Wirtschaft
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«Keine Chancen mehr»: Bei den Banken gibt es kaum mehr offene Stellen

Ab Juni ist im Finanzsektor wieder mit Entlassungen zu rechnen. Betroffene Bankangestellte berichten, wie schwierig es derzeit ist, einen Job zu finden.

Daniel Zulauf / ch media



Die Banken und ihre Angestellten gehörten in der Zeit des Lockdowns zu den privilegierten Wirtschaftsakteuren. Im Unterschied zu vielen anderen Betrieben mit direktem Kundenkontakt durften die Banken ihre Klientel unverändert in den eigenen Filialen empfangen und bedienen. Im Dispositiv von Bundesrat und Nationalbank spielt die Branche sogar eine Schlüsselrolle in der Finanzierung der KMU.

ARCHIVBILD ZUR BUSSE DER WEKO GEGEN DIE GROSSBANKEN WEGEN EINES DEVISENKARTELLS, AM DONNERSTAG, 6. JUNI 2019 - Paradeplatz square with the tram stop

Trotz kurzzeitigen Entlassungsstopps steigt die Zahl der Arbeitslosen im Bankensektor. Bild: KEYSTONE

Doch die Zukunftsangst grassiert auch in der Finanzindustrie. Die Branche kämpft seit Jahren gegen wachsende Ertragsprobleme – selbst in ihrer Vorzeigedomäne, der international ausgerichteten Vermögensverwaltung.

So verwies etwa Julius Bär Anfang Februar auf die rückläufigen Gewinnmargen, als die Privatbank den Abbau von 300 Stellen ankündigte. Die Restrukturierung von Julius Bär ist eines von vielen solcher Programme, die im Bankensektor seit Jahren zum Alltag gehören.

Stellen nur noch für junge, günstige und gut ausgebildete Spezialisten

Zwischen 2007 und 2018 sind in der Branche über 18'000 oder gut 16 Prozent der Stellen verloren gegangen. Allein zwischen 2016 und 2018 fielen fast 11'000 Jobs weg.

Der Abbau setzt sich fort: Grössere Restrukturierungsübungen liefen 2019 bei der UBS und der Credit Suisse. Nun hat die Coronakrise den Abbaureigen abgebremst. Die beiden Grossbanken nehmen seit dem Beginn der Pandemie keine Entlassungen mehr vor. Andere Banken scheinen diesem Beispiel gefolgt zu sein.

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Trotzdem ist die Zahl der Arbeitslosen zwischen Mitte März und Ende April auch im Bankensektor um ein Viertel gestiegen – nicht viel weniger stark als in der Gesamtwirtschaft. Diese traurige Statistik kommt nicht überraschend. Sie erzählt von Hunderten von Bankerinnen und Bankern, die ihre Kündigung Monate vor der Krise erhalten haben und nun in wachsender Zahl feststellen müssen, wie schwierig es geworden ist, eine neue Stelle zu finden.

«Ich sehe praktisch keinen Job mehr, auf den ich mich mit realistischen Chancen bewerben könnte», sagt Andrea L. (Name geändert), die den Markt seit bald drei Monaten absucht. Die 40-Jährige ist seit dem Abschluss ihrer kaufmännischen Lehre im Bankensektor tätig. Sie bezeichnet sich selber als Generalistin. Sie hat in den vergangenen 20 Jahren in mehreren Banken in diversen Bereichen gearbeitet und sich in der Freizeit einen Fachhochschulabschluss in Betriebswirtschaft erarbeitet. Anfang März erhielt die alleinerziehende Mutter den blauen Brief:

«Seit gut zwei Monaten ist der Arbeitsmarkt völlig verändert.»

Wenn überhaupt noch Stellen ausgeschrieben seien, dann für junge, günstige und sehr gut ausgebildete Spezialisten – vor allem im IT-Bereich.

«Es herrscht ein ständiger Futterneid»

Auch Renate M. (Name geändert) sucht seit bald fünf Monaten ergebnislos nach einer neuen Stelle. Dabei hätte die Mittvierzigerin als persönliche Beraterin vermögender Privatkunden genau das zu bieten, was viele Banken jetzt brauchen.

Doch Renate M. sagt: «Mir fehlt das Vertrauen. Den Banken geht es nur darum, an das Geld meiner Kunden heranzukommen, und zwar so schnell wie nur möglich. Das Arbeitsklima, das Team, meine Person, das alles ist zweit- und drittrangig.»

Renate M. erzählt von einem verschärften internen Konkurrenzkampf. Es herrscht ein ständiger Futterneid, die Angst vor dem drohenden Stellenverlust macht die Situation derzeit noch schlimmer. «Zurzeit sind die Entlassungen sistiert, aber in zwei bis drei Wochen kommt die nächste Welle», berichtet die ehemalige Mitarbeiterin einer grossen Privatbank.

Der Strukturwandel macht sich in den Arbeitslosenzahlen seit Jahren deutlich bemerkbar. Die Arbeitslosenquoten in der Branche bewegen sich seit etwa fünf Jahren zwischen drei und vier Prozent – und damit deutlich über dem Niveau der Gesamtwirtschaft.

Jedoch hat sich die Arbeitslosenquote im Bankensektor trotz Stellenabbaus auch nicht verschlechtert. So haben viele Entlassene, die nicht in den Genuss einer frühzeitigen Pensionierung kamen, bei anderen Arbeitgebern Unterschlupf gefunden.

Geht der Stellenabbau bereits im Juni weiter?

Wann die Coronaschonzeit in der Finanzbranche genau aufgehoben wird und die Abbauprogramme wieder fortgesetzt werden, behalten die Banken wohlweislich für sich. Eine UBS-Sprecherin erklärt vage: «Wir werden die Situation fortlaufend prüfen, und wenn sich die Zeiten wieder normalisieren, werden wir – wie jedes andere Unternehmen weltweit – unsere Pläne und Prioritäten neu beurteilen.»

epa08214534 The new CEO of the Swiss bank Credit Suisse Thomas Gottstein speaks to the media after the press conference of the full-year results of 2019 in Zurich, Switzerland, Thursday, 13 Feburary 2020.  EPA/ENNIO LEANZA

CS-CEO Thomas Gottstein. Bild: EPA

Branchenkenner gehen ­davon aus, dass die «Normalisierung» im Juni beginnt. Darunter ist nicht nur die Fortsetzung kurzfristiger Kostensenkungsmassnahmen zu verstehen. Die Banken benötigen auch strukturell weniger Mitarbeiter. Credit-Suisse-Chef Thomas Gottstein erklärte in einem Interview mit der NZZ: «Mittelfristig werden wir sicher mit weniger Personal auskommen – vor allem auch, weil wir das Geschäft weiter automatisieren werden.»

So dürfte die Arbeitslosenquote im Bankensektor bald noch weiter steigen. Vieles deutet darauf hin, dass der Sektor auch in den nächsten Jahren für viele Stellensuchende unattraktiv bleiben wird.

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