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Team captain of German soccer champion Kaiserslautern, Ciriaco Sforza, displays the trophy in Hamburg's Volkspark Stadium on Saturday May 9, 1998, prior to the season's last match Hamburg vs Kaiserslautern. Kaiserslautern decided the chamiponship already last week but the trophy was traditionally handed over on the last match. Left coach Otto Rehhagel, right Andreas Brehme. (AP Photo/Michael Probst)

Ciriaco Sforza nimmt zusammen mit Coach Otto Rehagel die deutsche Meisterschale in Empfang. bild: keystone.ch

Unvergessen

09.05.1998: Die grösste Bundesliga-Sensation ist perfekt: Aufsteiger Kaiserslautern darf die Meisterschale in die Höhe stemmen

9. Mai 1998: Ciriaco Sforza darf in Hamburg als Captain des 1. FC Kaiserslautern die Meisterschale in die Höhe stemmen. Der Aufsteiger hat es geschafft und Giovanni Trapattonis Bayern auf den zweiten Platz verwiesen. 



Nach 34 Spieltagen ist es soweit: Die Mannschaft von Kaiserslautern darf im Hamburger Volksparkstadion die deutsche Meisterschale in die Luft stemmen. Dabei sind die Pfälzer doch erst im Jahr zuvor in die 1. Bundesliga aufgestiegen. Der Aufsteiger als deutscher Meister – das hat es in der Bundesliga-Geschichte noch nie gegeben. Mittendrin ist ein Schweizer: Ciriaco Sforza. Er ist der Captain dieser Sensationsmannschaft. Doch wie konnte es soweit kommen?

Der perfekte Auftakt

1. Spieltag der Bundesliga-Saison 1997/1998: Der FC Bayern München empfängt im Olympiastadion den 1. FC Kaiserslautern. Meister gegen Aufsteiger. Auf dem Papier eine klare Sache: Seit 19 Spielen hat Bayern zuhause nicht mehr verloren. Erst zweimal überhaupt mussten die Münchner beim ersten Saison-Heimspiel eine Niederlage einstecken, 1966 und 1991 war das. Der letzte Sieg von Kaiserslautern über die Bayern datiert vom Jahr 1983. 

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Gleich am ersten Spieltag muss Kaiserslautern gegen Trapattonis Bayern antreten. bild: keystone

Auf dem Rasen sieht die Realität jedoch ganz anders aus. Der Aufsteiger gibt sich aufsässig und kann das 0:0 lange halten. Bayern tut sich schwer und hat in der 79. Minute grosses Glück, dass der Unparteiische nach einer Grätsche von Bixente Lizarazu gegen Marco Reich nicht Gelb-Rot zückt. «Der Schiedsrichter hat sich in die Hosen geschissen», so das Urteil der Premiere-Sport-Moderatoren.

Einer, der die Hosen definitiv nicht gestrichen voll hat, ist der Lauterer Michael Schjönberg. Listig wie ein Taschendieb in der Kopenhagener Metro schleicht sich der Däne beim anschliessenden Freistoss von hinten an, springt im richtigen Moment hoch und wuchtet die Flanke per Kopf in die Maschen. Vorbei an Oli Kahn, vorbei an elf komplett verdatterten Münchner Superstars.

Diese versuchen in der Schlussphase zwar nochmals alles, doch es nützt nichts. Am Ende kann sich Lautern-Coach Otto Rehagel von rund 6000 mitgereisten Fans feiern lassen. Der Aufsteiger besiegt den Meister. 

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Was für ein Saisonauftakt: Der Aufsteiger besiegt Bayern im Olympiastadion.  YouTube/Australautern

Der Höhenflug geht weiter

«Jetzt haben wir drei Punkte gegen den Abstieg geholt und können nach vorne schauen», lautet das Fazit von Torschütze Schjönberg nach der Partie. Doch mit dem Abstieg haben die Jungs vom Betzenberg in der Folge rein gar nichts zu tun. Es dauert bis zum 8. Spieltag, ehe Kaiserslautern nach einem 1:3 gegen Werder Bremen das erste Mal als Verlierer vom Platz muss.

Der Höhenflug hält an. Nach 26 Spieltagen hat der Aufsteiger komfortable neun Punkte Vorsprung auf Verfolger Bayern München. Freilich, bei solch einer Leistung muss die Mannschaft als Kollektiv funktionieren. Doch drei Spieler ragen aus der verschworenen Lautern-Einheit heraus: Olaf Marschall, genannt «die Locke», Emerson Rodriguez genannt «Ratinho» und Ciriaco Sforza, genannt «Spiritus Rector». 

Und ebendieser «Spiritus rector – der Kopf, die treibende Kraft» warnt nach dem 26. Spieltag vor zu früher Euphorie: «Wir müssen so konzentriert weiterspielen wie bisher, sonst geht plötzlich nichts mehr», so Sforza. Doch bei Verfolger Bayern hängt der Haussegen zu diesem Zeitpunkt komplett schief. So schief, dass Coach Giovanni Trapattoni seine eigenen Spieler vor versammelter Medienschar zur Schnecke macht. «Was erlaube Strunz?!»

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Trapattoni sieht die Meisterchancen für seine Bayern schwinden. YouTube/TheMvjansen

Der Einbruch …

Ciriaco Sforza sollte mit seiner Warnung recht behalten. Bis zum 31. Spieltag holen die «Roten Teufel» keinen Sieg mehr. Trapattoni kommt mit seiner Mannschaft bis auf zwei Punkte an Leader Kaiserslautern heran. Beginnt bei den Pfälzern kurz vor der Zielgerade etwa das grosse Nervenflattern? Nicht wenn es nach Captain Ciriaco Sforza geht: «Wir wollen uns weiterhin nicht nervös machen lassen. In den letzten beiden Spielen haben wir die Mannschaft gesehen, die den Titel holen will und kann.»

Die nächste Partie kann sowohl Lautern als auch Bayern für sich entscheiden. Und so könnte Kaiserslautern in der 33. Runde im Heimspiel gegen Wolfsburg bereits Meister werden. Daran glaubt Lautern-Trainer Otto Rehagel aber nicht: «Wir sollten in der Lage sein, Wolfsburg zu Hause zu schlagen. Obwohl die mit einer 10:1-Deckung antreten werden. Aber ich glaube nicht, dass sich die Bayern noch einen Ausrutscher leisten.»

… und das grosse Finale

Doch der Wolfsburger Beton ist schneller durchbrochen, als angenommen. Vor 38'000 Zuschauern im ausverkauften «Betzenberg» schiesst Lautern-Topskorer Olaf Marschall (21 Tore sollten es bis zum Schluss der Saison sein) die Hausherren in der 24. Minute in Front und löst mit diesem Treffer die Nervosität. Kurz nach der Halbzeitpause bricht der Bann dann definitiv. Martin Wagner erhöht in der 52. Minute auf 2:0 und nur gerade drei Minuten später stellt wiederum Olaf Marschall – wie gewohnt mit seinem modischen Nasenpflaster unterwegs – das Skore gar auf 3:0. Am Ende steht es 4:0 für Kaiserslautern. 

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Die Entscheidung fällt am 33. Spieltag: Kaiserslautern schlägt Wolfsburg mit 4:0. YouTube/fckpatrick

Und tatsächlich: Da Bayern in Duisburg nicht über ein 0:0 hinauskommt, ist die Sensation perfekt: Zum ersten Mal in der 35-jährigen Bundesliga-Geschichte wird ein Aufsteiger Deutscher Meister. Auf dem Betzenberg brechen jetzt alle Dämme. Ausser bei Otto Rehagel, der bleibt relativ reserviert. 

«Ich habe mich hier auch einmal gefreut, als ich als 30-Jähriger Rockenhausen vom Abstieg gerettet habe. Wenn man ganz jung ist, ist man ja ganz grossartig glücklich. Und nachher, wenn man so alt ist wie ich, ist man nur noch glücklich.»

Eine Woche später, am 9. Mai 1998 ist es dann soweit: Otto Rehagel und seine Jungs dürfen nach dem letzten Spieltag in Hamburg die Meisterschale in Empfang nehmen.

The team of German soccer champion Kaiserslautern pose with the trophy in Hamburg's Volkspark Stadium on Saturday May 9, 1998, prior to the season's last match Hamburg vs Kaiserslautern. Kaiserslautern decided the chamiponship already last week but the trophy was traditionally handed over on the last match. (AP Photo/Michael Probst)

Buck, Marschall, Ballack, Sforza und wie sie alle heissen … bild: keystone

Ganz anders die Gemütslage bei den Bayern: Nach zwei Jahren muss Giovanni Trapattoni den Trainerstuhl bereits wieder räumen. Übernehmen wird seinen Posten Ottmar Hitzfeld. Ob das passen wird? Mit der Chuzpe eines frischgebackene Meister-Captains meint Ciriaco Sforza dazu schnippisch: «Welcher Trainer passt schon zu Bayern München?»

Unvergessen

In der Rubrik «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob hervorragende Leistung, bewegendes Drama oder witzige Anekdote – alles ist dabei.

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