Wirtschaft
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«Trump wird der Wirtschaft den Extra-Kick geben», glaubt Stephen Jones.

Interview

Investment-Chef: «Dank Trump wird 2017 ein sehr gutes Jahr werden»

Die Finanzmärkte sind über Nacht zu Trump-Fans mutiert. Weder protektionistische Töne, Staatseingriffe noch drohende Strafzölle schrecken die Investoren. Warum das so ist, erklärt Stephen Jones, Chief Investment Officer beim britischen Assetmanager Kames Capital.



Das Jahr 2016 begann mit Pessimismus und endete mit Trump. War es ein so schlimmes Jahr?
Für uns Investoren war es eigentlich ein ganz gutes Jahr. Die Aktienmärkte haben sich nicht schlecht geschlagen, Rohstoffe wie Öl haben wieder Boden gefunden. Und bei den Obligationen, vor allem bei den Staatsanleihen, ist die Hausse weitergegangen.

Wie kommt es zum merkwürdigen Widerspruch zwischen abgrundtiefem Pessimismus in der Politik – Brexit, Trump-Wahl – und dem geradezu überbordenden Optimismus an den Finanzmärkten? Lesen die Investoren keine Zeitungen?
Die Märkte sehen, dass die US-Wirtschaft wächst und neue Jobs schafft, dass die Schwellenländer ihre Schwächephase überwunden haben und dass bei den Rohstoffen wieder normale Verhältnisse herrschen. Sie sehen auch, dass selbst die europäische Wirtschaft wieder moderat wächst.

«Anstatt zu jammern sollten die Sparer ein bisschen mehr Risiken eingehen.»

Wie erklären Sie das?
Die lockere Geldpolitik der Zentralbanken zeigt Wirkung. In Europa fallen die Zinsen nach wie vor, und die Europäische Zentralbank (EZB) setzt ihre Politik des Quantitativen Easing fort.

Die lockere Geldpolitik stösst jedoch auf immer heftigeren Widerstand, vor allem in Deutschland, wo sich die Sparer betrogen fühlen. Wie lange kann die EZB noch so weitermachen?
Anstatt zu jammern sollten die Sparer ein bisschen mehr Risiken eingehen. Mit einem gut diversifizierten Portfolio kann man derzeit vernünftige Renditen erzielen, ohne dabei zu riskieren, das letzte Hemd zu verlieren.

Trotzdem, sollten die Zentralbanken nicht allmählich die Zinsen wieder anheben?
Nein, das Wachstum ist noch nicht robust genug. Es besteht zudem keine Inflationsgefahr und es gibt auch viele Schuldner, die noch viel heftiger reagieren würden als die Sparer.

Federal Reserve Chair Janet Yellen testifies on Capitol Hill in Washington, Thursday, Nov. 17, 2016, before the Joint Economic Committee. Yellen sketched a picture of an improving U.S. economy and said

Hat keine unliebsamen Überraschungen auf Lager: Fed-Präsidentin Janet Yellen. Bild: Susan Walsh/AP/KEYSTONE

Sie raten den Kleinsparern, mehr Risiken einzugehen und beispielsweise in Aktien zu investieren. Aber haben sie nicht bereits den Zug verpasst und werden einmal mehr bei einer Aktienbaisse auf dem falschen Fuss erwischt?
Es stimmt, dass die Kleinen oft zu spät in Aktien investiert und deshalb schlechte Erfahrungen gemacht haben. Doch derzeit sehe ich diese Gefahr nicht. Wir befinden uns in einem sehr langen Zyklus. Wir sehen erst jetzt, wie das Wirtschaftswachstum sich beschleunigt und wie die Unternehmensgewinne wachsen. Die typischen Anzeichen eines bevorstehenden Crashs hingegen fehlen: Wir haben keine überhasteten Firmenübernahmen, und wir haben erst die zweite Zinserhöhung der US-Notenbank, der Fed.

Trumps Regierungsmannschaft

Wann wird es kritisch?
Sorgen müssen wir uns erst nach der fünften oder sechsten Zinserhöhung machen.

«Trump ist der Katalysator für eine Neubeurteilung.»

Ihr Optimismus in Ehren, aber die politische Situation ist furchterregend.
Wir haben auch 2016 grosse politische Gefahren erlebt und dabei gesehen, dass die Märkte davon kaum berührt worden sind. Die Märkte konzentrieren sich darauf, was im wirklichen Leben passiert, und nicht was der hektische Polit- und Newszirkus produziert.

Was ist mit dem Trump-Faktor?
Trump ist der Katalysator für eine Neubeurteilung. Wir waren in einer Sackgasse, selbst die Zentralbanker begannen zu sagen: Hey, wir haben alles getan, was wir konnten. Dank Trump sagen sich nun die Unternehmer und Manager: Die Dinge ändern sich. Wir müssen jetzt unsere Zurückhaltung ebenfalls ablegen und den berühmten Finger herausnehmen.

Und was, wenn Trump verrückte Dinge tut? Die Präsidentin von Taiwan anruft beispielsweise, oder seine dumme Mauer gegen Mexiko. Schreckt Sie das nicht ab?
Trump ist auf die Infrastruktur der republikanischen Partei angewiesen. Sie werden ihn auf den Boden der Realität holen und dafür sorgen, dass er die Marktwirtschaft und den Kapitalismus stärkt. Die Märkte sehen deshalb in Trump einen neuen Ronald Reagan.

A handout image released by Ronald Reagan Presidential Library dated 29 September 1982 shows US President Ronald Reagan attending a Virginia Republican Party Fundraising Rally at the Richmond Arena in Richmond, Virginia, USA. The 100th anniversary of Reagan's birth is coming up on 06 February 2011. Ronald Wilson Reagan was the 40th President of the United States (1981–1989). As president, Reagan implemented sweeping new political and economic initiatives and during his second term oversaw the end of the cold war. Reagan died at the age of 93, ater been diagnosed with Alzheimer's disease earlier.  EPA/RONALD REAGAN PRESIDENTIAL LIBRARY / HO

Bereits wird Trump mit Ronald Reagan verglichen. Bild: EPA

Trump ist das Gegenteil von Reagan. Er ist gegen Freihandel und für Protektionismus. Und glauben Sie wirklich, dass Paul Ryan, der Fraktionschef der Republikaner, ihm etwas entgegensetzen kann?
Trump ist sehr pragmatisch. Die Mauer ist bereits ein Zaun geworden. Er will Hillary Clinton nicht mehr ins Gefängnis werfen. Er wird eine Pro-Business-, Pro-Wachstums-Politik betreiben. Und auch was er über die Handelspolitik sagt, wird nicht so heiss gegessen, wie es gekocht wurde.

Gleichzeitig stopft er seine Regierung mit Milliardären und Goldman Sachs-Bankern voll. Bereits spricht man von einem Crony Capitalism (Vetternwirtschaft).
Ich kann nur wiederholen: Die Dinge müssen sich verändern. Und es gibt auch ziemlich viele Menschen, die das gut finden. Vielleicht gibt Trump der Wirtschaft den Extra-Kick, den sie braucht.

«Ich weiss, dass man das Deutsch sprechenden Menschen nicht sagen darf, aber: Schulden sind gar nicht so schlimm.»

Wenn nicht ein zu starker Dollar alles wieder in Frage stellt.
Wir gehen davon aus, dass der Dollar nicht mehr viel stärker wird, dass die Inflation milde ausfallen wird und dass die Zentralbanken keine übertriebenen Zinsschritte machen werden. Unter diesen Bedingungen kann die Welt mit dem Dollar gut leben.

Ist das nicht ein allzu rosiges Szenario?
Natürlich kann es Überraschungen geben. Wir haben einen sehr interessanten Mann im Weissen Haus. Alles könnte ein bisschen aus dem Ruder laufen, die Inflation beispielsweise. Trotzdem: Vieles deutet daraufhin, dass 2017 ein sehr gutes Jahr werden wird.

Selbst konservative Ökonomen betonen, dass Trumps Rechnung nicht aufgehen kann. Es geht nicht, gleichzeitig die Steuern zu senken und massiv in die Infrastruktur zu investieren, ohne eine schon sehr hohen Schuldenberg noch viel höher zu machen.
Ich weiss, dass man das Deutsch sprechenden Menschen nicht sagen darf, aber: Schulden sind gar nicht so schlimm. Wenn sich die Wirtschaft verjüngt, die Unternehmenssteuern sinken und die vielen Gelder, die US-Unternehmen im Ausland gehortet haben, wieder repatriiert werden, dann ist das verkraftbar.

Im Zweifel für Trump

Auch die Schweizer Bankanalysten sehen in Donald Trump vor allem eine Chance. So empfiehlt die UBS, im kommenden Jahr US-Aktien zu bevorzugen. Auch die St.Galler Kantonalbank rät ihren Kunden zu einem «Übergewicht bei den US-Aktien». Die CS gibt sich vorsichtig und spricht von einem schwierigen Jahr. In den amerikanischen Finanzwerten sehen auch sie «eine bevorzugte Renditequelle». Sehr optimistisch ist wiederum die Banque Pictet. Ihr Chefökonom Alfred Roelli hält gar nichts von Katastrophen-Szenarien und langfristiger Stagnation sondern erwartet einen langanhaltenden Bullenmarkt. «Im Zweifel sind wir für Trump», sagt er.

Trotzdem basiert Ihr Optimismus letztlich darauf, dass Sie davon ausgehen, dass Trump seine Wähler angelogen hat.
So weit will ich nicht gehen. Ich denke vielmehr, dass er die extremen Aussagen im Wahlkampf wieder relativieren wird. Er hat kein Interesse daran, ein kurzfristiges Strohfeuer anzuzünden. Vergessen Sie nicht: Trump hat es immer sehr gut verstanden, das Geld der anderen auszugeben.

Was hat das für Auswirkungen auf Europa?
Trumps Wahl, der Brexit und das verloren gegangene Referendum von Matteo Renzi – all das waren schlechte Tage für Europa. Investoren werden daher nächstes Jahr die Finger von Europa lassen.

European Central Bank (ECB) President Mario Draghi addresses the European Parliament's Economic and Monetary Affairs Committee in Brussels, Belgium November 28, 2016.   REUTERS/Yves Herman

Wird auch 2017 kräftig Geld in die Märkte pumpen: EZB-Chef Mario Draghi. Bild: YVES HERMAN/REUTERS

So schlimm?
In Europa weiss man derzeit nie so genau, worauf man sich einlässt. Wie gehen die Wahlen in Frankreich und Deutschland aus? Wer will die EU ebenfalls verlassen?

Oder ob es den Euro noch geben wird.
Ich denke, es wird ihn noch geben. Aber wir wissen nicht, wie er aussehen wird. Die EZB manipuliert die Märkte in einem extremen Ausmass. Derzeit pumpt sie täglich 380 Millionen Euro in die Märkte.

Und nun muss sie wahrscheinlich auch noch die italienischen Banken retten. Wie lange geht das noch gut?
Europa steht vor einer Schicksalsentscheidung. Entweder ganz oder gar nicht. Die halbherzigen Kompromisse können die Probleme nicht mehr lösen.

Also eine richtige Transferunion, was die Deutschen explizit nicht wollen.
Ökonomisch gesehen ist die EU mehr als ein Drittel Deutschland, zusammen mit Frankreich mehr als die Hälfte. Dann kommen Italien und Spanien, und dann ein langer Schwanz mit allen anderen. Daher lautet die Gretchenfrage: Ist Deutschland zu Ausgleichszahlungen bereit oder nicht? Wenn ja, dann müssen andere Strukturen und Institutionen geschaffen werden. Man kann dann nicht mehr ernsthaft ein System haben, im dem die Präsidentschaft alle sechs Monate ändert. Es braucht eine neue und effiziente Regierungsform.

«Die Märkte konzentrieren sich darauf, was im wirklichen Leben passiert, und nicht was der hektische Polit- und Newszirkus produziert.»

Was ist mit Russland? Kann Putin die Rolle des Spielverderbers weiterhin spielen?
Russland ist angeschlagen. Mit den aktuellen Rohstoffpreisen kann es überleben, aber nicht prosperieren. Die russische Demographie ist zudem katastrophal. Im Jahr 2050 werden in Russland weniger Menschen leben als auf den Philippinen.

Die Schweizer Wirtschaft hat sich in den letzten Jahren fast ideal entwickelt. Wird das so weitergehen?
Ich bewundere, wie die Schweizer Wirtschaft mit dem harten Franken umgehen kann. Ich sehe keinen Grund, weshalb sich das ändern sollte. So gesehen sind die Aussichten für die Schweiz für das Jahr 2017 sehr gut.

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