Wirtschaft
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Interview

«Was gut für das Unternehmen ist, ist gut für die Familie» – Roche-Erben im Interview

Sie sind Teil der zweitreichsten Familie der Schweiz. Die Roche-Erben André Hoffmann und Jörg Duschmalé äussern sich exklusiv zum Einbezug der fünften Generation in den Aktionärs-Pool. Die beiden Familien Hoffmann und Oeri sind mit je einem Sitz im Verwaltungsrat des Pharmakonzerns vertreten.

Andreas Möckli und Roman Schenkel / ch media



Wir treffen André Hoffmann und Jörg Duschmalé in einem Design-Hotel in Basel. Diese Woche gaben die beiden Erben-Familien bekannt, dass die fünfte Generation nun auch auf Seiten der Familie Hoffmann im Aktionärs-Pool vertreten ist. Mit diesem Pool haben die Erben ihre Aktien gebündelt, mit denen sie mit einer Stimmenmehrheit von 45 Prozent die Geschicke des Pharmakonzerns bestimmten. Weitere 5 Prozent hält Maja Oeri, die aber nicht Teil des Pools ist. Während Hoffmann seinen Familienzweig im Verwaltungsrat von Roche als Vizepräsident vertritt, wird Duschmalé im nächsten Jahr als Nachfolger seines Onkels Andreas Oeri ins Gremium nachrücken und damit den Oeri-Zweig vertreten.

André Hoffmann denkt noch nicht an seinen Rücktritt.

Die Einbindung der fünften Generation war von langer Hand vorbereitet. Wie gross ist die Erleichterung, dass dies nun auch formell geschehen ist?
André Hoffmann: Wir haben uns immer als langfristig orientierte Aktionäre positioniert. Wir haben intensiv darüber diskutiert und die Einbindung der fünften Generation nun planmässig umgesetzt. Es ist eine Freude zu sehen, dass sich die fünfte Generation genauso für das Unternehmen interessiert wie die Generationen davor.

Jörg Duschmalé: Ich kann das nur unterstreichen. Mein Bruder und ich sind seit zehn Jahren im Aktionärs-Pool vertreten. Es ist grossartig, dass nun auch die fünfte Generation des anderen Familienzweigs im Pool vertreten ist.

Gab es je Überlegungen, die Bindung der Familie mit dem Unternehmen aufzulösen?
Hoffmann: Jede Überlegung sollte immer eine Alternative beinhalten. Aber diese Überlegung hat wirklich nicht sehr lange gedauert.

Wieso war es gerade jetzt der richtige Zeitpunkt, um die fünfte Generation einzubinden?
Hoffmann: Vielleicht wäre es vor zwei Jahren ein guter Zeitpunkt gewesen, vielleicht aber auch erst in zwei Jahren. Die fünfte Generation meiner Familie ist zwischen 20 und 30 Jahre alt, das erscheint mir ein vernünftiger Zeithorizont zu sein.

Wie war das für Sie damals, Herr Duschmalé, als Sie Teil des Pools wurden?
Duschmalé: Ich glaube, das war vor zehn Jahren im vergleichbaren Alter ein guter Zeitpunkt. Ich war damals noch nicht so eine gefestigte Persönlichkeit, wie ich das jetzt bin. Aber es war sicher ein guter Moment, damit zu beginnen, Verantwortung zu übernehmen.

«Was gut für die Firma ist, ist gut für die Familie. Das Gegenteil ist jedoch nicht unbedingt richtig.»

Können Sie den neuen Mitgliedern Tipps geben?
Duschmalé: Es hilft sicher, dass mein Bruder und ich bereits dabei sind. Wir können sicher aus einem anderen Blickwinkel den einen oder anderen Tipp geben. Aber so viele Ratschläge sind gar nicht nötig.

Die beiden Familienzweige sind relativ weit entfernt voneinander, allein geografisch. Sehen Sie sich, Herr Hoffmann, als jene Person, welche die Familien zusammenhält?
Hoffmann: Ich wurde von den beiden Stämmen als Sprecher der Familien im Aktionärs-Pool gewählt. Es ist meine Aufgabe, mich zu äussern und in der Familie ein gemeinsames Denken zu entwickeln. Ich mache das gerne. Mit einer solch tollen Firma ist es einfach, für Begeisterung zu sorgen.

Wie entwickeln Sie dieses gemeinsame Denken?
Hoffmann: Wir müssen so oft wie möglich miteinander reden, uns treffen und gemeinsam Sachen unternehmen. Wir müssen im Interesse des Unternehmens überlegen, wie wir etwas unterstützen können. Unsere Devise heisst: Was gut für die Firma ist, ist gut für die Familie. Das Gegenteil ist jedoch nicht unbedingt richtig.

Besuchen Sie auch zusammen Firmenstandorte?
Hoffmann: Wir haben verschiedene Programme aufgebaut. Wir sprechen einerseits unter uns, von Zeit zu Zeit unternehmen aber auch wir einen Firmenbesuch. Eine gewisse Nähe zur Firma ist natürlich wichtig.

Sie, Herr Duschmalé, haben drei Jahre in der Forschung von Roche gearbeitet.
Duschmalé: Das war eine wunderbare Zeit, auch als Forscher. Es hat mir sehr viel Spass gemacht.

Waren Sie hier in Basel tätig?
Duschmalé: Ja, ich arbeitete grösstenteils hier in Basel als Chemiker im Labor.

Herr Duschmalé, auf Seiten der Familie Oeri sind von der fünften Generation nur Ihr Bruder und Sie im Aktionärs-Pool. Wie haben Sie ausgemacht, wer von Ihnen die Familie im Verwaltungsrat vertritt?
Duschmalé: Wir haben uns das seriös überlegt. Wir haben uns viel getroffen und intensive Gespräche geführt. Wir haben uns angeschaut, was das Amt bedeutet und mit sich bringt. Schliesslich haben wir uns damit auseinandergesetzt, was die Aufgabe für jeden von uns bedeutet. Im Laufe dieses Prozesses hat sich mein Bruder entschieden, seinen Anspruch zurückziehen. Er hat mir damit ermöglicht, dass ich das Verwaltungsratsmandat übernehmen kann. Er selbst verfolgt andere berufliche Ziele. Wir haben uns das nicht leicht gemacht.

Wie verstehen Sie Ihre Rolle im Verwaltungsrat als Vertreter der Familie?
Duschmalé: Es ist noch etwas früh, meine Rolle bereits jetzt genau zu definieren. Ich benötige sicher noch etwas Zeit, um mir das anzusehen und zu lernen.

Und Sie, Herr Hoffmann, werden quasi als Götti von Herrn Duschmalé fungieren?
Hoffmann: Ich bin ja schon dein Onkel. Aber wenn du das möchtest, gern.

Duschmalé: Ich finde es eine gute Situation, dass es generationsbedingt eine Überschneidung gibt und wir nun zusammen im Gremium sind. Das gibt mir die Möglichkeit, auch von dir zu profitieren.

«Wir haben da eine gewisse Freiheit als Familie. Diese werden wir auch nutzen.»

Gibt es schon Überlegungen, wer auf Sie nachfolgt, Herr Hoffmann?
Hoffmann: Ich bin rund zehn Jahre jünger als Andreas Oeri, der nun im nächsten Jahr den Verwaltungsrat verlassen wird. Ich habe meinen Kindern gesagt, dass ich nicht so bald zurücktrete. Wir haben noch Zeit. Mein Stief-Grossvater Paul Sacher war 90 Jahre alt, als er zurücktrat (lacht). Wir haben da eine gewisse Freiheit als Familie. Diese werden wir auch nutzen. Das ist ein Vorteil einer familiengeführten Firma, im Gegensatz zu einem Unternehmen mit einem breit gestreuten Aktionariat.

Herr Duschmalé, Sie sagten, Roche sei seit früher Kindheit stets präsent. Wie müssen wir uns das vorstellen? War Roche häufiges Thema am Familientisch?
Duschmalé: Das war so, aber auch immer sehr altersgerecht. Es war nicht so, dass wir bereits als Fünfjährige mit Kennzahlen bombardiert worden wären. Aber Roche war stets präsent, worüber wir auch regelmässig gesprochen haben. Diese langfristige Verbundenheit mit der Firma bekam ich von klein auf immer vorgelebt.

«Roche hat in meinen Lebensentscheiden immer wieder eine Rolle gespielt, aber unter Druck gesetzt fühlte ich mich nie.»

Haben Sie sich je unter Druck gesetzt gefühlt, eine bestimmte Rolle im Gefüge zu übernehmen?
Duschmalé: Ich fühlte mich nie unter Druck gesetzt, einen Schritt zu machen. Natürlich hat Roche vieles beeinflusst, etwa was die Berufswahl anbelangt. So wurde ich als Teenager von einem Roche-Mitarbeiter darauf aufmerksam gemacht, dass ich Chemie studieren könnte. Nach der Matura konnte ich bei einem tollen Roche-Chemiker ein Praktikum absolvieren. Und so hat sich der Entscheid gefestigt, Chemiker zu werden. Es gab somit stets eine gegenseitige Befruchtung. Roche hat in meinen Lebensentscheiden immer wieder eine Rolle gespielt, aber unter Druck gesetzt fühlte ich mich nie.

Mit einem Schlag kommen sieben Vertreter der fünften Generation in den Aktionärs-Pool. Wie müssen wir uns das Verhältnis zu Ihren Cousinen und Cousins vorstellen?
Duschmalé: Wir sind sicher nicht so nahe aufgewachsen wie Geschwister. Wir sind uns daher sicher nicht so nahe, wie das vielleicht bei früheren Generationen der Fall war. Wir sind uns dessen sehr bewusst und gehen das sehr sorgfältig an, in dem wir die Beziehungspflege nicht zu kurz kommen lassen. Deshalb treffen wir uns regelmässig.

Sie beide sind Teil der zweitreichsten Familie in der Schweiz. Welche Bedeutung hat Geld für Sie?
Hoffmann: Wir sind in dieser Lage, weil die Firma Erfolg hat und weil wir als Familie langfristig in das Unternehmen investiert haben. Unser Vermögen besteht im Wesentlichen aus dem Anteil an Roche und ist daher nicht einfach frei verfügbar. Würden wir in einer rein kapitalistischen Logik denken, würden wir die Aktien sofort verkaufen und das Geld möglichst breit anlegen. Wir haben es aber im Unternehmen belassen. Damit dient unser Vermögen nicht nur uns. Heute arbeiten rund 94000 Angestellte für Roche. Ich fühle mich nicht als Investor für mich selbst. Ich sehe mich als jemand, der die Firma für die nächste Generation vorbereitet.

Duschmalé: Ich sehe das sehr ähnlich, die Aktien geben uns die Möglichkeit, die Firma zu beeinflussen. Der Wert des Aktienpakets spielt für mich nicht so eine grosse Rolle, er wäre nur relevant, wenn wir verkaufen würden.

Herr Duschmalé, Roche investiert derzeit eine grosse Summe in das Areal in Basel. Wie stark sind Sie mit der Region Basel verbunden?
Duschmalé: Ich bin hier aufgewachsen und mit Herz und Seele Basler.

Aus Ihrer Sicht wird Basel also weiterhin eine wichtige Rolle im Konzern spielen?
Duschmalé: Für mich wäre das wichtig, nichtsdestotrotz muss das auch wirtschaftlich sinnvoll sein.

Hoffmann: Was Roche einzigartig macht, ist ihre Kultur. Diese Kultur versuchen wir zu verteidigen, das ist unsere Aufgabe als langfristiger Aktionär. Ein Teil dieser Kultur ist Basel. Ich bin zwar Ausland-Basler, aber ich weiss, dass es hier gewisse Dinge und Wertvorstellungen gibt, die man nirgendwo anders findet. Und dies findet man wiederum in der Kultur von Roche.​

Die beiden Familien haben sich bislang immer sehr zurückhaltend engagiert, nie eine operative Rolle gesucht oder mehr Sitze im Verwaltungsrat gefordert. Was sind die Gründe für die Zurückhaltung?
Hoffmann: Etwas zu tun, aber nicht darüber zu reden, ist typisch baslerisch. Die Vorstellung, dass wir hier ein Interview über etwas ziemlich Intimes geben, ist nicht einfach für uns, das ist keine selbstverständliche Sache. Mit einer global aufgestellten Firma und 94000 Mitarbeitern sind wir aber einer gewissen Transparenz verpflichtet.

Gab es denn innerhalb der Familie Mitglieder, die unbedingt eine Rolle im Management übernehmen wollen?
Hoffmann: Mein Urgrossvater und mein Grossvater Emanuel Hoffmann sind beide jung gestorben. Seither war niemand mehr von der Familie in der Firma tätig. Wir sind damit sehr gut gefahren. Zu sagen, dass jemand aus einer Gruppe von 15 Leuten gut genug ist, um 94000 Mitarbeiter zu führen, wäre denkbar, aber vielleicht auch nicht.

Also wenn jemand das aus der fünften Generation unbedingt möchte, würde Sie das in der Familie diskutieren?
Hoffmann: Es wäre heutzutage schwierig, dass ein Familienmitglied im Management tätig ist. Die Firma ist sehr gross geworden und der Anspruch an die Qualität des Managements ist sehr hoch. Unsere Stärken liegen vielleicht eher auf anderen Gebieten. Also im Moment ist dies kein Thema.

Maja Oeri ist seit zehn Jahren nicht mehr im Aktionärs-Pool, sie ist aber weiterhin mit 5 Prozent am Unternehmen beteiligt. Gibt es da einen regelmässigen Austausch?
Hoffmann: Auf geschäftlicher Ebene gibt es keinen Austausch zwischen den Familien. Aber natürlich, sie ist meine Cousine, sie ist seine Tante...

Duschmalé: ... wir haben einen engen persönlichen Kontakt. Aber wir sprechen aus rechtlichen Gründen nicht über die Firma. Wir könnten sonst als Aktionärsgruppe betrachtet werden.

Die Kapitalstruktur von Roche ist speziell. Sie kontrollieren mit relativ wenig Kapital 50 Prozent der Stimmen. Wie gehen Sie mit Kritik daran um?
Hoffmann: Mit dieser Struktur stehen wir bei weitem nicht allein da. Diese Woche traten ja beispielsweise die beiden Google-Gründer aus dem Verwaltungsrat zurück. Sie halten 14 Prozent der Aktien, kommen aber auf die Mehrheit der Stimmrechte. Wir sitzen also ganz mit unserer Struktur gemütlich auf dem Stuhl. Wichtig zu verstehen ist, dass wir eine Mehrheit an den Aktien haben, die anderen Anteile sind Genussscheine, die kein Stimmrecht haben und welche – wie der Name sagt – auch nicht zur Kapitalbeschaffung, sondern anstelle von Bargelddividenden ausgeschüttet worden sind. Das ist eine historische Sache, die wir aber beibehalten wollen.

Novartis hält seit vielen Jahren 33 Prozent an Roche. Die vielgeforderte Fusion ist inzwischen vom Tisch. Seither hört man wenig von Novartis. Sind Sie froh, einen Aktionär zu haben, der sich still verhält?
Hoffmann: Für uns macht es keinen grossen Unterschied, ob eine Firma 33 Prozent an Roche hält oder ob es viele verschiedene Einzelpersonen sind. Ich sehe darin keinen Vor- oder Nachteil.

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