Unvergessen
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Berlin, GERMANY:  A photo taken 09 July 2006 shows French midfielder Zinedine Zidane (L) gesturing after head-butting Italian defender Marco Materazzi during the World Cup 2006 final football match between Italy and France at Berlin?s Olympic Stadium.  AFP PHOTO  JOHN MACDOUGALL  (Photo credit should read JOHN MACDOUGALL/AFP/Getty Images)

Eine der berühmtesten Szenen der Fussballgeschichte: Zidane fällt Materazzi. Bild: AFP

Unvergessen

«Oh Zinédine, pas ça!» Zidanes Kopfstoss im WM-Final gegen Materazzi erschüttert die Welt

9. Juli 2006: Der WM-Final gegen Italien ist Zinédine Zidanes letzter grosser Auftritt. Dem Franzosen winkt der dritte grosse Titel. Doch nach einer Provokation von Marco Materazzi brennen bei «Zizou» sämtliche Sicherungen durch. Es kommt zum berühmtesten Kopfstoss der Geschichte.



Die Fussball-Welt ist geschockt. Was ist bloss in Zinédine Zidane gefahren, dass er so ausrastet? Zu diesem Zeitpunkt. Beim Stand von 1:1, in der 110. Minute des WM-Finals. In seinem allerletzten Spiel! Unverständnis allenthalben. Doch die Wiederholung lügt nicht. Er hat es tatsächlich getan.

Die Szene wirkt harmlos. Nach einem Freistoss in den Strafraum der Italiener hält Marco Materazzi Zidane leicht am Trikot fest. Es kommt zu einem Wortgefecht, von dem Frankreichs Nummer 10 bald einmal genug hat. Er trabt in Richtung Mittellinie. Doch plötzlich macht «Zizou» kehrt und streckt Materazzi abseits des Spielgeschehens mit einem Kopfstoss gegen die Brust nieder.

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Der Kopfstoss, der die Welt empörte. Gif: Youtube/henryperu7

Erste Anwendung des Videobeweises?

Auf dem Platz brechen sofort Diskussionen aus, nur wenige haben die Tätlichkeit gesehen. Einer davon ist Italiens Torhüter Gianluigi Buffon. Er sprintet zu Schiedsrichter Horacio Elizondo und fordert einen Platzverweis. Doch der Argentinier zögert, er hat die Szene nämlich nicht gesehen. Erst nach einigen Minuten und nach Rücksprache mit dem vierten Offiziellen zeigt er Zidane die Rote Karte. Es ist bereits die 15. seiner Karriere.

«Ich sah Materazzi plötzlich 40, 50 Meter entfernt auf dem Platz liegen. Daher unterbrach ich die Partie und fragte meine Assistenten, was passiert sei. Überraschenderweise antworteten mir beide: ‹Wir haben nichts gesehen.›»

Schiedsrichter Elizondo.

In Frankreich ist man noch heute der Ansicht, dass erst die Videobetrachtung durch den vierten Referee dazu geführt habe, dass Zidane überführt wurde. Sein Kopfstoss gilt deshalb inoffiziell als erste Anwendung des Videobeweises. Die FIFA bestreitet diese Theorie jedoch und gibt an, der vierte Offizielle Luis Medina Cantalejo habe die Szene mit eigenen Augen gesehen.

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Schiedsrichter Elizondo zeigt Zidane nach Rücksprache mit dem vierten Offiziellen die Rote Karte. Gif: Youtube/henryperu7

Über Funk teilt er Schiedsrichter Elizondo mit: «Furchtbar, Zidanes Kopfnuss gegen Materazzi war fürchterlich! Zidane verpasste Materazzi einen Kopfstoss. Wenn du das Video siehst, wirst du mir nicht glauben.»

«Als ich zu den beiden hinging, hatte ich bereits alle Informationen und wusste, dass ich Zidane Rot zeigen würde.»

Schiedsrichter Elizondo.

Ob mit oder ohne Videobeweis: Zidane muss unter die Dusche und so endet seine grosse Karriere unrühmlich. Statt den WM-Pokal ein zweites Mal in die Höhe zu stemmen, läuft er mit gesenktem Kopf daran vorbei. Dabei hat doch alles so gut angefangen.

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Zidanes Abgang. Gif: Youtube/henryperu7

Schon vor dem Final zum MVP gewählt

Im Spätherbst seiner Karriere blüht der 1,85 Meter grosse Mittelfeldspieler noch einmal auf. 34-jährig ist der Sohn algerischer Einwanderer mittlerweile und am Ball noch immer ein Genie. Er verkündet bereits im Vorfeld, dass er nach der WM zurücktreten werde. In der Vorrunde bleibt «Zizou» allerdings blass und Frankreich qualifiziert sich nach dem 0:0 gegen die Schweiz nur als Gruppenzweiter für die K.o.-Runde.

Dort zeigt Zidane aber sein wahres Gesicht. Im Achtelfinal erzielt er den letzten Treffer beim 3:1 gegen Spanien, im Viertelfinal gegen Brasilien bereitet er den 1:0-Siegtreffer magistral vor und im Halbfinal gegen Portugal trifft er selbst zum siegbringenden 1:0. Schon vor dem Final wird Zidane zum MVP, dem wertvollsten Spieler des Turniers, gewählt.

A picture combo of TV grabs shows the foul Zinedine Zidane of France to Italy's Marco Materazzi and the red card shown to Zidane by referee Horacio Elizondo of Argentina during the final of the 2006 FIFA World Cup between Italy and France at the Olympic Stadium in Berlin, Germany, Sunday 09 July 2006. (KEYSTONE/EPA/WDR)   +++ Mobile Services OUT +++ Please refer to FIFA's Terms and Conditions.

Der Kopfstoss und seine Folgen. Bild: EPA

Frankreich hat den zweiten WM-Finaleinzug nach 1998 dem unglaublichen «Zizou» zu verdanken. Und wie damals, als es bei der Heim-WM zum ersten Weltmeistertitel reicht, eröffnet die Nummer 10 das Skore. Nach sieben Minuten trifft Zidane mittels Panenka-Penalty via Lattenunterkante, doch Materazzi gelingt zwölf Minuten später der Ausgleich.

Materazzis Schrein bei sich zu Hause

Es sollen die einzigen Tore aus dem Spiel bleiben. Zehn Minuten nach der für Zidane fatalen 110. Minute kommt es zum Elfmeterschiessen. Frankreich verliert 3:5, weil Trezeguet nur die Torumrandung trifft. Der Schuldige ist jedoch ein anderer. «Der Platzverweis für Zidane hat das Spiel gedreht. Es war eine total sinnlose Aktion, es war der Schlüsselmoment des Spiels», ärgert sich der Trainer der «Bleus», Raymond Domenech, nach der Partie.

Provokation mit der Mutter? Nein, es war die Schwester

Zidane schweigt. Und so bleibt auch das Rätsel, was Materazzi zum Franzosen gesagt hat, vorerst ungelöst. Einer Lippenleserin zufolge soll er Zidane als «Sohn einer Terroristen-Hure» beschimpft haben. Materazzi dementiert. «Ich bin ein Ignorant, ich weiss nicht Mal, was ein islamischer Terrorist ist» und «Für mich ist die Mutter heilig». Die Mama des damaligen Inter-Spielers starb, als der kleine Marco 14 Jahre alt war.

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Die ganze Szenerie mit dem französischen Originalkommentar. Video: streamable

Erst zweieinhalb Wochen nach dem Vorfall wird das Geheimnis gelüftet. Die französische Illustrierte «Paris Match» beauftragt Mariella Balsamo, Dozentin am Nationalen Institut für Gehörlose in Messina (Sizilien), das Gespräch zu rekonstruieren.

Der 11-sekündige Dialog im Wortlaut

Materazzi zerrt Zidane im Strafraum am Trikot.
Zidane: «Wenn du es haben willst, schenke ich's dir nachher.»
Materazzi: «Lass mich, du Schwuchtel. Du, mit deiner Nutten-Schwester. Scheisse.»
Zidane dreht sich um.
Materazzi: «Deine Schwester, diese Nutte.»
Zidane geht auf Materazzi zu.
Materazzi: «Ich spalte dir den Arsch.»
Zwei Sekunden später rammt Zidane seinen Kopf gegen Materazzis Brust.

Zidane: Lieber sterben, als Materazzi verzeihen

Ein Jahr später bestätigt Materazzi in einem Interview mit der «Gazzetta dello Sport» den Ablauf des Dialogs. «Ich habe an seinem Trikot gezogen. Da hat er gesagt, wenn ich sein Trikot unbedingt haben wolle, könne ich es ja nach dem Abpfiff haben. Ich habe darauf geantwortet, dass mir seine Schwester lieber wäre.»

Zu einer öffentlichen Aussöhnung zwischen Zidane und Materazzi kommt es übrigens nie. «Ich bitte den Fussball, seine Fans und die Mannschaft um Verzeihung, aber niemals Materazzi. Das würde mich entehren. Lieber würde ich sterben», sagt «Zizou» im März 2010 der spanischen Zeitung «El Pais».

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Ein Grosser verlässt die Weltbühne. bild: keystone

Kopfstoss wird Pop-Kultur

Zidanes Kopfstoss wird nach der WM auf mannigfaltigste Weise, vor allem aber humoristisch verarbeitet: Der Song «Coup de Boule» erreicht in den französischen und belgischen Charts die Spitze, in der Schweiz immerhin Platz 2.

«Zizou» wird ausserdem zur Spielfigur von Flash-Games mit dem Ziel, möglichst viele Gegner per Kopfstoss niederzustrecken. Keine Verulkung, die durch Video-Editing und Photoshop nicht realisiert wird.

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Der Zidane-Song «Coup de boule» stürmt die Hitparaden. Video: YouTube/nikwakwa

Statue zweimal weggeräumt

Im September 2012 wird in Paris auf dem Platz vor dem Museum Centre Pompidou eine fünf Meter hohe Statue des berühmtesten Kopfstosses der Sport-Geschichte aufgestellt. Nur wenige Wochen nach der Enthüllung wird sie aber schon wieder entfernt. Sie sei «wider die Sportethik», so die Begründung.

Auch in Doha steht das Denkmal nicht lange. Die Beseitigung der Skulptur erfolgt im Herbst 2013 aufgrund der islamischen Rechtsprechung, nach der «Heldenkult» durch öffentliche Darstellungen verhindert werden soll.

epa03412192 Visitors take pictures of a sculpture entitled 'coup de tete' (headbutt) by French artist Adel Abdessemed that represents former French soccer player Zinedine Zidane headbutting Italian soccer player Marco Materazzi during the 2006 World Cup Final, nearby the museum of modern art 'Centre Pompidou', in Paris, France, 27 September 2012. Adel Abdessemed's exhibition will run from 03 October to 07 January 2013.  EPA/YOAN VALAT

Bild: EPA

epa03895867 Workers install a five-meter-tall bronze statue of former French soccer international Zinedine Zidane's famous head-butt at the corniche of Doha, Qatar, 04 October 2013. The sculpture 'Coup de Tete' ('Head Butt') was created by Algerian artist Adel Abdessemed, and captures the moment when France's playmaker Zinedine Zidane head-butted Italian defender Marco Materazzi in the 2006 World Cup final.  EPA/STR

Bild: EPA

Nach wie vor vergöttert

Trotz seines Kopfstosses – Zidanes nationale und internationale Beliebtheit erleidet keinen bleibenden Schaden. Der 108-fache französische Nationalspieler wurde Trainer bei Real Madrid und hat mit den Königlichen drei Mal in Folge die Champions League gewonnen.

Was gleich nach der WM 2006 aber niemand weiss: Mit seiner Aktion läutet er nach einer sehr erfolgreichen Ära mit einem Weltmeister- und einem Europameistertitel ein dunkles Kapitel französischer Fussballgeschichte ein – das erst mit dem WM-Titel 2018 in Russland wieder ein Ende fand.

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In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob eine hervorragende sportliche Leistung, ein bewegendes Drama oder eine witzige Anekdote – alles ist dabei.
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16 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
Simon LeBon
09.07.2019 11:04registriert July 2015
Der Magier vom anderen Planeten rammt dem italienischen Pöbler in seinem letzten Augenblick als aktiver Fussballkünstler den Kopf in die Brust. Das sportlich bessere Ende sollte in dieser Nacht dem azurblauen Pöbler beschieden sein. Was für ein ikonisches Bild, was für eine Tragödie. Schöne Ironie: vom Magier wird man noch in 50 Jahren sprechen.
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Amateurschreiber
09.07.2019 11:29registriert August 2018
Ich war und bin, was den Kopfstoss betrifft, auf der Seite von Zidane. Genaugenommen bin ich eigentlich gegen Materazzi.
Ich weiss nicht ob Materazzi aus Kalkül oder schlicht aus Frust provozierte. Als er den Kopfstoss erhielt, hat er sich auch noch übertrieben theatralisch fallen lassen. Kurzum: Materazzi repräsentierte in dem Moment alles, was ich am Fussball hasse: Durch schmutzige Tricks versuchen einen Vorteil herauszuholen. Leider hatte er damit Erfolg.
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Newski
09.07.2019 10:30registriert April 2019
Es müsste die Möglichkeit geschaffen werden, dass Provokateure (wie z.B. Materazzi) nachträglich saftig bestraft werden können. So, wie es bis anhin geregelt ist, haben Provokateure eine "Rendite". Dies muss ins Gegenteilige gedreht werden.
2011
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