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Der beste Kurierdienst der Welt: Keiner liefert so zuverlässig wie Raghunath Medge

So zuverlässig wie Raghunath Medge liefert keiner. Westliche Chefs fragen sich vergeblich, was das Geheimnis des Inders ist. Denn es gibt gar keines, dafür ein unnachahmbares Geschäftsmodell.

Daniel Zulauf



Raghunath Medge ist öfter mal auf Auslandreise, um über das Dabbawala System in Mumbai zu sprechen. Vergangene Woche war er am Forum der Schweizerischen Managementgesellschaft (SMG) zu Gast.

Die Schweiz sei das 18. Land, das er nun kennenlernen dürfe, sagt sein Übersetzer. Der Besucher aus Indien ist 62 Jahre alt. Im gleichen Alter haben viele Schweizerinnen und Schweizer schon mehr als die halbe Welt bereist. Doch für Raghunath Medge gingen die Türen zur weiten Welt erst vor rund 15 Jahren auf.

Auf Indienreise, liess sich Prinz Charles damals die Arbeit jener Kuriere zeigen, die tagtäglich mehr als 200 000 Mittagessen mit Fahrrädern, Schubkarren oder mit schierer Muskelkraft durch die verstopften Strassen und überfüllten Bahnhöfe der 17-Millionen-Metropole schleppen. Seit jenem Besuch des britischen Thronfolgers ist die Organisation der Dabbawals weltberühmt. Zumal in westlichen Managementkreisen, wo man sich fragt, wie es möglich ist, dass dieses System so präzise läuft wie eine erstklassige Schweizer Uhr.

Die Lieferungen von Raghunath Megde erfolgen mit einer Zuverlässigkeit von 99,9998 Prozent. Kurierdienst

Die Lieferungen von Raghunath Megde erfolgen mit einer Zuverlässigkeit von 99.9998 Prozent. Bild: Markus Senn

Tagtäglich, bis auf einen einzigen wöchentlichen Ruhetag, sammeln die Dabbwalas ab 9.30 Uhr die Menüs ein, welche die Ehefrauen für ihre in der Stadt arbeitenden Männer zubereiteten und liefern sie zur Mittagspause aus. 12 Dollar pro Monat kostet der Service. Die Lieferungen erfolgen mit einer Zuverlässigkeit von 99.9998 Prozent. Wenn sie in der Monsunzeit nicht gerade von unüberwindlichen Überschwemmungen gebremst werden, erfolgen die Lieferungen viele Kilometer hinweg mit einer fast unglaublichen Pünktlichkeit.

Trotz Millionen-Investitionen: Standard nicht erreicht

Das Logistik-Phänomen hat längst die Aufmerksamkeit der westlichen Wirtschaftswelt auf sich gezogen. Der umtriebige britische Unternehmer Richard Branson liess die Arbeit der emsigen indischen Kuriere mit ihren blütenweissen Kleidern auf Plakate drucken, damit sie seinen Mitarbeitern in den Betrieben der Virgin Group als Motivation dienen konnten, wenigstens zwei Drittel des Qualitätsniveaus der Dabbawalas zu erreichen. Globale Logistikfirmen investieren Millionen in Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit. Doch den Standard der indischen Stadtkuriere erreichen sie damit kaum.

Grundlage für 5000 Boten

Der Lieferdienst bildet die Lebensgrundlage einer homogenen Gruppe von über 5000 Boten. Fast ausnahmslos stammen sie aus einigen wenigen entlegenen Dörfern rund um die 150 Kilometer südöstlich von Mumbai gelegene Stadt Pune, wo die ersten Dabbawalas im 19. Jahrhundert ihren Ursprung hatten.

Die Arbeit wird innerhalb der Familien weitergegeben, erklärt Raghunath Medge. Er selber sei 1975 nach Mumbai gezogen, um die Familientradition in der dritten Generation fortzusetzen. Im Unterschied zu den meisten seiner Kollegen verfügt Medge über einen College-Abschluss.

Acht von zehn seiner Mitarbeiter haben keine Schulbildung und sind des Lesens und Schreibens nicht mächtig. «Dabbawalas lernen durch die Arbeit», sagt Mr. Medge und schliesst sich selber mit ein. Als er vor über 40 Jahren den Dienst aufnahm, realisierte er bald, dass das bestehende Kodifizierungssystem den rasant gewachsenen Liefergebiet nicht mehr gerecht wurde.

Das System muss die die Abhol- und Lieferadressen auf dem kleinen runden Blechdeckel der Lunch-Box in einer für Analphabeten rasch lesbaren Form darstellen. Medge fand die Lösung in einer matrixähnlichen Kombination von Farben, Zahlen und Buchstaben. Die Kuriere erkennen auf einen Blick, wo die Ladung geholt und das leere Behältnis am Abend wieder zurückgebracht werden muss.

Dass die Organisation ihre Prozesse an den Bedürfnissen ihrer Mitarbeiter ausrichtet, ist offensichtlich ein wesentlicher Teil des Erfolgsmodells. Medge sagt, der Kurierdienst sei eine Arbeit für Analphabeten. Er meint, dass nur sie diese Tätigkeit in der bestehenden Qualität ausführen könnten. Der Mangel an Alternativen mag ein Grund dafür sein. Mehr noch zählt aber die Homogenität der Gruppe, in der fast alle der gleichen Sekte angehören und die gleichen kulturellen Werte teilen.

Nicht kopierbares System

Kulturelle und religiöse Gründe bestimmen auch einen wesentlichen Teil der Nachfrage. Das Kastensystem ist prägend für die indische Küche. Gekochtes Essen aus dem eigenen Haushalt ist nicht nur konform mit den religiösen Vorschriften, ist es auch hygienischer und billiger eine Mahlzeit im Restaurant. Auf die Frage, ob es nicht effizienter wäre, wenn die Frauen selber einer Arbeit nachgingen, meint Medge: «Frauen sind noch schlechter ausgebildet und würden wohl gar keine Arbeit finden, die der Familie helfen könnte.»

Das Dabbawala System in Mumbai

Video: © youtube/geobeats

Nach unserem Gespräch wird Medge in seinem Vortrag deshalb auch den Schweizer Managern erklären: «Der Kontext, in dem sich das Dabbawala-System in Mumbai über so lange Zeit erfolgreich entwickeln und behaupten konnte, ist nicht auf andere Länder übertragbar». Sogar in Indien selbst sind Versuche gescheitert, das System auf andere Städte zu übertragen. «Think Globally, act Locally», das Zauberwort aus den Anfangszeiten der Globalisierung, hat bei den Dabbawalas glücklicherweise nie verfangen.

Stattdessen gilt: «Think Locally, act Locally». Das könnte auch den hiesigen Managern ein Ansporn sein, beim Entwurf von Geschäftsmodellen noch vor dem Gespräch mit dem Unternehmensberater zuerst die lokalen Bedingungen genau unter die Lupe zu nehmen. (aargauerzeitung.ch)

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