Wirtschaft
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Building 50 at Kodak Park is imploded in this photo from Saturday morning Sept. 15, 2007. The boom in digital photography triggered a series of aftershocks at Eastman Kodak Co. as one after another of its aged factories was dynamited.(AP Photo/Democrat and Chronicle, Will Yurman) ** MAGS OUT, NO SALES **

2007: Kodak sprengt ein obsoletes Fabrikgelände. Die Digitalisierung macht dem einstigen Erfolgsunternehmen arg zu schaffen. Bild: AP Democrat and Chronicle

Analyse

Der Kodak-Skandal – oder wie man sich im Jahr 2020 bereichert



Wochenlang dümpelte die Aktie von Kodak (Eastman Kodak) im Zwei-Dollar-Bereich vor sich hin. Pro Tag wurden zwischen 60'000 und 80'000 Aktien gehandelt – ein mickriges Handelsvolumen. Vor allem für ein ehemaliges Milliardenunternehmen, das in den 80er Jahren 120'000 Angestellte beschäftigte.

Doch diese Zeiten sind längst vorbei. Kodak schien nur noch ein Schatten seiner selbst. Bis vor einer Woche.

Am Montag, dem 27. Juli explodierte plötzlich das Handelsvolumen. Statt der üblichen 70'000 wechselten 1,6 Millionen Aktien den Besitzer. Der Kurs stieg um 25 Prozent. Wie aus heiterem Himmel.

Einen Tag später trat US-Präsident Donald Trump vor die Kamera und erklärte in seinem typischen Stil, dass die USA im Kampf gegen das «China-Virus» und aufgrund der Bestrebungen, die «verlorene Pharmaproduktion zurückzuholen», mit Kodak einen Deal getätigt habe.

Das Unternehmen erhalte einen Kredit von 765 Millionen Dollar. Dafür werde der Traditionshersteller von Photo-Utensilien künftig die Ressourcen für Medikamente herstellen. Darunter sollen sich laut «Wall Street Journal» auch Inhaltsstoffe für das gegen Covid-19 erwiesenermassen nutzlose, aber von Trump geliebte Hydroxychloroquin befinden.

Weshalb gerade Kodak? So genau kann sich das bisher niemand erklären.

Kodak verfügt im hart umkämpften Medikamente-Markt über bescheidene Erfahrungen. 1990 versuchte die Firma sich mit rezeptfreien Medikamenten wie Aspirin zu positionieren. Bereits vier Jahre später wurde der Bereich wieder abgestossen. Auch CEO Jim Continenza betritt Neuland. Seine Expertise liegt im Marketing – und er besitzt einen Bachelor-Abschluss in Betriebswirtschaft.

Vor Continenzas Ernennung zum CEO hatte Kodak jahrelang nur noch für Negativschlagzeilen gesorgt. Sei das mit dem Fast-Bankrott 2012, mit einem dubiosen Bitcoin-Miner oder einer grossmundig angekündigten eigenen Blockchain für Fotografen, die auf Eis gelegt wurde. Und nun der Deal mit der Regierung. Die Fachwelt reibt sich erstaunt die Augen.

The Kodak PIXPRO SP360 action camera is shown on Wednesday, Nov. 11, 2015, in Decatur, Ga.  This camera shoots HD footage through a curved spherical lens to give it a massive fisheye look at the world.   (AP Photo/ Ron Harris)

Kodak erfand bereits in den 70er-Jahren die erste Digitalkamera, unterliess es dann aber, diese weiterzuentwickeln. Dieses Versäumnis führte 2012 beinahe zum Bankrott der Firma. Bild: AP/AP

Weniger kritisch, dafür umso kauffreudiger zeigen sich die Hobby-Trader auf Robinhood. Die Börsenplattform bietet Aktienhandel per App und Mausklick und ist in den USA als Börsenhändler für jedermann äusserst populär. Die User, die sogenannten Robinhooders, sind für irrationales Handeln berüchtigt. Ein Beispiel:

Bevor Hertz bankrott ging, besassen weniger als 43'000 Robinhood-Trader Wertpapiere des Autoverleihers. Nach dessen Bankrott waren es 170'000. Aber wieso stürzt sich eine derart grosse Masse auf ein scheinbar wertloses Papier?

Als die Hertz-Aktionäre in Panik ihre Positionen verscherbelten, stieg das Handelsvolumen. Aktien mit hohem Handelsvolumen landen bei Robinhood automatisch in der Kategorie «Top Movers». Und was dort auftaucht, ist wie Kuhmist für Fliegen. Da wird blind zugegriffen. Fomo (Fear of missing out – die Angst eine Gewinnmöglichkeit zu verpassen) macht sich breit. Und tatsächlich – Hertz legte kurzfristig 900 Prozent zu. Und schon wieder bleibt den Experten die Spucke weg.

Einen ähnlichen Effekt hatte nun auch die Veröffentlichung des Kodak-Deals. Die Anzahl Robinhood-Aktionäre sprang innerhalb eines Tages von 10'000 auf über 130'000, der Preis von unter drei auf 60 Dollar.

Wer in den Tagen zuvor Kodak-Aktien erstanden hatte, konnte diese nun für das fast Dreissigfache wieder verkaufen. Wer zur vielleicht doch nicht ganz so unerklärlichen Masse einen Tag zuvor gehörte, konnte immerhin noch mit einem zwanzigfachen Gewinn auschecken.

Boxes of Kodak 35mm film are shown against a box of Kodak inkjet paper for an illustration, Thursday, Jan. 5, 2012 in New York. An uncomfortable suspicion that an icon of American business may have no future pushed investors to dump stock in Eastman Kodak Co. Wednesday. The ailing photography pioneer's shares fell to a new all-time low after the Wall Street Journal reported that Kodak is preparing for a Chapter 11 filing

Das waren noch Zeiten: Als Fotos noch mit Kameras geschossen und auf Filme gebannt wurden. Bild: AP

Viele der Profiteure des Kurssprungs werden unbekannt bleiben. Die Rufe nach einer Untersuchung durch die Börsenaufsicht ist zwar laut, droht aber bereits wieder zu verhallen. Ein Profiteur ist indes bereits bekannt. CEO Jim Continenza. Einen Tag bevor Trump vor die Öffentlichkeit trat, sprach ihm Kodak Kaufoptionen im Wert von 1,75 Millionen zu. Zwei Tage später hatten die Optionen, wenigstens auf dem Papier, 50 Millionen Wert.

Continenza selbst kann sich die erstaunlichen Börsenbewegungen am Tag zuvor übrigens selbst nicht erklären: «Das war ein gut gehütetes Geheimnis. Wir wussten es selber erst seit einer Woche». Entlarvend dann die Antwort des Journalisten: «Offenbar war das Geheimnis nicht ganz so gut gehütet.»

abspielen

Kodak-CEO James Continenza kann die Explosion des Transaktionsvolumen einen Tag vor der Erklärung auch nicht erklären (ab 2:20). Video: YouTube/CNBC Television

Selbstverständlich ranken sich um die Profiteure des Insiderhandels diverse Gerüchte. Es wird befürchtet, dass vorinformierte Regierungsbeamte Profit aus Insiderinformationen herausgeschlagen haben könnten. Wie damals im Januar.

Die drei Republikaner Kelly Loeffler, Richard Burr und James Imhofe und die Demokratin Dianne Feinstein verkauften Anteile diverser Firmen, nachdem sie als Teil des Parlaments intern zum Coronavirus gebrieft worden waren. Perfid: Der Öffentlichkeit gegenüber vertraten die Republikaner auch nach diesem Briefing weiterhin die Position, das Virus sei harmlos für Land, Leben und Wirtschaft.

Loeffler, die mit dem Chef der New Yorker Börse verheiratet ist, war sogar so dreist, in Entwicklerfirmen für Homeoffice-Software zu investieren. Trotzdem wurden die Untersuchung wegen Insiderhandel gegen die Spitzenpolitiker fallen gelassen. Sie konnten glaubhaft machen, ihre Portfolios nicht selbst zu überwachen. Sie hätten erst nach den Transaktionen davon erfahren. Nur Richard Burr wird weiterhin untersucht. Mal sehen, wie der Kodak-Fall weiter geht.

Apropos Fall: Die Kodak-Aktie befindet sich bereits wieder im Sinkflug. Im Moment wird sie noch für 16.30 gehandelt (Stand 19.10 Uhr).

Soll Schulrektor Maurice Thiriet dem Quizzticle-Lehrer Zappella zusätzliche Tage zur Weiterbildung freigeben und diese auch gleich finanzieren?

«The Lincoln Project» Werbespot – Trump Can't Quit Us

Video: extern / rest/The Lincoln Project

DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com (umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Die besten und verrücktesten Schlagzeilen aus den USA

«The Lincoln Project» Werbespot – #Trumpisnotwell

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

44 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
Andi Weibel
03.08.2020 21:34registriert March 2018
Ich frage mich immer noch: Warum untersteht die Börse nicht dem Geldspielgesetz? Mit der realen Wirtschaft hat das längst nichts mehr zu tun...
43523
Melden
Zum Kommentar
Baba
03.08.2020 21:50registriert January 2014
Dafür gibt es einen Begriff: Insidergeschäfte - und die wären eigentlich strafbar...
3192
Melden
Zum Kommentar
Samurai Gra
03.08.2020 20:13registriert June 2016
Jaja den Sumpf Trockenlegen...
Apropos wie will Kodak ohne Medizintechnisches Know-how das stemmen?
Im Moment dürften Fachkräfte Mangelware sein
29611
Melden
Zum Kommentar
44

Vergiftete Böden und Kinderarbeit – was sich Schweizer Firmen im Ausland alles erlauben

Am 29. November stimmt die Schweiz über die Konzern-Initiative ab. Sie soll Schweizer Unternehmen bei Rechtsverstössen im Ausland stärker haftbar machen. Höchste Zeit also, um sich ein paar Beispiele von bis jetzt ungeahndeten Menschenrechts- und Umweltvergehen anzusehen.

Nach der Abstimmung ist vor der Abstimmung: Bereits am 29. November kann das Schweizer Stimmvolk erneut wählen gehen. Zum Beispiel über die Konzernverantwortungsintiative. Diese fordert, dass globale Konzerne mit Sitz in der Schweiz einem zwingenden Regelwerk unterstellt sind, wenn es um die Beachtung von Menschenrechten und Umweltschutz bei ihren weltweiten Tätigkeiten geht.

Oder einfach gesagt: Schweizer Unternehmen und ihre Tochterfirmen könnten für ihre Tätigkeiten im Ausland rechtlich …

Artikel lesen
Link zum Artikel