benutzt er aber mehr im Sinne von: «Los jetzt, bisschen Tempo.» Würdest du ihm glauben, dass er ist, wer er vorgibt zu sein?

Konstanz D - Interview mit Volker Eckel, der deutsche Hochstapler.

© NANA DO CARMO / TZ

30.09.2009

Volker Eckel zeigt seinen Pass. bild: screenshot srf

Am 28. April 2009 deckt der «Blick» den angeblichen Super-Deal auf. GC würde dank der gigantischen Finanzspritze mit einem Schlag in die europäische Spitze katapultiert werden. «Warum GC?», wird Eckel wenige Tage später vom «Tages-Anzeiger» gefragt. Seine Antwort: «Für dieselbe Summe hätte ich vielleicht auch die AS Rom bekommen. Der italienische Fussball liegt mir aber weniger. Ich will mithelfen, den Schweizer Fussball zu verbessern.» Diese noble Absicht kennt der «Blick» wohl noch nicht, als er fragt: «Kann er diesen Vertrag einlösen?»

Wir können es vorwegnehmen: Nein, er konnte es nicht. Dafür sorgt Volker Eckel – so heisst der angebliche Prinz – für die grösste Peinlichkeit im Schweizer Fussball. Ein Drama in acht Akten.

Das Geheimtreffen im Baur au Lac

2007 übernahmen Roger Berbig (Präsident), Heinz Spross und Erich Vogel den serbelnden Rekordmeister GC. Geldprobleme plagten den Verein. Auch zwei Jahre später noch. Die Lizenz für die Saison 2009/10 wird von der Liga in erster Instanz verweigert. Wie das Defizit von vier bis fünf Millionen Franken gedeckt werde, sei nicht klar.

Volker Eckel GC Der Deal mit Vogel und Spross im Baur au Lac

Volker Eckel (Zweiter von rechts) mit Heinz Spross (links von ihm) und Erich Vogel (ganz links) im Baur au Lac. bild: blick.ch

Es gibt Übernahmegerüchte. Mal ist's ein Oligarch aus Russland, mal ein Scheich aus dem nahen Osten – und dann gibt es da am 22. April dieses Geheimtreffen. Der «Blick» erfährt davon, weil sich ein Mann und eine Frau mit der Info melden, es gebe einen Investoren für GC aus dem arabischen Raum, der 300 Millionen Franken in den Verein buttern wolle.

Ein Reporter der Zeitung wird als Beweis undercover eingeladen, am Treffen teilzunehmen. Tatsächlich sitzt am Abend mit Thomas Ley ein «Blick»-Reporter im edlen Baur au Lac mit am Tisch, als sich dort Eckel mit den GC-Bossen Spross und Vogel über den sagenhaften Deal schriftlich einigt. Ein Bild, wie Spross und Eckel dies per Handschlag bezeugen, wird bald in der Öffentlichkeit erscheinen.

Der Prinz in der VIP-Loge

Am nächsten Tag soll der «Blick»-Reporter mit Eckel auch zum Stadion fahren. Zudem soll er dafür sorgen, dass der Wagen vor dem Letzigrund von einem Fotografen aufgehalten wird, Eckel überrascht aussteigt und den Geheimvertrag der Welt erzählen muss. Der «Blick» lehnt ab. Eckel erreicht das Stadion ohne Aufregung und sitzt mit seiner Entourage in der VIP-Loge. GC siegt 2:0. Die erste Tranche von 150 Millionen Franken soll bis am 30. April eintreffen, die zweite bis am 15. Mai. Bei GC heisst es auf Nachfrage: «Kein Kommentar

Bild

Eckel in der GC-Ehrenloge. bild: screenshot blick

Alles fliegt auf

GC scheint gerettet. Doch am 29. April lässt der «Blick» alles auffliegen: «Der grosse Bluff», schreit der Titel auf der Doppelseite. Die Wohnadresse Eckels in Frauenfeld existiert nicht und die Redaktion habe einen Fax aus Deutschland erhalten: Eckel ist pleite, mehrere Insolvenzverfahren laufen gegen ihn, fast 30'000 Franken Schulden hat er.

Volker Eckel GC

Alles nur geblufft. bild: srf

Die detaillierte Story über diese Vorkommnisse gibt es hier beim «Blick» nachzulesen.

Wer ist Volker Eckel?

Am 8. Oktober 1965 wird er als jüngstes von fünf Kindern geboren. Er verlässt die Sonderschule ohne Abschluss und schlägt sich als Hilfsarbeiter durch. Auf der Suche nach Beachtung liest er in der Zeitung von einem Mord in der Nähe seines Heimatortes. Eckel meldet sich bei der Polizei und behauptet, er sei der Mörder. Im «Spiegel» sagt er Jahre später, es sei ein gutes Gefühl gewesen, bedeutend zu sein. Nach einem Jahr wird seine Unschuld bewiesen. Später schlägt er sich als Hochstapler durch und behauptet, der Kronprinz Saudi-Arabiens zu sein. Mohammed al-Faisal heisse er.

Volker Eckel GC angeblicher Vater Saddam Hussein und angebliche Mutter Prinzessin Lolowah

Angeblich Vater und Mutter: Saddam Hussein und Prinzessin Lolowah. bild: srf

Er sei der uneheliche Sohn von Saudi-Arabiens Prinzessin Lolowah und dem irakischen Diktator Saddam Hussein. Mit Husseins Söhnen habe er im Palast Fussball gespielt. Dass es die Prinzessin gibt, fand er im Internet heraus. Er sei dann aus Angst vor einem Mordanschlag auf ihn von seiner angeblichen Mutter nach Deutschland zur Adoption gegeben worden. Eckel spricht kein Arabisch und kann Dubai und Saudi-Arabien kaum unterscheiden.

Er benimmt sich einfach wie ein König und erfindet Geschichten so weit von der Wirklichkeit entfernt, dass man sie schon fast wieder glauben könnte.

Warum GC?

Volker Eckel versuchte 2008 schon beim 1. FC Köln einzusteigen. Er traf sich dabei unter anderem mit dem damaligen Trainer Christoph Daum. 50 Millionen Euro habe er einschiessen wollen. Köln sprang ab, als Eckel keine Sicherheiten vorlegen konnte.

Anfangs 2009 merkt der Hochstapler, dass seine Maschen nicht mehr lange ziehen werden. Gehälter in der Höhe von 25 Millionen Franken stehen aus. Das Kartenhaus droht einzustürzen. Seit 2008 wohnt er im Thurgau, sein letzter Coup soll der mit den Grasshoppers in Zürich werden.

Eckel war wohl süchtig nach dem Gefühl, bedeutend zu sein. Viel geplant hatte er bei seinen Aktionen nicht. «Null Plan», sagte er im SRF, wie er auf die Geschichte mit Saddam Hussein kam.

Die erste SRF-Doku:

Bild

«Der Hochstapler – wie Volker Eckel die Schweiz narrte.» bild: screenshot srf

Auch Thurgauer Behörden reingelegt

Während seiner Zeit im Thurgau erhält Eckel eine Pauschalbesteuerung. Er habe der Steuerbehörde jährlich fünf Millionen Franken sowie eine einmalige Spende von zehn Millionen für soziale Einrichtungen versprochen. Daraufhin erhielt der Deutsche eine C-Bewilligung innert zwei Wochen. Andere Leute warten dafür schon mal zehn Jahre.

Seine Lügen verdeckt er mit Briefköpfen einer Schweizer Privatbank und er bastelt eine Kontobestätigung, in der es heisst, seine 700 Milliarden Dollar seien jederzeit abholbar.

Volker Eckel GC 2009 C-Ausweis

Der C-Ausweis von Volker Eckel – in zwei Wochen erhalten. bild: srf

Was bei GC danach passiert

GC gibt am 30. April eine Pressekonferenz. Man sei einem Hochstapler auf den Leim gegangen, aber «wir haben kein Geld verloren», erklärt Sportchef Erich Vogel. Man habe etwas tun müssen. Es hätten schon erste Sponsoren nachgefragt, ob sie aussteigen könnten.

Vogel sagt abschliessend: «Es ist ein Märchen aus ‹Tausendundeiner Nacht›.» Das Angebot sei aber zu verlockend gewesen, um es nicht zu prüfen. In der SRF-Dokumentation führt er im Oktober 2009 aus: «Jeder der GC Geld verspricht, mit dem muss ich an den Tisch sitzen. Das hätte jeder gemacht.» Er habe Eckel zwei Mal getroffen, dann sei die Sache durch gewesen.

Erich Vogel, Verwaltungsrats-Vizepraesident GC, links und Roger Berbig, Verwaltungsratspraesident Grasshoppers, rechts, informieren die Medien am Donnerstag, 30. April 2009 in Niederhasli. (KEYSTONE/Alessandro Della Bella)

Erich Vogel und Roger Berbig an der Pressekonferenz nach dem Auffliegen des 300-Millionen-Deals. Bild: KEYSTONE

Präsident Berbig hält sich kurz: «Ein Imageschaden ist da, mehr will ich dazu nicht sagen.» Fritz Peter (GC-Präsident von 1988 bis 1991) wird im «Tages-Anzeiger» deutlicher: «Es gibt nur ein Wort: Katastrophe!»

Immerhin liefert der Verein die gefragten Dokumente der Lizenzkommission nach und erhält die Lizenz in zweiter Instanz. Es sei nur eine Formalie gewesen. Vogel und GC trennen sich im Juli 2009 per sofort. Das kommt überraschend, denn nur zwei Wochen zuvor lässt Berbig noch verlauten, dass man sich zwar trennen werde, aber erst, wenn ein Nachfolger gefunden sei.

Was mit Volker Eckel danach geschah

Eckel trieb sein Unwesen nach dem geplatzten GC-Deal weiter – mit Scheckkartenmissbrauch, angeblichen Immobilienkäufen und Urkundenfälschung. Teilweise gab er sich auch als Dr. med. aus. Wegen kleineren Delikten flog er schliesslich auf. 2011 wird ein Haftbefehl erlassen, im Mai 2012 wird Eckel zu dreieinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Ausgelöst hatte das alles seine ehemalige Privatsekretärin, welcher er monatlich 77'000 Franken versprach, die er aber nie bezahlte. Der finanzielle Schaden seiner Taten dürfte rund 40 Millionen Euro betragen. Strafmildernd wirkte, dass Eckel sagte, er habe nicht mehr zwischen seinem wahren und erfundenen Leben unterscheiden können.

Hier gibt es einen ausführlichen «Spiegel»-Bericht über einen Besuch bei Eckel im Gefängnis.

Volker Eckel 2015 GC Familie

Volker Eckel mit Familie im März 2015. bild: Screenshot SRF

2015 trifft das Schweizer Fernsehen den Hochstapler erneut. Eckel lebt mit seiner Frau und vier Kindern in Deutschland. Während der Haft erkrankte er an Krebs, diesen hat er mittlerweile aber besiegt. «Ich war nicht mehr in der Realität. Heute schäme ich mich teilweise. Ich kann es nicht mehr rückgängig machen.»

abspielen

Der zweite Eckel-Dok von SRF aus dem Jahr 2015. Video: YouTube/SRF DOK

Eckel lebt von Hartz IV, die Prinzenwelt im Orient könnte ferner kaum sein. «Es reicht, dass man glücklich sein kann», sagt Eckel. «Ich möchte nicht reich sein. Es reicht, dass ich mit Frau und Familie leben kann.» Man weiss nicht, ob man ihm glauben soll.

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob hervorragende Leistung, bewegendes Drama oder witzige Anekdote – alles ist dabei.
Um nichts zu verpassen, like uns auch auf Facebook!

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Die unendliche GC-Saga

Coronavirus: So trägst du die Schutzmaske richtig

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Unvergessen

Der FCZ wagt den Tabubruch und macht als erster Schweizer Klub Trikotwerbung

14. August 1976: Längst nehmen wir es als selbstverständlich hin, dass auf Fussballtrikots für Produkte und Marken geworben wird. Doch als diese Art der Werbung in der Schweiz eingeführt wird, ist der Teufel los.

Es gibt da diesen boshaften Spruch: Am einfachsten gelingt es, mit einem Sportklub in der Schweiz ein kleines Vermögen zu machen, wenn man mit einem grossen Vermögen beginnt. Fussball war und ist in den meisten Fällen ein Verlustgeschäft.

Das ist früher nicht anders als heute. Und so kommen findige Klubpräsidenten auf die Idee, ihre Spieler als laufende Werbeträger anzubieten. Es wird angenommen, dass Peñarol Montevideo in den 1950er-Jahren weltweit der erste Klub ist, der mit Werbung auf dem …

Artikel lesen
Link zum Artikel