Wirtschaft
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Leonid Breschnew Donald Trump

Wird Donald Trump zum Leonid Breschnew? bild: shutterstock/watson

Analyse

Droht den USA das gleiche Schicksal wie der Sowjetunion?

Namhafte amerikanische Wissenschaftler befürchten, dass die Tage der Supermacht gezählt sind.



Harold James ist einer der bekanntesten Wirtschaftshistoriker der Gegenwart. Er ist ein Gelehrter alter Schule: Gentleman, tendenziell konservativ und Professor an der traditionellen Universität Princeton. Leute wie James bilden das Rückgrat der angelsächsischen Elite der Nachkriegszeit. Daher lässt es aufhorchen, wenn James den aktuellen Zustand der USA in einem Essay für Project Syndicate wie folgt beschreibt:

«Viele Aspekte Amerikas im aktuellen annus horribilis (Katastrophenjahr) erinnern an die Sowjetunion, angefangen mit der Zuspitzung der sozialen und politischen Konflikte. Im Fall der Sowjetunion traten lange unterdrückte ethnische Repressionen zutage, die schliesslich das gesamte Land in Richtung Gewalt, Sezession und Desintegration trieben. In den USA hat Trumps Reaktion gegen die nationalen Proteste gegen Rassismus, Polizeigewalt und Ungleichheit die bestehende Rassentrennung noch verstärkt.»

James geht jedoch über die aktuellen Ereignisse hinaus. Er vergleicht die Wall Street mit Gosplan, der ehemaligen staatlichen Planungskommission der UdSSR. Beide sind gemäss James nicht mehr in der Lage, das Kapital so zu verteilen, dass es die reale Wirtschaft unterstützt.

Harold James, Wirtschaftshistoriker an der Universität von Princeton
https://www.youtube.com/watch?v=Qz2Fk5Nbxkk

Gelehrter alter Schule: Harold James. Screenshot: Youtube

Weil die Trump-Regierung den Dollar für politische Zwecke missbraucht, sieht James auch die Rolle des Greenbacks als globale Leitwährung in Gefahr. «Jetzt, da die Dysfunktionen des US -Systems offen zutage treten, könnte der Rest der Welt seine Kompetenz und die Effektivität des Staates in Frage stellen», so James.

Schliesslich beginnt auch in den Vereinigten Staaten der Fisch vom Kopf her zu stinken. «Unter Präsident Donald Trump ist Amerika eine internationale Peinlichkeit geworden», stellt James lapidar fest.

Harold James ist nicht der einzige «Eierkopf», der sich Sorgen um sein Land macht. Im renommierten Magazin «Foreign Affairs» kommen Alexander Cooley und Daniel H. Nexon zu einem ähnlichen Befund. Die beiden Professoren sind ebenfalls an besten Adressen tätig. Cooley an der Columbia University in New York, Nexon an der Georgetown University in Washington.

Der ehemalige Sicherheitsberater John Bolton schreibt in seinem jüngst veröffentlichten Buch, dass die Chinesen es gerne sehen würden, wenn Trump die Wahlen gewänne. Kein Wunder, kein amerikanischer Präsident hat die von den USA geprägte liberale Weltordnung stärker beschädigt als Trump.

epa08493532 (FILE) - US National Security Advisor John Bolton speaks to media at the Palace of Independence in Minsk, Belaru, 29 August 2019 (reissued 18 June 2020). According to media reports, the US government wants to prevent publication of a book by former National Security advisor Bolton, arguing that national security was at risk.  EPA/TATYANA ZENKOVICH *** Local Caption *** 55457707

Erklärt, warum Peking auf Trump setzt: John Bolton. Bild: keystone

Zwar ist es nicht das erste Mal, dass die USA sich in einem Formtief befinden. Doch bisher haben sie immer wieder zu alter Stärke gefunden. «Aber diesmal ist es anders», so Cooley/Nexon. «Die gleichen Kräfte, welche die amerikanische Hegemonie so dauerhaft gemacht haben, treiben nun ihre Auflösung voran.»

Nach dem Zerfall der Sowjetunion waren die USA die alleinige Supermacht. Politologen sprachen von einem «unipolaren Moment». Der Politologe Francis Fukuyama schrieb sein legendäres – und oft missverstandenes Essay – über das «Ende der Geschichte». Davon ist heute nicht mehr viel übrig geblieben. «Der amerikanische Führungsanspruch ist nicht nur im Rückzug», stellen Cooley/Nexon fest. «Er löst sich auf. Und der Niedergang ist nicht zyklisch, er ist permanent.»

China und Russland haben sich in der amerikanisch beherrschten, liberalen Weltordnung nie wohl gefühlt. In den letzten Jahren haben die beiden ihre Differenzen bereinigt und sich gegen die USA verbündet. Cooley/Nexon schreiben:

«China und Russland stellen nun die liberalen Aspekte der internationalen Weltordnung und ihre Institutionen direkt in Frage. Gleichzeitig bauen sie eine alternative Ordnung mit neuen Institutionen auf, in denen sie grösseren Einfluss besitzen und mit denen sie Menschenrechte und zivile Freiheiten in den Hintergrund drücken können.»

Zu den wichtigsten dieser Institutionen gehört etwa die BRICS-Gruppe, ein loser Zusammenschluss der Länder Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika. Ihr angeschlossen ist die New Development Bank, eine Konkurrenz zur Weltbank. Weiter gibt es die Asian Infrastructure Bank, die Eurasian Economic Union und die leicht geheimnisumwobene Shanghai Cooperation Organization.

Russia's President Vladimir Putin, left, and China's President Xi Jinping shake hands during a welcome ceremony at the Xijiao State Guesthouse ahead of the fourth Conference on Interaction and Confidence Building Measures in Asia (CICA) summit, in Shanghai, China, Tuesday, May 20, 2014. (AP Photo/RIA Novosti, Alexei Druzhinin, Presidential Press Service)

Haben sich gefunden: Wladimir Putin und Xi Jinping. Bild: AP/RIA Novosti Kremlin

Zusammen mit der chinesischen Belt and Road Initiative bilden diese Institutionen ein immer stärker werdendes Gegengewicht zu UN, IWF, Weltbank, etc. Es sind dabei mehr als Schwatzbuden. China leistet inzwischen mehr Entwicklungshilfe als die USA und gewinnt selbst dort Einfluss, wo der Westen unbestritten schien. «Die Red Cross Society of China, die älteste chinesische NGO, hat als Teil einer sorgsam orchestrierten PR-Kampagne während der Covid-19-Epidemie Hilfe in Europa verteilt», so Cooley/Nexon.

Russland greift derweil die liberale Weltordnung von innen an. Putin unterstützt rechtsextreme Organisationen, um so Demokratie und Rechtsstaat zu unterwandern. «Solche Bewegungen tragen dazu bei, die Politik in den entwickelten Industriestaaten zu polarisieren und die Institutionen zu schwächen», stellen Cooley/Nexon fest.

Präsident Trump hat mit seinem unbedachten Handeln die westliche Weltordnung geschwächt. Doch selbst wenn er im kommenden November verliert, wird der Niedergang der USA weitergehen. Cooley/Nexon kommen zu einem niederschmetternden Fazit:

«Es gibt keine rasche Lösung. Kein Ausmass an Militärausgaben kann die Auflösung der US-Hegemonie aufhalten. Selbst wenn Joe Biden Trump besiegt oder sich die Republikaner vom Trumpismus abwenden, wird die Desintegration weitergehen.»

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126 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
Democracy Now
11.07.2020 19:38registriert April 2020
Schlussendlich bringt viele Jahre später der Zusammenbruch des Sozialismus auch die USA zum Einsturz.
Als es noch zwei grosse Systeme gab, wurde der Bevölkerung der Kapitalismus mit guten sozialen Leistungen, hohen Löhnen, Altersvorsorge usw. schmackhaft gemacht.
Mit dem Ende der Sowjetunion wurde dies im den USA als obsolet empfunden und es entstand dank dem neoliberalen Sozialabbau und abbau von Regulierungen eine neue Feudalherrschaft. Vielen Abgehängten bleibt nur noch ihr Rassismus und sonstiger Hass übrig, was Trump nutzen konnte und nun das Land komplett an die Wand fährt.
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Democracy Now
11.07.2020 19:21registriert April 2020
Ich muss Cooley/Nexon recht geben. Es sieht wirklich düster aus für die USA. Dazu braucht es nicht mal einen äusseren Feind, sondern die grenzenlose Gier des völlig entfesselten neoliberalen Kapitalismus, die nur Superreichen dient und den Rest der Gesellschaft zerstört. Die Jahre als Supermacht sind gezählt, was eigentlich gar nicht schlecht ist - nur ist die neue Supermacht China noch schlimmer...
Die einzigen die das Steuer innenpolitisch noch zum Guten herumreissen könnten, wären die progressiven, doch diese müssen sowohl gegen die Reps, wie auch die Dems kämpfen, was fast unmöglich ist.
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Juliet Bravo
11.07.2020 20:06registriert November 2016
Der dortige Kapitalismus verbunden mit der Ideologie des schwachen Staates führt zu sozialen Verwerfungen und Infrastrukturen von gestern. Die Parallele zur UdSSR oder DDR ist: immer mehr Leute leben in immer prekäreren Verhältnissen. Und der Glaube an die Ideologie bröckelt.
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