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03.07.2018, Mecklenburg-Vorpommern, Rostock: In Rostock loeschen Feuerwehrleute ein Getreidefeld, das in Flammen steht. Aufgrund der Trockenheit sind in Mecklenburg-Vorpommern in den letzten Tagen zahlreiche Feldbraende ausgebrochen. (KEYSTONE/DPA/Danny Gohlke)

Brand in einem ausgetrockneten Getreidefeld in Rostock (D). Bild: DPA

Analyse

Auslaufmodell Mensch: Warum unsere Zukunft düster aussieht

Die Menschheit steht am Scheideweg: Mit Klimawandel, künstlicher Intelligenz und Gentechnologie haben wir Kräfte entfesselt, die wir vielleicht nicht mehr kontrollieren können. Gelingt uns die Rettung vor uns selbst?



Über die Weihnachtstage gelüstet es viele Schweizerinnen und Schweizer nach Sonne und Wärme. Bangkok ist auf der Liste der Reiseziele weit oben. Der Jahreswechsel am Strand unter Palmen ist im Trend – man gönnt sich ja sonst nichts. Flüge nach Thailand bucht man für ein paar hundert Franken.

Als ich in den 1970er Jahren aufwuchs, konnten sich wenige einen solchen Trip leisten. Fliegen war ein teurer Spass. Heute ist es eine Art Volkssport. «Die Schweiz hat sich vom Land der Bahnfahrer zum Land der Vielflieger entwickelt», sagte Patrick Hofstetter, Leiter Klimapolitik beim WWF, kürzlich an einer Medienkonferenz der Koalition Luftverkehr, Umwelt und Gesundheit (KLUG).

ZUR MELDUNG, DASS FLUGHAFEN ZUERICH AG IM ERSTEN HALBJAHR 2016 SEINEN GEWINN UM BEREINIGTE 15.3 PROZENT GESTEIGERT HAT, STELLEN WIR IHNEN AM MITTWOCH 24. AUGUST 2016 FOLGENDES ARCHIVBILD ZUR VERFUEGUNG. - Passengers queue in the check-in hall 1 at Zurich Airport, pictured in Kloten, Switzerland, on July 31, 2014. (KEYSTONE/Christian Beutler) *** NO SALES, NO ARCHIVES ***

Fliegen bis zum Klimakollaps? Check-in am Flughafen Zürich. Bild: KEYSTONE

Wir sind regelrecht süchtig nach der Fliegerei. Allein in den letzten fünf Jahren hat sich die mit dem Flugzeug zurückgelegte Strecke pro Kopf ungefähr verdoppelt. Sie ist heute grösser als jene, die wir mit Zug und Auto absolvieren, wie Hofstetter ausführte. Das bleibt nicht ohne Folgen: Die CO2-Emissionen der Luftfahrt machen rund 18 Prozent des schweizerischen Klimaeffekts aus.

Wir verhalten uns wie unbelehrbare Raucher: Wir wissen, dass es schädlich ist, und tun es trotzdem.

Kümmert uns das? Das Bewusstsein für die Problematik wäre vorhanden. Spätestens beim Check-in am Flughafen oder daheim am PC aber verdrängen wir sie. Vielleicht kaufen wir im Laden Bioprodukte, um unser Gewissen zu beruhigen. Als ob Biorüebli das Weltklima retten.

Eine Umfrage im Auftrag der Schweizerischen Energie-Stiftung (SES) zeigt, dass 60 Prozent der Befragten der Aussage zustimmen, wonach die Fliegerei das Klima aufheizt. Aber nur knapp ein Viertel hat in den letzten zwei Jahren aus ökologischen Gründen auf eine Flugreise verzichtet. Wir verhalten uns wie unbelehrbare Raucher: Wir wissen, dass es schädlich ist, und tun es trotzdem.

Von der Umfrage zum Umdenken (und erst recht zur Umkehr) ist es ein weiter Weg. Das gilt für den Einzelnen – ich will mich nicht ausnehmen – wie für die Gemeinschaft. Das zeigt sich an den grossen Klimakonferenzen wie zuletzt in Katowice, wo Beschlüsse gefasst und nicht umgesetzt werden. Oder beim Trauerspiel um das CO2-Gesetz im Nationalrat.

2018 – Das Jahr der Wetterextreme

Video: srf

Selbst eine bescheidene Flugticketabgabe war chancenlos, obwohl eine weitere SES-Umfrage zeigt, dass ein grosser Teil der Bevölkerung bereit wäre, eine solche zu entrichten. Und obwohl viele europäische Länder bereits einen Obolus auf die Fliegerei eingeführt haben. Das hat zwar den Beigeschmack des Ablasshandels, wäre aber immer noch besser als nichts.

Fossile Brenn- und Treibstoffe sind eben dreckbillig – im wahrsten Sinn des Wortes. Deshalb gilt die Devise «Nach uns die Sintflut» – im wahrsten Sinn des Wortes.

Denn der Klimawandel ist eine Realität. Wer das immer noch nicht wahrhaben will, ist naiv oder böswillig. Es geht nicht nur um die Erderwärmung an sich (wann gab es bei uns im Flachland eigentlich das letzte Mal einen richtig schneereichen Winter?). Niemand kann leugnen, dass das Wetter selbst in unserer gemässigten Klimazone immer extremere Formen annimmt.

So waren die Niederschläge 2018 sehr ungleich verteilt. Zu Beginn und am Ende des Jahres gab es viel, dazwischen gefühlt so gut wie nichts. Hitzetage im Sommer waren in meiner Kindheit die Ausnahme. Heute sind sie fast die Regel. Wesentlich stärker zeigen sich die Folgen des Extremwetters in anderen Regionen, durch heftige Stürme mit massiven Schäden.

Der Weltklimarat betreibt keineswegs Panikmache, wenn er in seinem im Herbst veröffentlichten Sonderbericht zu raschem Handeln mahnt. Dennoch scheint es fraglich, ob das Ziel einer maximalen Erderwärmung um 1,5 Grad zu erreichen ist. Möglich wäre es, die Mittel sind schon heute vorhanden. Aber es fehlt der Wille zu einem nachhaltigen Wandel.

Unwetter in Italien

Mobilität und Stromerzeugung basieren nach wie vor in erster Linie auf fossilen Energieträgern. So sind rund 1000 (!) neue Kohlekraftwerke geplant, obwohl Kohle der Klimakiller schlechthin ist. Viele Entwicklungs- und Schwellenländer beharren auf dem Primat der Wirtschaft. Die Industrieländer sind nicht besser, etwa Deutschland mit seiner ach so sauberen «Energiewende».

Werden wir die Kontrolle über die schöne neue Maschinenwelt behalten? Oder müssen wir damit rechnen, dass die Roboter uns irgendwann als Haustiere halten werden?

Fossile Brenn- und Treibstoffe sind eben dreckbillig – im wahrsten Sinn des Wortes. Deshalb gilt die Devise «Nach uns die Sintflut» – im wahrsten Sinn des Wortes. Durch unser kurzsichtiges Verhalten könnten wir das Klimasystem auf eine Weise verändern, die uns teuer zu stehen kommen wird – auch das darf man mehr als nur wörtlich nehmen.

Ich war immer ein Optimist, was den menschlichen Fortschritt betrifft. Jetzt bin ich mir nicht mehr sicher. Ich frage mich, ob wir nicht Kräfte entfesselt haben, die wir nicht mehr kontrollieren können. Bislang hatten wir die Technologien im Griff. Nun überschreiten wir zunehmend Grenzen, hinter die es vielleicht kein Zurück geben wird, auch wenn wir unsere Irrtümer irgendwann einsehen.

Das gilt nicht nur für die sorglose Art, mit der wir um die Welt jetten und die Atmosphäre aufheizen. Andere Entwicklungen bereiten ebenfalls Grund zur Sorge. Zum Beispiel die Künstliche Intelligenz (KI). Werden wir die Kontrolle über die schöne neue Maschinenwelt behalten? Oder müssen wir damit rechnen, dass die Roboter uns irgendwann als Haustiere halten werden?

Das eigene Erbgut verändern und schauen, was passiert?

Video: www.explain-it.ch

Ein anderes Feld ist die Gentechnologie, besonders im medizinischen Bereich. Immer raffiniertere Methoden, besonders die so genannte «Genschere» CRISPR/Cas, ermöglichen immer gezieltere Eingriffe in die menschliche Keimbahn. Ein chinesischer Forscher sorgte Ende Jahr für Furore, als er behauptete, diese Methode an den Embryos eines Zwillingspaars angewendet zu haben.

Wie weit dürfen wir bei der «Optimierung» des Menschen gehen? Was sind die Konsequenzen für die Gesellschaft?

Der Tabubruch sorgte nicht nur bei Ethikern für Entsetzen und Ablehnung. Allerdings hat man bislang weder die angeblich genmanipulierten Babys noch konkrete Forschungsergebnisse zu Gesicht bekommen. Vielleicht ist der Chinese nur einer von nicht wenigen Bluffern, die dem schnellen Ruhm nachjagen und nicht zögern, die ganze Wissenschaft in Verruf zu bringen.

Dennoch stellen sich heikle Fragen: Wie weit dürfen wir bei der «Optimierung» des Menschen gehen? Was sind die Konsequenzen für die Gesellschaft? Wird uns der Machbarkeitswahn zum Verhängnis, wie Viktor Frankenstein im vor 200 Jahren erschienenen Roman von Mary Shelley?

Ein realer Wissenschaftler, der im März verstorbene Astrophysiker Stephen Hawking, hat in seinen letzten Lebensjahren vor den tödlichen Gefahren des Fortschritts gewarnt. Dabei hatte er selbst der Künstlichen Intelligenz viel zu verdanken. Dank immer ausgefeilterer Sprachsoftware konnte er zeigen, dass in seinem völlig gelähmten Körper bis zuletzt ein messerscharfer Verstand steckte.

Tod eines Ausnahmeforschers

Video: watson/nico franzoni

Für Hawking hat die Menschheit eigentlich nur eine Zukunft: Sie muss ins All expandieren. Weil dies in den kommenden 100 Jahren noch nicht möglich sein werde, müssten die Erdbewohner in dieser Zeit «sehr vorsichtig» sein. Man kann die dystopische Sicht des genialen Briten durchaus skeptisch beurteilen. Zumindest in diesem Punkt aber lässt sich ihm kaum widersprechen.

Dabei wären die Möglichkeiten für eine gedeihliche Zukunft vorhanden. Der technologische Fortschritt im Verbund mit fiskalischen Massnahmen und der Bereitschaft zur einer gewissen Selbstbeschränkung könnte uns dorthin führen. Ein weiterer, nicht unwesentlicher Aspekt wäre ein Wirtschaftssystem, das nicht Verschwendung belohnt, sondern Nachhaltigkeit.

Der Mensch ist eine vergleichsweise junge Spezies. Die Bakterien etwa tummeln sich seit Milliarden von Jahren auf diesem Planeten. Wir hätten das Potenzial und die Kreativität, um ihn für uns und unsere Nachkommen lebenswert zu erhalten. Derzeit aber sieht es eher so aus, als ob der Mensch wild entschlossen wäre, als destruktivste Spezies in die Erdgeschichte einzugehen.

Sofern das dann überhaupt noch irgend jemanden interessiert.

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193 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
Fairness
30.12.2018 07:53registriert December 2018
Würden alle gesunden Menschenverstand anstatt Partikulärinteressen, Profit und Gier walten lassen, käme so einiges wieder einigermassen ins Lot. Leider fängt keiner damit an.
30127
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tolgito
30.12.2018 07:50registriert August 2018
In diesem Sinne... ein gutes neues jahr 🤪
16117
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Hypatia
30.12.2018 09:57registriert February 2016
"Ich frage mich, ob wir nicht Kräfte entfesselt haben, die wir nicht mehr kontrollieren können." Wir haben sie noch nie kontrollieren können, nur haben wir bis vor etwa fünfzig Jahren in unserer Fortschritts-, Wissenschafts-, Technologienaivität geglaubt, diese Kräfte führten zu einer besseren Welt. Dabei haben wir nicht gesehen, wie viel Zerstörung damit verbunden ist. Diese Zerstörung kommt jetzt auf uns zu. Wir fahren die Erde gegen die Wand und die Erde wird sich regenerieren, aber der Fahrer, nun ja . . .
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